50 Fragen zu 100 Tagen Elbphilharmonie

100 Tage Elbphilharmonie: Nach dem großen Öffentlichkeits-Tam-Tam ist die Bilanz bislang eher durchwachsen. Das Haus ist fraglos imposant, längst ein architektonischer Mythos – aber es hat auch viele Tücken: die äußerst schwierige Akustik, die für das Publikum zum Teil problematische Innenarchitektur. Aber auch inhaltlich ist noch nicht genau klar, wofür das Hamburger Wahrzeichen eigentlich steht.

Vor der Eröffnung hat Intendant Christoph Lieben-Seutter versucht, Kritiker mundtot zu machen. Wer nicht nach seinem PR-Plan tanzte, sollte kalt gestellt werden. Fragen über mögliche Probleme wollte er am liebsten nicht hören. Doch heute wird die Kritik immer lauter.

Zum 100. Geburtstag der Elbphilharmonie hat Crescendo-Kolumnist Axel Brüggemann 50 Fragen an den Intendanten formuliert. Hier sind sie:

Von Axel Brüggemann

1. Mit einer 10 Millionen Euro schweren PR-Kampagne haben Sie den Leuten erzählt, dass die Elbphilharmonie ein einzigartiger, akustischer und architektonischer Superlativ werden wird. War es ein Fehler, derart auf die Pauke zu hauen? Wäre es nach heutiger Erfahrung und der vehementen Kritik aus unterschiedlichen Richtungen nicht klüger gewesen, etwas bescheidener aufzutreten?

2. Selbst Dirigenten wie Kent Nagano erklären, dass die Akustik der Elbphilharmonie verbesserungswürdig sei. Wie ernst nehmen Sie solche Kritik?

3. Verstehen Sie, wenn GEZ-Zahler nicht einsehen, die Elbphilharmonie mit 800.000 Euro vom NDR quer zu subventionieren?

4. 51 Damen-WCs, 28 Herren-Toiletten und 46 Urinale – ist das nicht ein bisschen wenig für  2000 Besucher?

5. Knochenbrüche und erschöpfte Besucher – haben Sie die steilen Treppen zum Auditorium unterschätzt?

6. Die Elbphilharmonie ist tatsächlich zum Wahrzeichen Hamburgs geworden. Aber so schön sie dasteht, so komplex ist ihr Innenleben. Ist der äußere Mythos heute eher Bürde oder der erste Schritt zur Enttäuschung, weil kein Haus derartige Erwartungen erfüllen kann?

7. Süddeutsche, Welt, Deutschlandfunk – nach 100 Tagen scheint Schluss mit der Lobhudelei zu sein. Ist das ein typisches Phänomen der Medien? Oder nehmen Sie die Kritik ernst?

8. Der Akustiker Yasuhisa Toyota scheint erst einmal abwarten zu wollen, statt sofort akustisch nachzujustieren. Macht Sie das als Intendant nicht wütend?

9. Hamburger Abendblatt und NRD haben in den letzten Monaten kaum kritisch berichtet, sondern ziemlich offensichtlich eine redaktionelle Werbekampagne für die Elbphilharmonie gefahren. Hat das auch dazu geführt, dass die Erwartungen beim Publikum höher waren als sie die Realität erfüllen konnte?

10. Die Höchst-Miete der Laiszhalle kostet 7.695 Euro, die der Elbphilharmonie 28.200 Euro  – ist das neue Haus wirklich dreieinhalb Mal besser?

11. Und werden Konzertveranstalter langfristig mit diesen Miet-Kosten auf dem Markt bestehen können?

12. Die Süddeutsche hat geschrieben, das NDR-Orchester in der Elbphilharmonie sei als würde St. Pauli im Championsleague-Stadion spielen. Haben Sie darüber gelacht oder geweint?

13. Derzeit werden zahlreiche Karten für die Elbphilharmonie im Internet angeboten. Einigen – besonders älteren Besuchern – ist die Anreise und der Weg bis zum Sitzplatz einfach zu aufwändig. Was sagen Sie diesen Kunden, die sich schon jetzt von der Elbphilharmonie abwenden?

14. Es heißt, man muss mindestens eine halbe Stunde vor Konzert vor Ort sein, um im Labyrinth der Architektur den eignen Platz zu finden. Gehört diese Odyssee für Sie wirklich zum entspannten Konzertbesuch?

