Arabella Steinbacher:
“Man muss sich selbst treu bleiben”

(Foto: Bob Coat)

Arabella Steinbacher hat die zwei völlig unterschiedlichen Violinkonzerte von Sergei Prokofiev eingespielt. Bei einer Tasse Tee verriet sie uns, dass sie von der Musik des russischen Komponisten fasziniert ist und dass sie schon in jungen Jahren lernte, verantwortungsvoll mit ihrer Karriere umzugehen.     

Um Arabella Steinbacher irgendwo einordnen zu wollen, könnte man mit einer Episode aus ihrer Karriere beginnen: Im ersten Satz der „Jahreszeiten“ von Astor Piazzolla reißt ihr bei den Weilburger Schlosskonzerten eine Saite. Ein markerschütternder Knall fährt durch die Kirche, hallt an den alten Wänden wider.
Manchem Konzertbesucher stockt der Atem. Das Orchester spielt weiter und die damals 26-Jährige Solistin setzt ohne Tragik die Geige ab, greift intuitiv nach dem Instrument des Konzertmeisters und spielt weiter. Innerhalb von nicht mal zehn Sekunden tauschen die beiden Musiker ihre Geigen und sie beendet den Satz als wäre nichts gewesen. Wer gerade geblinzelt hatte, bekam den Moment gar nicht mit.

Arabella Steinbacher ist in diesen Momenten eine Meisterin der Konzentration. Bei Konzerten reduziert sich ihr Leben auf die Musik, das Orchester – und das Instrument. Beim Spielen schließt sie die Augen, es ist eines ihrer Markenzeichen. Einmal spielte sie in Amerika eine Bach-Chaconne, 15 Minuten lang. Kurz vor Schluss öffnete sie ihre Augen einen Spalt breit, und stellte fest, dass sie nicht mehr das Publikum sehen konnte, sondern eine Wand! Sie hatte sich beim Spielen irgendwie – ohne dass sie es bemerkt hatte – umgedreht und war mit dem Rücken zum Publikum auf der Bühne gestanden. Sie sagt, das sei am Ende sogar ein lustiges Bühnenerlebnis gewesen. „Die Zuschauer dachten, das gehört zur Interpretation!“

Arabella Steinbacher erzählt die Geschichte beim Tee in der Bar des Münchner Palace Hotels. Im Nebenraum sitzt rein zufällig die Sängerin Anna Prohaska, der Cellist Renaud Capuçon grüßt kurz mit doppeltem Küsschen, später läuft noch Cellistin Sol Gabetta durchs Foyer. Arabella Steinbacher ist mindestens so dick im Geschäft wie Gabetta und Prohaska. Aber wenn man mit ihr in ihrer Heimatstadt grünen Tee trinkt, wirkt sie dabei so herrlich unprätentiös. Nur die obere Hälfte ihres Gesichts irritiert manchmal ein wenig, denn zum eher europäischen Gesamtwesen gesellen sich leicht asiatische Mandelaugen. Ihre Mutter stammt aus Japan. Vater Alexander war ein angesehener Pianist, der sich auch um die Förderung junger Sänger bemühte.

Die Musiker-Gene haben die Eltern früh gefördert: Im Alter von drei Jahren hielt Arabella das erste Mal eine Geige am Hals. „Ich war ein sehr energiegeladenes Kind, meine Eltern wollten mir irgendwas in die Hand geben. Ich hatte direkt viel Spaß und die Geige war am Anfang wie ein Spielzeug für mich,“ beschreibt sie die ersten Erfahrungen mit dem Instrument. Sie begann schnell mit dem Unterricht und lernte das Geigenspiel nach der bekannten Suzuki-Methode: „Für den Anfang war es eine tolle Methode, weil das Musizieren in der Gruppe dabei so wichtig ist“, erinnert sie sich. Bereits mit neun wurde sie Studentin an der Münchner Musikhochschule bei der renommierten Geigenprofessorin Ana Chumachenco. Chumachenco hat ein gutes Händchen für Talente: Neben Steinbacher gingen unter anderem Julia Fischer, Lisa Batiashvili und Veronika Eberle aus ihrer Klasse hervor.

