Auf der Suche nach dem goldenen Vlies – Ektoras Tartanis gründete gerade das Argo Ensemble

Bruckner, Beethoven, Brahms… So oder so ähnlich sehen viele Spielpläne aus. Das neu gegründete Argo Ensemble aus Stuttgart will das ändern: Nichts weniger als eine neue Aufführungskultur der klassischen Musik strebt das junge Orchester an. Im Interview mit crescendo erklärt der 29-jährige Ektoras Tartanis, Gründer und künstlerischer Leiter des Ensembles, welche Ideen er mit seinem Orchester umsetzen will und wie ein neues Ensemble zu einer eigenen Identität findet.

Sie kommen gerade zurück von einem Projekt mit Teodor Currentzis und MusicAeterna. In unserem letzten Gespräch haben Sie dieses Orchester als eines der derzeit besten Ensembles bezeichnet – was fasziniert Sie an MusicAeterna?
Dieses Orchester deckt die ganze Bandbreite der Musik ab – von Alter Musik über Klassik, Romantik und Strawinksy bis hin zu zeitgenössischer Musik. Das ist für mich das Ideal. Dazu kommt: Wir sind zwar heute wissenschaftlich sehr gut informiert, was historische Aufführungspraxis angeht. Aber wichtig dabei ist es, einen Schritt weiter zu gehen, kreativ zu bleiben und nicht einfach nur zu reproduzieren. Ich finde, das macht dieses Orchester sehr gut. Sie spielen sehr inspiriert und fundiert, einfach unglaublich differenziert, weil sie so vielseitig und agil sind.

Jetzt haben Sie Ihr eigenes Orchester gegründet: das Argo Ensemble. Warum?
Als Dirigent hat man gar nicht so viele Optionen, sich frei zu entfalten und sein persönliches künstlerisches Statement zu setzen. Man ist auf ein Team, auf ein Orchester angewiesen, und selbst wenn man eine Position hat, als Chefdirigent oder Generalmusikdirektor, muss man sich an gewisse Richtlinien und Traditionen halten. Das heißt, man hat nicht die absolute künstlerische Freiheit, das umzusetzen, was man gerne hätte. Aber genau das ist für mich immer der Impuls gewesen, Musik zu machen. Es gibt viele Dinge, die ich gut finde am klassischen Musiksystem – aber noch mehr, die verbesserungswürdig sind. Ich bin bereit, alte Formen zu erhalten, wenn sie ihren Zweck erfüllen, aber auch genauso bereit, sie zu zerstören, wenn sie das nicht tun. Das ist das Recht und auch die Pflicht jeder neuen Generation. Es gibt Alternativen, sie sind umsetzbar und sie wirken!

Was ist denn zum Beispiel verbesserungswürdig?
Ganz allgemein: das Konzert selbst. Ich habe ganz wenige Konzerte erlebt, in denen der Konzertsaal zu einem magischen Ort wurde, der Menschen berührt hat. Das ist schade, denn das heißt, dass das Potential der Musik nicht ausgeschöpft wird: sich selbst und die eigenen Grenzen auszuloten, über sich hinauszugehen, sowohl im Tun als auch im Erleben von Musik! Man muss klassische Musik auch nicht immer in Konzertsälen spielen, man kann andere Orte finden und sie durch Musik lebendig machen. Man kann Sparten verbinden, oder man kann die Gattungen verbinden und zum Beispiel in ein Konzert das Opernelement, also das theatralische Moment, hineinbringen. Das kann ineinanderwirken und sich gegenseitig befruchten.

Welchen Platz sehen Sie langfristig für das Argo Ensemble im „Kulturbetrieb“?
Um den Platz zu erringen, den wir wollen – also ganz oben mitzuspielen – müssen wir unsere Idee glaubhaft vermitteln. Wir sind kein Nischenorchester, das zum Beispiel nur auf alten Instrumenten oder nur zeitgenössische Musik spielt. Da gibt es andere, die sehr gut sind. Ich sehe die Position dieses Orchesters darin, dass es durch intelligente, ausgefallene Konzepte eine neue Art des Konzerts vermittelt und neue Wege aufzeigt. Impulse setzen, damit können wir punkten und herausstechen.

