Alessandro De Marchi

crescendo: Herr De Marchi, in drei Monaten beginnen die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, deren Künstlerischer Leiter Sie sind. Dieses Jahr dreht sich alles um das Thema Liebe, warum?
Alessandro De Marchi: Eigentlich wollten wir ein Programm über Frauen machen. Angefangen bei Mutter Maria hat sich daraus eine Kette von Ideen entwickelt, über die Urmutter, das Ewigweibliche – und die Liebe kam fast automatisch dazu. Sie spielt in vielen Opern eine zentrale Rolle, übrigens auch in vielen Madrigalen. Noch dazu ist 2017 Monteverdi-Jahr und in allen seinen Opern geht es letztlich um Liebe.

Gibt es eine Facette von Liebe, von der Sie sagen würden, die ist typisch gerade für Alte Musik?
Liebe ist eine gemeinsame, höhere Form zu kommunizieren. Ich glaube, wenn in einer Probe oder in einer Vorstellung alle – Sänger, Musiker, Dirigent, Publikum – miteinander auf diese Weise verbunden sind, ist das Liebe.  Als meine Frau mich zum ersten Mal bei einer Probe gesehen hatte, sagte sie hinterher, es sieht so aus, als ob du in jeden verliebt wärst. Sie war schockiert, aber es ist einfach so – das ist typisch für Musik überhaupt, aber ich glaube, es gilt für Alte Musik ganz besonders. Hier hat jeder Musiker eine viel größere Verantwortung, besonders, wenn keiner autoritär dirigiert. Es gibt viele Projekt, die ich vom Cembalo aus leite, da kann ich nicht jeden Schlag geben. Da müssen wir einfach auf diese Weise miteinander verbunden sein.

Welche Art von Frau begegnet uns im Programm der Festwochen?
Es sind unglaublich starke Frauen, denken wir zum Beispiel an Penelope in „Il ritorno d’Ulisse in patria“ von Claudio Monteverdi. Sie wartet zwanzig Jahre lang treu auf ihren Mann, der untreu ist und sich nie gemeldet hat – und sie lässt sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen. Ein anderes Thema ist, welche Möglichkeiten Frauen überhaupt hatten, sich zu präsentieren. Anna Magdalena Bach – ihre Schrift finden wir in vielen von Bachs Handschriften und lange ist die Wissenschaft davon ausgegangen, dass sie einfach beim Kopieren der Noten geholfen hat. Aber heute wissen wir, dass sie Komponistin war. Bach hätte allein nicht genug Zeit gehabt, alles zu schreiben, was er angeblich geschrieben hat. Es gibt eine ganze Geschichte von Künstlerinnen, die noch nie aufgeschrieben wurde, das braucht noch ein paar Jahre – aber einen kleinen Beitrag dazu leisten wir bei den Festwochen.

Ist man als Experte für Alte Musik eigentlich mehr Musiker oder mehr Forscher?
Ich beschäftige mich tatsächlich mehr mit Büchern als mit Musikinstrumenten. Man muss einfach unglaublich viel wissen, besonders, wenn das Repertoire sehr alt ist und man Musik aus der Renaissance oder dem Frühbarock aufführen will. Dafür gibt es nicht so viele Quellen und die Noten reichen nicht dazu aus, uns zu sagen, was wir zu tun haben. Das muss man kompensieren – mit Fantasie und mit Wissen.

Ist Alte Musik damit eine Musik ausschließlich für Spezialisten?
Nein, das Publikum muss kein Experte sein, aber die Musiker.

Wie authentisch kann Alte Musik sein?
Authentisch zu sein, ist kaum möglich, aber man kann plausibel sein. Dafür gibt es aber viele Möglichkeiten, von historisch informiert bis sehr frei – jeder muss für sich seinen ästhetischen Rahmen bestimmen.

Der Gesang liegt Ihnen besonders am Herzen, vor acht Jahren haben sie bei den Festwoche auch den Internationalen Gesangswettbewerb für Barockoper „Pietro Antonio Cesti“ ins Leben gerufen. Was fasziniert sie am Gesang?
Sänger sind privilegierte Wesen. Sie sind ihr eigenes Instrument und haben nichts zwischen ihrer Seele und dem Publikum. Das ist eine großartige Sache, die jeder Instrumentalist wie ich nur bewundern kann.  In Proben, wo noch keine Sänger dabei sind, genieße ich es, einfach jede Rolle selbst zu singen.

Sie selbst beschreiben sich als Pragmatiker, wie stehen Sie dazu, Alte Musik auf modernen Instrumenten aufzuführen?
Klang entsteht im Gehirn – oder im Herz, wie Sie wollen. Mit dem Orchester Academia Montis Regalis hatte ich einmal eine Tournee in Kanada. Wegen eines Terroranschlags gab es aber ein generelles Handgepäckverbot im Flugzeug, sodass die Musiker ihre eigenen Instrumente nicht mitnehmen konnten. Wir haben also in Kanada auf geliehenen Instrumenten gespielt, die zum Teil in einem sehr schlechten Zustand waren – die erste Probe damit war eine Katastrophe, dabei ist dieses Orchester für seinen schönen runden, vokalen Klang bekannt. Aber schon die zweite Probe war viel besser und am Konzerttag selbst war alles wie immer. Jeder hatte sich konzentriert und versucht, mit diesem Instrument sein Klangideal zu rekonstruieren – und es gelang. Genauso ist es auch mit alten oder modernen Instrumenten. Natürlich gibt es spezifische Besonderheiten, die entweder nur alte oder moderne Instrumente haben können. Aber der Kern der Sache ist das Klangideal – und das kann mit jedem Instrument erreicht werden.

