Axel Brüggemann: Die Nische der Nische der Nische

Wie die öffentlich-rechtlichen Sender die Klassik aussortieren:
vom Hauptprogramm in die Sparten-Kanäle und schließlich ins Internet.

Früher, als es nur drei Programme gab, war die Welt klar geordnet: ARD, ZDF und die Dritten Programme haben ihren Bildungsauftrag ernst genommen und Kultur als Teil des medialen Auftrags verstanden. Die Landesstudios von BR, NDR, SWR und Co. haben sich nicht nur Sinfonieorchester geleistet, deren Programme sie ausgestrahlt haben, sondern auch eigene Klassik-Redaktionen, in denen Redakteure sich in Ruhe um Nischen der Musik kümmern konnten. Oft erreichten ihre Sendungen das Publikum nur, weil die Zuschauer keine andere Wahl hatten, als ein Feature über die historische Aufführungspraxis, ein Interview mit Hans Werner Henze oder eine Übertragung von Opern anzuschauen. Und es gab, da bin ich sicher, den einen oder anderen, der über diese Programm-Stolpersteine seinen Weg zur Klassik gefunden hat. Es gab kaum Konkurrenz, das Umschalten war nicht per Fernbedienungs-Klick zu haben, sondern mit Aufstehen verbunden, und an andere Ablenkungen wie Smartphone oder Internet war nicht zu denken. Es gab höchstens das ebenfalls öffentlich-rechtliche Radio, Schallplatten, Bücher oder den Konzertbesuch.

Mit dem Siegeszug der Privaten wurde dem deutschen Fernsehzuschauer plötzlich ein neues Home-Entertainement-Angebot unterbreitet. Nun lief zur späten Stunde neben der Telemann-Doku auch Tutti Frutti. Und damit verschob sich irgendwie auch die mediale Legitimation: GEZ-Gebühren wurden nicht mehr durch schwer verkaufbare Programme gerechtfertigt, also durch jene Sendungen, die Förderung nötig hatten, weil sie ein relativ kleines Publikum ansprachen, sondern dadurch, dass das Staatsfernsehen mit dem Erfolg der neuen Sender mithalten wollte: Es muss?te das Fernsehen des Volkes bleiben und gegen die Konkurrenz der vielfältigen Ablenkung bestehen. Die Quote wurde zur neuen Währung.

Die öffentlich-rechtlichen Sender reagierten, indem sie sich popularisierten: mehr Unterhaltung, weniger Nische. Zunächst war der Wandel kaum spürbar: Noch immer hielten die Hauptprogramme Sendeplätze für Opern- und Musik-Übertragungen bereit, hielten an Spielshows wie Erkennen Sie die Melodie? fest und nutzten die „Dritten“ zur Belebung des regionalen Kulturangebots. Aber diese Sendungen brachten wenig Quote. Also musste ohne Gesichtsverlust Platz für Leichteres geschaffen werden.

Die Lösung hieß: Spartenkanal. Als die Fernsehsender 3Sat (1984) und Arte (1992) auf Sendung gingen, wurde das so legitimiert: Statt weniger Sendungen im Hauptprogramm bekommt die Kultur breite Flächen in der Nische. So würde das Staatsfernsehen seinem Auftrag, „Bildung für alle“, noch besser nachkommen. Doch was kultur-optimistisch gedacht war, ist heute nur noch eine Farce. Denn klassische Musik wurde gleichzeitig immer weiter aus dem Hauptprogramm – und damit von möglichen Erstzuschauern – entfernt. Sendungen wie Erkennen Sie die Melodie?, Achtung Klassik! oder Eine große Nachtmusik hat man stillschweigend abgeschafft. Schnell wurde die Musik, mit der nicht mehr als zehn Prozent Quote zu machen ist, zum Schwarzen Peter der Sendeanstalten. Und das war noch nicht das Ende: Vor einigen Jahren gerieten auch die sogenannten Kultursender aus unerfindlichen Gründen unter Quotendruck. Zunächst haben sie mit dem „Theaterkanal“ und „ZDFKultur“ noch kleinere Nischen kreiert, um die „schweren Stoffe“ loszuwerden und mehr Platz für Dokumentationen, Wiederholungen und besonders für Spielfilme zu schaffen – denn die versprechen mehr Quote. Bis heute ist es unverständlich, warum gerade die französische Seite von Arte einen der Vorkämpfer der Klassik, Jean Wittersheim, entmachtete und nun darauf setzt, statt Klassik lieber Spielfilme zu senden – Louis de Funès und Pseudokultur-Softpornos statt Wagner und Bach.

