Andrés Orozco-Estrada: Romantik aus Medellín

Man liest ihm jede Emotion vom Gesicht ab: Andrés Orozco-Estrada im Konzert.

Tänzer am Pult, Pragmatiker bei der Wahl des Wohnortes und privat träumerischer Denker. Als Chefdirigent des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich mischte Andrés Orozco-
Estrada Österreich auf, jetzt wechselt er nach Frankfurt und Houston.

Wiener Musikverein. Andrés Orozco-Estrada betritt die Bühne mit schnellen, zielgerichteten Schritten. Ein begrüßender Blick zum applaudierenden Publikum, eine kleine, fast unmerkliche Geste mit der linken Hand. Und noch während er sich zum Orchester umdreht – wenige Sekunden ist er erst auf der Bühne – gibt er den Orchestereinsatz zu Mozarts g-Moll-Sinfonie. Ein Überraschungsmoment für Publikum und das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, das spontan und aufmerksam reagiert – die Musiker kennen ihren südamerikanischen Chefdirigenten gut, das merkt man. Orozco-Estrada hat diese besondere Energie am Dirigentenpult. Sein Dirigat und seine Mimik erzählen die Geschichte der Musik mit. Er tanzt dort oben. Und sein Orchester tanzt mit.

crescendo: Gerade spielten Sie im Wiener Musikverein ein Mozart-Programm. Einen sehr modernen, völlig entstaubten, entschlackten Mozart konnten wir dort erleben. Was war die Idee hinter der Dramaturgie des Abends?
Andrés Orozco-Estrada: Der wichtigste Ansatz war: wieder Mozart zu spielen. Ich habe den Eindruck, dass mittlerweile in vielen Orchestern, besonders in den groß besetzten Sinfonieorchestern, immer weniger klassisches Repertoire gespielt wird. Das ist auch bei uns so, und das ist schade. Denn wir wissen: Diese Musik ist die Basis des Orchesterspiels und die wirklich detaillierte Arbeit. Diese Musik auf höchstem Niveau zu spielen, ist fast das Schwierigste, das es gibt. Weil ich nicht in einer riesengroßen Sinfonieorchesterbesetzung spielen wollte, kam mir die Idee, das Orchester in zwei Hälften zu teilen – und mit jeder Hälfte einen anderen Teil des Mozartprogramms zu erarbeiten.

Eine schöne Idee!
Das schon, das war eine sehr lustige Idee – nun hoffe ich aber inständig, dass die Politiker nicht glauben, dass ein halbes Orchester ja auch reicht. Das ist mir erst hinterher eingefallen, dass da jemand auch die falschen Signale rauslesen könnte.

Sie sagten kürzlich, Ihr Ziel wäre es, für das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich einen unverwechselbaren Klang zu prägen. Wie klingt er denn, ihr Optimalklang?
Ich wünsche mir eine deutliche Aussprache. Dass man durch klare Artikulation, Phrasierungen und Dynamik die Musik versteht. Dass Motive und Thematiken ihren Platz haben und die Struktur deutlich wird. Auf der anderen Seite ist mir wichtig, bei aller Lebendigkeit, Energie und schnellen Tempi doch einen runden Klang zu bewahren. Man kann vital und artikuliert spielen, ohne dass es zu hart oder brutal klingt.

Lassen Sie sich in Ihrer Ästhetik von den Kollegen beeinflussen? Haben Sie eine dirigentische Prägung?
Am Ende sind es eher Kombinationen, die mich inspirieren. Je nach Stilrichtung. In der Wiener Klassik interessiert mich die „neue“ Art, dieses Repertoire zu spielen. Sei es Harnoncourt oder Gardiner. Ich habe alle Bücher Harnoncourts gelesen und eigene Recherchen gemacht – die Schulen von Leopold Mozart und Quantz gelesen. Ich bin kein Spezialist in einem bestimmten Repertoire, aber ich möchte alles wissen, was mir möglich ist zu wissen. Im Grunde habe ich aber, unabhängig vom Dirigenten, eine eigene Klang-Vorstellung. Wenn ich ein neues Stück erarbeite, höre ich viele Aufnahmen von Kollegen an und versuche daraus für mich die Passagen zu ziehen, die am nächsten an meiner eigenen Interpretation des Stückes liegen. Manchmal ist das nur ein Takt von einer Aufnahme, die so gespielt wird, wie ich es mir vorstelle – mal ein ganzer Satz. So entsteht eine Art Collage. Für mich ist es klar geworden, dass ich nicht meine eigenen Ideale verliere, wenn ich mich von Aufnahmen inspirieren lasse. Ich bin ein Mensch des 21. Jahrhunderts, da wäre es doch sinnlos, wenn ich die bestehenden Aufnahmen nicht
anhören würde.

Sprechen wir über Ihre dirigentischen Anfänge: Schon mit 19 Jahren verließen Sie Ihre kolumbianische Heimat und zogen nach Wien. Warum ausgerechnet Wien?
Wien, bedeutete für mich: Tradition, Schule und eine besondere Geschichte des Landes. Das hat mich sehr interessiert. In der Musikschule in Medellín, die ich besuchte, hatten wir Musikgeschichte und hörten von Wien als Zentrum des musikalischen Geschehens – wir sprechen vom Wien der 60er Jahre. Damals gab es mit Hans Swarowsky noch den einen Lehrer, der viele Dirigenten dieser Generation formte: Zubin Mehta, Claudio Abbado, Mariss Jansons. Ich dachte mir: Dort muss wirklich etwas Besonderes unterrichtet werden! Swarowsky habe ich dort nicht mehr erlebt, aber mein Lehrer hat seine Tradition weitergegeben.

Mittlerweile sind Sie seit 15 Jahren in Wien. Haben Sie Heimweh nach Kolumbien und werden eines Tages dorthin zurückkehren?
In meinen Idealen – sei es musikalisch oder privat – bin ich romantisch, aber ein Teil von mir ist auch ein sehr pragmatischer Mensch. Meine Möglichkeiten hier sind wesentlich größer als in Kolumbien, außerdem habe ich mittlerweile meine Familie hier. Für mich ist es aufgrund meiner musikalischen Verträge im Moment undenkbar, nach Kolumbien zurückzukehren – aber ich versuche jedes Jahr mindestens einmal dorthin zu fliegen.

Sie haben kürzlich zwei neue große Engagements an Land gezogen: Sie werden Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters in Frankfurt und des Houston Symphony Orchestra in den USA.
Ja – und zufällig liegen die beiden Städte logistisch sogar ganz gut: Von Wien komme ich problemlos nach Frankfurt und von Frankfurt fliegt zweimal am Tag ein Direktflug nach Houston – und das sogar mit diesem ganz großen Flugzeug, dem A380! (lacht) Das ist bestimmt beim ersten mal lustig, aber bald wird es anstrengend sein, zwanzig mal im Jahr hin und her zu fliegen. Da kommt wieder der romantische Teil in mir zum Vorschein: Denn meine Motivation ist so groß, nun auch in Amerika einen neuen Teil meines musikalischen Ichs zu entdecken, dass ich das in Kauf nehme.

Freuen Sie sich auf die neuen Herausforderungen?
Auf jeden Fall! Es sind ganz unterschiedliche Herausforderungen, die auf mich zukommen: In Amerika treffe ich auf eine ganz andere Kultur. Dort ist man neben seinen musikalischen Aufgaben als „Musical Director“ auch das Gesicht des Orchesters und mit für Sponsoring verantwortlich. In Frankfurt übernehme ich ein Orchester auf sehr hohem Niveau. Hier muss man ein bisschen mehr Probenzeit einplanen, um an Details zu feilen – denn oft sind Konzerte mit Radio-Aufnahmen verbunden, da ist alles, was man spielt, für immer und ewig festgehalten. Die Orchester sind eigene Universen!

Kann es dann passieren, dass sich Ihre musikalische Ausrichtung, je nach Orchester, unterschiedlich entwickelt?
Das kann passieren. Das hr-Sinfonieorchester hat einen sehr schönen Streicherklang, sehr präzise, kompakt, kraftvoll – aber mittlerweile auch sehr flexibel in der Spielkultur. Die Holzbläser sind in absoluter Bestform – man kann viel herausholen, die Soli richtig genießen! In Houston ist man dagegen etwas pragmatischer, vielleicht etwas konkreter und sogar noch kompakter. Dort entwickelt sich, auch durch die straffer organisierte Probenarbeit, bei der man schnell ans Ziel kommen muss, ein anderer Klang. Am Ende auch eine andere Art, Musik zu empfinden und an das Publikum weiterzugeben. Die Mentalität in Amerika ist trotz allem etwas extrovertierter, besonders von Publikumsseite aus.

Hätten Sie rückblickend etwas anders gemacht in Ihrer Karriere?
Nein, gar nichts! Ich weiß: was ich tue, hat eine Basis, ein Verständnis. Das verdanke ich auch dieser Kombination: Ich komme aus Kolumbien. Ich bin Südamerikaner, kann spontan sein und lustig (lacht) – aber ich habe hier schon mit 19 Jahren eine völlig neue Sprache und neue Kultur kennengelernt.

Was bedeutet für Sie Authentizität?
Es ist die wichtigste Eigenschaft, die ein Mensch haben kann. Dafür muss man immer auf dem Weg sein, sich neu zu finden.

Wenn Sie nicht Dirigent geworden wären, dann…?
(lacht) Es hätte zwei Alternativen gegeben. Zum einen: Fußballer. Ich habe viel Fußball gespielt in Kolumbien – aber ich bezweifle, dass ich so erfolgreich gewesen wäre, dass ich es nach Europa geschafft hätte! Was ich außerdem immer gern gemacht habe, und das ist auch jetzt noch Teil meines Jobs, ist das Zuhören. Psychologie wäre also auch eine Option gewesen.

Welchen großen Wunsch möchten Sie sich gerne noch erfüllen – sei es musikalisch oder privat?
Ich habe viele große Wünsche – weil ich viel träume. Aber in Kolumbien sagt man: Ein Wunsch geht nicht in Erfüllung, wenn man ihn verrät. Aber ich verspreche Ihnen: Wenn einige dieser Wünsche erfüllt werden, dann erzähle ich Ihnen, welche es waren.

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