Auf einen Kaffee mit… Pablo Heras-Casado

„Tomaten, Auberginen und Salat. DAS interessiert mich wirklich.“

Pablo Heras-Casado gehört zur neuen Generation von Dirigenten, die mit dem Orchester sehr wohl ein Bierchen trinken wollen. Wir trafen den Tausendsassa mit spanischen Wurzeln auf einen lockeren Espresso in Köln.

Herr Heras-Casado, wie sehen Ihre ersten musikalischen Kindheitserinnerungen aus?
Singen! Ich erinnere mich daran, dass ich mit meiner Mutter zuhause die ganze Zeit gesungen habe. Ich habe zu der Musik gesungen, die aus dem Radio kam, und ich habe meiner Mutter beim Singen zugehört. Singen war für mich die natürlichste Weise, um mich musikalisch auszudrücken. Und wir haben zuhause gar keine klassische Musik gehört, es ging einfach um ganz pures Singen und um den Klang der Stimme.

Sie haben viele Talente, haben auch Kunstgeschichte und Schauspiel studiert. Macht es Sie vielleicht sogar zu einem besseren Dirigenten, dass Sie sich vorher schon intensiv mit anderen Dingen auseinandergesetzt haben?
Absolut. Beim Dirigieren geht es ja nicht nur darum, ein Orchester zu managen und dafür zu sorgen, dass sie zusammenspielen. Es geht darum, wirklich eine Verbindung aufzubauen. Mit den Musikern, die spielen, und auch mit diesen Genies, die die Musik geschrieben und die in einem ganz anderen Jahrhundert gelebt haben. Man sollte also etwas über die Einflüsse wissen, die auf die Komponisten gewirkt haben, man sollte überhaupt so viel wie möglich wissen, um den Kontext zu begreifen, in dem die Musik entstanden ist. Erst dadurch entsteht dann eine ganz besondere Energie und der richtige Fokus. Außerdem sind wir ja auch Darsteller – wir müssen wissen, wie man sich auf einer Bühne bewegt und wie man kommuniziert.

Muss man als Dirigent auch psychologisch begabt sein?
Jedes Orchester braucht etwas anderes. Manchmal braucht man eine Probe, manchmal braucht man fünf, um an einen bestimmten Punkt zu kommen. Und die Musiker reagieren auch immer ganz unterschiedlich. Da muss man als Dirigent sehr flexibel sein und sich einfühlen, was jetzt besonders wichtig ist. Bevor ich mit dem Freiburger Barockorchester auf Tour war, war ich in New York bei den New York Philharmonics. Das war ein ganz anderes Orchester, ein ganz anderes Repertoire, ein ganz anderes Umfeld. Oder wenn ich mein Orchestra of St. Luke’s dirigiere – das ist dann wie Familie. Die Musiker sind sehr anspruchsvoll und lieben Herausforderungen. Alle diese Begegnungen haben immer ihren ganz eigenen Wert in einem positiven Sinn.

"Wenn ich einen Artikel über mich schreiben müsste, würde ich vermutlich über mein Zuhause in Granada schreiben, über meine Eltern, oder darüber, dass ich gerne im Garten arbeite."

Empfinden Sie sich und das Orchester als Team?
Absolut! Ich würde nie anders darüber denken. Seit dem ersten Moment, in dem ich darüber nachgedacht habe, dass Dirigieren etwas sein könnte, das mich interessiert, bis zum heutigen Tag, hat sich das überhaupt nicht verändert. Das ist für mich eine wesentliche Einstellung bei meiner Arbeit. Ich hatte da auch kein bestimmtes Rollenmodell vor Augen, kein Vorbild oder so, als ich anfing zu dirigieren. In meiner Heimatstadt gab es kein großes Orchester, kein Opernhaus, keinen bekannten Dirigenten. Ich hab das einfach zusammen mit Freunden herausgefunden, als wir ein Ensemble gegründet haben. Es muss ein kollektiver kreativer Prozess sein, damit es völlig überzeugend rüberkommt. Das hat meine Vorstellungen geprägt, wie ein Dirigent sein sollte.

