„Ich entwickle meine eigenen Ideen“

Ist das ein Wunderkind? Jan Lisiecki, der neue Piano-Star im Klassik-Zirkus.

Der 17-jährige Pianist Jan Lisiecki erobert die Konzertpodien der Welt im Sturm. Im Interview verrät der Kanadier, weshalb er sich nicht als Wunderkind sieht, und warum er glaubt, schon einmal gelebt zu haben.   

Wir treffen Jan Lisiecki am frühen Samstagmorgen in Hamburg, noch kurz im Hotel, bevor er nach Brüssel weiterfliegt. Am Vorabend konzertierte der junge Pianist erstmals in der Laeiszhalle. Er hat muntere Augen, trägt Rollkragenpullover, lächelt verschmitzt. Ende März ist er 17 Jahre alt geworden, seinen Geburtstag feierte er zuhause im kanadischen Calgary mit ein paar Freunden, ganz normal, wie ein Teenager. Doch die Medien überschlagen sich mit Lob für sein mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetes Klavierspiel. Die Kollegen preisen seine Frische, seine Natürlichkeit, seine Tiefe, die seinem Alter weit vorausginge. Einen solchen Pianisten wie Jan Lisiecki gäbe es nur zweimal in hundert Jahren, schwärmte gar Pinchas Zukerman. Und der „Spiegel“ bescheinigte ihm jüngst: „Hier spielt einer auf, der ein neuer Horowitz werden könnte.“ In dieser Saison debütiert Lisiecki unter anderem mit dem Orchestre de Paris unter Paavo Järvi und dem BBC Symphony Orchestra. Gerade ist sein erstes Album bei der Deutschen Grammophon erschienen. Da kann man nicht umhin, den Begriff des „Wunderkinds“ zu schreiben. Doch er selbst mag dieses Wort überhaupt nicht, sagt er gleich. Es sei doch alles ganz natürlich passiert, einfach so, ohne Druck und er sei wahnsinnig glücklich mit seinem momentanen Leben.

crescendo: Man munkelt, dass eine Ihrer Bedingungen für den Vertrag mit der Deutschen Grammophon war, dass Sie auf Ihrer ersten CD Mozart-Klavierkonzerte einspielen durften. Warum?
Das hat einen einfachen Grund: Ich wollte nicht mit einem großen Knall, einem technisch brillianten protzigen Stück beginnen. Ich wollte ein Werk, das von Anfang an zeigt, wer ich als Musiker, nicht wer ich als wahnsinnig schnell spielender Pianist bin. Deswegen Mozart. Und diese zwei Klavierkonzerte Nr. 20 und 21 im speziellen sind sehr interessant. Sie sind beide total unterschiedlich, funktionieren aber zusammen auf einer CD.

Ist Mozart einer Ihrer Lieblingskomponisten?
Absolut. Aber ich habe nicht nur einen Lieblingskomponisten. Ich mag viele Komponisten, weil jeder etwas anderes anzubieten hat. Natürlich ist Bach das Fundament. Ein Startpunkt, der viele Komponisten nach ihm inspirierte. Ich liebe Bach, ich liebe Beethoven, Mozart, Chopin. Da könnte ich ewig weitermachen. Ehrlich gesagt gibt es gar keinen Komponisten, den ich gar nicht mag.

Welche Musik hören Sie in Ihrer Freizeit?
Ich habe gar nicht so viel Zeit, Musik zu hören. Wenn ich die Straße entlang gehe, höre ich auf die Welt um mich herum. Viele mögen es ja, mit Ohrstöpseln durch die Gegend zu laufen – ich kriege lieber mit, was um mich herum passiert. Wenn ich mal Musik höre, dann meist im Flugzeug. Dann höre ich natürlich klassische Musik, aber auch Jazz, Pink Floyd … und ich höre oft Radio, entweder zuhause oder im Taxi. Ich höre viel unterschiedliche Musik – vor allem in den Taxis (lacht).

Was gab’s denn in deutschen Taxis?
Ähm, was war das gestern? … Schlager!

Waren Sie da nicht geschockt?
Kein Kommentar (lacht). Ich bin ein klassischer Musiker, ich kommentiere die andere Musik nicht … (lacht)

Aber Interpretationen von anderen Pianisten hören Sie schon …
Ich mag es, ein Stück von Grund auf zu beginnen, wie ein weißes Stück Papier. Deswegen höre ich mir vorher keine bestehenden Interpretationen an – wenn das geht. Denn wenn es ein besonders bekanntes Stück ist, hat man natürlich schon einige Aufnahmen und Konzerte davon gehört. Nichtdestotrotz entwickle ­ich zuerst meine eigenen Ideen. Dann höre ich Referenzaufnahmen, um zu überprüfen, ob das, was ich mache, total verrückt ist oder ob es dem ähnelt, was gemeinhin akzeptiert wird. Schließlich kann ich entscheiden: Will ich total verrückt sein? Oder will ich meine Interpretation dem Bekannten und Akzeptierten annähern?

