Pinot aus dem Supermarkt

In vino veritas. Oder auch nicht. Denn in kaum einer Branche wird mehr gepanscht als bei den Winzern. Unser Kolumnist über Wein-Skandale, gegen die ein misslungener Auftritt wie Schneewittchen wirkt.

Historisch gesehen gibt es Skandale in der Musik wie Sand am Meer. Sogar neulich wieder, als Angela Georghiu nicht rechtzeitig auf die Bühne kam, war dies ein Skandal, aber natürlich kein solcher, der die Branche gleich zum Stillstand bringen würde.

In der Welt des Weines gibt es da handfestere Skandale: Wahrscheinlich der berühmteste von allen ist der um die „Thomas-Jefferson-Flasche“. Im Jahr 1985 erwarb Christopher Forbes, dessen Name ja sofort mit Geld assoziiert wird, eine Flasche Lafite mit den eingravierten Initialen Th. J. – sie stammte angeblich aus dem Jahr 1787 und soll dem ehemaligen US-Präsidenten Thomas Jefferson gehört haben. Am Ende gab es Gutachten, Gerichtsprozesse und Verleumdungskampagnen – die Echtheit des Vorbesitzers und der raren Weinflasche konnte schlussendlich nie geklärt werden –, ein Betrug aber war sehr wahrscheinlich.

Der große Unterschied zu musikalischen Skandalen besteht, finde ich, darin, dass der musikalische Geschmack ja sehr subjektiv ist, sowohl der des Publikums als auch des Komponisten oder Dirigenten oder Musikers. Wenn die Menschen die Musik für einen Skandal halten, ist es ihr gutes Recht, doch es war auch das gute Recht des Komponisten, dies zu erschaffen. Skandalös wird es erst, wenn jemand im Namen eines anderen etwas publiziert oder wenn eben ein Winzer anfängt, zu panschen und Saft aus dem Supermarkt in Wein gießt, um ihn anschließend als Premier Cru für viel Geld zu verkaufen.

Ein unschönes Beispiel stammt hier aus den USA, aus dem Jahr 2004, als der Hollywood-Streifen Sideways mit Paul Gia­matti einen „Pinot-Hype“ auslöste. Das Weingut Gallo USA vermarktete einen Wein, der in Frankreich hergestellt wurde und in den Jahren 2006 bis 2008 allein 18 Millionen Mal verkauft wurde. Das Problem war: Die französischen Behörden stellten irgendwann fest, dass der Wein 30 Prozent mehr Pinot Noir enthielt als im gesamten Languedoc überhaupt angebaut werden kann. Am Ende fand man heraus, dass das Getränk hauptsächlich aus Shiraz- und Merlot-Trauben bestand – und nur einen kleinen Teil an Pinot enthielt.

"Schlimm wird es erst, wenn ein Winzer Saft aus dem Supermarkt in den Wein gießt"

Das Interessante daran ist natürlich, dass der Betrug den Konsumenten selbst nicht auffiel! Konnten sie den Unterschied am Ende tatsächlich nicht schmecken?

Mir fällt auch noch dieser Skandal ein: Rudy Kurniawan, geboren 1976 in der indonesischen Hauptstadt Jakarta, wurde 2012 von einem New Yorker Gericht zu zehn Jahren Haft verurteilt. Kurniawan hatte die teuersten Weine der Welt fingiert – er hatte billige Weine einfach mit neuen (alten) Aufklebern gefälscht. Im Jahr 2006 erzielte er bei zwei Versteigerungen einen Erlös von über 30 Millionen Dollar. Laut Staatsanwalt gilt er bis heute als der „größte und erfolgreichste Weinfälscher der Welt“.

Leider gibt es hier auch Beispiele aus der Musik. Leonard Bernstein, Paul McCartney and Osvaldo Golijov haben alle große Musik komponiert, die nicht komplett aus ihrer eigenen Feder stammte. Doch während die meisten Komponisten ihre Fähigkeiten mit größtmöglicher Transparenz an ihre Studenten weitergeben, hat der japanische Komponist Mamoru Samuragochi – der aufgrund eines angeblichen Hörschadens auf einem Ohr als Japans Beethoven bezeichnet wurde – hier eine neue Ebene erreicht: Samuragochi musste im Jahr 2014 eingestehen, dass er die Menschen 20 Jahre lang getäuscht und jemand anderen beauftragt hatte, seine Musik zu schreiben. Erhellend war auch die Tatsache, dass der Ghostwriter am Ende erzählte, wie wenig der große Meister ihm dafür bezahlte, und er auch seine Taubheit anzweifle.

Wir können nicht immer alles hören und schmecken. Deshalb rate ich dazu, eine gute Flasche 2012er Lafite zu köpfen und dazu Mozarts Konzert in F-Dur anzuhören – nie hat ein Skandal süßer geschmeckt.

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *