Die Liste der ewig Gestrigen RELOADED

Foto: Susanne Diesner

Vergangenes Jahr hatte sich unser Kolumnist Moritz Eggert in den Spielplänen der deutschen Opernhäuser umgesehen. Was er fand, sorgte für große Kontroversen. Wir haben ihn gebeten, ein Jahr später zu prüfen, ob und was sich geändert hat.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in einen Buchladen, und alles was Sie finden ist Belletristik aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Kino, und auf dem Programm sind einzig und allein Filme von Chaplin, Eisenstein und George Melies. Stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Museum, und alles was Sie sehen sind die Gemälde, die Sie sowieso schon kennen, und zwar eine relativ kleine Auswahl von circa 50 Stück. In einer viel kleineren Kammer sind dann einige Gemälde von längst vergessenen Künstlern, die Ihnen als unglaubliche Neuentdeckungen präsentiert werden. Und in einer winzigen Besenkammer, ganz hinten im Museum, da, wo sich noch nicht einmal der Nachtwächter hintraut, finden sie einige Gemälde von Künstlern, die in der selben Zeit leben wie Sie. Aber diese Bilder sind jeweils immer nur wenige Tage zu sehen, dann werden sie abgehängt, in den Keller gestellt und nie wieder herausgeholt.

Das alles klingt absurd, meinen Sie? Willkommen in der Opernwelt des 21. Jahrhunderts.

Willkommen in einer Welt, in der es schon als fortschrittlich und gewagt gilt, wenn an einigen wenigen Tagen in der Spielzeit einer Oper eine „Uraufführung“ gespielt wird anstatt der 700 Millionsten Inszenierung des „Ring der Nibelungen“. Am besten dann auch in einem „Opernfestival“, denn dann muss man es noch weniger häufig spielen als im normalen Spielbetrieb.

Willkommen in einer Zeit, in der man auf Intnernetforen beschimpft wird, wenn man immer wieder – wie ich hier – die vollkommen „bizarre“ und „freche“ Forderung stellt, dass man doch mehr Opern spielen könne, die nicht älter als 50 Jahre sind, und vielleicht auch Mal mehr als nur einmal.

Willkommen in einem Musikleben, in dem den meisten Gesangsprofessoren an den Musikhochschulen sowohl das Wissen als auch die Ausbildung fehlt, zeitgenössische Gesangstechniken zu lehren oder überhaupt zeitgenössische Werke zu kennen, da sie ihr Leben lang auch nichts weiter als die immer gleichen 50 Opern gesungen haben und daher auch nur diese kennen und lehren können.

Willkommen in einer Musikwelt, in der nach wie vor ein Großteil der Studenten ein Studium absolvieren kann, ohne jemals Musik von tatsächlich lebenden Komponisten zu spielen oder zu kennen, in der ihnen auch die meisten Professoren von der Beschäftigung damit intensiv abraten, und die dennoch ein Examen mit „Auszeichnung“ bekommen können und dann ratlos bei der ersten Probe sind, wenn sie dann doch Mal ein solches Stück spielen sollen.

Schon vor einem Jahr habe ich mir daraufhin für den Bad Blog of Musick die Spielpläne angeschaut, vor allem im Hinblick darauf, wie das Verhältnis alt zu neu eigentlich in diesen Spielplänen ist. Heraus kam eine Liste der Gestrigsten, die für viel Kontroversen gesorgt hat. Ist es in der Spielzeit 2017/2018 besser?

Warum muss die Oper die die mit Abstand rückschrittlichste Kunstform darstellen?

Es geht mir hier nicht im Geringsten darum, eine Debatte “Alt gegen neu” aufzumachen. Ich persönlich liebe und verehre auch die alten Opern, die in den Opernhäusern gespielt werden. Ich verstehe nur nicht, warum die Oper (und auch die klassische Musik) die mit Abstand konservativste und rückschrittlichste Kunstform aller heutigen Kunstformen darstellen muss. Wir haben uns inzwischen so daran gewöhnt, dass das Alte in Orchesterkonzerten, Kammermusikabenden und Opernaufführungen eine Dominanz von 95% hat, dass viele sich gar nicht mehr vorstellen können, dass zur Zeit der Entstehung dieser alten Stücke – nämlich vor im Durchschnitt 150-250 Jahren -  zu 95% Neues und zu 5% Altes gespielt wurde. Schon die eigentlich naheliegende Entscheidung heute zu 50% alte und zu 50% neue Stücke zu spielen (eine Situation wie wir sie im Grunde im Sprechtheater haben) würde eine radikale Verjüngung und Neuausrichtung des Klassikbetriebes bewirken, die dieser dringend nötig hätte.

Auch eine Qualitätsdebatte macht für mich keinen Sinn, auch wenn gerne immer die angeblich schlechte Qualität der neuen Opern als Grund für die Dominanz des Alten angeführt wird. Wenn man nämlich diejenigen genauer befragt, die dieses Argument anführen, so stellt sich meistens schnell heraus, dass diese fast keine bis gar keine neueren Opern kennen. Und das liegt wiederum daran, dass sich die meisten Häuser eher Uraufführungen als die ungemein wichtigeren Wiederaufführungen einer neuen Oper leisten. Aber erst mit einer Reihe von Wiederaufführungen können sich gute neue Stücke durchsetzen, ein größeres Publikum finden und repertoirebildend wirken. Es gibt sie, die tollen neuen Opern, man muss aber mit der Lupe nach ihren Aufführungen suchen. Warum ist das so?

Wir versuchen dieses Jahr Mal etwas anderes – ich werde mir nur die Opernpremieren anschauen (Operetten/Musical/dezidiertes Kindertheater diesmal nicht) und das Alter der Stücke der jeweiligen Opernpremieren (also die Neuinszenierungen, denn die sind immer ein guter Gratmesser für Aktualität) durch die Anzahl der jeweiligen Openmpremieren teilen. Was herauskommt ist das Durchschnittsalter der in diesem Haus gespielten Opern. Es wurden nur “richtige” Opern/Musiktheaterinszenierungen berücksichtigt, keine Schauspieleinrichtungen oder Revues. Zugrundegelegt wurde entweder das Jahr der Komposition oder das Jahr der uraufführung, je nachdem, welche Information schneller greifbar war.

Dieser Artikel wird 3 Teile haben, Fazit und weitere Gedanken gibt es in den nächsten Artikeln.

 

TEIL 1: AACHEN bis ESSEN

  • THEATER AACHEN: 170 Jahre (modernstes Stück: Poulenc/Dialogues des Carmélites, 60 Jahre alt)
  • THEATER & PHILHARMONIE THÜRINGEN: 160 Jahre (modernstes Stück: Zimmermann/Die weiße Rose, 31 Jahre alt)
  • EDUARD-VON-WINTERSTEIN THEATER: 148 Jahre (modernstes Stück: Leoncavalli/Bajazzo, 125 Jahre alt)
  • AUGSBURG: 90 Jahre (modernstes Stück: Fujikura/Solaris, 2 Jahre alt)
  • BASEL: 128 Jahre (modernstes Stück: Trouble in Tahtiti/Bernstein, 65 Jahre alt)
  • DEUTSCHE OPER BERLIN:  99 Jahre (modernstes Stück:  3 Uraufführungen)
  • UNTER DEN LINDEN BERLIN: 106 Jahre (modernstes Stück: 3 Uraufführungen)
  • KOMISCHE OPER BERLIN: 127 Jahre (modernstes Stück: Satyagraha/Glass, 37 Jahre alt)
  • KONZERT THEATER BERN: 104 Jahre (modernstes Stück: 2 Uraufführungen)
  • THEATER BIELEFELD: 112 Jahre (modernstes Stück: Reznicek/Benzin, 7 Jahre alt)
  • THEATER BONN: 109 Jahre (modernstes Stück: eine Uraufführung)
  • STAATSTHEATER BRAUNSCHWEIG: 82 Jahre (modernstes Stück: Ronchetti/Rivale, 0 Jahre)
  • THEATER BREMEN: 72 Jahre (modernstes Stück: eine Uraufführung)
  • STADTTHEATER BREMERHAVEN: 166 Jahre (modernstes Stück: Verdi/Rigoletto, 166 Jahre alt)
  • STÄDTHISCHE THEATER CHEMNITZ: 147 Jahre (modernstes Stück: Strauß/Rosenkavalier, 106 Jahre alt)
  • LANDESTHEATER COBURG: 130 Jahre (modernstes Stück: Weill/Mahagonny, 87 Jahre alt)
  • STAATSTHEATER COTTBUS:  200 Jahre (modernstes Stück: Verdi/Macbeth, 170 Jahre alt)
  • STAATSTHEATER DARMSTADT: 124 Jahre (modernstes Stück: Cohen/onion.onion, 1 Jahr alt)
  • ANHALTISCHES THEATER DESSAU: 130 Jahre (modernstes Stück: Terzakis/Odysseus, 6 Jahre alt,)
  • THEATER DORTMUND:  133 Jahre (modernstes Stück: Strauss/Arabella 85 Jahre alt)
  • SÄCHSISCHE STAATSOPER DRESDEN: 117 Jahre (modernstes Stück: Dallapiccola/Il Priogionerio 69 Jahre alt)
  • DEUTSCHE OPER AM RHEIN: 123 Jahre (modernstes Stück: Resch/Gullivers Reisen, 1 Jahr alt)
  • THEATER AN DER ROTT: 0 Jahre (modernstes und einziges Stück: Androsch/Ein Bericht an eine Akademie)
  • LANDESTHEATER EISENACH: 227 Jahre (modernstes und einziges Stück: Mozart/Così fan tutte, 228 Jahre alt)
  • THEATER ERFURT: 201 Jahre (modernstes Stück: Spoliansky/Es liegt etwas in der Luft, 89 Jahre alt)
  • THEATER UND PHILHARMONIE ESSEN: 153 Jahre (modernstes Stück: Strauß/Salome, 112 Jahre alt)

Fortsetzung folgt

 

 

 

 

 

 

 

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