Auf einen Kaffee mit… Campino

Foto: Christian Frey

Campino, Sänger der Band Die Toten Hosen, begab sich erneut in die Welt der klassischen Musik als Sprecher des neuen Kinderalbums „Peter und der Wolf in Hollywood“. Außerdem erscheint dieser Tage eine Aufnahme aus dem Oktober 2013, als die Toten Hosen und das Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf drei Konzerte in der Tonhalle Düsseldorf gaben. Unter dem Titel „Willkommen in Deutschland“ wollten die Musiker an die Reichsmusiktage und die Ausstellung „Entartete Musik“ im Ehrenhof 75 Jahre zuvor erinnern.

Campino, in „Peter und der Wolf in Hollywood“ übernehmen Sie alle Stimmen selbst: vom Erzähler über Peter bis hin zu den Tieren. Wie spricht man eine Ente?

Quakig. Man probiert aus und geht gerade so weit, dass es nicht lächerlich wird. Als Erzähler musst du tonal in einem gewissen Rahmen bleiben und trotzdem müssen sich die Stimmen unterscheiden. Meinem Vogel zum Beispiel hatte ich am Anfang einen Sprachfehler verpasst. Irgendwann kam ich aber darauf, dass ich vielleicht der einzige sein könnte, der darüber lacht. Deshalb habe ich das revidiert. Mit den Stimmen zu spielen, hat mir am meisten Spaß gemacht. Anfangs hatte ich noch Respekt und fand es komisch, den Märchenonkel zu geben. Doch je länger ich las, umso besser kam ich rein.

Als die Deutsche Grammophon Sie fragte, ob Sie ihr Märchen-onkel sein wollen – wie war Ihre erste Reaktion?

Ich kenne „Peter und der Wolf“ noch aus meiner Kindheit. Deshalb wollte ich zuallererst wissen, ob es gelingt, die Geschichte in die Jetztzeit zu holen. „Peter und der Wolf in Hollywood“? Das fand ich zunächst seltsam. Ich wollte den klassischen Stoff in keiner Weise angreifen. Aber das ist letztlich auch nicht passiert. Ich war erfreut zu entdecken, dass für die Rahmenhandlung weitere Musik mit großer Liebe ausgewählt wurde, von Wagner, Schumann oder Grieg. Dann habe ich die Zeichnungen für die App gesehen, die es zum Hörspiel gibt. Das ist alles mit sehr viel Liebe und Leidenschaft gemacht und zieht die Kinder so in den Stoff, wie es sein sollte. Sie wachsen nunmal mit iPads auf und sehen auch ihre Eltern ständig am Computer.

Sergei Prokofjew wollte in seiner Version Kindern Instrumente erklären. In der Adaption lernen Kinder auch noch andere Komponisten kennen. Wie gefällt Ihnen das?

Mich macht das glücklich. Ohne pädagogisch wertvoll sein zu wollen, wird die Musik unterschiedlicher Komponisten wie kleine Appetithäppchen serviert. Wenn das den Kids gefällt, haben sie die Möglichkeit, sich näher damit zu befassen. Musik ist etwas unglaublich Schönes. Aber man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Ich würde davon abraten, das mit „Peter und der Wolf in Hollywood“ zu versuchen. Man kann etwas anbieten, und wenn die Kinder es nehmen, darf man sich freuen. Aber man muss ihnen den Raum geben, Musik selbst zu entdecken.

Wie sind Sie mit klassischer Musik in Berührung gekommen?

Wir waren immer eine musikalische Familie, meine Mutter leidenschaftliche Sängerin in einem Düsseldorfer Chor, meine Schwester Balletttänzerin unter Choreografen wie John Neumeier oder Marcia Haydée. Als ich zehn war, kam meine Mutter zu mir und sagte: Da wird eine Musikschule eröffnet, schau doch mal, welche Instrumente dich interessieren könnten. Ich habe geantwortet: Du weißt doch, ich finde Schlagzeug am besten. Das wurde leider nicht angeboten, da hat sie mich zum Trompetenkurs angemeldet.

Und die Beziehung zwischen Ihnen und der Trompete …?

Ich habe sie nie zum Leben erwecken können. Meiner Mutter zuliebe habe ich vier Jahre lang gespielt. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihr zu sagen, dass das nicht mein Instrument war. Den Höhepunkt meiner Karriere hatte ich alljährlich beim St.-Martins-Umzug. Ansonsten habe ich einsam meine Übungen durchgezogen. Auf eine solche Art und Weise kommt natürlich keine Magie auf. Magisch wird Musik erst, wenn du auf einen Haufen Gleichgesinnter triffst, mit denen du dann zusammen spielst.

Kam die Trompete noch mal zum Einsatz?

