Auf einen Kaffee mit… Juliane Banse

Foto: Bob Coat

Sopranistin Juliane Banse lud zu sich nach Hause, nach Dießen am Ammersee, 45 Autominuten südwestlich von München. Hier wohnt sie mit ihrem Mann Christoph Poppen und den drei Kindern. Im Flur liegt ein Kontrabass des Sohnes, herumfläzende Katzen genießen den Blick ins Gebirge. Wir treffen Juliane Banse, weil sie zu den vielen Künstlern gehört, denen die Entscheidung, in München keinen neuen Konzertsaal zu bauen, ziemlich missfällt.

Vermissen Sie hier draußen, in der oberbayerischen Idylle nicht die Energie einer Großstadt?

Eigentlich nicht. Ich bin ja ständig in großen Städten, weil ich als Sängerin immer da arbeite, wo Trubel ist. Das genieße ich auch, aber ebenso schön finde ich es dann, hier rauszufahren aufs Land.

Wie geht es Ihnen eigentlich musikalisch?

Sehr gut! Ich habe viele spannende Sachen hinter mir und vor mir. Gerade habe ich meine erste Elsa in Amsterdam gesungen. Dann steht jetzt noch mein erster Auftritt am Liceu in Barcelona an, die Mono-Oper über Anne Frank im Theater an der Wien, und dazwischen habe ich noch coole Konzerte mit Sabine Meyer.

Ihr Mann Christoph Poppen ist ja auch in unserer Klassikwelt zuhause. Sind Sie mal zusammen auf der Bühne zu erleben?

Im Moment eher weniger. Als er Chef in Saarbrücken war, habe ich einmal pro Saison dort gesungen. Wobei: Wir wollen das nie überstrapazieren aus Angst vor diesem Paketeindruck, den Künstlerehepaare irgendwann mal erwecken. Wenn der Chefdirigent ständig die Alte einbaut, kommt das nicht so gut an, oder?

Hat es eigentlich irgendwelche Nachteile, wenn der Ehemann auch in der gleichen Branche ist?

Die Nachteile sind eher logistischer Natur, weil beide viel unterwegs sind. Manchmal passiert es, dass wir uns hier einfach nur die Klinke in die Hand geben. Für Paare ergeben sich dadurch schon Durststrecken, aber solange die Kinder klein sind, muss man da halt durch.

Und falls Sie sich mal sehen, sprechen Sie dann über Musik?

Erstaunlich wenig! Natürlich wissen wir, was der andere gerade macht, man ist ja ständig in Kontakt, aber wir sitzen hier nicht und diskutieren über Interpretationen oder lästern über Kollegen.

Sie lästern nicht? Das ist ja langweilig …

Mit meinem Mann lässt sich leider nicht so gut lästern, der ist viel zu nett. Das muss ich dann eher mit meinen Kollegen tun.

Worüber sich auch vortrefflich lästern lässt, sind die Querelen rund um den neuen oder eben nicht neuen Münchner Konzertsaal. Gut unterrichtete Kreise behaupten, Sie haben da auch eine Meinung dazu…

Allerdings! Ich hab das über die Jahre verfolgt, weil wir auch mit dem Architekten Stefan Braunfels befreundet sind, der ja mehrere Entwürfe dazu vorgelegt hat. Und jedes Mal, wenn man in der Philharmonie im Gasteig oder im Herkulessaal auftritt, vermisst man einen neuen Konzertsaal. Was die Entscheidung gegen den Bau eines neuen und für die Renovierung des alten Konzertsaals anbelangt: die würde ich echt gerne mal verstehen!

Inwiefern?

Jemand hat neulich zu mir gesagt, dass da eine langfristige Strategie dahinterstecken könnte: Wenn man den Gasteig fünf Jahre lang renoviert, dann schraubt man automatisch durch die Verminderung des Angebots die Nachfrage runter. Wenn dann der Gasteig wieder eröffnet wird, ist ein Drittel der Abonnenten weg – und der nächste logische Schritt wäre, dass man ein Orchester schließt. Ich weigere mich, das zu glauben, weil das doch wirklich schlimm wäre!

