Auf einen Kaffee mit … Klaus Heymann

Klaus Heymann, Foto: Heymann

Klaus Heymann ist Gründer und mit 80 Jahren noch immer Chef des Musiklabels Naxos

crescendo: Herr Heymann, Ihre Biografie liest sich wie ein Abenteuerroman. Studium in London, Paris, Lissabon und Frankfurt,und im Jahr 1967 wanderten Sie bereits nach Hongkong aus. Ganz schön mutig und reiselustig …
Klaus Heymann: Ich habe schon immer sehr viel Geschäftssinn gehabt. Nach dem Krieg gab es nichts zu lesen, keine Bücher. Aber es gab diese Lux-Lesebögen. Ich war elf oder zwölf, ging zur Freiherr-vom-Stein-Schule in Frankfurt, die lag nah am Südbahnhof, wo es einen Kiosk gab. Ich habe mit meinem Taschengeld alle Lux-Lesebögen aufgekauft und mit zehn Pfennig Gewinn an Klassenkameraden weiterverkauft. Ich war auch Balljunge beim Tennis, später Caddy beim Golf und habe eigene Tennisturniere organisiert.

Aber so ein Schritt nach Asien in dieser Zeit?
KH: Ich hatte nach der Universität – die ich übrigens nicht abgeschlossen habe – meinen ersten Job bei einer amerikanischen Zeitung gefunden, einer Wochenzeitschrift für Soldaten, die in Europa stationiert waren. Im Zuge des Vietnamkriegs waren alle nach Fernost verlegt worden. Dann kam der Anruf: „Willst du mit?“ Ich dachte: „Mensch, Hongkong, toll!“ Dann bin ich mit einer Schreibmaschine und einem Koffer nach China gereist und habe erst mal das Büro der Zeitung aufgemacht. Da bin ich hängen geblieben, habe gelernt, wie man eine Firma startet und habe mich selbstständig gemacht, was in Deutschland nie gegangen wäre.

Und die Idee mit dem Musiklabel, die kam dann aufgrund Ihrer Frau, die ja Geigerin ist?
KH: Ja, ich war immer sehr musikbegeistert. Hatte auch in London und Lissabon viele Opern und Konzerte besucht. Das habe ich in Hongkong vermisst und habe angefangen, Konzerte zu präsentieren. Damals hatte ich schon den Vertrieb für Revox und Bose übernommen, und dann kamen Künstler, die ihre eigenen Schallplatten nicht im Laden finden konnten – also begann ich, welche zu importieren. Weil wir ein gutes Marketing für die Konzerte gemacht haben, hat mich das Hongkong Philharmonic Orchestra in den Vorstand eingeladen. Ich sagte: „Auf ein Amateurorchester habe ich keine Lust, aber wenn ihr professionell sein wollt, mach ich mit!“ Dann haben wir das Orchester professionell aufgestellt und in der ersten Saison habe ich meine liebe zukünftige Ehefrau kennengelernt. Es gab in Hongkong nur ein Orchester und wenige Konzerte, also dachte ich: Ich mache Aufnahmen. So fing das Ganze an.

Kommen Sie jetzt noch viel zum Musikhören?
KH: Jein. Am Anfang habe ich mir alles, was wir aufgenommen haben, auch angehört. Jetzt ist es mit den Labels, die uns gehören wie Ondine oder Capriccio, so viel geworden, dass ich nur noch höre, was mich interessiert.

Und Ihre persönliche Lieblingsmusik?
KH: Das ist sehr schwierig. Wenn man so involviert ist ins Geschäft, dann ist es eigentlich immer das, wo wir gerade dran sind. Gut, ich habe ein paar Lieblingskomponisten wie Janáček, bin auch ein großer Pfitzner-Fan. Ansonsten höre ich gerne die Mozart- und Haydn-Zeitgenossen.

Was ist mit dem „Rosenkavalier“? Wir haben gehört, den mögen Sie auch gern …
KH: (lacht) Den gut aufnehmen, das wird ein teures Unterfangen! Na ja, wir haben gerade den Ring mit dem Hongkong Philharmonic gemacht, das kam erstaunlich gut an. Jaap van Zweden ist ein toller Dirigent und hat mit Matthias Goerne auch einen sehr guten Sänger als Wotan gefunden.

Irgendwie waren Sie immer ein Glückskind oder gab’s auch herbe Rückschläge?
KH: Eigentlich nicht. Ich habe ja, bevor ich ins Schallplattengeschäft eingestiegen bin, andere Geschäfte betrieben und gelernt, dass man keine unkalkulierbaren Risiken eingehen soll. Und ich muss sagen, die Großen haben Gott sei Dank die Geburt und Entwicklung von Naxos verschlafen. Es gab Enttäuschungen, aber keine Desaster.

Sie machen mit 80 immer noch weiter. Sind Sie Workaholic, macht es einfach nur Spaß oder ist es schlichtweg Ihr Leben?
KH: Ein bisschen von allem: Ich bin kein Workaholic, aber die Arbeit macht mir Spaß. Ich bin mit einer Geigerin verheiratet, meiner bestverkauften Künstlerin. Sie arbeitet auch noch und ist mittlerweile 72. Sie macht gerade Fernunterricht für ihre Schüler in Hongkong. Ich bin mit vielen unserer Künstler wenn schon nicht befreundet, so doch gut bekannt. Das ganze macht Spaß, ist erfolgreich. Und was soll ich denn machen? Ich spiele zwar gerne Golf – das geht hier in Neuseeland, wo wir fünf Monate pro Jahr verbringen, ganz gut –, aber die anderen Menschen dort sind so alt, pensioniert, haben alle möglichen Krankheiten, haben Knieersatz, Hüftersatz, Schulterersatz, sind mental pensioniert. Da habe ich keine Lust dazu. Ich treffe natürlich Vorkehrungen, habe ein gutes Management-Team, aber solange es geht … Ich habe gerade wieder einen Bluttest über mich ergehen lassen, der absolut perfekt war, kasteie mich sogar mit veganer Ernährung.

Haben Sie nie überlegt nach Deutschland zurückzukommen?
KH: Wir machen jedes Jahr einen Event in München und das ist schon schön, aber ich habe eine japanische Frau, und wir haben hier zum Beispiel Dienstboten, was schon sehr praktisch ist.

Aber das war ja nicht immer so?
KH: Also, ich war relativ schnell erfolgreich: Als ich mich 1969 selbstständig gemacht habe, war ich innerhalb von einem Jahr Multimillionär. Hongkong ist zwar sehr schmutzig, aber man hat sehr viele Freiheiten, auch viel mehr unternehmerische Freiheit als in Deutschland, und die Leute lassen einen in Ruhe, wenn man nicht gerade ein Verbrechen begeht. Natürlich ist es schön, durch München zu laufen, die schönen alten Häuser, Spargelzeit mit Sauce Hollandaise – aber die muss ich mir mit der veganen Ernährung ja nun sowieso verkneifen.

Was halten Sie von Musikpreisen wie dem ECHO KLASSIK?
KH: (lacht) Also, solange wir keine bekamen, standen wir dem ablehnend gegenüber, aber als wir erst mal anfingen, Grammys – wir haben jetzt 25 – und ECHOS zu gewinnen, waren wir happy. Viel verkaufen kann man heute allerdings nicht mehr damit.

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