Agi Buchbinder: „Ich habe ihn immer bewundert“

(Foto: privat)

Niemand kennt ihn besser: Rudolf Buchbinders Ehefrau Agi über ihre eigene Karriere, Rudis Sammelwut und die Herrlichkeit, verreisen zu dürfen.

Sie und Ihr Mann haben sich sehr jung kennengelernt, früh geheiratet und sind jetzt seit fast 50 Jahren ein Ehepaar.
Ja, das ist schon ein Wunder! Und eine Gnade. Wir kennen uns seit Rudis 11. und meinem 14. Lebensjahr, weil wir beide in Wien an der Akademie Klavier studierten und Nebenfächer zusammen hatten. Am Anfang war das für mich nur eine Kinderei und Sympathie füreinander. Er hat mir allerdings schon als Jugendlicher rührende Briefe von seinen ersten Konzertreisen geschrieben. Ich habe sie sogar noch. Als Adresse stand darauf: „An Frau Agnes Rado-Buchbinder“. Und innen: „Lass mir meine Schwiegereltern schön grüßen!“ Danach hatten wir allerdings ein paar Jahre kaum Kontakt, bis wir uns wiedertrafen, es ernst zwischen uns wurde und wir heiraten wollten, was meine Eltern mit einer gewissen Skepsis sahen.

Warum?
Weil Rudi als Musiker wenig verdiente und wir außer Liebe und Verständnis füreinander nichts hatten.

Zum Glück ließ sein Erfolg nicht lange auf sich warten, an dem Sie wohl nicht ganz unbeteiligt waren.
Nach unserer Hochzeit sah ich, was er konnte, und ich war vielleicht ein bisschen die treibende Kraft, zu sagen: Spring ins kalte Wasser und versuch dich als Solist. Wenn er nur Kammermusik gemacht hätte, wäre seine Entwicklung nicht so weitergegangen, wie es bei seiner Begabung hätte sein können.

Warum haben Sie an ihn geglaubt?
Weil ich als ausgebildete Pianistin erkannte, welches Potenzial in ihm steckte. Wenn er nicht zuhause war, habe ich stundenlang an einer Stelle geübt, dann kam er heim, setzte sich hin und spielte das vom Blatt besser als ich. Da habe ich beschlossen, mich lieber auf sein Können zu konzentrieren…

…und Ihren Mann auch in schwierigen Zeiten zu unterstützen?
Rudi wurde von den Kritikern nicht verhätschelt, so dass das auch ein dornenreicher Weg war. Dennoch hat er sich immer seine positive Energie bewahrt. Dafür habe ich ihn immer bewundert.

Ihr Mann soll schon immer ein „Wenigüber“ sein, bei dem sich viel im Kopf abspielt …
Rudi übt ein, zwei oder drei Stunden so intensiv, dass er wie in einem Konzert schweißgebadet ist. Aber mit dem Kopf arbeitet er Tag und Nacht.

Das müsste ja bedeuten, dass Sie getrennte Schlafzimmer haben.
Nein, tun wir nicht. Denn ich habe einen gesunden Schlaf, von dem ich in meinem ordentlichen Alter immer weniger brauche.

Thomas Mann brauchte zum Schreiben angeblich totale Stille, worunter seine Kinder zu leiden hatten. Wie war das bei Ihnen?
Rudi hatte immer Angst, dass unsere Kinder Wut auf das Klavier bekommen könnten, weil ihnen das den Vater wegnimmt. Deswegen hat er versucht, zu üben, wenn die Kinder in der Schule waren. Und wenn er unterwegs war, ist er oft für einen Tag, eine Übernachtung oder sogar ein paar Stunden nach Hause gekommen. Resultat ist bis heute ein sehr enges Familienleben. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht zumindest telefonieren – egal, wo wir weltweit sind. Außerdem wohnen wir in Wien dicht beieinander.

Bis 1970 das erste Kind kam, konnten Sie ganz für Ihren Mann da sein. Dann wurden Sie Mutter. Da hat sich einiges verändert, oder?
Das war schon eine kleine Gratwanderung. Aber dadurch, dass Rudi so früh mit dem Reisen begonnen hatte, war er sehr selbstständig. Außerdem ist er Schütze, und damit freiheitsliebend. Das Mitreisen musste ich aber nicht ganz aufgeben, weil wir immer jemanden im Haus wohnen hatten und sich außerdem meine Eltern um ihre Enkel kümmerten, wenn ich weg war.

"Unterwegs geht’s mir herrlich."

— Agi Buchbinder

Außer der Aufgabe, die Kinder großzuziehen und Ihren Mann möglichst oft zu begleiten, mussten und müssen Sie in Ihrem Haus noch mit ganz anderen Herausforderungen fertig werden, zum Beispiel mit umfangreichen Sammlungen von Kunstbüchern, Noten und Filmen.
Rudi hat so viele Interessen, die ich versuche, mit ihm zu teilen. Aber ich lasse ihn auch. Gott sei Dank haben wir ein großes Haus.

Wer verwaltet das alles?
Mein Mann selbst. Für seine Bücher, Noten und Filme, die sich wie die Kaninchen vermehren, hat er händisch einen Katalog geschrieben und extra Karteikästen bauen lassen.