Dem „Establishment“ sind ja in letzter Zeit nicht nur positive Eigenschaften zugeschrieben worden. Wenn Sie sagen, Sie wollen mit den großen Orchestern in einem Atemzug genannt werden – kann man dann sagen, Sie wollen sich „etablieren“?
Wenn man etwas Neues und Ausgefallenes macht, ist die Gefahr groß, dass man als Außenseiter-Clown gilt. Das heißt, die seriöse Musik läuft in der Liederhalle ab, und wir sind die Freaks, die in der Lagerhalle klassische Musik machen. So soll es natürlich nicht sein. Es soll aber auch nicht so sein, dass wir nach fünf Jahren in dieselbe konservative Riege geschoben werden wie viele andere Orchester. Zwischen diesen beiden Polen sehen wir uns. Es geht darum, auch andere Orchester und Musikschaffende zu inspirieren, neue Akzente zu setzen!

Es gibt ja inzwischen einige Leute, die sich die „Erneuerung des Konzerts“ auf die Fahnen geschrieben haben – das Orchester im Treppenhaus in Hannover, das PODIUM Festival Esslingen oder das STEGREIF.orchester in Berlin zum Beispiel. Wie sieht der Austausch untereinander aus?
Wir kennen uns natürlich und tauschen uns auch aus. Ich glaube die Tatsache, dass es diese Strömungen in ganz Deutschland gibt, drückt die Notwendigkeit einer Umgestaltung aus. Das sind Aktionen und Bewegungen, die essentiell sind, um neue Denkwege zu erschließen und Leute wachzurütteln. Es muss sich etwas verändern und wir müssen das aktiv mitgestalten. Es reicht nicht, Teil des Systems zu werden!

Wie findet ein Ensemble denn zu einer eigenen künstlerischen Identität – von wem geht das aus?
Die Identität hat ihren Ursprung in der künstlerischen Vision eines Orchesters. Je klarer man sich darüber ist und weiß, wie man diese in die Tat umsetzen kann, desto überzeugender werden das Profil und das Ergebnis auch wirken. In unserem Fall ging der erste Impuls von mir als Gründer aus. Das Wichtigste dabei ist, die richtigen Musiker um sich herum zu versammeln. Im Argo Ensemble gibt es viele Leute, die auch sehr viel Kammermusik machen. Das ist für uns eine große Bereicherung und ein großes Potential. Für unsere erste Spielzeit habe ich mit einem befreundeten Pianisten und der Konzertmeisterin an der Programmgestaltung gearbeitet. Aber mit dem Wachsen der Projekte kommen jetzt auch mehr Leute dazu, und mittlerweile sind wir ein Team von sechs Leuten, die sich für 2018 konkrete Gedanken machen.

Das heißt, Sie gehen vor allem nach persönlichen Interessen und suchen Stücke aus, die Sie neu interpretieren wollen?
Es geht in erster Linie darum, dass jedes Konzert unsere Idee wiedergibt. Wir setzen einen Schwerpunkt in der zeitgenössischen Musik, weil wir glauben, dass in ein Konzert von heute auch Musik von heute gehört. Hinzu kommen in unseren Programmen bekannte und unbekanntere „Klassiker“. Wenn jemand Beethovens Fünfte spielen will, weil das ein tolles Stück ist, dann reicht das nicht aus. Wir nehmen das vielleicht mit auf, aber es hat keinen Sinn, etwas Bekanntes einfach zu reproduzieren. Es müssen neue Impulse kommen, sei es in der Art der Wiedergabe, in der Programmgestaltung oder am Veranstaltungsort. Es muss für jedes Projekt ein Konzept geben, das in sich stimmig und besonders ist.

Ihre Website wirkt sehr professionell – man merkt, dass Sie sich viele Gedanken über Ihren Auftritt gemacht haben. Wie wichtig ist die „Verpackung“ im Vergleich zum Inhalt?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Das Problem in der konservativen Welt der Klassik ist meiner Meinung nach, dass eine tolle „Verpackung“ für viele automatisch eine Abwertung des Inhalts impliziert. Dabei kann man auf beides gleichermaßen Wert legen, als zivilisierter Mensch würden Sie ja auch nicht in Jogginghose zu einem Empfang gehen. Wir ziehen automatisch Rückschlüsse vom Aussehen auf den Inhalt. Deswegen sollte beides im Gleichgewicht sein, um einen authentischen Eindruck zu vermitteln. In der Klassik jammert man oft über den fehlenden Kontakt zu kommenden Generationen und zu neuem Publikum. Wenn man selbstkritischer wäre und sich an der eigenen Nase packen würde, könnte man das Problem leicht lösen! Uns ist diese kritische Haltung wichtig und deswegen bin ich überzeugt, dass unsere Website eine der ansprechendsten und modernsten im deutschen Sprachraum ist.

