“Fernsehen ist total unlĂ€ssig”
Klassik trifft Jazz â und beide wollen nur das Eine: unterhalten. Ein GesprĂ€ch ĂŒber LĂ€ssigkeit mit dem Bariton Thomas Quasthoff und dem Jazz-Produzenten Til Brönner, die gerade ein gemeinsames Album aufgenommen haben.
Herr Quasthoff, Herr Brönner, ihre neue Jazz-CD “Watch what happens” klingt erstaunlich lĂ€ssig und selbstverstĂ€ndlich. Ist es nicht schwer, in einer Zeit der Logik und der RationalitĂ€t den Swing neu zu beleben?
Brönner: LĂ€ssig â mit diesem Wort ist man heute schnell dabei. Es wird so oft benutzt, dass es davon ablenkt, wie unlĂ€ssig wir nicht selten bereits geworden sind. Wenn man sich alte TV-Musikshows ansieht staunt man, was Sammy Davis Jr., Andy Williams, Nana Mouskouri, Wencke Myhre oder auch Hildegard Knef so hingelegt haben.
Quasthoff: Absolut, und Du darfst Catherina Valente nicht vergessen! Sie ist eine wunderbare Gitarristin, hochmusikalisch, und eine tolle TĂ€nzerin – jedem, der sie SchlagersĂ€ngerin nennt, sollte die Zunge abfallen.
Meine Herrn, das meinen Sie doch nicht ernst.
Brönner: Bierernst. Die Amerikaner haben Valente 1968 gebeten in Heidelberg eine Revue zusammenzustellen. Diese Show ist ungefÀhr das lÀssigste was ich je gesehen habe. Heute scheint mir die so genannte LÀssigkeit eher eine oberflÀchliche Pose zu sein.
Quasthoff: So richtig schlimm sind diese armen und bemitleidenswerten Girlies aus den Castingsendungen dran. Bedauernswerte Opfer, die gar nicht wissen, was sie tun. Und plötzlich sagen die in “Bild” auch noch: “Es ist geil, berĂŒhmt zu sein.” MĂ€dels, wacht auf!
Brönner: Ich habe den Eindruck, dass man Menschen heute am besten vor dem Fernseher hĂ€lt, wenn man sie âabholtâ â wie Redakteure sehr gerne formulieren. Wenn man jemanden abholt, muss sich aber mindestens einer seine Strassenschuhe wieder anziehen, das Licht ausknipsen und die TĂŒr von auĂen zumachen. Ein fatales MissverstĂ€ndnis. Was sie tatsĂ€chlich meinen, ist das glatte Gegenteil. Der Befehl lautet eher: â Bleib ruhig auf Deinem Hintern sitzen â es ist alles okay da drauĂen und wir sind auch nicht besser als Du.â
Quasthoff: Wir lachen da jetzt drĂŒber, aber wahr ist, dass es immer schwieriger wird, sich eine Meinung zu bilden, den Geschmack zu schulen.
Woran liegt das?
Brönner: Es ist doch so, dass Geschmacksbildung Vielfalt braucht. Ich habe den Eindruck, dass das Fernsehen mit drei Programmen abwechslungsreicher war als heute mit 30. Und wenn man ehrlich ist, liegt die Verantwortung fĂŒr QualitĂ€t letztlich bei den Medienmachern.
Quasthoff: Neulich habe ich die Chefin der Klassik im ZDF getroffen. Sie hat mir ganz stolz erzĂ€hlt, dass sie zwei neue Jugendsendungen im Jahr hat. Ich habe sie gefragt, ob sie die um 23.30 Uhr sendet. Die klassischen Konzerte, die live im Fernsehen gezeigt werden, kann ich an meinen sieben Fingern abzĂ€hlen. Man sieht fĂŒr seine GEZ-GebĂŒhren kein Programm mehr, das subventioniert werden mĂŒsste, sondern in dem es um Quote und Kohle geht. Am Ende ist der Unterschied zwischen den Ăffentlich Rechtlichen Sendern und den Privaten letztlich nur die Entscheidung zwischen zwei Ăbeln: Florian Silbereisen oder Stefan Raab.
