Bambusorgel und Schwalbennest: Albert Bolliger

Foto: privat

Jahrzehntelang spielte er an den bedeutendsten und kuriosesten Orgeln der Welt. Im Juli feierte der Schweizer Organist und Verleger Albert Bolliger seinen 80. Geburtstag.

crescendo: Herr Bolliger, Sie saßen in der Basilique de Valère oberhalb von Sion an der ältesten spielbaren Orgel. Wie war es, darauf zu spielen?

Albert Bolliger: Wunderbar, obwohl es sich nur um eine ganz kleine und nur bedingt um die älteste spielbare Orgel handelt. Als eine „Schwalbennestorgel“ ist sie hoch oben an der Mauer aufgehängt. Das älteste Register geht zurück auf etwa 1450.

Was ist das Besondere an historischen Orgeln?
Ihre Einmaligkeit. Bevor im 19. Jahrhundert eine Orgelbauindustrie entstand, war jede Orgel ein Unikat und jedes Land hatte seinen eigenen Orgeltypus. Die iberischen Orgeln etwa zeichnen sich unter anderem durch horizontal herausragende Pfeifen aus, die sogenannten „spanischen Trompeten“. In Frankreich wirkten im 18. Jahrhundert große Orgelbauer. Ohne Aristide Cavaillé-Colls Neuerungen hätte César Franck seine Stücke nicht so schreiben können. Großartig war die Orgelbautradition in Norddeutschland.

Unter Ihren Aufnahmen findet sich auch eine auf einer Bambusorgel. Wo war das?

In Las Piñas, einem Vorort von Manila, auf den Philippinen. Der spanische Missionar Diego Cera baute Anfang des 19. Jahrhunderts diese Orgel, die mit Ausnahme der „spanischen Trompeten“ ausschließlich aus Bambuspfeifen besteht. 1973 reiste sie, baufällig geworden und von Insekten befallen, nach Deutschland. In Bonn wurde sie in einem Raum, der tropisches Klima simulierte, von Orgelbau Klais wieder in Stand gesetzt.

Nach Taiwan wurden Sie sogar als Artist in Residence eingeladen …

Das war eine großartige Erfahrung. Ich bewohnte ein eigenes Häuschen am Yangmingshan. Es gab zwar noch wenige Orgeln auf der Insel. Aber das erlaubte eine vielseitigere Tätigkeit. Und es wurde gerade die große Orgel im Konzerthaus Taipeh gebaut.

Sie waren als Organist in der ganzen Welt unterwegs. Wo befanden sich die Orgeln, an denen Sie spielten?

Im Wesentlichen in Kirchen, aber auch in Konzertsälen wie in Seoul, im Auditorium von Mexico City oder in Barcelona im Palau de la Música, einem wunderbaren Palast mit einer herrlichen Glaskuppel. In Moskau durfte ich im Tschaikowsky-Saal spielen und in St. Petersburg, das damals noch Leningrad hieß, in der Philharmonie. Auch in der Ukraine, in Moldawien und im Baltikum trat ich auf. Leider wurde nach dem politischen Wechsel die Orgelkultur vom Staat nicht mehr gefördert.

Welche der vielen Orgeln ist Ihr Lieblingsinstrument?

Ich hatte das Glück, an einigen der schönsten Orgeln der Welt zu spielen. Die letzte, noch unveröffentlichte Aufnahme durfte ich an der prachtvollen Chororgel der Kathedrale von Segovia machen.

1990 gründeten Sie den Sinus-Verlag, in dem seither Ihre Orgelaufnahmen erscheinen. Was veranlasste Sie dazu?

Meine erste Aufnahme erschien bei Teldec. Dann kam ich zu Ex Libris. Nach ein paar Jahren beschloss ich, die Veröffentlichung meiner Aufnahmen selbst in die Hand zu nehmen. Ich begann mit vier CDs. Dass ­es mal 40 sein würden, hätte ich nicht gedacht.

Nun haben Sie aber nicht nur Orgel, sondern auch Russistik studiert. Woher kam diese Begeisterung für die russische Sprache?

Sprachen und Literatur interessierten mich schon sehr früh. Sie verschönten mir später die Konzertreisen. Russisch studierte ich fünf Jahre im Nebenfach.

Dieses Interesse schlug sich auch in Ihrem Verlagsprogramm nieder. Ab 2005 nahmen Sie Hörbücher ins Programm und brachten Aufnahmen russischer Literatur heraus …

Till Hagen las für uns die großartigen Erzählungen Der Herr aus San Francisco von Iwan Bunin und Nikolaj Leskows Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk, nach der Schostakowitsch seine Oper schrieb. Mit der Aufnahme von Michail Bulgakows Satire Das hündische Herz, gelesen von Ulrich Matthes, erreichten wir Platz eins der hr2-Hörbuchbestenliste, ebenso mit Fjodor Dostojewskis von mir neu übersetztem Poem Der Großinquisitor.

Wollen Sie den Verlag zukünftig ganz auf Hörbücher ausrichten?

Fast ganz. Mittlerweile gibt es kaum noch Musikläden, die CDs verkaufen. Die Buchhandlungen liegen zwar ebenfalls in der Agonie. Doch ich halte mich an Schillers Bonmot, man solle die Köpfe wägen und nicht zählen. Unsere Hörbücher sind insofern einzigartig, als wir den Lesetext mitdrucken und kommentieren.

Welche weiteren Veröffentlichungen planen Sie?

Wir setzen die Conrad-Ferdinand-Meyer-Gesamtedition fort. Gerade erschien Angela Borgia, gelesen von Eva Mattes. Es folgt die Versnovelle Engelberg, die dialogisch von 15 der besten Sprecher gelesen wird. Ulrich Matthes, Christian Brückner, Frank Arnold und Eva Mattes sind dabei. Mit den Gedichten bringen wir die Edition zum Abschluss.

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