Wer oder was entscheidet denn darüber, ob ein Ensemble bekannt wird?
Künstlerisch betrachtet ist die Idee das Wichtigste und die Qualität der Umsetzung. Real und wirtschaftlich betrachtet ist jedoch Geld der ausschlaggebende Faktor. Auch ein schlechtes Ensemble, das wenig zu vermitteln hat, wird mit genug Geld überleben. Dadurch, dass ich das Orchester gegründet habe, habe ich natürlich die größte Verantwortung – alle Fäden laufen bei mir zusammen. Eine professionelle Organisationsstruktur, Sponsoren und Förderungen sind wichtig, um die eigene Existenz abzusichern und um Publicity und Reichweite zu bekommen.

Aber muss man sich nicht genau auf die Kategorien einlassen, die Sie kritisieren, um zum Beispiel bei Sponsoren Erfolg zu haben?
Ich glaube, damit macht man es sich zu leicht. Beethoven hat tolle Musik geschrieben und deswegen verkauft er sich auch immer gut. Aber wir wollen auf einer anderen Ebene ansetzen: In unserem ersten Konzert haben wir ein Programm erstellt, das zur einen Hälfte aus zeitgenössischer Musik bestand und zur anderen Hälfte aus Liedern von Schubert und Schumann. Hinterher kamen die Leute zu mir und sagten, dass sie diese verrückten modernen Stücke toll fanden! Sie hatten einen Gesamtkontext und konnten die Musik einordnen. Der dramaturgische Faden war konzeptionell natürlich gewollt und wir haben ihn auch so vermittelt – aber das ist viel Arbeit. Es war ein langer Prozess, das Konzept hat sich oft verändert. Ich verstehe, dass man diese Flexibilität in einem Opern- oder Sinfonieorchester vielleicht nicht immer hat. Aber ich glaube, da muss man ansetzen.

Wie innovationsfähig sind die großen Ensembles und Häuser? Belebt die Konkurrenz das Geschäft?
Wenn man will, kann man sehr wandlungsfähig sein. Es ist ein bisschen wie in der Politik, es bewegt sich alles in Richtung Mitte, um ja nicht anzuecken – keiner traut sich, einen eigenen Pfad einzuschlagen aus Angst vor Kritik, und ich glaube, das ist das Problem. Bis zu einem gewissen Grad sind wir alle Mitläufer und es ist ein Entwicklungsprozess, manchmal auch ein Kampf, sich diesem Strom zu entziehen und zu sagen, ich mach das jetzt so, weil ich daran glaube und weil uns das alle weiterbringt. Vielleicht ist das ein Prozess, vielleicht muss das hart erarbeitet werden, aber am Ende wird es sich lohnen. Man braucht dafür Leute – Manager, Chefdirigenten, Musiker – die sich diese Haltung zur Kunst bewahrt haben.

Ist es in anderen Ländern einfacher oder schwieriger, ein neues Ensemble zu etablieren?
Das einzige konkrete Beispiel, das ich kenne, ist MusicAeterna in Russland. Da ist die Ausgangssituation ganz anders, weil das Umfeld andere Linien vorgibt – was Orchestervorstände angeht, was die Tarifvereinbarungen angeht, was Probenvereinbarungen angeht… Das gibt’s dort alles nicht, man kann machen, was man will, wenn man das Geld oder auch den Status und die Berühmtheit hat. Teodor Currentzis zum Beispiel hat völlig freie Hand, das zu tun, was er möchte – da muss man hier erstmal ganz andere Hürden überwinden. Aber es ist nicht unbedingt leichter oder schwerer, man muss eben die Spielregeln kennen und danach handeln.

Der Name des Argo Ensembles ist inspiriert von den Argonauten und ihrer Reise auf der Suche nach dem goldenen Vlies. Wo sind Sie auf dieser Reise?
Ganz am Anfang! Wir kommen gerade auf Lemnos an, das ist die erste Station. Für uns ist jedes Konzert eine eigene Suche nach dem goldenen Vlies und als Ensemble freuen wir uns natürlich darauf, noch viel zu entdecken, zu erkunden und zu präsentieren.

Weitere Informationen zum Ensemble und zu Ektoras Tartanis unter www.argo-ensemble.com.

