Auf einen Kaffee mit… Matthias Mühling

Foto: Bob Coat

Seit 2014 führt Matthias Mühling die Städtische Galerie im Lenbachhaus München. Von seinem Vorgänger Helmuth Friedel, der 24 Jahre das Haus führte, hat er nicht nur ein modernisiertes und durch einen neuen Anbau bereichertes Haus übernommen, sondern auch einen Stab „selbstbewusster“ Mitarbeiter, mit denen es „richtig Spaß“ mache zu arbeiten, wie Mühling versichert. „Ich lass mir auch gerne mal von einem jungen Kurator die zeitgenössische Kunst erklären“, sagt der 46-Jährige.

Herr Mühling, können Sie sich noch an Ihren ersten Museumsbesuch erinnern?

Nicht an den Besuch, aber an ein Bild, das ich im Kuppelsaal in der Hamburger Kunsthalle sah. Es war eine Zeichnung von Hans Holbein (dem Jüngeren) vom englischen Hofe von Heinrich VIII. Ich war 19 Jahre alt und es wurde mir klar, dass ich mich mit der Kunst beschäftigen wollte.

Sie studierten Kunstgeschichte, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und in Münster.

Ja, ich begann ein Studium, von dem damals gesagt wurde, es sei aussichtslos. Traumberufe der Achtziger waren Banker, Börsenmakler und Werbefachmann. Niemand konnte ahnen, dass neben der Computerindus-trie der Kunstbetrieb die Wachstumsbranche Nr. 1 werden würde. Heute gibt es ein Vielfaches an Galerien, Künstlern, Museen und Angestellten im Kunstbetrieb. Traumberuf ist heute der Kurator, den gab es gar nicht als ich jung war.

Wie erklären Sie sich diese  Entwicklung?

Ein Museum ist ein wichtiger sozialer Ort, wichtiger als andere Orte der Kulturproduktion. Die Schauspieler im Theater und ihre Regisseure kapseln sich eher ab, gehen nicht unbedingt auf Tuchfühlung mit dem Publikum. Die Premierenfeier findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Sitze sind arretiert im Zuschauerraum, im Konzertsaal ebenso wie im Kino und der Oper. Im Theater muss ich mich entscheiden, ob ich, wenn mir etwas nicht gefällt, während der Vorstellung beleidigt hinausgehe und die Tür zuknalle oder höflich bleibe und klatsche. Im Museum aber ist man frei, alles ist durchlässig. Wir können für Kinder eine Hüpfburg sein und zugleich ein Bildungsort. Jeder darf zur Eröffnung kommen, kostenlos. Jeder hat die Möglichkeit, mit dem Künstler ins Gespräch zu kommen, oder mit dem Kurator. Der mittellose Akademiestudent steht neben dem millionenschweren Sammler oder dem Politiker. Die Einträge in unserem Besucherbuch zeigen, dass das Museum auch als ein Ort zum Flirten wahrgenommen wird.

Stört Sie das nicht als Intellektueller?

Nein. Warum? Die Bundesrepublik und das ‚alte’ Europa hängen vielfach noch an der Definition, die Adorno von der Kulturindus-trie gab: Das Fernsehen, die Filmindustrie mache irgendwie blöd und degradiere die Menschen zu „Pawlowschen Hunden“, die sich nur manipulieren lassen. Kritisches Denken könne einzig und allein durch den Kanon des Bildungsbürgertums herausgefordert werden; auf alle anderen Formen der Auseinandersetzung wird mit dem Zeigefinger gezeigt. Das halte ich für Unsinn. Denn auch ein Hollywoodfilm kann ein enormes aufklärerisches Potential haben. Sagen Sie mir einen bildenden Künstler, der sich relevant mit dem Thema der NSA auseinandergesetzt hat? Die Verfilmung von ‚The Snowden Files’ von Oliver Stone aber tut es und zeigt intelligent diese neue Form asymmetrischer Kriege, die uns bedrohen.

