Auf einen Kaffee mit… Gabriel Prokofiev

(Gabiel Prokofiev, Composer)

War es vorbestimmt, dass Gabriel Prokofiev Komponist wird? Wenn man sich seinen Stammbaum anschaut, liegt das nahe. Wir trafen den Enkel von Sergej Prokofiev in der Philharmonie in Luxemburg, wo sein erstes Violinkonzert „1914“ von Daniel Hope und dem Orchestre Philharmonique du Luxembourg aufgeführt wurde, auf einen Kaffee. Er hat nichts von einem strengen Russen, sondern ist ein lässiger Typ, eher schüchtern. Erst wenn er über seine Musik spricht, blüht er richtig auf.

crescendo: Ihr Nachname ist nicht gerade unpopulär in der klassischen Musik, und man würde denken, Ihnen stehen alle Türen offen. Ist das so oder hat es auch Nachteile, der Enkel von Sergej Prokofiev zu sein?
Gabriel Prokofiev: Wenn ich sehe, was mein Großvater geschaffen hat, motiviert mich das immer, noch härter zu arbeiten. Er war ein hart arbeitender und engagierter Mann. Mein Vater war Bildhauer, und auch er hatte das von meinem Großvater: Er arbeitete jeden Tag an seiner Kunst. Das inspiriert mich sehr. Doch als ich Teenager war und dann anfing, Musik zu studieren, war ich ein bisschen schüchtern, weil ich dachte, die Leute erwarten so viel von mir. Das gilt auch auf der Bühne: Ich spiele Klavier und Waldhorn, aber ich war selbst zum Üben zu eingeschüchtert. Deswegen bin ich kein aktiver Musiker, und das bereue ich wirklich. Das ist sicherlich ein Minuspunkt. Ich würde gerne auftreten und Musik spielen, denn ich fühle die Musik so stark in mir. Aber mittlerweile habe ich unglaublich gute Musiker kennengelernt, da denke ich mir immer: wieso also nicht lieber denen die Musik geben? Ich arbeite ja immerhin als DJ und spiele auch manchmal Synthesizer auf der Bühne.

Sie sind in London aufgewachsen. Wie ist es speziell in der englischen Hauptstadt? Was verbinden die Leute da mit Prokofiev?
In London fragen mich Menschen immer wieder: „Oh, Prokofiev? Ist das ein polnischer Name?“ Das macht mich immer ein bisschen glücklich, weil es mir den Druck nimmt. Ich glaube, es war ein Vorteil, in England aufgewachsen zu sein und nicht in Russland. Dort wäre der Druck, ein Prokofiev zu sein, viel viel größer! In Russland ist mein Großvater eine echte nationale Berühmtheit – ich habe mal eine Münze mit seinem Gesicht drauf gesehen, und da wurde mir das erst so richtig bewusst.

Sie haben ein Violinkonzert über den Krieg geschrieben. Wäre es nicht schöner gewesen, ein Stück über den Frieden zu komponieren?
Ehrlich gesagt, ich war schon ein wenig eingeschüchtert von der Idee, ein Konzert über den Krieg schreiben zu müssen. Krieg an sich ist schrecklich. Und wenn es in der Musik nur um den Krieg geht, dann wird zwangsläufig ein schweres, unerträgliches Stück – ein Albtraum-Stück! – daraus. Deswegen habe ich mein Violinkonzert 1914 genannt. Ich begleite das Jahr: den Enthusiasmus vor dem Krieg, den Patriotismus und dann den Schrecken, der über alle hereinbrach. Schon am Ende des ersten Jahres war dieser Krieg ein Desaster und die Soldaten litten unter Kriegsneurosen. Somit habe ich in meinem Stück aber beides: den anfänglichen Frieden und dann den Krieg. Das ist meine Lösung zu dieser Frage.

Hätte Ihr Großvater Ihr Violinkonzert gemocht?
(lacht) Na, das hoffe ich doch! Schließlich beziehe ich mich musikalisch auch auf ihn und zitiere einen seiner Märsche – er konnte fantastische Märsche schreiben.