Und an dieser Stelle kommt nun das Internet ins Spiel. Es ist die Fortsetzung der Ablenkungsmöglichkeit, ein neues Medium, das dem Fernsehen Konkurrenz macht. Doch für die öffentlich-rechtlichen Sender ist es zur Abspielstation ihres Hauptprogramms per Mediathek und gleichzeitig zu so etwas wie der Mülldeponie für das Gefahrengut „Kultur“ geworden.

Bei Arte-Live-Web zum Beispiel ähnelt die Argumentation jener, mit der zuvor die Spartensender legitimiert wurden: „Wir können mehr Kultur anbieten, wenn wir sie aus dem Kultur-Programm ins Netz verschieben, denn dort gibt es keine zeitlichen Grenzen.“ Dieses Mal ist es aber kein Kulturoptimismus, sondern sarkastische Abschiebepolitik. Denn in Wahrheit weiß jeder, dass die Klassik von der Nische ersten Grades (Hauptprogramm) in die Nische zweiten Grades (3Sat und Arte) und weiter in die Nische dritten Grades (Internet) verschoben wird. Denn was stattdessen ins Hauptprogramm nachrückt, ist schlichtweg oft TV-Trash. Die Unlogik, die Absurdität und gigantische Lüge der „Mehr-Platz“-Argumentation wird deutlich, wenn man sich die Etats anschaut: Während ARD und ZDF Millionen in Kochshows, Soap-Operas, Boulevard-Magazine, tägliche Talkshows, in Wetten dass … oder das Quiz mit der Maus investieren, um mit dem Unterhaltungsfernsehen der Privaten zu konkurrieren, schmelzen die Etats für kulturelle Web-Produktionen auf ein Minimum. Seriöse, gar innovative Formate lassen sich hier kaum noch entwickeln. Für eine moderne Neuerfindung von Klassik-Talkern wie Justus Frantz, Senta Berger, Götz Alsmann oder August Everding ist ebenfalls kein Platz mehr.

Und das Fernsehen ist längst nicht das einzige Opfer der Netz-Outsourcing-Politik der Öffentlich-Rechtlichen: Die alten Radio-Kultursender, die sich immerhin noch Orchester halten, mussten in den vergangenen Jahren zunächst den Wortanteil steigern, Pop-Musik integrieren und sich der „Vernachrichtlichung“ anpassen. Nun ist die Eskalation erreicht, wenn darüber diskutiert wird, dass einer der letzten echten Klassiksender, BR Klassik, keine Frequenz mehr erhalten, sondern ins Internet abgeschoben werden soll. Klar, die Zuhörerzahl war im Vergleich zu Bayern 1 verschwindend, aber im Netz werden noch weniger zuhören. Es ist ein Skandal, wenn dieser einmalige Sender nur noch als kulturelles Feigenblatt dienen soll. Wer nicht den Mut hat, einen Todeskandidaten mit der Guillotine zu ermorden, sollte nicht damit hausieren gehen, wie milde er ist, wenn er ihm nur das Bein abhackt und ihn verbluten lässt!

Klar, dass dieser Umgang mit den Klassik-Redaktionen für internen Frust sorgt. Noch gibt es Redakteure, die Interesse an neuen Formaten haben, die begeistert sind, die täglich in den Führungsgremien der Sendeanstalten für Klassik im Hauptprogramm werben – die aber gegenüber Produzenten und Autoren nicht mehr halten können, was sie versprechen. Viele Redakteure sind längst Könige ohne Königreich. Und ihre Vorgesetzten scheinen nur auf ihren Ruhestand zu warten, um die Klassik endgültig mit der Unterhaltungsredaktion zu fusionieren. Derzeit senden die Hauptprogramme von ARD und ZDF im Jahr gerade noch eine oder zwei Opern-Live-Übertragungen, den ECHO Klassik (am Spätabend), das Silvester- und Neujahrskonzert. Und in den Nischen von 3Sat und Arte glaubt man oft nur noch Klassik entweder als schrilles DSDS oder als günstig produzierte Langeweile verkaufen zu können. Selbst ehrwürdige Sendungen wie aspekte sehen nach dem Relaunch aus wie – Verzeihung: Markus Lanz – ein aufgeregter Kultur-Boulevard, auf dem ein bisschen getalkt und ein Beitrag über Olympia gesendet wird. Kein Wunder, dass die klassik-
affinen Zuschauer abschalten und die potenziellen Klassik-Anfänger lieber gleich Stefan Raab schauen. Inzwischen scheint es so, dass die Klassik nach der Vertreibung in die Nischen-Hölle nie wieder in das Hauptprogramm-Paradies einziehen wird.

Und wo bleibt das Positive? Vielleicht in der Hoffnung, dass es für die Kultur gerade im Privaten einen Aufbruch gibt. Die MET-Übertragungen im Kino sind einer von vielen Beweisen. Sie rechnen sich und schaffen es gerade ohne hierarchische Strukturen mit einer „Hau-Ruck“-Mentalität neue Formate zu entwickeln: Blicke hinter die Kulissen, ernsthafte Interviews mit Künstlern und kluge Einführungen in die Werke. Die Oper beginnt im Medium Kino neu zu leben. Ähnliches passiert im Netz: Auch die „Digital Concert Hall“ der Berliner Philharmoniker rechnet sich zwar nur durch Sponsoren, ebenso wie die Livestreams der Bayerischen Staatsoper. Aber hier begreifen die Veranstalter selbst, dass das Medium Internet nicht nur die Abbildung eines Konzerts bedeutet, sondern die Nähe zu den Beteiligten, die Tiefe der Gespräche und die Begeisterung der Macher. Ein Großteil der Kulturinstitutionen hat längst aufgegeben, das öffentliche Fernsehen mit all seinen selbst errichteten Barrieren und der wahlweisen Klassik-Ästhetik von gestern oder seiner überdrehten Form der Pseudo-Aktualität und seiner Main-Stream-Ästhetik als Partner zu verstehen. Theater und Konzerthäuser wissen, dass ihre Subventionen von 80 Prozent der Bevölkerung befürwortet werden – auch von jenem Teil der Menschen, die nie ein Theater besuchen. Weil die Mehrheit der Deutschen eben weiß, dass Kultur kein Marktwert, sondern eine hilfsbedürftige Sinnstiftung ist, kein Luxus, sondern eine staatliches Grundbedürfnis. Es ist dieses Verständnis, das dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gerade fehlt.

Schon bald werden Fernsehen und Internet sich via Smart-TV verbinden und die innovativen Formate der privaten Anbieter direkt mit dem öffentlichen Fernsehprogramm konkurrieren. Nicht auszuschließen, dass die stabile Gruppe der Klassik-Fans dann statt Soaps, Kochsendungen oder Talkshows von ARD und ZDF bereit ist, Geld für eine Opern-App auszugeben. Das wäre zum einen schade für all jene, die durch Klassik im Hauptprogramm an diese Kunst herangeführt werden könnten. Es würde außerdem die Auflösung des Bildungsauftrages bedeuten. Und das wiederum wäre ein ernsthaftes Problem der Öffentlich-Rechtlichen, weiterhin GEZ-Gebühren zu verlangen. All das hätte dann eben sehr viel mit der schwelenden Stimmung und den aktuellen Debatten über die Bürokratie der Sender zu tun. Früher oder später wird der Frust jener Minderheiten wachsen, die nicht einsehen wollen, wofür das öffentlich-rechtliche Fernsehen überhaupt noch steht, wenn es den Bildungsauftrag in die Nische der Nische der Nische verschiebt. Und dann werden die Quoten dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen kaum reichen, um ihre Arbeit – und vor allen Dingen ihren Staatsauftrag – zu begründen.

Um es nicht so weit kommen zu lassen, gibt es nur eine Lösung: Das deutsche Staatsfernsehen muss jetzt den Mut haben, in Vorleistung zu gehen, seine Gebühren durch das Unkonventionelle und das Subventionsbedürftige behaupten und dadurch, dass es das Internet nicht als Abstellgleis, sondern als Möglichkeit begreift, auf das Hauptprogramm wirken. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen war jahrzehntelang für den kulturellen Geist in Deutschland verantwortlich, es hat die Nation gebildet und geprägt. Darauf muss es sich besinnen, wenn es in Zukunft nicht weiter kochen und talken will, während die Musik andernorts spielt.

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Kommentare

  1. marabu
    15. April 2014 at 11:56

    Wieder eine interessante Analyse von Herrn Brüggemann, bei der man allerdings auch zu anderen Schlüssen gelangen könnte. Wie oft lesen wir, dass das Fernsehen als Medium – insbesondere bei der jüngeren Generation – längst überholt sei? Wieso wollen denn die Rundfunk- und Radioanstalten alle ins Internet und nehmen dabei selbst juristische Querelen mit Verlagen und privaten Mitbewerbern in Kauf? Höchstwahrscheinlich doch nicht gerade deswegen, weil sie so dringend eine unpopuläre Nische besetzen möchten, sondern vor allem weil das Internet doch längst zum Leitmedium avanciert ist.
    Die Klassikbranche kann sich also vielmehr freuen, wenn ihre mediale Zukunft im Internet stattfindet, denn dort ist auch ein Publikum. Dies beweisen nicht zuletzt die hohen Klickraten und Followerzahlen von Interpreten wie etwa Valentina Lisitsa und anderen “internetaffinen” Künstlerinnen und Künstlern bei Diensten wie youtube oder facebook. Die Krise auszurufen, nur weil Klassik zunehmend ins Netz wandert, ist daher in meinen Augen ein Kurzschluss.
    Ich möchte nicht die Mär von der ewigen “Gestrigkeit” der Klassikszene postulieren. Aber es ist schon eine gewisse (Ab-)Scheu in der Branche vor den Möglichkeiten spürbar, die die neuen Medien mit sich bringen. Dabei sollte man doch vor allem eines sehen: Es sind keine Einschränkungen oder Zumutungen, die sich hier auftun, sondern hier gibt es doch viele Chancen. Ich persönlich sehe das jedenfalls positiv: Die nächste Oper werde ich mir bald nicht mehr im Nachtprogramm von arte oder den Öffentlich-Rechtlichen ansehen müssen, sondern ich kann das zur besten Sendezeit oder wann immer es mir passt in den neuen Mediatheken tun – zuhause oder auf Reisen, und das gezeigte Repertoire kann ich mir sogar auch noch selbst aussuchen. Also, wenn das die Medienkrise im Klassiksektor ist, dann kann ich nur sagen: her damit!

  2. Jürgen Kettler
    2. Mai 2014 at 18:01

    Der Kommentar von Herrn Brüggemann war schon lange überfällig. Ich hätte ihn nicht besser schreiben können. Allerdings hätte ich mich noch mehr gefreut, wenn dieser Kommentar in einer der großen deutschen Zeitschriften erschienen wäre – Spiegel, Zeit o.ä. und damit ein breiteres Publikum erreicht hätte. Die Jugend wird doch immer weniger mit klassischer Musik, überhaupt kulturellen Ereignissen, konfrontiert. Lehrer aus meinem Bekanntenkreis sagen mir schon längere Zeit, daß ja auch der Musikunterricht in den Schulen immer weiter eingeschränkt wird.
    Dabei, wie Herr Büggemann auch schon erwähnt, gehen inzwischen ein Millionenpublikum zu den Kinoübertragungen der Metropolitan Opera und inzwischen auch anderer Opernhäuser. Scheint die Fernsehmacher nicht zu interessieren. Auch wenn NUR 10% der Bevökerung für klassische Musik Interesse zeigen warum will man diese nicht zufriedenstellen. Ein Kanal für wirkliche Kultursendungen (Konzerte, Oper, Theater usw.) ist doch nicht zuviel verlangt.
    Vielleicht sollten die Kulturschaffenden Deutschlands (Intendanten, Dirigenten, usw.) die Fernsehleute einmal ein bißchen unter Druck setzten. Hier in Belgien gibt es wenigstens die Möglichkeit den französichen Sender Mezzo einzuschalten – nicht ideal, aber ein Ausweg aus der Langeweile der deutschen Fersehprogramme.

  3. 14. Mai 2015 at 21:58

    Erstaunlich Beitrag, ich in meine Favoriten hinzugefügt

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