Das wäre in der Tat schlimm! Aber gehen wir noch einen Schritt zurück: Wo liegt denn eigentlich der große Fehler des Gasteigs?

Die Form des Konzertsaals ist für Musik nicht geeignet, weil diese auf jedem Platz anders klingt. Das ist ja auch die Crux mit der Sanierung: Man müsste wahrscheinlich zu einer viereckigen Raumgestaltung zurückkehren. Das würde aber bedeuten, dass die Philharmonie am Ende auch nur noch so viele Plätze hat wie der Herkulessaal. Dann hat man endgültig keine Spielstätte mehr für die große Sinfonik. Außerdem ist überhaupt noch nicht gelöst, wo die Veranstalter hinsollen, wenn der Saal vorübergehend weg ist. Und was passiert eigentlich mit der Hochschule, die dort achtzig Räume hat? Das ist alles nicht durchdacht. Die Herren Seehofer und Reiter haben einfach mal beschlossen, die Philharmonie zu renovieren. Dabei gibt es gar keine Expertenansichten, die belegen, dass es überhaupt besser wird. Das behaupten die zwei jetzt einfach. Die ganzen Expertenkommissionen, die in den zehn letzten Jahren eingesetzt wurden, haben das ja verneint. In Blaibach zum Beispiel, da hat man für 35 Millionen Euro einen super Konzertsaal gebaut – gut, der ist klein. Aber in München reden sie von 300 Millionen für eine Sanierung, wo keiner weiß, ob’s überhaupt gut endet!

Das bringt Sie richtig schön auf die Palme…

Ja, darüber kann ich mich schon aufregen!

Aber München ist doch eigentlich super aufgestellt in Sachen Hochkultur. Ist das am Ende nicht ein Luxusproblem?

Die Frage ist doch: Was ist der Bedarf? Und Tatsache ist, dass die Abonnentenzahlen steigen und die Auslastung groß ist. Will man das dann kappen, oder will man das Kulturleben in München weiter aufblühen lassen? Dazu kommt, dass die nächsten Anlaufstellen für Konzerte dieses Kalibers erst Zürich oder Frankfurt sind. München hat also ein großes Einzugsgebiet, und ich weiß nicht, ob Herr Seehofer seine ländlichen Gebiete nicht sogar damit beschädigt, wenn er die Stadt so klein macht.

Welche Konzertsäle haben Sie als Sängerin begeistert?

Luzern hat zum Beispiel einen genialen Konzertsaal. Auch der in  Dortmund ist toll – und die Anlage kann jetzt nicht allzu viel gekostet haben, weil in NRW das Geld ja recht knapp ist.

Wenn Sie über Münchner reden, sagen Sie oft „wir“. Woher kommt dieser schöne Lokalpatriotismus?

Also, ich fühle mich der Stadt schon verbunden. Ich habe hier studiert und habe die ganzen Konzertsäle sowohl als Gast als auch als Künstler erlebt. Sonst würde ich mich hier nicht so echauffieren! Christian Gerhaher hat übrigens so schön gesagt: Meinetwegen soll sich der Ministerpräsident ein Denkmal setzen und den Saal „Horst-Seehofer-Saal“ nennen.

Vielleicht denkt Herr Seehofer, dass man mit einem neuen Konzertsaal keine absolute Mehrheit gewinnt…

Aber so eine Entscheidung darf man nicht von einer Mehrheit abhängig machen! Die absolute Mehrheit sagt immer, dass es ein Luxusproblem ist. Das ist auch schwer von der Hand zu weisen. Man könnte natürlich die grundsätzliche Frage stellen, ob der Mensch überhaupt Musik braucht. Ich sage: Ja, das tut er!

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