Prokofiev klaut also bei Prokofiev …
Verweise auf ihn passieren immer wieder, weil mir seine Musik natürlich sehr nahe steht. Und diesmal bot es sich an.

Bevor Sie sich der klassischen Komposition gewidmet haben, haben Sie viel elektronische Musik gemacht …
… ja, und als Jugendlicher habe ich Popsongs geschrieben. Ich hatte eine coole Band. Wir hatten übrigens gerade eine Reunion und haben das erste mal nach 20 Jahren wieder zusammen gespielt. Als ich in Birmingham studierte, konnte ich sehr viel elektroakustisch arbeiten, sie hatten dort eine fantastische Musikabteilung, und es war befreiend, so zu komponieren. Da ging es nicht um irgendwelche Tonalitäten, Harmonien oder Regeln – es ging nur um den puren Klang.

Und dann fingen Sie an, elektronische Musik zu produzieren: Dance, Hip-Hop, Grime, UK-Garage.
Ja, weil ich wirklich unzufrieden war mit der zeitgenössischen Klassik-Szene. Ich liebe diese Musik wirklich. Aber an diesem Punkt in meinem Leben stellte ich fest, dass es mir mit meinen Werken darum ging, mit den Menschen zu kommunizieren und sie zu begeistern. In der zeitgenössischen Szene hatte ich das Gefühl, dass zwar die Stücke gut waren, wir aber einfach niemanden erreichen konnten – außer vielleicht andere Komponisten und ihre Freundinnen. Die elek-tronische Musik außerhalb der Klassikwelt hat mich begeistert. Ich arbeitete mit Rappern und spielte wieder in einer Band.

Wieso haben Sie dann doch den Weg zur Klassik eingeschlagen?
Weil ich festgestellt habe, dass diese Musik – auch wenn das total „underground“ oder rebellisch klingt – eigentlich wahnsinnig konservativ ist. Wenn man in der Welt der elektronischen Musik Erfolg haben will, muss man sich wirklich anpassen. Da geht es viel zu sehr um das, was gerade „in“ ist. Ich hatte das Gefühl, dass man hier lange nicht so viel Freiheit hat wie in der klassischen Musik. Und ich wollte Musik machen, die von echten Musikern zum Leben erweckt werden kann. Zuerst habe ich angefangen, eine riesige Sinfonie zu schreiben, bis mir aufgefallen ist: Ich habe ja gar kein Orchester. Ich habe dann ein Streichquartett geschrieben, das war 2003, und damit startete eigentlich erst meine Komponisten-Karriere.

2004 haben Sie ein Platten-Label mit dem sehr eigenwilligen  Namen „Nonclassical“ gegründet – war das Ihre Art der Rebellion gegen die klassische Musik?
Naja, das Problem ist doch, dass viele Menschen, wenn sie den Begriff „klassische Musik“ hören, denken, das wäre etwas sehr formelles und nur was für ältere Generationen. Bei „Nonclassical“ machen wir Klassik – aber eben nicht im klassischen, traditionellen Sinne. Wir sind weniger formell, dafür umso progressiver. Wir machen auch Club-Events, bei denen die Leute einfach hochkarätige Musik hören sollen.

Da liegt eine Frage nahe: Liegt die Zukunft der klassischen Musik vielleicht außerhalb des Konzertsaals?
Ich muss sagen, ich persönlich liebe den Konzertsaal. Besonders für Orchestermusik. Es ist einfach schwer, für solche Musik andere geeignete Orte zu finden. Ich kenne zum Beispiel ein Orchester, das Multi-Story Orchestra, die in einem Parkhaus auftreten – das glücklicherweise eine gute Akustik hat. Wenn man also alternative Orte mit passender Akustik findet, ist das fantastisch. Wir müssen auf jeden Fall außerhalb des Konzertsaals existieren, um zu überleben. Das bedeutet aber nicht, dass es den Konzertsaal nicht mehr geben darf. Entscheidend ist: wir müssen die Leute außerhalb des Konzertsaals einsammeln, um sie mit hineinzunehmen!

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