Auf einen Kaffee mit Manfred Zapatka

Foto: Bob Coat

Der Schauspieler Manfred Zapatka spielt gerade den Antonius in Shakespeares Antonius und Cleopatra am Münchner Residenztheater. Der 74-Jährige ist ein echter Shakespeare-Experte, er spielte unter anderem Prospero, Hamlet und Puck und gehörte zwanzig Jahre lang zum Ensemble von Dieter Dorn in den Münchner Kammerspielen. In der Bar „Zur schönen Aussicht“ des Residenztheaters trafen wir ihn zum sehr entspannten Kaffee, den er am liebsten schwarz genießt – sonst schmecke man das Aroma doch gar nicht.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit William Shakespeare erinnern?

Ich war auf einem humanistischen Gymnasium, wo auch die Lektüre der englischen Klassiker sehr gepflegt wurde. Außerdem hatten wir eine unglaublich ambitionierte Jugendbühne, auf der wir unter anderem mit großem Eifer Shakespeares Julius Cäsar aufgeführt haben. Unter Anleitung unseres Lehrers haben wir nicht nur unsere Rollen gespielt, sondern uns auch intensiv mit dem Text beschäftigt und beispielsweise genau hinterfragt, in welcher Zeit das Stück angesiedelt war, um welche Art von Menschen es genau ging. Interessanterweise bekam ich nach dem Schauspiel­studium mein allererstes Engagement in Shakespeares Wintermärchen am Theater Freiburg. Seither habe ich immer wieder in Stücken von ihm gespielt, viele Rollen mehrfach.

Was ist in Ihren Augen typisch für Shakespeare?

Eine Besonderheit bei ihm ist, dass es keine Exposition gibt und man sofort mittendrin ist. Bei seiner freien Theatertruppe, die sich an alle Schichten richtete, ging es offensichtlich darum, das Publikum von der ersten Sekunde an zu packen. Seine große Kunst ist auch, dass es ihm immer ganz allgemein um das menschliche Leben geht, selbst bei seinen Königsdramen, die sich wie bei Heinrich IV. oder Richard II. um einen bestimmten Herrscher vor dem Hintergrund konkreter historischer Ereignisse drehen.

Haben Sie seine Stücke auch schon im Original gesehen? Und wenn ja: Hat man denn als Nicht-Muttersprachler überhaupt eine Chance, sie zu verstehen?

Shakespeares Englisch entspricht unserem Deutsch in der Hans-Sachs-Zeit. Selbst als Einheimischer müsste man sich erst einhören, als Ausländer gilt das umso mehr. Als Schauspieler, der seine Stücke kennt, weiß man aber zum Glück immer ungefähr, worum es geht. Trotz eventueller Verständigungsschwierigkeiten spürt man immer, wie ausdrucksstark und präzise Shakespeares Sprache ist. „To be or not to be“ – knapper und gleichzeitig gehaltvoller kann man es nicht sagen. Andere Autoren bräuchten dafür vierzehn Seiten. Viele Inszenierungen, die ich in England gesehen habe, waren interessanterweise ohne viel Drumherum inszeniert, Monologe wurden direkt ans Publikum gerichtet. Das ist für uns eher ungewöhnlich, entspricht meines Erachtens aber durchaus dem, wie Theater auch sein sollte – ganz direkt und an den Zuschauer gewandt. Idealerweise ist ein Stück doch so etwas wie eine zwei- bis vierstündige Ehe, bei der man sein Gegenüber ins Gespräch holen muss.

Ich kann mich an legendäre Shakespeare-Inszenierungen von Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen wie seinen Sommernachtstraum 1978 erinnern, die mit ganz wenigen Mitteln eine große Wirkung erzielten: Puck auf einer Stange aus dem Schnürboden, Oberon und Titania umgeben von ein bisschen Glitzer…

Dieter Dorn, zu dessen Ensemble ich fast zwanzig Jahre gehörte, hat versucht, mit sparsamen Mitteln und einfachen Materialien zu arbeiten. Das war für mich wirkliches Theater. Solche Dinge weiß man manchmal aber erst später zu schätzen.

Seither wurden Sie immer wieder in Shakespeare-Inszenierungen besetzt. Was macht es für Regisseure so reizvoll, sich wiederholt mit ihm zu beschäftigen? Auch im Kino wurden seine Stücke derart oft adaptiert, dass Shakespeare zum meistverfilmten Bühnenautor der Geschichte wurde.

Shakespeares Stoffe und Geschichten sind einfach gut: In Romeo und Julia geht es um die Liebe über gesellschaftliche Grenzen hinweg und das pralle Leben. In Antonius und Cleopatra begegnen sich zwei Menschen in Zeiten eines brutalen Bürgerkriegs. In ­Der Sturm und Was ihr wollt werden Menschen ins Ungewisse verschlagen – alles Themen, die auch heute aktuell sind und jeden berühren.

Entwickelt man eine Rolle weiter, wenn man sie mehrfach spielt?

Hamlet ist ein Charakter, mit dem man nie fertig ist, zu dem man persönlich Stellung beziehen muss. Das hat mir Thomas Holtzmann bestätigt, mit dem ich mich über diese Rolle unterhalten habe. Der Puck im Sommernachtstraum macht einfach Spaß, weil man ganz schnell denken und die Zuschauer verzaubern muss. Mir persönlich muss Spielen immer erst einmal Spaß machen.

Sie sind jetzt 74 Jahre alt. Denken Sie manchmal über so etwas wie Rente nach?

Es gibt Berufe, die einen körperlich so belasten, dass man mit Mitte 60 in den Ruhestand gehen muss. Bei der Schauspielerei ist das anders. Die ist etwas, mit der man sein gesamtes Leben verbringt. Wäre es nach meinem Vater gegangen, hätte ich diesen Weg aber nicht eingeschlagen.

Was hätte er sich stattdessen gewünscht?

Er war Journalist und hätte es gerne gesehen, wenn ich das auch geworden wäre. Für eine gutbürgerliche Familie wie meine war Schauspielerei in der Nachkriegszeit keine ernst zu nehmende Option. Deshalb habe ich erst in seinem Sinne versucht, ganz klassisch Politik in Köln zu studieren. Da habe ich Kommilitonen von den Theaterwissenschaften kennengelernt, sie haben mich mit zu ihren Aufführungen genommen und auf neue Gedanken gebracht. Irgendwann durfte ich dann an der Bochumer Schauspielschule vorsprechen, bin sofort genommen worden und konnte mir mein Studium dank eines Stipendiums selbst finanzieren. Mein Vater war dazu nicht bereit. Ehrlich gesagt bin ich da ohne konkrete Visionen rangegangen.

Sie konnten auf den besten Bühnen unter den renommiertesten Regisseuren spielen, waren auch viel im Fernsehen und Kino zu sehen. Haben Sie trotzdem noch offene Wünsche?

Es gibt noch jede Menge Rollen, die ich gerne spielen würde. Bei Shakespeare würden mich vor allem noch die politischen Stücke wie Coriolanus interessieren.

Und welche Rolle hat William Shakespeare nun in Ihrem Leben rückblickend gespielt?

Er war sowohl ein wichtiger Wegbegleiter und Lehrmeister als auch immer wieder eine Herausforderung. Wie er fundamentale menschliche Themen auf die Bühne bringt, das ist schon einzigartig.

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