Andreas Ottensamer: Meine Familie & ich

(Andreas Ottensammer. Foto: Anatol Kotte, Mercury Classics / DG)

Vater und Bruder sind Klarinettisten bei den Wiener Philharmonikern, er selbst darf nun sein erstes Soloalbum veröffentlichen. Andreas Ottensamer über Konkurrenz im eigenen Haus und Parallelen zum Sport. 

crescendo: Ihre Mutter ist Cellistin, Ihr Vater und Ihr Bruder sind Klarinettisten bei den Wiener Philharmonikern. Das klingt nach viel Musikthemen beim Abendessen …
Andreas Ottensamer: Im Gegenteil, wir waren gar nicht so fixiert auf dieses eine Thema. Alle sind vielschichtig interessiert, ich war immer perplex, wenn in anderen Familien nur über Musik gesprochen wurde. Musik war für uns das Natürlichste auf der Welt.

Sie fingen mit dem Klavier an, spielten dann Cello und griffen erst später zur Klarinette.
Auf der Klarinette kam ich sehr schnell voran. Sich allerdings beruflich dafür zu entscheiden, war eine andere Sache. Schließlich muss man die Chancen bedenken, ob drei aus einer Familie mit demselben Instrument erfolgreich sein können. Aber wenn man einmal Feuer gefangen hat, kommt man nicht davon los. Es ist eine einzigartige Konstellation. Alle Logik spricht dagegen. Die Entscheidung, Musik zu machen, ist aber erst vor etwa vier Jahren gefallen.

Was gab den Ausschlag?
Dass ich die Stelle bei den Berliner Philharmonikern bekommen habe. Eines wusste ich: Wenn ich Musik mache, dann nur auf höchstem Niveau. Ich wollte keinen Kompromiss eingehen. In einer Familie wie der meinigen liegt die Latte hoch.

Gibt es einen großen Unterschied zwischen der Klarinettenspielkultur der Wiener Philharmoniker und den Berlinern?
Die Wiener Klarinette mit ihrem etwas dunkleren, voluminösen Klang, der dort sehr gepflegt wird, hat schon längst den Einzug bei den Berlinern gehalten, mit Leuten wie Alois Brandhofer und Wenzel Fuchs, dem aktuellen Soloklarinettisten, der gemeinsam mit meinem Vater in Wien studiert hat.

Auf Fußball wollten Sie dennoch nicht verzichten, Sie gründeten mit Ihrem Bruder und Freunden 2007 ein Fußballteam. Wo stehen Sie? Im Tor? Oder sind Sie der Libero?

Nein, ich bin im zentralen Mittelfeld. Der Spielmacher …

… und im Klarinettentrio „The Clarinotts“, in dem Sie mit Ihrem Vater und Ihrem Bruder Daniel spielen?

(Lachen) Da habe ich mir als Jüngster den Respekt erspielt! Glauben Sie mir: Die Proben sind bei uns nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen und auch nicht gerade unsere Stärke. Tausend Sachen laufen schief, aber wir regen uns gar nicht darüber auf, weil wir wissen, dass es beim nächsten Mal wieder gut geht.

Haben Sie Parallelen zwischen der Musik und dem Sport finden können?

Absolut. Ganz maßgeblich ist es eben, wenn man als Kind schon in Berührung mit einer gewissen Disziplin kommt. Man gewinnt eine ganz besondere Einstellung. Man lernt, sich einer Sache voll hinzugeben. Wenn man lernt, die Dinge sprichwörtlich unter einem sportlichen Aspekt zu betrachten, dann hilft einem das sehr. Auch in der Musik.

Höher, weiter, schneller – sprich besser, heißt es doch im Sport. Ist das auch gut in der Musik?

Nein, auf die Interpretation ist dies nicht unbedingt zu übertragen. Eher auf die mentale Einstellung im Hinblick auf die Kunst und die Arbeit, die hinter jeder Interpretation steckt. Ich bewundere jeden Hochleistungssportler, wie er seinen Körper mit seinem Geist antreibt. Dazu gehört Willenskraft und Motivation, um dem Körper diese Leistungen abzugewinnen. Und damit meine ich, dass man diese Qualitäten und Charaktereigenschaften überall in seinem Leben anwenden kann, und somit auch beim Klarinettenspiel. Musik hat natürlich nichts mit Leistungssport zu tun.

Im Februar nahm Sie die Deutsche Grammophon unter Vertrag, als ersten Soloklarinettisten in der über hundertjährigen Geschichte des Labels. Warum ist Ihr Instrument so wenig populär?
Ich verstehe die Frage. Klarinette ist vielleicht kein so vordergründig populäres In-strument geworden wie die Geige oder das Klavier, für die es natürlich ein unglaublich umfangreiches Repertoire gibt. Aber wenn man die Holzbläsergruppe anschaut, dann ist die Klarinette das einzige In­strument, für das romantische Konzertliteratur geschrieben wurde. Denken Sie an Carl Maria von Weber, Louis Spohr, und in der Klassik besonders an Mozart. Dann die französische Schule um Poulenc und Debussy bis hin zum Jazz. Und nicht zu vergessen: die Kammermusik, Brahms etc. Das sind großartige und unglaubliche Werke. Also wir haben schon zu tun.

Auf Ihrer jetzt erscheinenden CD „Portraits“ …

… spiele ich ein Konzert von Domenico Cimarosa, der eigentlich ein Komponist komischer Opern war, ein Zeitgenosse Mozarts. Er hat um 1780 Klaviersonaten komponiert, und daraus hat Arthur Benjamin 1942 ein Konzert für Klarinette und Streicher arrangiert. Es klingt wie eine Arie und wie eine Ouvertüre, das war wunderbar für mich, der ich aus Wien komme.

Und dann ist noch das Klarinettenkonzert Nr. 1. von Louis Spohr von 1808.
Spohr musste sein. Er war ja eigentlich Geigenvirtuose, und es ist sehr interessant zu sehen, welchen Einfluss das auf sein Klarinettenkonzert hat. Ich wollte den  lyrischen Charakter herausheben in diesem technisch sehr anspruchsvollen Konzert, das auch seine dramatischen Effekte hat. Das ist ja schön und gut, aber irgendwie muss die Klangqualität auch da sein. Das ist mir sehr wichtig. Dieses Konzert steht leider oft im Schatten des Klarinettenkonzerts von Carl Maria von Weber.

Und last but not least: das Klarinettenkonzert von Aaron Copland.
Das machte am meisten Spaß! Das geht so richtig ab! Mit den Jazzrhythmen. Es harmoniert aber wunderbar mit dem restlichen Repertoire.
Bevor wir hier enden, noch eine persönliche Frage: Im Internet kursieren Bilder von Ihnen als Unterwäschemodel …
Naja, betrachten wir es unter diesem Aspekt: Ich war jung und brauchte das Geld! (lacht).

Andreas Ottensamer: Portraits – The Clarinet Album
Deutsche Grammophon (Universal)

Termine:

So., 21.07.2013 Schloss Johannisberg
Händel, Mozart, Strauss, Takáks u.a.
The Clarinotts, Rheingau Musik Festival

So., 21.7.2013 Würzburg, Mainfranken Theater,
The Clarinotts

Do., 5.9.2013 Traunstein, Klosterkirche

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