15. Ein Highlight der Eröffnungs-Tage war der Beethoven-Zyklus mit Gustavo Dudamel und dem Simon-Bolivar-Jugendorchester. Warum geben Sie diesem Propagandaorchester gerade in der aktuellen Situation Venezuelas ein Forum? An der musikalischen Interpretation kann es kaum liegen.

16. Hand aufs Herz: Die Elbphilharmonie ist angetreten, eines der besten Konzerthäuser der Welt zu sein. Gut gebrüllt! Wo rangiert sie nach 100 Tagen für Sie zwischen Berliner Philharmonie, dem Konzerthaus in Luzern, dem Festspielhaus in Baden-Baden, dem Wiener Musikverein oder dem Pierre-Boulez-Saal in Paris? Wirklich Weltklasse?

17. Es heißt, dass der Saal nichts verzeiht. Bedeutet das, dass mittelmäßige Musiker eher wo anders auftreten sollten?

18. Ist die Elbphilharmonie am Ende nur ein Haus für die wenigen Meister-Orchester und Meister–Dirigenten?

19. Haben Sie bei der Planung Menschen mit Behinderungen einfach vergessen? Oder wie kann es sein, dass man vom Parkhaus drei unterschiedliche Fahrstühle nehmen muss, um auf seinem Platz zu sitzen?

20. Der Pianist Murray Perahia wird nicht in der Elbphilharmonie auftreten, sondern in der alten Laeiszhalle – ist sie für derartige Konzerte nicht auch der bessere Ort?

21. Schon im Vorfeld ahnten Sie, dass die Park-Situation schwierig wird. Nun hat sich Ihre Befürchtung bewahrheitet. Wird es da perspektivisch Veränderungen geben?

22. Sie haben im Vorfeld behauptet, dass jeder Platz akustisch gleich ist – viele Kritiker und Besucher stellen das inzwischen in Frage. Die Akustik ist für indifferent und auf jedem Platz anders. Würden Sie ihre Ankündigung heute zurücknehmen?

23. Ein bisschen sind Sie ja schon zurückgerudert. Fast stolz verkünden Sie inzwischen, dass die günstigen Plätze immerhin die akustisch besten sein. Wie legitimieren Sie dann eigentlich noch die teuren Plätze?

24. Die Eröffnungsfeier erinnerte über weite Strecken eher an eine Trauerfeier. Warum hatten Sie nicht den Mut, innovativ, vielleicht auch etwas beschwingt zu sein? Wäre mehr Feier und weniger Weihe nicht das bessere Signal gewesen?

25. Welchen Anteil hat der Hamburger Klüngel aus Konzertveranstaltern am doch eher durchwachsenen Programm der Elbphilharmonie?

26. Sie haben bis heute kein einheitliches Ticket-System. Wird das je kommen?

27. Konzerte großer Orchester sind in der Regl ein Minus-Geschäft. Gleichzeitig brauchen Sie die Berliner, die Wiener oder das Concertgebouw für das Image. Ist es richtig, dass Hamburg diese Orchester mitsubventioniert?

28. Das NDR-Orchester hat es in diesem Umfeld nicht leicht – das ist auch an vielen Kritiken der ersten 100 Tage abzulesen. Ist es langfristig nicht gefährlich, zwar ein Spitzenhaus, aber kein eigenes Spitzenorchester zu haben?

29. Die Extra-Subventionen für die erste Saison, die Zusatzgelder für das Marketing – irgendwann wird es das nicht mehr geben. Derzeit scheint es so, dass selbst mit diesen Geldern noch viel zu tun ist. Wie wollen Sie den Spielbetrieb effizient und im Kostenrahmen halten, wenn diese Anfangsgelder erst einmal wegfallen?

30. Die Eröffnungsfeier wirkte, als sei sie eine Plattform für die Politiker gewesen. Warum haben Sie nicht das Publikum, die Bürger, die das alles Finanziert haben, vor allen Dingen aner: die Begeisterung der Musiker in den Vordergrund gestellt?

31. Eine Endlos-Rolltreppe vor dem Konzertbeginn. Nerven Sie die drei Minuten Wartezeit nicht manchmal selber?

32. Ist es ein typischer Nörgel-Mechanismus, dass der Größenwahn vor der Eröffnung derzeit gerade in besonders genussvolle Kritik umschlägt? Oder müssen Sie sich da auch an die eigene Nase fassen?

33. Große Orchester aus Wien, Berlin oder Dresden kommen mit einem 0/8/15-Program nach Hamburg. Reicht es Ihnen als Intendant, lediglich eine beliebige Station im Klassik-Zirkus zu sein?