„Lustigerweise werde ich von allen gefragt, warum Frau Chumachenco mit uns so erfolgreich war“, sagt Steinbacher. „Ich glaube, sie ist für uns alle ein bisschen ‚Mutter-Figur‘: Sie war streng, aber sie hat uns alle unseren Weg gehen lassen. Sie hat sehr viel gefordert, aber auf liebevolle Art. Auf mich hat sie sehr gut aufgepasst und mich davon abgehalten, gleich wahnsinnig viele Konzerte zu spielen. Ich wäre auch völlig der falsche Typ für einen Unterricht gewesen, in dem der Schüler nur zum Erfolg gedrescht wird. Ana Chumachenco hat gemerkt, wie sensibel ich auf manche Dinge reagiere und hat mich erst einmal viel Repertoire lernen lassen. Sie war insgesamt 13 Jahre meine Lehrerin und davon profitiere ich noch heute.“

Ein Name, der in Arabella Steinbachers Biografie auch immer wieder fällt, ist der des mittlerweile 90-jährigen israelisch-französischen Violinisten Ivri Gitlis. Auf ihn angesprochen, sagt sie: „Er ist für mich eine große Inspirationsquelle und es bereichert mich sehr, dass ich mit ihm arbeiten kann. Mit 19 Jahren stand ich das erste Mal bei ihm vor der Tür. Ich war nervös, weil ich wusste: Ich klopfe da bei einer echten Legende.“ Sie erzählt die Geschichte, wie Ivri Gitlis ihr die Tür öffnete und erst einmal fragte, ob sie einen Whisky möchte. Er liebe es, jemanden ein bisschen aus dem Konzept zu bringen. Das wisse jeder, der ihm schon begegnet ist und es sei gut, „denn dann ist die Atmosphäre erstmal gelockert“, lacht Steinbacher. „Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden. Damals, vor zehn Jahren, war ich oft bei ihm in Paris und konnte in der Wohnung über ihm wohnen. Für mich war das sehr beeindruckend, weil er ganz anders war, als alle, die ich vorher kennengelernt hatte.“

Steinbacher ist zunächst mit eher klassischem Repertoire erzogen worden. Sie spielte in der Jugend viel Mozart, Beethoven und Schubert. „Ein perfekter Einstieg,“ findet sie, „denn es ist solistisch wahnsinnig schwierig: man muss ein großes Augenmerk auf die Intonation legen – man hört alles! Aber mein Wunsch, danach anderes Repertoire zu lernen, war natürlich groß. Ich hatte eine totale Sehnsucht nach der Musik des 20. Jahrhunderts.“

"„Alte Aufnahmen hören ist wie alte Filme schauen.“"

Die hat sie sich mit einer Khatschaturian-Einspielung erfüllt. Dann Fauré, Poulenc, Ravel. Bartók, Dvořák, Berg. Für ihr neues Album hat sie Prokofievs Violinkonzerte eingespielt: „Das erste Violinkonzert ist für mich wie eine Märchenwelt, es ist sehr verträumt. Das zweite ist etwas herber, komponistisch durchstrukturierter, teilweise wilder. Die Konzerte sind sehr unterschiedlich, das macht es spannend. Und die Werke begleiten mich seit meinem Teenageralter. Ich habe damals zwei tolle Aufnahmen immer wieder gehört: Eine von Itzhak Perlman und eine von David Oistrakh – natürlich zwei völlig unterschiedliche Klänge.“ Und ihre eigene Interpretation? „Ich fühle mich der russischen Spielart näher, wobei ich mein Geigespiel nicht als russisch geprägt bezeichnen würde. Man findet mit der Zeit einfach seine eigene Stimme.“ Sie höre auch mittlerweile kaum noch Aufnahmen an, zumindest keine aktuellen Einspielungen der Werke, die sie interpretiert. „Ab und zu lasse ich mich von richtig alten Aufnahmen inspirieren, weil die einfach völlig anders klingen als alles, was heute gespielt wird. Das erfrischt mich richtig. Das ist, als würde man alte Filme gucken.“

