Auf einen Tee mit … Udo Wachtveitl

(Udo Wachtveitl im Gespräch)

Vor Kurzem hat Udo Wachtveitl den Erzähler einer Händel-Hörbiografie eingesprochen. crescendo traf sich mit dem Schauspieler auf eine Tasse Tee in München.

crescendo: Herr Wachtveitl, haben Sie mal Blockflöte gespielt?
Udo Wachtveitl: Ja, ein ekstatisches Blockflötensolo beim Song Bitte mach mir ein Kind von Funny van Dannen. Das habe ich 2006 in der Muffathalle vor ungefähr 1.200 Leuten gespielt.

Sie wurden also als Kind mit Instrumentalunterricht „gequält“…
UW: Überhaupt nicht. Ich hab mir das als Erwachsener selber beigebracht. Ist ja nicht so schwer: (lacht) Je mehr Löcher zu sind, desto tiefer ist der Ton.

Dann war Blockflöte nicht Ihr Einstiegsinstrument. Aber als Jugendlicher sollen Sie in einer Schulband Gitarre gespielt haben.
UW: Was man halt so macht, um ein toller Typ zu sein.

Kreischende Mädels?
UW: Kreischende Mädels waren natürlich das Hauptinteresse, (lacht) aber so arg haben Sie dann doch nicht gekreischt. Das waren eben erste Versuche auf dem Instrument, alles selbst beigebracht. Aber dann hatte ich mit 19 Jahren dummerweise einen sehr schweren Autounfall, und ich konnte die Hand nicht mehr richtig drehen. Das heißt, Barré-Greifen ist seitdem schwierig bis unmöglich. Ich hatte nicht den Biss und das musikalische Wollen wie Django Reinhardt, der nach einem Unfall selbst mit zwei Fingern noch spielte.

In der BR-Serie Im Schleudergang mimen Sie sogar einen ehemaligen Opernsänger …
UW: Die Folge 18 war sehr gut, weil er da wirklich singt: (singt) „Ich bin der Prodekan, man sieht mir’s gar nicht an …“ Das habe ich original eingesungen. Da glaubt man, dass er ein Opernsänger war, man glaubt aber auch, dass er nie Erfolg hatte.

Gerade haben Sie den Erzähler in einer Händel-Biografie auf Hörbuch gesprochen. Welche Musikerbiografie würden Sie sonst gerne einlesen?
UW: Ich würde gerne mal was über Frank Zappa machen, der seine Finger ja auch ins Klassische ausgestreckt hat. Er hat sich für komplizierte Musik interessiert, diese ganzen Einflüsse der Populärkultur aufgenommen. Mir gefällt, dass er wie Prince zum großen Teil ein Autodidakt war, ein Selfmademan.

Wie läuft so eine Hörbuchproduktion eigentlich konkret ab?
UW: Für zehn Folgen brauchen wir zwei Tage. Die Musikbeispiele sind meistens noch nicht vorgemischt, ich stelle sie mir also vor. Wenn es sehr wichtig ist, dass ich mich darin einfühle, lasse ich sie mir vom Schneideraum einspielen. Wenn ich Fragen habe, sind mit Toningenieur, Autor und Abteilungsleiter sehr kompetente Gesprächspartner da, wenn es zum Beispiel um die Betonung fremdländischer Komponistennamen geht. Wir sind also zu viert, ich einsam im „Aquarium“ – einer Kanzel, wo mich große Scheiben einfassen –, die anderen draußen. Ein ziemlich geheimnisloser Vorgang. Die große Kunst ist, den Text zu fassen, den kulturellen Bezug herzustellen und gut zu sprechen.

Der Tatort ist das Fernseh-Heiligtum der Deutschen. Nervt es Sie manchmal, dass die Leute immer den Kommissar mithören?
UW: Bei allem, was man erfolgreich und publikumswirksam macht, setzt man sich dieser Gefahr aus. Der leider schon verstorbene Manfred Krug war lange Zeit nicht nur der Tatort-Kommissar, sondern auch der Telekom-Mann. Ich selber kenne inzwischen alle Witze und bin immun dagegen.

Nervt es nicht trotzdem, dass man so stark auf diese eine Rolle reduziert wird?
UW: Wenn man nichts anderes machen würde, wäre das schon so. Der Tatort beschäftigt mich aber nur drei oder vier Monate im Jahr. In der Wahrnehmung denken die Leute, ich mache seit 20 Jahren nichts anderes. Wie Sie wissen, mache ich aber auch Hörbücher und sehr viele Lesungen, halte Vorträge, und ich habe auch ein durchaus vorhandenes Bedürfnis nach Muße. In Mexiko habe ich einen Film über Waffenschieber gemacht, der dazu geführt hat, dass die staatsanwaltlichen Ermittlungen wieder aufgenommen wurden. Gerade bin ich mit einem Dokumentarfilm über die Reformation beschäftigt.

Hat man Sie im wirklichen Leben denn mal als Kommissar missbraucht?
UW: Ehrlich gesagt, nein. Angeblich ist das Klausjürgen Wussow, der den Dr. Brinkmann in der Schwarzwaldklinik gespielt hat, öfter passiert. Also er wurde tatsächlich für einen Arzt gehalten. Aber: Ich habe für mich selbst in einer brenzligen Situation schon mal Nutzen aus der Rolle gezogen, weil ich dieses „Hey, bleib mal stehen!“ so oft durchexerziert hatte: Mir hat jemand mein Fahrrad geklaut, und der sagte dann, ich soll seine Lederjacke loslassen, sonst sticht er mich ab. Ich habe aber nicht losgelassen … bis die Polizei 20 Minuten später endlich kam.

Noch mal zurück zur Musik: Was hört Udo Wachtveitl so privat?
UW: Also das Allermeiste, was im Radio dudelt, kann ich nicht ertragen. Da bin ich ein „Worthörer“ – Deutschlandfunk, Bayern 5 und Bayern 2 decken das ganz gut ab. Wenn Musik, dann eher komplexer und anspruchsvoller. Nehmen Sie zum Beispiel Zappa, Bob Dylan und Bach. Ich möchte in der Musik eine Seele spüren. Viele Musik ist ohne menschliche Regung, geht vom Ohr direkt ins Rückenmark, wo sie vielleicht zu ein paar Zuckungen führt. Sie ist dann aber auch nicht mehr als eine Rückenmarksreizung. Das ist wie Rosenkranzbeten: Es geht nicht mehr um den Inhalt, sondern nur noch um das rhythmische Ritual. Ich möchte auch nicht dauernd beschallt werden, dafür ist mir Musik zu wertvoll.

Aber Sie waren doch bestimmt auch in Clubs früher …
UW: Klar, aber da ist man aktiv hingegangen, und zwar für die Musik. Natürlich manchmal auch, um jemanden kennenzulernen. Aber da war es ja ganz gut, dass die Musik einen der Mühe enthoben hat, dauernd intelligent und witzig zu sein. Wir waren so ab 14 Jahren wirklich versessen aufs Musikhören und Tanzen – Jungs, die gerne tanzen, sind heute ja seltener geworden. Musik hat eine große Rolle gespielt, auch als Identitätsfaktor. Es war wirklich ein Problem, wenn man ein Mädchen gut und hübsch fand und sie hatte einen schlechten Musikgeschmack. Das war nicht nur irgendein Attribut, sondern eine Charakterfrage.

„Händel. Die Macht
der Musik. Eine Hörbiografie
von Jörg Handstein“

Udo Wachtveitl,
Bernhard Schir,
Gert Heidenreich u.a.

(BR Klassik)
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