Was macht für Sie einen gelungenen Konzertabend aus?
Es geht für mich immer um diese besondere Magie, die entstehen kann, wenn man körperlich und seelisch die Verbundenheit spürt, die durch die Musik zwischen den Musikern und dem Dirigenten zustande kommt. Wenn Vertrauen zueinander da ist und wenn eine Einheit entsteht. Das kann man nicht künstlich herbeiführen, und man kann auch nicht vorhersehen, wann und ob das passieren wird. Aber wenn dieser Zustand da ist, dann kann man plötzlich schweben. Und ich glaube, darum kommen auch die Leute überhaupt ins Konzert. Wissen Sie, gestern stand ich vor dem Konzert im Hotel am Fenster und habe die Menschen beobachtet, wie sie in die Philharmonie strömten. Und ich habe gedacht: Warum wollen diese Menschen ins Konzert gehen? Es ist doch nur ein Konzert von vielen, und es gibt auch Aufnahmen und so weiter. Aber die Leute haben sich Karten gekauft und sich die Zeit genommen und sind von zuhause gekommen, nur um uns anzuhören. Ich habe bei dem Gedanken große Dankbarkeit verspürt. Sie könnten doch an diesem schönen Abend alles Mögliche tun. Aber ich glaube, die Leute kommen ins Konzert, weil auch sie hoffen, diese besondere Magie zu spüren.

Sie dirigieren ganz unterschiedliche Musikstile: Oper, Alte Musik, zeitgenössische Werke. Gibt es Stücke, die Sie sich noch für die Zukunft aufheben?
Darin bin ich nicht sehr gut (lacht). Ich muss jetzt natürlich schon weit in die Zukunft planen, und ich kann nicht alles auf einmal machen. Und das ist bestimmt auch gut, alles Schritt für Schritt. Im Augenblick setze ich mich zum Beispiel intensiv mit deutscher Romantik auseinander. Alte Musik habe ich schon viel gemacht, und es sind einige weitere Aufnahmen in Planung. Mit Wagner ist das so eine Sache. Bisher war ich noch nicht so weit, weiß aber, dass die Zeit kommen wird, und ich habe auch schon Pläne, mich mit Wagner zu beschäftigen. Wagner und Bruckner habe ich bisher noch nicht viel dirigiert, aber ich weiß, das wird irgendwann kommen, und ich verspüre da auch überhaupt keine Eile.

Warum wollten Sie ausgerechnet Mendelssohns 2. Sinfonie aufnehmen?
Mendelssohn ist ein ganz wichtiger Komponist, finde ich. Und es klingt vielleicht seltsam, aber ich denke, er wird heute immer noch unterschätzt. Er ist eine Schlüsselfigur in der Musikgeschichte und ist in der deutschen Romantik genauso wichtig wie Schumann oder Schubert oder Brahms. Und vor allem diese 2. Sinfonie mag ich sehr. Vielleicht, weil ich diese persönliche Verbindung zum Gesang habe oder weil es in der Musik einen Bezug zur barocken Tradition gibt. Es ist eine schwierige Sinfonie mit ihrer Struktur und ihrer besonderen Stilistik. Und sie wurde noch nicht so oft aufgenommen. Dabei finde ich, dass sie absolut zum Repertoire gehören sollte. Es war eine Herausforderung, dieses Stück aufzunehmen. Deshalb wollte ich das unbedingt machen.

Auf der aktuellen CD „El Maestro: Farinelli“ sind sogar viele Stücke dabei, die noch nie zuvor eingespielt wurden. Ist Ihnen das besonders wichtig?
Ja, ich finde, das ist eine Art Mission, die ein Dirigent haben sollte. Es geht nicht darum, nur das Standardrepertoire zu dirigieren, sondern wir sind sozusagen die Botschafter der Komponisten. Unsere Aufgabe ist es, ihre musikalischen Wünsche zu vermitteln. Das können unbekanntere Werke von bekannten Komponisten sein, aber auch alte Werke, die noch nie vorher aufgenommen wurden. Wie zum Beispiel die Musik auf der Farinelli-CD. Es verschafft mir eine große Befriedigung, diesen unbekannten Komponisten Jahrhunderte später dabei zu helfen, dass ihre Werke bekannt werden.