Und dann wäre da noch das Kochen für Ihre vielen Gäste.
Ich habe das nie gelernt. Aber wenn man gerne isst, muss man doch auch kochen – egal, ob für die Familie oder für andere. Als gebürtige Ungarin bin ich sehr gastfreundlich und liebe Menschen.

Ihren Einladungen folgen Musikerkollegen genauso wie andere Persönlichkeiten, bis hin zum österreichischen Bundespräsidenten. Wie privat kann man bei solchen Anlässen sein?
Bei uns gibt es kein Protokoll, geht es ganz unkompliziert zu. Mit bis zu acht Personen können wir in unserer gemütlichen Küche sitzen oder in einer Art Heurigem im Garten.

Kochen Sie auch, wenn Sie alleine sind mit Ihrem Mann?
Ja, da gibt es dann einfache Hausmannskost. Aber manchmal geht einem das regelmäßige Kochen schon auf die Nerven. Deshalb ist Wegfahren für mich wie Urlaub. Jeder fragt mich, ob mir das Reisen und Packen nicht zu viel wird. Aber ich bin von Kindesbeinen an eine Zigeunerseele, der das nichts ausmacht. Unterwegs geht’s mir herrlich.

Da Sie aber nicht immer mitreisen, hatten und haben Sie in regelmäßigen Abständen auch ein Leben für sich allein. War Ihnen das wichtig?
Das habe ich auch genossen, aber gleichzeitig immer regen Anteil an Rudis Leben genommen. All die Jahre haben wir 10- bis 15-mal pro Tag telefoniert, so dass wir ständig voneinander wussten.

Nach so langer Zeit versteht man sich doch bestimmt auch ohne Worte?
Das ist unglaublich. Oft spricht er etwas aus, was ich gerade sagen wollte, und umgekehrt. Wenn eine Partnerschaft so funktioniert, ist das schon super.
Trotzdem schreibt Ihr Mann in seiner Autobiografie „Da Capo“ auch von der Einsamkeit des Künstlers. Wie weit können Sie an ihn herankommen?
Jeder Mensch braucht einen Teil, wo er nur er selbst sein kann. Wenn Rudi in Gedanken oder mit seinen vielen Interessensgebieten beschäftigt ist, störe ich ihn nicht.

Ihr gemeinsames Leben hat sich immer um Musik gedreht. Würden Sie wieder die gleiche Wahl treffen?
Es gibt nichts Schöneres. Musik geht mir am tiefsten in die Seele, ist am unmittelbarsten.

Berührt es Sie noch mehr, wenn Ihr Mann spielt?
Ja, ich bin durch ihn sehr verwöhnt. Außerdem überrascht er mich immer wieder neu, weil er so viel variiert. Vorgestern zum Beispiel hat er bei einem Geburtstagskonzert in Grafenegg Mozart gespielt und in eine Kadenz „Happy Birthday“ eingebaut.

Heutzutage ist Frauen ihre Selbstverwirklichung sehr wichtig. Ein Weg wie der Ihre wäre für viele schwer vorstellbar.
Wissen Sie, ich bin schon ein selbstständiger Mensch. Mein Mann hat mich immer gleichwertig behandelt, bei Entscheidungen einbezogen und nach meiner Meinung gefragt. Außerdem ordne ich mich nicht ständig unter, im Gegenteil.

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Kommentare

  1. .Andrew Bramley
    11. Oktober 2015 at 17:54

    Dear Ms.Schmelter, pardon my writing in English but My German is not fluent enough to use it for this note. I found your article by coincidence while searching for the whereabouts of Agi Rado, a pianist from Hungary whom I met in Dallas, Texas in 1956 or 57 on her arrival from Hungary after the 1956 revolution in that country. She left Dallas after a relatively short stay and I lost track of her but heard that she located in Baltimore and was teaching piano at the conservatory there. There are obviously many similarities between her story and those of Mrs. Buchbinder and I wonder if they belong to the same person. I would greatly appreciate if you could supply any information on this matter and facilitate my saying hello to an old friend. Thank you very much and best regards, Andrew Bramley

  2. Marilyn Porter nee Lee
    26. Januar 2016 at 06:32

    I also have found this article after I was in Vienna at Christmas. I had stayed with an Agnes Rado in Vienna when I was on an exchange from England, and she was a student at the Music Acadamy in Vienna. I decided to look her up and found she had married Rudolf Buchbinder but I couldn’t find a way of contacting her. I would love to catch up with her again after all these years, it must be 55 years ago!

    Hope you can reconnect us.

    Lyn Porter

  3. ivan bodis-wollner
    11. Oktober 2016 at 15:31

    Ich habe beide noch in Wien gekannt.Das letzte Mal dass ich Agi gesehen habe war bei dem Konzert von Rudi Buchbinder mit dem Wiener Symphoniker (?) in New York. Eine hervorragende Aufuehrung vor sehr vielen Jahren. Bin nicht mehr sicher ob es Beethoven war.
    Koennten Sie mir bitte helfen mit deren Kontakt Information?
    IBW
    New York/ Brooklyn Heights

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