30. Todestag: Franco Zeffirelli erinnert sich an MARIA CALLAS
Unmöglicher Traum von Perfektion Franco Zeffirelli brauchte ein Kostüm, aber in ganz Mailand gab es keinen Schneider: alle arbeiteten für Maria Callas. Später sind der Regisseur und die Diva Freunde geworden. Eine Hommage des Filmemachers an die Sängerin.
Wer weiß heute schon, wer Maria Callas war. Was hinter ihrer Stimme steckte, und welchen Einsatz es kostete, uns diese Schönheit zu schenken. Es ist nun fast 30 Jahre her, dass sie gestorben ist, und ich finde, dass es wichtig ist, etwas Neues über sie zu sagen und mit Fehlern aufzuräumen.
Das erste Mal wurde ich kurz nach ihrem Tode gefragt, ob ich einen Film über Callas drehen wollte. Aber die Leute wollten nur Intrigen sehen. Ich habe abgesagt. Es erschien mir sinnlos, ihr unglückliches Leben zu erzählen, mit ihrem Ehemann, mit ihrer Familie und Onassis. Es hat mich traurig gemacht, dass sie vor ihrem Tod keine Chance ergriffen hatte, die unappetitlichen Märchen über ihr Leben auszuräumen.
Ich habe jahrzehntelang über einen Film nachgedacht, und irgendwann dachte ich: „Jetzt ist die richtige Zeit„. Die heutige Generation hat sie nicht mehr auf der Bühne gesehen, sie nicht erlebt, nicht gelesen, was die Zeitungen über sie geschrieben haben.
1948 habe ich Maria Callas zum ersten Mal getroffen. Ich habe gerade am Theater begonnen, damals noch als Schauspieler. Die Premiere kam gefährlich nahe, aber ich hatte noch kein Kostüm. Es schien, als würde jeder Schneider in Mailand damit beschäftigt sein, ein Kostüm für einen griechischen Sopran zu schneidern, der sein Kleid am letzten Abend in Stücke gerissen hatte. Meine erste Reaktion war: „Was ist das für eine Zicke?„ Aber jeder sagte: „Geh hin und hör‘ sie dir an – dann wirst du ihr alles vergeben.„ An diesem Abend habe ich Maria Callas die Kundry aus Wagners „Parsifal„ singen hören. So etwas kannte ich vorher nicht, und so etwas habe ich auch nie wieder erlebt.
Die Größe ihrer Stimme, ihre Bühnenpräsenz und wie sie die Rolle interpretierte, hat mich vollkommen umgehauen. Ich fühlte den Zwang, sie treffen zu müssen. Freunde haben mir das ermöglicht und ich wurde einer ihrer glühendsten Fans. Später, 1954, produzierte ich eine Rossini Oper an der Scala und Maria sollte die Hauptrolle singen. Da haben wir uns auch als Kollegen kennengelernt. Wir blieben Freunde bis zu ihrem Ende. Ihr Tod hat mich wirklich geschockt. Niemand dachte 1977, dass Maria Callas bereits mit 54 Jahren sterben würde. Sie war sehr unglücklich. Sie hatte eine schreckliche Zeit mit Onassis, aber irgendwie verstand sie es, uns zu vermitteln, dass sie mitten im Leben stand und durch die Welt reiste. Das war leider nicht die Wahrheit. Sie hatte sich in einem wunderschönen Pariser Appartement versteckt, als sie starb.
Maria war bekannt dafür, schwierig zu sein. Das lag aber nur daran, dass sie eine Perfektionistin war. Sie war nie glücklich mit dem was sie tat. Perfektion ist ein unmöglicher Traum. Ein Grund, warum sie so früh von der Bühne abtrat war, dass sie bemerkte, dass ihre Stimme nicht mehr so gut war wie zuvor. Sie wusste, dass die Leute sie noch immer hören wollten. Aber sie wollte nicht die zweitbeste sein. Mit 51 Jahren hörte sie auf zu singen, mit 54 starb sie. Als sie herausgefunden hatte, dass sie keine Stimme mehr hatte, hatte sie nichts mehr im Leben. Eine Frau wie sie konnte sich nicht einmal mit irgendeinem Land oder irgendeiner Nationalität identifizieren. Sie war heimatlos und allein.