Aber müsste nicht eigentlich mit modernen Instrumenten alles sowieso leichter gehen, weil diese doch das Ergebnis von vielen Weiterentwicklungen sind?
Ich glaube, diese evolutionistische Theorie trifft auf die Musik nicht zu, zumindest nicht in jedem Fall. Bei manchen Klavierstücken von Beethoven merkt man zwar, dass er sich ein anderes, besseres Instrument gewünscht hätte. Aber in der Regel sind die Stücke genau für diese Instrumente komponiert worden, die es gab, und fast immer sind diese genau die richtigen. Viele junge Menschen können mittlerweile sehr gut beides spielen. Sie spielen perfekt auf der modernen Geige und auf der Barockgeige. Das ist die Zukunft. Wenn Musiker auf diesen Schienen parallel unterwegs sind, wird auch die Alte Musik zu ihrer zweiten Natur, es wird einfach normaler. Das merkt man auch an den Orchestern, deren Musiker mittlerweile historisch informierter sind – nach ein paar Tagen Proben kann ich kaum einen Unterschied zu einem Barockorchester feststellen. Und andersherum profitieren auch Barockorchester von dieser Professionalität. Es ist nicht mehr so wie in meiner Jugend, als die Alte-Musik-Bewegung eine Hippie-Bewegung war. Jetzt hat sich alles ein bisschen normalisiert, Barockmusiker werden immer disziplinierter und gewinnen an Qualität. Sie sehen, ich bin, was die Instrumente betrifft, flexibel. Sowieso ist ja auch jedes Alte-Musik-Stück auch einmal Neue Musik gewesen, das muss man bedenken.

Welches Ziel verfolgen Sie mit allen Ihren Programmen?
Kommunikation! Kommunikation zwischen Musikern und Publikum, zwischen Musikern und Musikern, zwischen Musikern und Solisten. Kommunikation steht im Zentrum, gerade in diesen Zeiten, wo es anscheinend immer schwieriger wird, sich gegenseitig zu verstehen.

Ist es das, was Alte Musik oder Ihr Festival für ein Publikum attraktiv macht?
Auch, ja, und es ist einfach ein Repertoire ohne Ende. Ich habe für die nächsten hundert Jahre Ideen, was man machen könnte. Durch die Digitalisierung der Bibliotheken kann man jeden Tag zwölf Stunden vor dem Computer verbringen und sich durch Handschriften klicken.

Ein schöner Gedanke, dass Alte Musik so von der heutigen Welt profitieren kann.
Bei mir zuhause habe ich eine Kopie von einem Zell-Cembalo von 1732 – und darauf steht ein Macbook, aus dem ich die Handschriften spiele und singe. Wir sind schließlich Töchter und Söhne unserer Zeit. Wir spielen ja auch nicht in Maskerade.

Sie widersprechen also dem Klischee eines „angestaubten“ Barockmusikers?
Ich war nie so ein typischer Alte-Musik-Hippie. Ich habe zwar am Konservatorium Alte Musik studiert, aber ich habe auch für Werbung gesungen, nachts war ich als Jazzer unterwegs – Alte Musik war für mich immer nur eine Sache von vielen, die ich gemacht habe. Natürlich habe ich mich dann einige Jahre spezialisiert, um tiefer einzutauchen, aber im Moment mache ich wieder alles.

Sie sind seit 2010 künstlerischer Leiter der Festwochen. Was ist es, was Sie immer wieder an den Festwochen reizt?
Die vielen schönen Momente, die Premieren zum Beispiel, oder wenn man zum ersten Mal mit einem Orchester ein Stück spielt, dass noch nie aufgeführt wurde oder zum ersten Mal seit 200 Jahren. Für mich ganz persönlich sind die sogenannten Sitzproben besonders toll, denn das ist der letzte Moment, wo die Musik hundertprozentig im Vordergrund steht. Danach ist es immer – in jeder Oper der Welt – ein Kompromiss zwischen dem, was man machen möchte und dem, was möglich ist, wegen der Distanz, mit dem Bühnenbild, mit den Kostümen.

Auf was freuen Sie sich bei den kommenden Festwochen am meisten?
Ich persönlich freue mich sehr auf das Opern-Oratorium San Giovanni Battista, das ist ein Stück, das ich sehr liebe. Aber natürlich bin ich nicht nur auf meine eigenen Projekte gespannt. Wir haben zum Beispiel ein „echtes“ Stück Alte Musik mit dem Ensemble Mala Punica geplant  – Pedro Memelsdorff hat eine fast unlesbare Handschrift gefunden und eine wahre Sherlock-Holmes –Arbeit geleistet, und jetzt wird es bei den Festwochen aufgeführt . Das wird eine richtige Überraschung.

Von Ute Elena Hamm

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