Von Antonia Emde

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Kommentare

  1. Hera
    5. Juli 2017 at 15:27

    Endlich! Liebes Crescendo-Team, ein großes Dankeschön für dieses Interview mit Ektoras Tartanis. Dieser vielversprechende Dirigent und sein Ensemble gehörten schon lange in Ihr Magazin.
    Wer schon einmal ein Konzert des Argo Ensembles besuchen und erleben durfte, weiß, dass es sich um eine ganz besondere Art von Konzerterlebnis handelt. Ich wünsche dem Ensemble jeden erdenklichen Support und viel Unterstützung – auch aus der bereits etablierten Musikwelt. Wer einen vor Kraft strotzenden Dirigenten mit einer gewaltigen Aura, aber dennoch sehr sympathischen und gelassenen Art und strahlende und starke Musiker sehen möchte, sollte unbedingt einmal ein Argo Konzert besuchen. Die Einführungsvorträge hält der Dirigent selber und entfacht einen ganz speziellen Funken bei den Zuschauern, der schwer in Worte zu fassen ist. Die Musiker wachsen über sich hinaus und entstauben die wunderbare Welt der Klassik. Ein aufgehender Stern!

  2. Wolfgang M.
    13. Juli 2017 at 00:42

    Kompliment an das Crescendo-Team für dieses Interview. Toll dass es noch junge Menschen gibt mit Feuer im Herzen, Pathos und Visionen und den Mut neue Ideen einzubringen und vorallem Risiken einzugehen.
    Ich hatte schon das Glück das Argo Ensemble im Konzert zu erleben und ich war angenehm überrascht vom diesem förmlich explodierenden und doch so feinfühligen anmutenden jungen Dirigenten!
    Und ich kann nur bestätigen das bei Ihm zwischen Ideen und Umsetzung eine direkte Verbindung besteht. Dies kann man mit Worten nicht beschreiben, das muss man erleben!
    Ich finde es toll dass Ihr gerade solche junge Künstler, die bestimmt Ihren Weg machen werden, unterstützt!
    Ich würde mir wünschen, dass Ihr Team uns auf dem laufenden hält über Ektoras Tartanis und seine Projekte. Dankeschön

  3. K. Drymona
    13. Juli 2017 at 13:08

    Ein Konzert der Argonauten ist wie eine lebendige Assoziation der Worte Nietzsches: „Was groß ist am Menschen, ist dass er eine Brücke und kein Zweck ist.“
    Was diese brückenbauende Kraft erzeugen kann, zeigt sich, wenn über klassische Musik ein Bogen hin zu archaischen Bildern gespannt wird, während stehend spielende Musiker in einem fahlen Licht an den Schauplatz einer antiken Trägodie erinnern. Und man erahnt diesen ersten Blick auf das goldene Vlies… Ein wunderbarer Tribut an das verbindende Element europäischer Kultur.
    ΕΥΓΕ diesem mutigen jungen Künstler und einen großen Dank der renommierten Zeitschrift Crescendo, die – ebenso mutig – Neuheiten gegenüber offen ist.

  4. Constantinos C
    14. Juli 2017 at 09:19

    this is the way to creat magic…. musical praxis going beyond tradition -a word I mostly fear- and innovating, say inspiring, the music making itself!
    music as Ektor says is about discovering instead of reproducing. Like every concert is the world premiere of this particular piece…. This is for me modern and not bringing an orchestra in the Treppenhaus or any place as far as I am concerned, and then play boring hoping that the strange scenery concept will create the magic that the musicians failed to find…. Argo are in the right hands to find the real magic, crossing the Clashing Rocks of establishment intact.

    • cresred
      17. Juli 2017 at 13:48

      Wir freuen uns sehr über das positive Feedback! Haben Sie vielen Dank dafür!
      Herzliche Grüße von Ihrer crescendo-Redaktion

  5. Rene
    28. Juli 2017 at 11:10

    Crescendo hat hier einen tollen Artikel verfasst. Ich finde es sehr interessant nachzuvollziehen, wohin klassische Musik sich entwickelt. Wenn es nach mir geht, habe ich keine Angst, mir noch mehr aus der Sicht der jungen, klassischen Musiker zeigen zu lassen.

  6. Martina K.
    7. August 2017 at 11:51

    Liebe Crescendo – Redaktion,
    Ich glaube Ihr habt ein grosses Talent entdeckt!!!
    Dieser junger Dirigent ist einfach Spitze!
    Hatte das Glück Ihn in der Liederhalle in Stuttgart zu erleben und war von seiner musikalischen Intepretation begeistert. Warte mit Spannung auf sein nächstes Projekt.
    Würde mich freuen weiterhin über diesen charismatischen Dirigenten zu hören bzw. zu lesen.

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