Bei meiner ersten Band ZK habe ich die Trompete noch so manches Mal ausgepackt. Ich mochte die Londoner Band X-Ray Spex sehr gern, die einen festen Saxofonisten hatte. Das war für mich der Beweis, dass auch Blasmusik die Rockmusik nicht verwässern muss. Aber irgendwann hat mich genervt, dass Musiker immer dann, wenn sie nicht mehr weiterwussten, angefangen haben, mit Bläsersätzen zu arbeiten. Das war für mich ein Zeichen. Da habe ich die Trompete dann weggelegt.

Und wie hat Ihre Mutter reagiert, als Sie die Klassik sein ließen und Punkmusiker wurden?

Dass es mit der Trompete nichts wurde, war keine allzu große Enttäuschung. Sie goutierte, dass ich es vier Jahre lang probiert hatte. Punkrock war eine andere Geschichte: Meine Mutter war Engländerin. Sie fühlte sich von den Texten genauso angegriffen wie die englische Gesellschaft: Anarchy in the UK oder If it ain´t stiff, it ain´t worth a fuck, das Labelmotto von Stiff Records, das ich auf der Jacke stehen hatte. Das war der Beginn einer Eiszeit. Meine Verwandtschaft in England durfte ich für mehrere Jahre nicht besuchen. Doch ich hatte mir Punk nicht ausgewählt, weil ich gegen meine Eltern oder irgendwas anderes war. Ich liebte einfach die Musik.

Die Haltung dahinter hatte also zunächst weniger Bedeutung?

Die kam erst mit der Zeit. Ich war schon immer sehr musikaffin. Mit fünf, sechs Jahren brachte mich mein großer Bruder nur ins Bett mit Hang on sloopy von The McCoys oder I´m her yesterday man von Chris Andrews. Als 1975 die erste AC/DC-Platte erschien, war ich ihrer Musik verfallen. Fast zur selben Zeit kam schon der Punkrock. Ich hatte Lust auf das Aggressive. Lieder abzuschießen, nicht länger als zwei, drei Minuten lang – das war für mich genau das Richtige.

Wie sind Ihre ersten eigenen Songs entstanden?

Mit unserer ersten Band ZK hatten wir gar keine andere Wahl, als unsere eigenen Songs zu schreiben. Wir waren einfach zu schlecht, um andere Bands zu covern. Das hörte sich so grauenhaft an, dass wir unsere eigene Musik erfinden mussten. Die Punkbewegung war für uns eine unglaubliche Chance. Die Maxime lautete: Hör auf, Helden zu verehren, mach es selber. Hier sind drei Akkorde, gründe eine Band.

Und wie wird aus drei Akkorden heute Musik?

Indem man herumspielt. In meinem Kopf war immer schon ein Haufen von Melodien. Ich habe keine Ahnung von Notenlehre, aber wenn ich eine Melodie höre, fällt mir sofort eine Harmonie oder eine Gegenmelodie ein.

Wer hilft Ihnen dabei, die Melodien zu verarbeiten?

Kuddel, unser Gitarrist. Wir haben über die Jahre unsere eigene Sprache entwickelt. Kuddel kam als Fünfzehnjähriger zu ZK in den Proberaum. Die Band gab es drei Jahre und wir hatten immer Probleme mit den Gitarristen. In der Szene hatte einfach keiner Lust, mit uns zu spielen. Aber irgendwann hieß es einmal: Es gibt da einen Jungen, den könnt ihr gut gebrauchen. Er war noch nie in einer Band und ist Linkshänder. Das war unsere erste Begegnung. Was Musik angeht, verstehen wir uns blind. Er weiß exakt, was ich meine. Und wenn nicht, haben wir die Geduld, uns so lange zuzuhören, bis wir das ausgetüftelt haben.

Hören Sie heute klassische Musik?

Ich höre alles. Ich habe keine Lust, ein Genre zu verdammen oder zu verherrlichen. Arvo Pärt gehört zu meinen Lieblingskomponisten. Das ist ein ganz moderner, sehr ruhiger Klassiker. Da gehen einzelne Stücke manchmal über fünfzehn Minuten. Superzeug. Ich höre aber auch gerne Reggae, Ska oder elektronische Musik. Das Schönste am Älterwerden ist, dass man sich von selbst gesteckten Grenzen verabschiedet. Für mich gibt es nur noch zwei Arten von Musik: diejenige, die mich anspringt, und die andere, bei der das nicht klappt. Ich nehme mir das Recht heraus, AC/DC zu hören, danach eine alte ABBA aufzulegen, um schließlich in die Klassik zu gehen. Die Schönheit eines Orchesters, das Zusammen-arbeiten von über hundert Seelen – das ist etwas Unglaubliches.

Campino: Peter und der Wolf in Hollywood
Deutsche Grammophon (Universal Music)
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