Die nächste Aida

Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Seit 2014 hat die junge Sopranistin Aida Garifullina nicht nur einen Festvertrag an der Wiener Staatsoper, sondern auch eine steile Karriere vor sich. Der Vorname und das umwerfende Aussehen dürften dabei nicht im Weg stehen.

Aida Garifullina ist noch so jung, dass man das Geburtsjahr nennen darf: 1987. Ihre Wurzeln liegen in der autonomen Republik Tatarstan westlich des Ural. Vor gut zwei Jahren hat sie zwar Plácido Domingos Operalia Operngesangswettbewerb gewonnen, steht aber schon längst an der Spitze ihrer Zunft. Außerdem hat Aida Garifullina einen Exklusivvertrag mit Decca. Gute Voraussetzungen also, es ihren Operalia-Gewinnerkollegen wie Joyce DiDonato, Erwin Schrott oder Rolando Villazón gleichzumachen.

Wie kommt man aus Kasan in Tatarstan ans Mariinski-Theater?

Indem man lange singt und ein großes Ziel hat. Ich habe schon mit fünf Jahren angefangen, mit elf gab ich bereits erste Konzerte in Kasan und Moskau. Ein paar Jahre später studierte ich in Nürnberg bei Siegfried Jerusalem, einem der größten Wagnertenöre. Da war ich erst siebzehn, ein schüchternes Heimchen und bis dahin immer im Kreise meiner Familie. Und auf einmal musste ich erwachsen werden, alleine in einem Land! Aber Herr Jerusalem war wie eine Familie für mich. In dieser Zeit habe ich übrigens schon davon geträumt, einmal in Wien zu studieren, dieser großartigen Musikstadt! Also bin ich irgendwann dorthin gefahren und habe die Aufnahmeprüfung bestanden. Knapp vier Jahre habe ich dort studiert und wurde dann nach London eingeladen, um bei den Olympischen Spielen im „Russian House“ zu singen. Dort war dann auch Maestro Gergiev vom Mariinski zugegen.

Wie kam es zu dieser Einladung nach London?

Einfach so! Ich hatte davor viel in Russland gesungen, in Fernsehsendungen, bei Weihnachts- und Neujahrskonzerten und dergleichen, wo eben auch Opernsänger eingeladen werden. Am Tag nach dem Konzert im Russischen Haus habe ich für den Maestro noch einmal vorgesungen. Man muss ihm schon zeigen, dass man es wirklich kann und am Mariinski singen will. Eine Woche später hatte ich die Einladung nach Sankt Petersburg. Dort wurde ich gleich gefragt, ob ich die Susanna schon gesungen hätte. Erst jetzt weiß ich, dass man an einem Opernhaus eigentlich mit kleineren Rollen anfängt. Aber das war nun mal meine erste große – und ich denke auch erfolgreiche – Partie am Mariinski.

Einen interessanten Auftritt haben Sie auch in Peter Eötvös’ Oper Tri Sestri an der Staatsoper, wenn Sie als Sopran in eine Rolle schlüpfen, die eigentlich für hohe Männerstimme geschrieben wurde.

Die Rolle wird aber nicht nur gesungen, sondern zusätzlich auch gesprochen. Das ist nicht ganz einfach, denn beim Sprechen darf ich ja keine opernhafte Stimme einsetzen. Ich soll auf der Bühne etwas erzählen, gleichzeitig aber über das Orchester hinweg hörbar sein. Außerdem muss der Klang gewissermaßen „fliegen“: Ich setze ein bisschen höher als gewöhnlich an und erzeuge dadurch etwas mehr Resonanz. Auf eine moderne Oper muss man einfach ganz anders vorbereitet sein und mit dieser schwierigen, komplizierten Harmonie zusammenkommen.

In der Opernwelt herrscht generell ein Ton der oberflächlichen Freundlichkeit. Die Agenten sagen, dass es wunderbar war, die Fans sowieso, und die Intendanten, die Sie wieder engagieren wollen, überhäufen Sie ebenfalls mit Lob. Wie ist es da möglich, jemals gute, vernünftige Kritik zu hören, die nicht nur positiv ist? Sich selbst kann man ja bekanntlich nicht gerade objektiv beurteilen.

Eben! Und dafür habe ich meine Mutter. Sie lebt zwar in Russland, ist aber an wichtigen Terminen immer bei mir. Zum Beispiel bei den Generalproben, die wichtig sind, weil man dann schon die Oper kennt und jemanden im Zuschauerraum braucht, der sagt, was okay ist und woran man noch feilen kann. Das kann mir derzeit tatsächlich nur meine Mutter sagen. Sie weiß am besten, was ich kann, und sie ist vielleicht die einzige, die mir das dann ins Gesicht sagt.

Die Kritik hat Wirkung gezeigt: Neben Ihrer Festanstellung in Wien haben Sie jetzt auch noch einen Plattenvertrag.

Die Aufnahmen laufen noch, da wir uns kürzlich entschieden haben, noch ein paar Sachen aufzunehmen. Zwei Arien und ein Duett mit einem Star-Tenor kommen noch dazu. Zuerst war ein Album mit russischen Arien angedacht, aber jetzt wird es bunter, auch wenn das russische Repertoire noch immer der Schwerpunkt ist.

Merken Sie, dass immer mehr nichtmusikalische Dinge wie ­etwa das Image wichtig werden, je steiler die Karriere nach oben geht?

Es gibt schon viele „Details“, derer man sich bewusst sein muss, um eine große Karriere zu machen. Klar, man muss ein guter Musiker und Schauspieler sein, aber man muss tatsächlich auch ans Image oder ans Aussehen denken. Von Social Media ganz zu schweigen.

Geht dadurch nicht die Natürlichkeit verloren?

Die will ich trotz allem bewahren! Ich schätze die Menschen, die sehr viel in ihrem Leben erreicht haben und trotzdem einfach geblieben sind, Plácido Domingo oder Valery Gergiev etwa. Das sind Vorbilder für mich, weil sie allen Menschen den gleichen Respekt entgegenbringen, egal, ob das nun die Familie, die Studentin oder ein völlig fremder Mensch ist. Gerade von Domingo habe ich in der Hinsicht viel gelernt.

Und umgekehrt: Würden Sie Plácido Domingo ehrlich sagen, wie er singt?

Er ist für mich immer gut! Er ist ein Idol.

Okay, das war jetzt eine unfaire Frage, da können Sie ja nur so antworten…

Stimmt! (lacht)

Eine letzte Frage: Für eine Opernsängerin haben Sie einen wunderbaren, fast schon komischen Namen. Ist der echt?

Selbstverständlich! Ich vergesse immer wieder, was „Aida“ bedeutet. So etwas wie „Besucherin“ oder „Geschenk“. Meine Eltern wünschten sich sehr, eine Tochter zu bekommen. Und als ich dann kam, war ich wohl so etwas wie ein Geschenk für sie. Daher der Name. Alles echt!

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *