Auf einen Kaffee mit… Christoph Eschenbach

Foto: Eric Brissaud

Für einen spontanen Kaffeebesuch war der Wohnort von Christoph Eschenbach am Ende doch zu weit, aber der Dirigent schlug spontan vor, dass man einen Kaffee ja auch gemeinsam am Telefon trinken könne. Kann man! Eschenbach, der dieses Jahr mit dem renommierten Ernst von Siemens Musikpreis geehrt wird, hatte eine fürchterliche Kriegsjugend und seine Sprache verloren, als er fünf Jahre alt war.

Herr Eschenbach, Sie wurden 1940 in Breslau geboren, Ihre Mutter starb bei Ihrer Geburt, Ihr Vater war Widerstandskämpfer und fiel in einem Bewährungsbataillon – sind diese existenziellen Momente für Sie ein Grund, auch in der Musik existenziell zu sein?

Sagen wir es so: Die erste Berührung mit der Musik war für mich von existenzieller Bedeutung – und diese Erfahrung beflügelt mich auch heute noch.

Was genau ist damals passiert?

Nachdem mich eine Cousine meiner Mutter in allerletzter Minute in einem Flüchtlingslager gefunden und mit nach Hause genommen hatte, hörte ich zum ersten Mal Musik. Da war ich fünf Jahre alt, und kurz zuvor war auch noch meine Großmutter gestorben. Ab dann hatte ich kein Wort mehr gesprochen. Die Musik war so etwas wie ein Schlüssel. Nein, mehr noch: eine Offenbarung für ein traumatisiertes Kind. Plötzlich hatte ich eine Möglichkeit, zu kommunizieren, ohne diese lästigen und oft doppeldeutigen und ungenügenden Worte benutzen zu müssen.

Erschreckt es Sie angesichts dieser persönlichen Bedeutung der Musik manchmal, dass die Klassik heute oft sehr profan und oberflächlich ist?

Der Begriff Klassik existiert für mich gar nicht. Ich halte ihn schon für den ersten Fehler unserer Auffassung von Musik. Ich spreche lieber nur von der Musik. Und ich glaube: Egal, wie viel Oberfläche uns umgibt – die Musik ist mit ihrer Ausdruckskraft, ihrer Unmittelbarkeit, ihrer Internationalität und Eindeutigkeit stärker als jede andere Sprache. Außerdem habe ich am eigenen Leibe erfahren, welch fast aggressive Berauschung sie verursachen kann, um unsere Seelen zu heilen.

„Aggressive Berauschung“– das klingt wie ein Tranquilizer. Aber geht es nicht um das Gegenteil: eine Bewusstmachung und Verarbeitung?

Deshalb benutze ich das Wort „aggressiv“. Musik, die missverstanden wird, damit wir uns in sie hineinsäuseln, verliert natürlich ihre Größe. Der Rausch entsteht nicht im Vergessen, sondern in der Beschäftigung. In all meiner Arbeit ist es existenziell, Musik als Quelle für eine Bewältigung zu verstehen. Da ist der Rausch der Erkenntnis nicht ausgeschlossen.

"Ich habe am eigenen Leibe erfahren, welch fast aggressive Berauschung Musik verursachen kann, um unsere Seelen zu heilen"

Sie glauben tatsächlich, dass Musik uns zu besseren Menschen machen kann?

Ich möchte Menschen durch Musik nicht verändern oder manipulieren. Aber sie ist eine Möglichkeit, zu sich selbst zu kommen. In meinen jungen Jahren war das schwierig, weil wir durch den Krieg traumatisiert und entwurzelt waren. Aber das sind viele Menschen auch heute noch, die ihre Wirklichkeit an den Oberflächen des Internets abgleichen. Wenn es uns gelingt, diese Leute in ihrer Nacktheit zu erreichen, in ihrer Wahrhaftigkeit, in einem Kern, der vielleicht auch mal wehtut, um danach heilen zu können – dann verändert uns Musik existenziell. Sie hilft uns, wir selbst zu werden.

Umso erschreckender muss es für Sie sein, zu sehen, dass gerade in Europa oder auch in China Mädchen ein hübsches Blumenkleid anziehen, sich ans Klavier setzen und den bürgerlichen Nimbus der Musik feiern.

Ach, ich tendiere nicht zum Pessimismus. Dass sich viele Menschen wieder mit Beethoven beschäftigen, ist ja erst einmal ein gutes Zeichen. Ich komme gerade von einer Tournee mit den Wiener Philharmonikern, mit denen ich unter anderem in Paris Brahms gespielt habe. Es war faszinierend zu erleben, dass der ganze Saal in Stille verharrte, zwischen den Sätzen und während wir spielten – bis sich die angestaute Spannung im Applaus entlud. Solche Momente beweisen für mich, dass wir mit der Musik durchaus noch immer das Existenzielle erreichen können.

Ihre Karriere ist von großen Namen begleitet: Karajan oder Szell. Heute scheint die klassische Musik eher Sternchen zu produzieren, die schnell verglühen.

Ich glaube, dass es dieses Phänomen schon immer gab und dass es nur die Zeit ist, welche die Vergangenheit größer erscheinen lässt. Natürlich ist die Gefahr groß, dass durch den neuen Markt, das Marketing und den schnellen Takt der Nachrichten und Sensationen viele Sternchen verglühen. Aber ich bin auch sicher, dass diejenigen, die mit Leidenschaft und Ernsthaftigkeit Musik machen, sich auch heute noch durchsetzen.

Sie persönlich haben viele Nachwuchskünstler gefördert. Wie trennen Sie die Spreu vom Weizen?

Spielt jemand nur gefällig oder kämpft er mit der Bedeutung der Noten? Wiegt er sich in der Sicherheit der Schönheit oder begibt er sich in Gefahr? Gibt er sich zufrieden oder fragt er immer weiter, wie er tiefer und tiefer gehen kann? Das sind Dinge, die ich beobachte. Und ich sage Ihnen, dass viele junge Musiker antreten, um sich den letzten Fragen zu stellen. Vielleicht haben sie es heute ein wenig schwerer, sich durchzusetzen – aber wer dieser Auffassung vertraut, wird mit ihr auch siegen.

Was haben Karajan und Szell für Sie getan?

Es war nicht so wie heute, dass ein großer Musiker einem ein Empfehlungsschreiben für eine Agentur geschrieben hat. Ich habe nur einem Dirigenten vorgespielt: Karajan. Und er interessierte sich für meinen Ansatz. Er gab mir die Möglichkeit, eine Beethoven-Platte mit ihm aufzunehmen. Szell ermöglichte mir mein USA-Debüt. Es genügte damals, mit diesen Größen aufzutreten. Aber das war nicht das Wesentliche. Viel wichtiger war, dass ich mit ihnen proben durfte, dass ich sie beobachten konnte – so habe ich ihre Methoden kennengelernt.

Gerade jemand wie Karajan galt lange als altmodisch: zu viel Glanz, zu viel Pathos. Wenn man Sie heute dirigieren hört, scheinen Sie auch noch immer am Erzählerischen festzuhalten.

Das Wort „erzählerisch“ gefällt mir. Obwohl es ja auch nur ein Wort ist. Klar ist es wichtig, dass jede Phrase erzählt werden muss, aber es geht eben auch um die Attitüde, die für jedes Stück eine andere sein muss. Ich glaube, das ist eines der Geheimnisse: sich auf jeden Komponisten, auf jedes Werk neu einzustellen und einen Duktus zu finden, eine Stimmung, eine Aura.

Musikmachen bedeutet ja, die ewig gleichen Noten aus der Vergangenheit immer wieder neu aus dem Jetzt zu deuten. Wie würden Sie Ihre Wandlungen der letzten Jahre beschreiben?

Für mich ist Beethoven einer der besten Seismografen, um meine eigene Ästhetik zu überprüfen. Gerade die fünfte und siebte Sinfonie, die ja keine Zugeständnisse zulassen. Dabei merke ich, dass ich beide heute viel schneller und radikaler dirigiere als noch vor zwanzig Jahren.

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *