Axel Brüggemann: Schluss mit Lustig?

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Ein Plädoyer für mehr Leichtigkeit und Selbstbewusstsein in der klassischen Musik.

Hand aufs Herz, so richtig lustig wird es in unserer Welt der ernsten Musik nur selten. Klar, es gibt viel Humor in der Klassik, sehr viel sogar, und man kann auch nicht behaupten, dass alle Komponisten Spaßbremsen waren. Aber das Lustige wird bei uns in der Regel sofort mit Herzenslust analysiert, gedeutet, als Ausdruck für etwas Höheres, Hehres und Menschliches behauptet. Einfach nur mal lachen oder albern sein, Quatsch machen, einen Gag reißen, scheint uns Klassik-Fuzzis etwas schwerzufallen. Wir ziehen lieber unsere Smokings an, nippen an den Champagnergläsern, suchen nach der Bedeutung des Witzes und tun das Schlimmste, was man mit einem Witz anstellen kann, nachdem man ihn erzählt hat: ihn erklären.

Meine persönliche Erfahrung ist diese: Oft fehlt Klassiktreibenden das spielerische Moment. Ein Großteil ist so humorvoll wie der Modelleisenbahnverein Wanne-Eickel. Eigentlich absurd, da Musik ja jeden Abend „gespielt“ wird. Ein Bild wird „gemalt“, ein Buch „geschrieben“ – Musik aber integriert den „Play-Moment“, das Spielerische, das Experimentieren, das Unbefangene, das Leichte. Aber davon ist besonders in unseren Institutionen nur wenig übrig geblieben. Es hat sich eine Form der Dünnhäutigkeit breitgemacht, Diskussionen, Kritik, selbst wortspielerisches Lustigmachen über den Kurs eines Hauses, eines Orchesters oder einer Aufführung werden in der Regel relativ humorlos erwidert. Mehr als einmal habe ich erlebt, wie deutschsprachige Intendanten Kritik nicht als Vorlage zur launigen Debatte, als Grundlage des Redens oder als gemeinsames lustvolles und spaßiges Streiten begriffen haben, sondern sofort persönlich beleidigt waren. Dann haben sie Briefe an Chefredakteure oder Herausgeber geschrieben, Schreibverbote gefordert, haben Werbungen storniert und den lustvollen Dialog verweigert. Ausgerechnet jene Leute, die Nackte auf die Bühne stellen und ihr Publikum provozieren wollen, mögen es nicht, wenn man sie herausfordert. Ausgerechnet jene Menschen, die auch für die kluge Unterhaltung einer Gesellschaft sorgen sollen, mögen das Unterhaltende nicht besonders. Diese Gemengelage ist alles andere als lustig.

Überhaupt scheinen Spaß, Leichtigkeit und Ironie, scheinen Witz, Humor und im weitesten Sinne Unterhaltung das Weihwasser für unsere teuflische Klassik-Szene zu sein. Moritz Eggert etwa, den ich als Komponisten und Menschen sehr schätze, ist zwar durchaus erfolgreich mit seinen schmunzelnden, zum Teil bitterbös-satirischen Werken – aber wenn es Spitz auf Knopf kommt (etwa bei der Eröffnung der Elbphilharmonie, die ja eigentlich ein Freudenfest sein sollte), dann scheinen die Verantwortlichen der Klassikinstitutionen eben doch eher die ernsthaften „Marmorscheißer“, wie Mozart einst die kaiserlichen Auftraggeber nannte, vorzuziehen. Dann muss mal wieder Beethovens Neunte ran, dann muss Brahms besonders gewichtig donnern, dann muss Wolfgang Rihm mit philosophisch abgründigem Musikwissen die Notenlandschaft als spitzweghafte Spaßbremse durchschreiten. Jemand wie Eggert, der das Publikum durch kluges Spiel und bösen Spaß begeistert, hat es aus unerfindlichen Gründen bei weiten Teilen der Intendanten noch immer schwer. Und auch bei einem Teil des Publikums. Eggerts Kolumne über das Verhältnis von Neuer und Alter Musik an unseren Opernhäusern auf crescendo.de sorgte sofort für einen Shitstorm – der ihn und mich vielleicht amüsiert hat, der in Wahrheit aber alles andere als witzig war.

Es scheint ein wenig, als müsse die heutige Klassik ihren Mythos der „ernsten Musik“ unter allen Umständen behaupten, als hätte sie Angst, humorvoll, leicht oder zynisch zu werden. Sie will mindestens so weihevoll wie Herbert von Karajan erscheinen, so seelensuchend wie Wilhelm Furtwängler klingen und glaubt, nur ernst genommen zu werden, wenn sie so grummelig wie Beethoven, so puritanisch wie Brahms und so weltverbessernd wie Wagner daherkommt. Manchmal wird all das zumindest unfreiwillig komisch, wenn mal wieder ein Dirigent, der Millionen von Staatsgeldern abkassiert, von seinem Auftrag palavert, von der Größe der Kunst – und man das Gefühl hat, dass der Preis für einen Liter Mich ihm weitgehend unbekannt ist. Aber wer Spaß oder Humor vermitteln will, der tut gut daran, sich nicht im Elfenbeinturm abzuschotten, er muss auf der Straße ebenso zu Hause sein wie in den Höhen der Kunst. Mit anderen Worten: Dem Parkett unserer Konzerthäuser fehlt oft die Street Credibility. Dabei versteht es jeder gute Humorist und Künstler, das Allgemeingültige im Profanen zu finden.

Das Absurdeste an der ganzen Sache ist, dass für viele als Legitimation immer wieder ein Komponist wie Mozart herhalten muss: als Beweis des Witzes, des Unkonventionellen, des humorvollen Menschenverstehers. Dabei verwette ich all meine Ohren dafür, dass einer wie er es in unserer neuen Klassikwelt noch schwerer haben würde als zu seiner Zeit.

Warum ist das so? Es gibt sicherlich viele Gründe für die allgemeine Unlockerheit der klassischen Musik. Wesentlich ist, glaube ich, dass sie noch immer in der Nische steht, dass sie – auch auf Grund der immensen Subventionen – noch immer in einer Verteidigungshaltung steckt, dass sie unter enormem Legitimationsdruck steht und kurz gesagt: voller Komplexe steckt. Die Klassik wirkt wie eine Büste, die Angst davor hat, zu zerspringen, wenn sie sich bewegt. Aber Humor gedeiht am schlechtesten in einem Umfeld dauerhaften Drucks: Klassiklabels, die in der Regel gegenüber ihren Eigentümern, den großen, multinationalen Unterhaltungskonzernen, immer wieder an Wachstumsraten, Innovationsgeist oder modernen Marketingtrends gemessen werden. Theater und Konzerthäuser, die immer wieder mit Haushaltsdebatten konfrontiert sind und längst in einer Zwickmühle stecken. Auf der einen Seite sollen sie die experimentellen Kraftzentren der Gesellschaft sein, subventionierte Experimentierfelder, aber am Ende schauen sich die Stadt- und Landespolitiker eben doch die Auslastungszahlen an, um über weitere Subventionen zu entscheiden. Das hat fatale Folgen: Angeboten wird, was die Leute eh schon kennen, man geht mit dem Opern-Abc, mit Aida, Bohème und Carmen lieber auf Nummer sicher, wirkliche Experimente und Spielereien bleiben in der Regel Feigenblätter.

Symptomatisch war eine Pressemitteilung, welche die Orchestervereinigung vor einigen Wochen herausgegeben hat. Sie sprach von einer „Trendwende“ in der klassischen Musik. Das Hauptargument der Vereinigung kam in den letzten zehn Jahren in fast allen Berichten der Orchestervereinigung oder des Bühnenvereins vor: Deutsche Orchester und Theater würden mehr Publikum locken als die Spiele der Fußballbundesliga. Das hört sich gut an. Ist aber am Ende eine vollkommen peinliche Einordnung. Während in der Bundesliga 18 Vereine pro Saison Spiele gegeneinander austragen, es also genau 306 Fußballmatches pro Jahr gibt, stehen dem weit über 100 Opernhäuser und Orchester gegenüber, die fast jeden Tag im Jahr ihr Publikum locken. Logisch, dass sie mehr, ja, vielmehr Publikum haben als die Stadien der ersten Liga (und übrigens auch immer hatten)! Was der Orchesterverband nicht sagt, ist, dass der Fußball natürlich wirtschaftlich erfolgreicher ist als die Klassik und dass er, wenn man die zweite und dritte Liga, die Regionalligen, die Spiele der Jugendmannschaften und vor allen Dingen die Fernsehzuschauer dazurechnet, natürlich ein Tausendfaches an Zuschauern hat. Was ich mit diesem Beispiel sagen will: Die Klassik will so ungeheuer modern klingen, größer, als sie ist, und betreibt dabei ganz humorlose Augenwischerei. So sehen Minderwertigkeitskomplexe aus. Pressemitteilungen wie diese wirken auf den nicht mit der Klassik beschäftigten Leser wie die letzten Menschen von Atlantis, denen das Wasser bis zum Hals steht und die aus voller Kehle singen: „Wir gehen nicht unter!“ Das hat schon etwas Lustiges.

Warum, bitte schön, argumentiert die Orchestervereinigung nicht anders? Etwa so: Orchester und Opernhäuser sind Orte, die sich eine Gesellschaft leistet, und dafür schaffen sie etwas Großartiges: Sie experimentieren, sie suchen den Soundtrack unserer Gegenwart, sie bewahren das kulturelle Erbe unseres Landes und schreiben es fort, sie treten in lustvollen Dialog mit Jugendlichen, sie begeistern jeden Abend ein Publikum, das in ihrer Musik immer auch die Werte des Menschseins, des Miteinanders sucht.

Gerade in der klassischen Musik gibt es inzwischen unglaublich viel Anbiederung an den vermeintlichen Publikumsgeschmack: Mal werden Mozart, Haydn und Co. als „Popstars ihrer Zeit“ verkauft (was Quatsch ist!). Mal wird behauptet, dass Klassik leicht zugängig sei und keine Grenzen kenne, dann wieder wird sie mit den Mitteln modernster PR auf Hochglanz gebürstet und als schillernde Hülle unter die Leute gebracht, oder PR-Agenten, die selber noch aus dem Mittelalter kommen, glauben, dass Medien wie Twitter oder Facebook der Weisheit letzter Schluss seien, und merken dabei gar nicht, wie peinlich ihre Aktionen auf Leute wirken, die mit diesen Medien tatsächlich jeden Tag umgehen. Ja, ein bisschen ist es mit dem Humor in der Klassik so, dass er inzestuös ist, dass er fernab der realen Welt stattfindet – eine Freakshow, die so ernst ist, dass sie für andere kaum einladend wirkt.

Am besten war all das in der mehrere Millionen Euro schweren Werbekampagne der Elbphilharmonie zu sehen: Sowohl die geschriebene als auch die visuelle Sprache der Kampagne war eine gigantische Anbiederung an eine junge Generation, die da angesprochen werden sollte, deren Ton aber nur imitiert und nicht verkörpert wurde. Ähnliches sehen wir oft, wenn Klassik im Fernsehen stattfindet, entweder wenn uns alles, was wir zu sehen bekommen, in einem Glitterkleid als „großartig“, „genial“ oder „fulminant“ verkauft wird, so als ob der Fernsehzuschauer nicht selber hören könnte, dass natürlich nie alles perfekt ist. So, als läge das Großartige der Klassik nicht im Spiel, in seinen Fehlern und gescheiterten Experimenten. Oder wenn Leute wie Thomas Gottschalk den ECHO Klassik schon mit einer Warnung beginnen, dass nun wahrscheinlich viele abschalten, weil jetzt ja Klassik gesendet würde. Das ist weder wahr noch lustig. Und schlimmer noch: Klassikfans werden durch so etwas vergrault und neues Publikum nicht angesprochen. All das erinnert an Witze, die nicht zünden, an Humoreinlagen, über die nur der Erfinder selber lachen kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Wahn der Klassik, besonders jung oder besonders lustig wirken zu wollen, am Ende mehr Zuhörer kostet, als dass er neue bringt.

Ist also jede Hoffnung auf Humor in der klassischen Musik verloren? Natürlich nicht! Denn da sind ja noch die Künstler. Und die meisten von ihnen sind – auch, wenn sie oft als das moralische Gewissen des Abendlandes verkauft werden – am Ende eben ganz normale Menschen: lustig, schlagfertig, selbstkritisch und leidenschaftlich. Künstler, die durchaus Humor und Ironie verkörpern. Die sich über jede Möglichkeit, auch ohne ihr Instrument in der Öffentlichkeit „spielen“ zu dürfen, freuen. Die es genießen, ohne Formate, ohne Erwartungen, ohne Spaßregeln einfach nur sie selbst zu sein: Menschen, die ein Leben lang mit der Musik verbringen, die sich nicht darum kümmern, was andere zu diesem Weg sagen – weil dieser Weg für sie der einzige ist, den sie gehen wollen. Künstler, die selbstbewusst sind. Es ist dieses allzu Menschliche, es sind die Musiker selber, in denen der Humor und die Leichtigkeit der klassischen Musik jeden Abend strahlt. Vielleicht ist es an der Zeit, den Spot mal wieder auf sie zu richten, auf die Musik an sich. Denn sie ist viel spaßiger als der Betrieb, der sie in seiner gesamten Spaßlosigkeit als Geisel der Minderwertigkeit gefangen hält.

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