Bespricht man dann die Ideen mit den Lehrern?
Ich entwickle meine Interpretation alleine, erst später suche ich den Dialog mit Dirigenten, Musikern, Lehrern. Ich akzeptiere deren Meinungen und bespreche mich mit ihnen. Ich muss mich selbst fragen: Warum sagen sie mir dies oder jenes? Vielleicht haben sie teilweise recht, vielleicht muss ich auch gar nichts ändern, aber es gibt einen Grund, warum sie einen bestimmten Aspekt angesprochen haben – weil sie dann offenbar nicht von dem überzeugt waren, was ich da gerade machte.

Ist es wichtig, Hintergrundinformationen zum Stück zu haben?
Das kann nützlich sein, muss aber nicht. Für mich ist es nicht notwendig, zu wissen, was genau der Komponist in jenem Jahr machte. Musizieren hat sich so sehr verändert. Wir spielen Mozart jetzt in 2012 ganz anders als vor ein paar Jahren. Unsere Sichtweise und Interpretation seiner Musik hat sich verändert.

Dann haben Sie auch gar keine musikalischen Vorbilder, von denen Sie sich inspirieren lassen?
Naja, Vorbilder sind sehr gefährlich. Wenn man sein Vorbild nicht extrem gut kennt, was man ja meist nicht tut, idealisiert man die Person schnell. Aber jeder hat seine Stärken und Schwächen. Wenn ich also jemanden zu meinem Vorbild machen würde, wäre das ihm und seinen Schwächen gegenüber nicht fair. Aber ich lasse mich natürlich schon inspirieren, von Menschen, die ich treffe und die mich beeindrucken – auch außerhalb der Musik.

Komponieren Sie auch selbst?
Ein bisschen. Ich habe zum Beispiel die Kadenz im ersten Satz des C-Dur Mozart-Klavierkonzerts geschrieben. Aber im Moment gibt es für mich noch so viel zu entdecken, so viel mir noch unbekannte Klaviermusik von vielen für mich neuen Komponisten.

War es eigentlich immer Ihr Traum, Musiker zu werden?
Ich bin kein Träumer. Ich hatte niemals „den einen“ Traum. Aber ich liebe, was ich hier tue und bin sehr glücklich damit.

Sie interessieren sich angeblich auch für Flugzeuge. Wäre denn der Beruf des Piloten eine Alternative gewesen?
Naja, ich hätte schon gerne eine Fluglizenz – aber Pilot würde ich nicht werden wollen. Ich liebe Reisen gerade deswegen, weil ich ein Ziel habe. Weil ich in dem Land, in das ich fliege, ein Konzert spiele oder Urlaub mache. Und nicht des Reisewegs wegen.

Reisen Sie auch, wenn Sie mal Urlaub haben?
Ja, ich reise ständig, das ganze Jahr über (lacht). Jeder Moment des Reisens ist für mich ein großes Abenteuer. Wenn ich frei habe, schnappe ich mir meinen Vater und nutze meine gesammelten Flugmeilen, um weiter zu reisen. Vor zweieinhalb Wochen hatten wir unseren letzten Urlaub und der ging erst nach Chicago, dann nach Zürich, dann Tokio, Bangkok, Hongkong, zurück nach Bangkok, schließlich Paris … und dann zurück nach Hause!

Wo ist denn dann „zuhause“, wenn man ständig reist?
Zuhause ist in Calgary. Ich habe nie woanders gelebt. Zuhause ist ein Ort, von dem du immer weißt, wo du ihn findest. Zu dem du immer wieder zurückkehrst. Und wo du dir nicht ständig Sorgen machen musst: Oh, wo ist mein Handy-Ladegerät? In welchen Schrank hat das irgendwer geräumt? (lacht) Apropos aufladen: Zuhause ist der Ort, um Energie zu tanken – und um gut zu arbeiten. Am besten übe ich schon zuhause.

Während wir in der Hotellobby sitzen und das Interview führen, packt Jan Lisieckis Mutter oben im Hotelzimmer die Koffer. Als Minderjähriger darf Jan in vielen Ländern nicht alleine reisen, deswegen begleitet ihn seine Mutter an alle Konzertorte. Er ist froh darüber. Sie hätten ein sehr gutes Verhältnis, erzählt er, und zu zweit könnten sie gemeinsame Erlebnisse sammeln, Städte entdecken und sich darüber austauschen. Einen Teil seiner Familie dabei zu haben, bedeute für ihn auch ein großes Maß an Stabilität, sagt Jan. Seine Familie, eine polnisch-katholische Familie – keine Musikerfamilie! – sei von Anfang an eine große Hilfe gewesen und hätte sich der Musiker-Situation gut angepasst. Aber natürlich vermisse er seinen Vater, der meist zuhause in Calgary bleibt. Es sei ja für einen Mann auch nicht so einfach, jeden Abend in ein leeres Haus zu kommen und für sich selbst zu kochen. Jeder in der Familie hätte für seine Karriere Opfer gebracht. Aber so schlimm sei es nicht, winkt Jan schließlich ab. Sie kämen doch nach jeder Konzertsession nach Hause zurück und unter Druck gesetzt hätte er sich nie gefühlt.

