Zum Schmelzen: Alison Balsom

(Alison Balsom)

Seit Alison Balsom mit einem James-Bond-Regisseur liiert ist, interessiert sich plötzlich auch der Boulevard für die Trompeterin. Dabei ist sie in der Klassikszene schon lange der Inbegriff einer neuen, sehr selbstbewussten Künstlergeneration.

Wie relativ ist doch Berühmtsein. Anfang Oktober dichtete die englische Boulevardzeitung Daily Mail: „Winslet’s ex Mendes falls for Trumpet Crumpet.“ Sinngemäß – und halbwegs salonfähig ausgedrückt – heißt das ungefähr: „Winslets Ex-Mann Mendes verknallt sich in heiße Trompeterin.“ Winslet ist natürlich die Hollywoodschauspielerin Kate Winslet, der Regisseur Sam Mendes, um den es geht, taucht immerhin namentlich auf – doch wer nun die bewusste Trompeterin ist, verrät die Überschrift nicht.

Dabei ist die Engländerin Alison Balsom selbst ein Star, sie räumt vom ECHO Klassik bis zum Gramophone Award regelmäßig die begehrtesten Auszeichnungen ab. Aber sie ist eben ein Star der Klassikwelt. Und die, das beweist die Schlagzeile der Daily Mail einmal mehr, ist im Boulevard zum Glück noch eine Nische.

Balsom tut das Ihrige dazu, das zu ändern. Wenige Interpreten sind so unermüdlich als Botschafter ihres Instruments unterwegs wie sie. Die 38-Jährige spielt barockes Repertoire genauso engagiert, wie sie zeitgenössische Werke uraufführt. Zugleich hat sie keine Scheu, die Tempel der Hochkultur zu verlassen. Neben ihrem Pensum an herkömmlichen Konzerten, zehn pro Monat sind keine Seltenheit, absolviert sie auch Auftritte vor dem ganz breiten Publikum. Sie war bei der Londoner „Last Night of the Proms“ und der „The Late Show with David Letterman“ zu Gast, ihre YouTube-Clips sind kaum zu zählen, die Nutzerkommentare euphorisch. „Schön, intelligent und mit einem Lächeln, das das Herz zum Schmelzen bringt“, seufzt einer. „Sie ist einfach wunderbar.“

Mit anderen Worten: Balsom ist die ideale Projektionsfläche, ein Glücksfall für jede Marketingabteilung. Entsprechend werden ihre grazile Gestalt und ihr Mädchengesicht für jede ihrer CD-Produktionen inszeniert: Balsom dramatisch in großer Robe, Balsom cool in alten Jeans, Balsom androgyn im Hosenanzug. Ein Vollprofi auch in der Außendarstellung.

Zum Gespräch in einem Hamburger Hotel erscheint sie perfekt geschminkt in herbstlich dezenter Kleidung. Sie ist mal eben für einen Tag von London hergeflogen. Ihren sechsjährigen Sohn hat sie vorher noch zur Schule gebracht, aber von Hetze oder Müdigkeit ist ihr nichts anzumerken. Sie setzt sich, bestellt mit leiser Stimme ein Glas Wasser und ist spürbar ganz da, ganz im Moment. Hört zu und denkt nach, bevor sie antwortet, anstatt Standardsätze abzuspulen. Die durchgestylten, platinblonden Hochglanzbilder sind bald vergessen. Balsom spricht über ihr Instrument wie über einen guten Freund: voller Liebe und mit einer Detailkenntnis, die längst nicht bei jedem Musiker anzutreffen ist.

„Die moderne Trompete steckt immer noch in den Kinderschuhen“, sagt sie. „Unsere Aufführungstradition reicht sehr kurz zurück. Wir haben keinen Paganini wie die Geiger.“ Und dann schwärmt sie von Kollegen wie Reinhold Friedrich oder Tine Thing Helseth: „Es gibt so viele Arten, Trompete zu spielen!“

Jeder glaubt, die Trompete zu kennen. Doch wenn Balsom davon erzählt, tun sich Welten auf. Maurice André nennt sie einen Pionier, er habe die Piccolotrompete überhaupt erst bekannt gemacht. Mit Hingabe schildert sie die unterschiedlichsten Modelle, erklärt Züge, Klappen und Löcher, die klanglichen Eigenheiten großer und kleiner Instrumente und die Bedeutung der modernen Pumpventile, die im frühen 19. Jahrhundert in Paris erfunden wurden.

