Avi Avital: „Ich bin Jude, aber auch Araber“

(Avi Avital, Foto: Harald Hoffmann/DG)

Marokkanische Rhythmen und israelische Radiohits, gewürzt mit einer Prise Jazz. Der Mandolinen-Virtuose Avi Avital lässt sich vom kulturellen Erbe seiner Familie inspirieren. Ende Juni gastiert er beim Rheingau Musik Festival.

crescendo: Auf der Mandoline spielen Sie Transkriptionen von Bach und Vivaldi, aber auch Weltmusik von verschiedenen Kontinenten. Ihre neue CD „Avital meets Avital“ (DG) steckt voller orientalischer Klänge. Was ist die Idee dahinter?
Avi Avital: Dieses Album ist sicherlich das persönlichste, das ich bis jetzt veröffentlicht habe. Ich bin in Israel geboren und aufgewachsen. Meine Eltern waren als Juden aus Marokko eingewandert. Musik aus der maghrebinischen Tradition wird in diesen Familien nach wie vor bei Hochzeiten und anderen Feiern gespielt. Israelische Musik ist eigentlich eine Collage aus ganz unterschiedlichen kulturellen Einflüssen. Als Kind lebte ich unter Nachbarn, die aus Russland, Polen, Argentinien oder dem Jemen stammten. Alle hatten unterschiedliche Wurzeln, entwickelten aber ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Was bedeutet „Avital meets Avital“?
Avi Avital: Das Projekt habe ich mir gemeinsam mit meinem Freund Omer Avital, einem Jazz-Bassisten, ausgedacht. Wir sind keine Brüder, haben aber einen ähnlichen Familienhintergrund. Auch seine Eltern kamen aus Marokko, wo viele Juden diesen Nachnamen tragen. Wir lernten uns an der Musikakademie in Jerusalem kennen, danach trennten sich unsere Wege. Ich ging nach Italien, er nach New York. Unsere Freundschaft ist jedoch geblieben. Ich studierte klassische Mandoline, er machte Jazz und spielte Oud, ein typisch arabisches Instrument. 2012 haben wir angefangen, auf der Bühne gemeinsam etwas Neues auszuprobieren. Dabei arbeiten wir mit dem Pianisten Jonathan Avishai und dem Schlagzeuger Itamar Doari zusammen.

Auf der neuen CD, die Sie gerade auf einer Deutschlandtournee vorstellen, sind selbst komponierte Stücke zu hören.
Avi Avital: Zwei Titel sind von mir, die meisten Stücke hat Omer geschrieben. Wir haben unser gemeinsames marokkanisches Kulturerbe mit Erfahrungen kombiniert, die wir auf unseren Reisen durch die Welt gesammelt haben. Dies alles macht unsere musikalische DNA aus. Ich bin Jude, aber zugleich auch Araber. Das sind unsere Nachbarn im Nahen Osten, der für mich eigentlich auch den gesamten Mittelmeerraum umfasst. Ein Titel auf dem Album lautet Ana Maghrebi, was übersetzt „Ich bin ein Maghrebiner“ heißt. Es ist eine Art Hommage an die andalusische Musik und insbesondere an den bekannten Pianisten Maurice El Médioni, der auf einem westlichen Instrument algerische, tunesische und marokkanische Stücke spielt. Auch die kubanischen Calypso-Rhythmen, die Omer oft im East Village in New York hörte, haben uns hier besonders inspiriert.

Welche arabischen Einflüsse sind sonst erkennbar?
Avi Avital: Das erste Lied, Zamzama, bezieht sich auf eine in der arabischen Musik verwendeten Tonleiter. Wir haben die traditionellen Modelle frei abgewandelt. Die beiden Balladen Lonely Girl und Ballad for Eli könnte ich mir dagegen auch mit einem hebräischen Text vorstellen. Sie erinnern mich an die populäre Musik israelischer Liedermacher, die sich auf Vorbilder aus Nordafrika, dem Irak oder Jemen bezogen. Die Ballad for Eli hat außerdem einen sehr persönlichen Hintergrund. Omer schrieb sie für seinen Vater, kurz nachdem er gestorben war. Jedes Mal, wenn ich diese Melodie spiele, denke ich an meinen eigenen Vater und an meinen Sohn.

Haben Sie selbst schon vorher komponiert?
Avi Avital: Nein, die beiden Stücke auf der CD sind meine ersten Versuche. Eines davon heißt einfach Avi’s Song, weil mir bei jeder Probe ein anderer Titel einfiel. Der Rhythmus ist durch Balkan-Musik beeinflusst, die ich sehr gern spiele. Zu Prelude, dem zweiten Stück, hat mich dagegen der spanische Komponist Isaac Albéniz und sein bekanntes Werk Asturias inspiriert. Ganz am Schluss der CD kommt die Cover-Version eines alten Liedes von Moshe Vilenski, dem Pionier des israelischen Chansons in den 1950er- und 1960er- Jahren. Er stammte aus Polen und verband Melodien aus dem Nahen Osten mit typisch osteuropäischen Harmonien. Meine Eltern haben diese Lieder immer gern im Radio gehört.

Was verbinden Sie persönlich mit dem Rheingau Musik Festival, bei dem Sie schon früher aufgetreten sind?
Avi Avital: Ich liebe dieses Festival, weil auch an kleineren Orten hochklassige Musik aufgeführt wird. Die Atmosphäre bei den Konzerten ist für mich immer etwas Besonderes. Vor solch schönen Kulissen aufzutreten, ist für uns Künstler äußerst inspirierend. Diese Stimmung überträgt sich dann auch auf das Publikum.

Ausgewählte Live-Termine:

29.6.2017: Mainz, Alte Lokhalle
+49-(0)6723-60 21 70
www.rheingau-musik-festival.de

17.10.2017: Bremen, Die Glocke
+49-(0)421-33 66 99
www.meisterkonzerte-bremen.de

20.10.2017: Hannover, Großer NDR-Sendesaal
+49-(0)0511-36 38 17
www.promusica-hannover.de

Das Album “Avital meets Avital” (Deutsche Grammophon) erscheint am 02. Juni 2017.

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