Zurück zur Musik: Die Kritiker loben die besondere Frische und Tiefe in Ihrem Klavierspiel. Das ist erstaunlich für einen 17-Jährigen …
Ich glaube an Reinkarnation, und wer weiß, wer ich im früheren Leben einmal war? Ich könnte ein Affe gewesen sein. Vielleicht war ich auch ein Bösewicht? Vielleicht kommt die Tiefe in meiner Interpretation also aus einem früheren Leben. Vielleicht ist es auch, weil ich versuche, Musik in ihrer reinsten Form zu begreifen, nichts zu konstruieren. Musik zeigt, wer du als Person bist – da kann man sich nicht verstellen. Ich kann keine nette Person in der Musik sein und im wahren Leben ein Bösewicht. Man sollte Repertoire und Art zu musizieren einfach dem Charakter anpassen. In meinem Fall ist das so: Ich bin wirklich selten richtig wütend, ich bin meist sehr fröhlich – und das wird in meiner Interpretation sicherlich reflektiert.

Klingt interessant. Welche Person wären Sie denn dann gerne in einem früheren Leben gewesen?
Keine Ahnung. Interessant wäre ­es sicherlich einmal ein Affe zu sein … Meine Freunde sagen, ich würde mich manchmal wie einer benehmen.

Hoffentlich mögen Sie Bananen …
Ich liebe Bananen (lacht)!

Wie steht es mit der Religion? Die steht in Ihrer Generation oft nicht mehr so hoch im Kurs …
Ich glaube, es gibt für alles einen Grund, besonders für die Musik. Musik ist wundervoll. Die Menschheit weiß so viel: Wir kennen den Aufbau des menschlichen Körpers, wir können Krankheiten heilen, wir wissen viel über Wissenschaft und Natur. Trotzdem wissen wir nicht hundertprozentig, warum der Musik in unserem Alltag eine so große Bedeutung zukommt und warum sie uns so tief berührt. Und noch viel mehr: Warum sie unsere Stimmungen verändern kann. Das ist magisch und ich hoffe, dass wir niemals herausfinden, warum Musik so wirkt. Ich bete oft, bevor ich auf die Bühne gehe. So habe ich jemanden, der mir auf jeden Fall zuhört – selbst wenn das Publikum mal nicht so sehr mit mir verbunden ist.

Im vergangenen Jahr haben Sie Ihren  Abschluss gemacht – wie ließen sich denn Schule und Pianisten-Karriere miteinander vereinbaren?
Glücklicherweise konnte ich in der Schule ein paar Klassen überspringen. Das hat mir rückblickend viel geholfen, so habe ich die Schule schon abgeschlossen und kann mich auf das Konzertieren konzentrieren. Bisher war Schule oberste Priorität für unsere Familie. Wenn meine schulischen Leistungen schlecht geworden wären, wären zuerst die Konzerte gestrichen worden – nicht die Schulstunden. Ähnlich ist es mit der Uni. Ich habe angefangen zu studieren, mache nun nebenbei meinen „Bachelor of Music“.

Und? Gefällt Ihnen das Studium?
Ja, sehr gut. Es ist wichtig, im Leben auch etwas anderes als Musik zu haben. Ein Musiker muss ein vollkommener Mensch sein. Er muss nicht nur gut spielen, er sollte auch eine Vorstellung von der Welt haben – das sollte doch jeder! Wenn man nur auf sein Berufsfeld limitiert ist, ist man keine interessante Person. Dann fühlt man sich doch in seinem Leben nicht wohl.

Verraten Sie uns noch Ihre Pläne für die kommenden Jahre?
Ich bin ein Mensch der Gegenwart. Bisher ist alles ganz natürlich passiert, ich habe niemals etwas forciert. Ich habe niemals an einen Konzertveranstalter geschrieben: „Hallo, könnte ich bitte dieses Konzert spielen?“ Das Interesse kam immer von der anderen Seite. Und das bleibt hoffentlich so. An einem Ort will ich aber unbedingt spielen: Dubai! Das ist schon ein Witz zwischen meiner Managerin und mir. Ich sage immer: Ich will nach Dubai, Dubai, Dubai! (lacht)

Jan Lisiecki: Mozart: Klavierkonzerte 20 & 21
Deutsche Grammophon (Universal)


Jan Lisiecki

1995 im kanadischen Calgary als Sohn polnischer Eltern geboren, begann Jan Lisiecki seine Klavierausbildung mit fünf Jahren am örtlichen Konservatorium. Mit 15 spielte er in Warschau die Chopin-Klavierkonzerte ein. Lisiecki wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Debut Atlantic Award 2010 und als Révélations Radio-­Canada Musique 2010 und Jeune Artiste des ­Radios Francophones 2011. Er gastierte in New York, Tokio, Paris und München.

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