Wann stößt ein Museum an seine Grenzen?

Wir sind hoch professionell, wir wissen, wie man ein Museum betreibt, wir wissen, wie man intelligente populäre Ausstellungen macht, auf dass die Leute zu Tausenden kommen. Aber im Kern weiß keiner, wie wir auf die Herausforderungen der Gesellschaft reagieren sollen: etwa den demografischen Wandel, die Migrationsflüsse, die radikale Veränderung im Hinblick auf die Medien. Warum kommen in unsere Museen kaum Menschen aus einer anderen Kultur? Wir können das nicht so stehen lassen. Wir müssen erreichen, dass die dritte Generation der Zuwanderer zu uns kommt und uns kritisiert, so selbstverständlich wie es die Bildungsbürger tun. 36 Prozent der Bevölkerung Münchens hat einen Migrationshintergrund; sie sind ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Dennoch erreichen wir sie kaum.

Nicht weit von hier am Münchner Königsplatz lebte ein Mann, der auch nach seinem Tod sämtliche Museen unruhig macht.

Ja, Cornelius Gurlitt und die Kunstsammlung seines Vaters Hildebrand, die sich dieser teilweise unrechtmäßig im Dritten Reich angeeignet haben soll. Der professionellen Kunstwelt war diese Provenienz bekannt, nicht aber, dass so viele Bilder quasi auf Halde lagen in einer kleinen Wohnung in Schwabing. Anders als die Medien es darstellen, finde ich, dass die Biographie von Hildebrand Gurlitt eine sehr typische und für ihre Zeit sehr repräsentative ist. Aus dem zunächst unbescholtenen Bürger wird ein Mitläufer, der sich schuldig macht, auch als Nutznießer jüdischer Not, der dann allerdings in der ‚Normalität’ der BRD sein Leben weiter entwickelt. Das ist traurig, aber das müssen wir so akzeptieren.

Stichwort Provenienzforschung…

Wir waren eines der ersten Museen, das eine solche Abteilung einrichtete, mit einer festangestellten Wissenschaftlerin, die sich darum kümmert. Das war schon immer sehr wichtig für unsere Reputation. Dabei haben wir nur wenige ‚belastete’ Bilder. Wir sind ein junges Museum, wurden erst 1929 gegründet, und unsere Bilder aus der klassischen Moderne, um die es vielfach geht, bekamen wir durch eine Schenkung von Gabriele Münter, der ehemaligen Lebensgefährtin von Wassily Kandinsky. Doch wenn Sie Paul Klees „Sumpflegende“ ansprechen…

…auf dessen Herausgabe noch eine Erbin wartet.

…deshalb bin ich auch nicht berechtigt, darüber zu sprechen. Das darf nur der Oberbürgermeister. Aber alle bei der Landeshauptstadt wünschen sich eine einvernehmliche Lösung in diesem rechtlich sehr komplizierten Fall. Wir streiten die Verantwortung nicht ab, auch weil wir unseren Sitz in München haben. Hier fand schließlich 1937 die Ausstellung „Entartete Kunst“ statt, in der auch einige Bilder der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, deren Hauptwerke im Besitz des Lenbachhauses sind, verunglimpft oder zerstört wurden. Die Nazis sahen sie als Bedrohung, nicht etwa, weil Hitler einen schlechten Geschmack hatte, sondern weil die Gruppe die Ideologie vertrat und formulierte, dass jede Kulturproduktion eine gleichwertige sei, egal ob es sich um eine in Afrika vor zweihundert Jahren geschnitzte Skulptur handelte oder ein Kandinsky-Bild aus dem Atelier. Mit der kommenden Ausstellung „Marc-Macke – Eine Künstlerfreundschaft“ zeigen wir nicht nur, dass wir uns den Ideen der Moderne, die sie formulierten, verpflichtet fühlen, sondern auch, dass Freundschaft ein sehr hohes Gut ist in Zeiten, wo der solidarische Charakter unserer Gesellschaft bedroht ist.

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