Mit dem Erfolg kommt immer auch der Presserummel. Haben Sie sich mal selbst gegoogelt? Sie werden im Internet als „heißester Nachwuchsdirigent“ gehandelt. Wie fühlt sich das an?
Das ist ein Riesenquatsch! Natürlich brauchen die Medien immer einen Stempel, den sie einem aufdrücken können. Das gehört zum Spiel, das ist ja mit Dirigenten oder Fußballern oder Schauspielern genau dasselbe. Ich finde es viel interessanter, wenn jemand etwas zu sagen hat über Mendelssohn oder Zelenka oder Bach. Wenn ich einen Artikel über mich schreiben müsste, würde ich vermutlich über mein Zuhause in Granada schreiben, über meine Eltern, oder darüber, dass ich gerne im Garten arbeite. Ich habe einen schönen Garten, und ich bin ganz stolz darauf, dass auch Bäume darin wachsen. Das ist noch mal was anderes als Blumen. Durch die Bäume habe ich echt das Gefühl, dass ich ein Teil von der Natur bin. Sie gehören zu mir, und ich gehöre zu ihnen. Außerdem baue ich im Sommer gerne Gemüse an: Tomaten, Auberginen und Salat. Zu sehen, wie das wächst, und das Gemüse dann zu essen, das macht mich sehr glücklich. Das hat bestimmt mit meinen Großeltern zu tun. Mein Großvater war Bauer, und als Kind habe ich mit ihm immer Oliven und Kartoffeln geerntet. Wissen Sie was, jetzt, wo wir darüber sprechen, merke ich: DAS interessiert mich wirklich! (lacht)

Sie sind dauernd unterwegs, kommen irgendwo an und reisen wieder ab. Können Sie gut Abschied nehmen?
Man lernt das mit der Zeit. Und das muss man ja auch. Vor allem bei der Arbeit in der Oper. Manchmal verbringt man zwei Monate so intensiv miteinander, und es entsteht eine starke persönliche und künstlerische Verbundenheit und ein Vertrauen zueinander. Und dann muss man das alles hinter sich lassen und weiß, dass man diese Menschen wahrscheinlich für viele Jahre nicht mehr sehen wird. Und man muss immer wieder ganz von vorne anfangen. Darauf muss man sich einstellen. Gleichzeitig muss man allerdings diese Verbundenheit auch zulassen, weil nur so ein intensives künstlerisches Ergebnis überhaupt möglich ist. Und auch ein Privatleben, denn wenn man immer wieder so lange von zuhause weg ist, hätte man ja ansonsten gar keine Begegnungen, die einen persönlich berühren. Man muss ganz bewusst darauf achten, dass man es schafft, irgendwie diese viele verschiedenen Schichten von Beruf und Privatleben miteinander zu verbinden, aber auch gleichzeitig sein Inneres zu schützen.

Wie ist sein neues Album?

Mit der aktuellen CD präsentiert Pablo Heras-Casado die verschiedenen faszinierenden Facetten Farinellis. Denn der war nicht nur ein legendärer Sänger, sondern auch ein leidenschaftlicher Kulturvermittler, Dirigent und Komponist. Mit dem agilen Klangkörper des Concerto Köln und dem Countertenor Bejun Mehta hat Heras-Casado die perfekten Mitstreiter an seiner Seite. Die Aufnahme ist zu einer feurigen Ode an Farinelli geraten – überraschend, farbenfroh und detailreich auf den Punkt musiziert.

El Maestro Farinelli
Archiv Produktion (Universal Music)
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