Eine Kostprobe dieser Vielfalt bietet die jüngste CD „Jubilo“. Balsom feiert, jahreszeitlich passend, die Barockzeit mit Werken von Bach, Corelli, Torelli und Fasch. „Ich wollte den Glanz der Epoche hörbar machen“, sagt sie. „Sie war das goldene Zeitalter der Trompete.“ Dazu hat sie einen illustren Kreis von Mitstreitern versammelt: Stephen Cleobury leitet den Choir of King’s College Cambridge und begleitet Balsom, die auf der modernen Trompete Bach-Choräle und Choralvorspiele spielt, an der Orgel der Kapelle des King’s College. Für das Musizieren mit der Academy of Ancient Music unter Pavlo Beznosiuk verwendet Balsom die im Barock übliche Naturtrompete.

Man muss den Wechsel zwischen historischem und modernem Instrumentarium und die Wahl unterschiedlicher Stimmtonhöhen dramaturgisch nicht für gelungen halten, aber erhellend ist es allemal, was Balsom sich dabei gedacht hat.

Etwa, dass sie die Sekundschritte in Melodiestimmen der Bach-Choräle mit der Naturtrompete schlicht nicht hätte spielen können. Das Instrument hat eben nicht mehr Töne als die Naturtonreihe, und das sind in der Gegend um den Kammerton A herum nur einige, für unsere Ohren obendrein häufig unsauber klingende.

Erst in höheren Lagen kann die Naturtrompete auch diatonisch spielen. Das ist der Grund, weshalb das barocke Solorepertoire so hoch liegt. Für die Zeitgenossen war es höchst anspruchsvoll. Die wenigen guten Spieler genossen gesellschaftliche Anerkennung weit über ihre Zunft hinaus.

Es braucht eine perfekte Beherrschung der Lippenspannung, um die eng benachbarten Naturtöne zu erwischen und bei Bedarf die Intonation auszugleichen. Der Lohn der Mühe ist ein farbiger Klang, der der menschlichen Stimme näher ist als der Klang der modernen Trompete. „Ich liebe diese Variabilität“, sagt Balsom. „Mit der Naturtrompete kann ich mich ins Ensemble mischen.“

Balsom verfügt über eine ganze Palette an Ausdrucksnuancen und intimeren Klangschattierungen. Sie gehört einer Generation von Trompetern an, die nicht mehr ausschließlich dem metallischheroischen Klangideal huldigen. Die Trompete kann eben auch anders, mag ihr auch spätestens seit ihrem biblischen Auftritt auf dem Schlachtfeld vor Jericho der Ruf eines Kriegsinstruments anhängen.

Balsoms Neugier und stilistische Offenheit kommen nicht von ungefähr. Ihr Lehrer am Pariser Conservatoire war der Schwede Håkan Hardenberger, der mit seinem wandlungsfähigen Spiel und zahlreichen Kompositionsaufträgen den Imagewandel der Trompete mit herbeigeführt hat.

Eine zierliche Frau an einem über Jahrhunderte männlich konnotierten Instrument, auch das dürfte zu Balsoms Erfolg beigetragen haben. Doch so mädchenhaft sie auf der Bühne lächelt, für eine Karriere wie die ihre braucht es Stehvermögen. Balsom weiß genau, wie viel sie von sich preisgibt – oder wie wenig. Dass ihr neuer Lebensgefährte Sam Mendes auf einem anderen künstlerischen Gebiet arbeitet – die meisten dürften ihn als Regisseur zweier James-Bond-Filme kennen –, findet sie nicht weiter bemerkenswert: „Ich liebe viele Kunstformen. Kreative Leute haben sich immer etwas zu sagen.“ Mehr verrät sie nicht über die Liaison.

Es geht hier schließlich um die Trompete, und wir sind nicht der Boulevard.

Alison Balsom Live auf Jubilo Tour
12.12.: Osnabrück, Europa-Saal
13.12.: Nürnberg, Meistersingerhalle
14.12.: Hamburg, Laeiszhalle
16.12.: Braunschweig, Stadthalle
17.12.: Hannover, NDR Landesfunkhaus
18.12.: Düsseldorf, Tonhalle

Aktuelle CD:

„Jubilo“
Bach, Corelli,
Torelli, Fasch

(Warner)
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