34. Das aktuelle Programm mit seinen zahlreichen Ausflügen in die Unterhaltungsmusik erinnert sehr an Ihre Zeit am Konzerthaus in Wien – ist das Programm aus Überzeugung entstanden oder aus der Not? Immerhin erinnert vieles eher an einen Gemischtwarenladen.

35. Viele Besucher beklagen die Ausschilderung innerhalb der Elbphilharmonie sei zu schlecht – das ließe sich doch schnell ändern. Warum ist das noch nicht passiert?

36. Ist es für öffentliche Gebäude ratsam, wenn Architekten sich  selber verwirklichen und der Konzertbesuch für viele Zuschauer zu einem Hindernisparcours wird?

37. Im Vorfeld haben Sie, Herr Lieben-Seutter, Chefredaktionen angerufen und sich über kritische Berichterstattung beschwert. War es im Nachhinein ein Fehler, zu versuchen, Kritiker mundtot zu machen?

38. Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde sagt, man habe sich u.a. bei der Toilettensituation an die behördlichen Vorgaben gehalten – wäre es nicht besser gewesen, sich an der Erfahrung anderer Konzerthäuser zu orientieren?

39. Der Backstage-Bereich mit seinem phantastischen Ausblick ist toll – aber die weißen Sitzmöbel schon jetzt abgegranzt und, mit Verlaub, ziemlich eklig. Werden sie nun regelmäßig ausgetauscht oder neue angeschafft, die haltbarer sind?

40. Sie denken darüber nach, einen neuen Fahrstuhl vom Parkhaus auf die Plaza fahren zu lassen. Warum erst jetzt?

41. Das elektronische Ticketsystem spinnt regelmäßig. Wäre weniger High-Tech und mehr Besucherfreundlichkeit nicht ratsamer?

42. „Schonungslose Klangkühle“ schrieb die Zeit über die Akustik der Elbphilharmonie. Wie passt das zur heißen Emotionalisierung Ihres Hauses?

43. Man wird einiges nachjustieren können. Aber besonders ärgerlich ist, dass die großartige Orgel akustisch gar nicht zur Geltung kommt. Gibt es dafür bereits Lösungsansätze?

44. Herzog und de Meuron sind Ästheten. Was ist wichtiger, ihre ideale Architektur zu bewahren, oder in den kommenden Monaten auch auf die Wünsche des Publikums einzugehen?

45. Wie klug war es, ausgerechnet den Kritikern großer Zeitungen zur Eröffnung eher mittelmäßige Karten zu geben? Hat Ihre Presseabteilung und das Marketing damit nicht die gesamte Werbekampagne aus dem Vorfeld ad absurdum geführt?

46. Selbst Spitzenkünstler werden von Ihnen nach ihrer Abreise angeschrieben, den Hausausweis bitte wieder zurückzuschicken. Ist derartiger Bürokratismus nicht ein bisschen lächerlich?

47. Keine Absatzstreifen an den Stufen. Das führt immer wieder zu Unfällen. Ist das der Preis für die „perfekte Ästhetik“?

48. Künstler beschweren sich immer wieder, dass sie von der Elbphilharmonie einen Praktikanten zur Seite gestellt bekommen, der sich im Haus selber nicht auskennt. Warum keine Profis für Profis?

49. Zwei Garderoben für alle Zuschauer. Hätte dieser Mangel nicht im Vorfeld auffallen müssen?

50. Freuen Sie sich, dass Ihr Vertrag ausgelaufen ist, wenn es wirklich ernst wird und die Elbphilharmonie in drei oder vier Jahren nicht mehr vom Hype allein lebt, sondern auch vom besonderen Programm leben muss?

 

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Kommentare

  1. Wolfgang Kölsch
    24. April 2017 at 12:26

    mein Gott, was peinlich, Herr Brüggemann. Ich habe es nicht nachgezählt, aber gefühlte 20 Fragen befassen sich mit den “ich-komme-mit-meinem-dicken-Auto-ins Konzerthaus-und-will mit-dem-Fahrstuhl-bis-zu-meiner-Loge-fahren” Besuchern. Und weil sich “viele”, “manche”, “einige” über bestimmte Punkte beschweren, heißt das noch lange nicht, dass man auf jedes gefühlte Problem sofort reagieren muss, erst recht nicht nach dieser langen Bauzeit.

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