Für das Prokofiev-Album arbeitete sie mit dem Russian National Orchestra und Vasily Petrenko zusammen, der nur einige wenige Jahre älter ist als sie selbst: „Vasily und ich kannten uns vor der Aufnahmesession gar nicht. Wir trafen uns in Moskau, im Januar. Es war irrsinnig kalt, minus zwanzig Grad! Ich habe nur gefroren. Aber irgendwie passte das zur Musik.“ Die Aufnahme fand dann im großen Saal des Moskauer Konservatoriums statt. „Das war für mich ein Traum, dort zu spielen“, sagt Steinbacher, „dieses Gebäude trägt so viel Geschichte mit sich.“ Tatsächlich wurde auch Prokofiev am dortigen Konservatorium ausgebildet – näher kann man sich einem Komponisten, rein räumlich, kaum fühlen. Wie viele andere Solisten ist auch Steinbacher ständig rund um den Erdball unterwegs. Gerade kommt sie aus Seattle, vorher war sie in Baltimore, nächste Woche ist sie in Spanien. Vor Weihnachten spielt sie noch in Wien, England und Barcelona. „Man entwickelt schon seine Taktiken, um mit der ganzen Reiserei umzugehen“, sagt Steinbacher, „aber manchmal hängt mein Kopf schon noch in einem anderen Land, auch wenn der Körper längst wieder zuhause ist.“

"Als ich dann dort in den Katastrophengebieten in Zelten für die Menschen spielte, waren das sehr emotionale Momente. Die Kinder freuten sich sehr. Sie lachten. Die Älteren weinten. "

Und dennoch hatte sie im vergangenen Jahr noch genug Energie, auf eigene Initiative ins Tsunami-Gebiet von Japan zu reisen: Aufgrund ihrer japanischen Mutter fühlt sie eine besondere Bindung zu diesem Land. Sie besuchte Notunterkünfte und versuchte, mit spontan organisierten Konzerten Trost zu spenden. „Musik hat etwas so heilendes, das durfte ich auch selbst oft spüren. Als ich dann dort in den Katastrophengebieten in Zelten für die Menschen spielte, waren das sehr emotionale Momente. Sie hatten alles verloren: ihre Familien, ihr Zuhause. Die Kinder freuten sich sehr. Sie lachten. Die Älteren weinten. Es war irrsinnig anstrengend, aber es hat mir gezeigt, dass man als Musiker auch in solchen Momenten etwas an die Menschen zurückgeben kann.“ Die Aufgabe eines Musikers sei  nicht, bloß im Rampenlicht zu stehen und sich bejubeln zu lassen.

Man könnte ihr nun Taktik unterstellen, um im 21. Jahrhundert, in Zeiten einer pompösen Klassik-PR-Industrie und im Umfeld eines talentierten und zielstrebigen Künstler-Umfelds als Musiker noch aufzufallen, aber so tickt Arabella Steinbacher nicht. „Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man sich selbst treu bleibt“, sagt Arabella Steinbacher, während sie letzte Reste des Tees herunterkippt. Nur so könne man ehrliche Musik machen. „Dieses Show-Getue ist nichts für mich. Das ist sicherlich ganz lustig, aber Musik kann so viel mehr: Wichtig ist, dass die Musik, die man macht, ehrlich gemeint ist, nur dann berührt sie direkt im Herzen. Besonders wenn man sehr jung ist, ist es schwierig, seinen eigenen Weg zu finden. Da kann es passieren, dass man sich umschaut: Was machen denn die anderen? Und man sich deswegen verstellt. Dann muss man ruhig bleiben und seinen eignen Weg finden.“

Arabella Steinbacher: Violinkonzerte 1 & 2/Solo Sonata
Pentatone Classics (CODAEX Deutschland)
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