Was sie wirklich groß gemacht hat, ist vielleicht die Kombination vieler Dinge. Ihr Genie aber war die erstaunliche Zielstrebigkeit, mit der sie der Kunst gefolgt ist. Sicherlich gibt es bis heute viele großartige Sänger, aber keiner verkörpert die Kombination ihrer magischen Stimme, ihrer Interpretation, ihrer Passion und ihrer Intelligenz. //
Franco Zeffirelli hat einen wunderschönen Spielfilm über Callas gedreht:
„Callas forever„ ist als DVD erschienen.
Hier können Sie den (englischen) Filmtrailer ansehen.









Ralf Engler
Habe die Callas leider nicht mehr live erleben dürfen – umso mehr habe ich mich über Zefirellis “Zeitzeugen-Stimme” gefreut.
Mich beeindruckt, daß das Callas-Charisma in den Köpfen vieler Menschen über Jahrzehnte hinweg so nachhaltige Spuren hinterlassen hat.
Und darum wünsche ich mir als “Zuspätgeborener” nun von crescendo einen Filmausschnitt aus “Callas Forever”!
Ja, ich weiß, urheberrechtlich ist das im Internet nicht erlaubt, aber vielleicht drückt Herr Zeffirelli ja auch ein Auge zu. Wenn der Film so wunderschön ist, wie Sie schreiben, werde ich ihn mir dann auch kaufen – versprochen!
axel
Lieber Herr Engler,
der Blog sieht vor, in kurzer Zeit auch Multimedien einzusetzen … wir werden sehen, was wir machen können.
Ihr Axel Brüggemann
portmedia
Lieber Herr Engler,
die Gute Nachricht: Wir haben Ihre Anregung umgesetzt: Sie können jetzt den Filmtrailer von “Callas-Forever” durch Klick auf das Cover ansehen.
Martina Pohl
Wer kann mir denn sagen, wo ich den Film kriege?
Renne schon seit längerem hinter ihm her, wie der Teufel hinter der armen Seele, aber nix zu machen
Und kann mir jemand bitte auch noch erklären, warum sowas nicht ins Kino kommt?
Oder war ich zu doof und hab’s verpennt? Fragen über Fragen..
axel
Liebe Frau Pohl,
derzeit bekommen Sie ihn leider nur über amazon.com, also in den USA oder in GB.
Liebe Grüße
Axel Brüggemann
J.P.
Maria Callas war einzigartig und die größte und beste Opernsängerin ALLER ZEITEN – SIE kann durch keine zweitrangige Schauspielerin ersetzt werden. Sorry, Signore Zefirelli.
Gruss – Jan
Karsten Ebertsch
Ich hatte das große Glück als sechzehnjähriger
Maria Callas in Hamburg zu erleben. Die Ausstrahlung
die sie hatte, habe ich nie mehr bei einem anderen
Künstler erlebt.
Für mich bleibt sie die größte Sängerdarstellerin
des letzten Jahrhunderts, als Traviata unerreicht.
Gruß – Karsten
Jan de Turovski
Ich hatte das Glück als Student in Paris 1964 Maria Callas als Tosca und Norma zu hören, unter Georges Prêtre, beide Inszenierungen, legendär, von Franco Zeffirelli. In Tosca sang sie mit Franco Corelli und Tito Gobbi, in Norma mit Franco Corelli, und Christa Ludwig. Für die Karten hatte ich jeweils zwölf Stunden angestanden, von abends Zwölf bis mittags Zwölf. Die Stimmung war einzigartig. Maria Callas ließ einen bereits frieren, wenn sie die riesige Pariser Bühne, Palais Garnier, betrat, noch bevor sie sang. Jede Vorstellung war so, als würde sie das letzte Mal alles geben wollen, ihr Leben. Hochgejubelte Namen wie Netrebko sind dagegen Stadttheaterniveau. Wie Caruso, den mein Großvater zwei Mal in Aida in der Met gehört hat und danach nächtelang nicht mehr schlafen konnte, wird auch die Callas nie mehr von irgendjemand erreicht werden. Ihre Ecken und Kanten waren ins Verhältnis gesetzt zu ihrem Genie, Lappalien. Ich könnte von vielen lächerlichen Sängerinnen und Sängern diesbezüglich berichten. Aber ich tue es nicht. Callas und Caruso, die ewigen Monumente der Oper.
Wer ist ihre “Traviata”? | crescendo
[...] Den Aufsatz von Zeffirelli über die Callas aus dem crescendo können Sie hier lesen. AKPC_IDS += "747,"; Ein Kommentar zu “Wer ist ihre [...]
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