Brönner: Klasse war immer schon extrem unterhaltend. Wo ist das Problem? Wenn man Fernsehsendungen von frĂŒher anschaut, mit groĂer Showtreppe, mit SĂ€ngern, die nicht nur gesungen, sondern auch noch getanzt und gesteppt haben, wird man nostalgisch. Neulich habe ich bislang unveröffentliche Sinatra-Shows gesehen: Da stand er mit Gene Kelly auf der BĂŒhne, hinter den beiden war eine Leinwand, auf der Ausschnitte aus alten Filmen wie zum Beispiel âAnchors Aweighâ gezeigt wurden, in denen sie miteinander getanzt und gesungen haben. Sie standen davor und stellten kopfschĂŒttelnd und kokettierend fest, dass sie viel zu alt und klapprig seien, um so etwas heute, 30Jahre spĂ€ter, noch zu machen â wĂ€hrenddessen waren sie natĂŒrlich schon mittendrin und verblĂŒfften das Publikum.
Neulich gab es um 20.15 Uhr “Wetten dass”, danach war ich in der Kneipe und habe im Bett noch eine Wiederholung von “EWG” mit Joachim Kulenkampff gesehen. Da wurden klassische Werke geraten, eine Big-Band hat “Tea for Two” nach Mozart und Chopin variiert, und Hermann Prey sang den “Barbier von Sevilla” gesungen…
Quasthoff: Mein Lieber, im Bett Fernsehen ist ĂŒbrigens absolut unlĂ€ssig!
Brönner: Ja, aber Kulenkampff war lĂ€ssig. Die haben damals fĂŒr eine Showeinlage zwei Wochen geprobt wie im Zirkus Krone.
Quasthoff: Richtig unlÀssig wurde es, als die ARD zu Ehren von Rudi
Carrell “Am Laufenden Band” wieder aufgenommen hat – moderiert von Florian Silbereisen. Man glaubt, dass jemand, der in ist und von den alten Damen geliebt wird, das schmeiĂen kann. Aber er kann nicht einmal singen. Am Ende wurde ein StĂŒck eingeblendet, das Carrell in seiner Show gesungen hat. Der war noch richtig lĂ€ssig.
Gleichzeitig werden doch auch gute Programme ausgestrahlt und gesehen: Die Live-Ăbertragung der “La Traviata” von den Salzburger Festspielen hatte in Ăsterreich eine Einschaltquote von ĂŒber 30 Prozent. Davon wĂŒrde der “Klassik Echo” trĂ€umen.
Quasthoff: Die Leute sehnen sich doch nach ernsthaftigkeit, das beweisen die Einschaltquoten bei Opernabenden. Und gute Konzerte sind auch gut gefĂŒllt. Aber der “Echo” könnte besser prĂ€sentiert werden. Warum nimmt man die Musik nicht als das, was sie ist: ernst.
Brönner: Ich glaube auch, dass die Ernsthaftigkeit der Musik heute unterschĂ€tzt bzw. gefĂŒrchtet wird. Es ist egal, ob Sie ein Jazz-Album prĂ€sentieren wie wir oder eine lupenreine Klassik-CD: Plötzlich steht da ein erstklassiger Flötist und Adonis wie Emmanuel Pahud im ZDF und muss ein Barock-KostĂŒmchen ĂŒberstreifen, was ihn albern und merklich unsicher aussehen lĂ€sst. Wahrscheinlich ist wohl, dass er ohne diese âEinlageâ nicht stattgefunden hĂ€tte.
Die Klassik scheint mit Anna Netrebko, Rolando VillazĂłn und Ihnen, Herr Quasthoff, wieder so etwas wie LĂ€ssigkeit gewonnen zu haben. Im Jazz scheint es dagegen eh strenger zuzugehen.
Brönner: Der Jazz hat die LÀssigkeit schon lange verloren und wer die Szene in ihrer eigentlich authentischen Vielfalt belebt, gilt in den Augen des Establishments nicht mehr als Jazzer.
Dagegen wird Ihnen eine Anbiederung an das Publikum vorgeworfen.
Brönner: Weil meine Musik in Teilen kompatibler klingt, das ist richtig. Aber ich kalkuliere das nicht, ich bin so. Ich mache in den verkrusteten Strukturen nicht mit. Also bleibt dem “inner circle” nichts anderes, als ĂŒber den “Kuscheljazzer” herzuziehen, den “Trompetenpopperâ. Ich glaube, dass der Jazz trotz seiner kulturellen Herkunft wie jede andere Musik auch unterhalten und inspirieren wollte – wir sind Entertainer. Aber das Wort “Entertainment” ist inzwischen problematisch geworden, weil es immer mit Kommerz in Zusammenhang gebracht wird.
Sie haben mit “Watch what happens” kein Crossover, sondern ein reines Jazzalbum aufgenommen…
Brönner: … weil wir beide in einigen Punkten sehr Ă€hnlich sind. Mir wird in meinem Fach oft unterstellt, dass ich die Pfade der Tugenden verlassen habe – aber eigentlich mache ich das aus meiner Natur heraus. Und ich glaube, das macht Thomas auch. Als Produzent war fĂŒr mich der Umstand, dass wir eine Jazz-Platte machen wollen, die eigentliche Herausforderung. Wir wollten nicht das Wandeln zwischen den Welten, durch das ja schon immer so eine Art Entschuldigung mit eingereicht wird.
Aber was muss man denn bei so einer GrenzĂŒberschreitung hinter sich lassen?
Quasthoff: Ich mag dieses Bild der GrenzĂŒberschreitung nicht, weil ich die Grenzen gar nicht sehe. Mir geht es darum, etwas zu machen, das ich nie gemacht habe. Gleichzeitig ist es wunderbar, die eigene Stimme anders zu gebrauchen als in der Klassik. Ich wollte ein Songbook machen, das auf hohem Niveau eingespielt wird. Ich habe noch die gleiche Stimme wie auch in der Klassik, ich benutze sie nur anders.
Sie haben eben das Können als Grundlage der LĂ€ssigkeit definiert. Aber leben wir nicht in einer Zeit des Perfektionismus? Könner gibt es heute doch ĂŒberall.
Brönner: Sicher, aber prĂ€sentiert werden sie in unserer Branche nur sehr â sagen wir selektiv. Wenn es öffentlich wird, ist Geld und Macht im Spiel, leider auch in der Kunst. In der Politik geht es doch nur noch darum, das Können zu suggerieren. Personalpolitik statt Inhalt. Wir sind doch gerade erst dabei unseren tatsĂ€chlichen Korruptionssumpf zu erahnen.
Quasthoff: 80 Prozent der Welt wusste, dass der Einmarsch in den Irak
falsch gewesen ist. Und was haben alle gemacht? Dagestanden und
zugeschaut.
Waren Schröder und Fischer also wirklich die letzten Rock’n Roller der
Politik?
Qusthoff: Schröder war zwar nicht lĂ€ssig, aber mutig von Schröder, nicht in den Irak zu ziehen. Wenn ich sehe, wie sich Frau Merkel heute in eine Sendung setzt, und anfĂ€ngt sehr allgemein ĂŒber die Probleme im Irak zu reden, um dann ĂŒber ihren Garten zu palavern, ist das eher uncool. Jeden Tag sterben dort 20 oder 30 Menschen. Und damals ist sie in die USA gefahren und hat sich mit Herrn Bush solidarisch erklĂ€rt. Das ist definitiv unlĂ€ssig.
(Das GesprĂ€ch fĂŒhrte Axel BrĂŒggemann, eine gekĂŒrzte Version wurde in der HĂRZU abgedruckt)









franziska merstein
Mutig, was die beiden sagen – und lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig. Ich verstehe nicht, warum das Deutsche Fernsehen die Klassik so sehr vernachlĂ€ssigt. Ich bin sicher, dass Opern-Live-Ăbertragungen einer Quote nicht im Wege stehen. Und wenn nicht: wem schadet es. DafĂŒr werden schlieĂlich GEZ-GebĂŒren erhoben!
Sebastian Reischl
Hm, war ewiges Proben bei EWG oder minutiös einstudierte Pointen bei Carrell wirklich so lÀssig? Oder sah es nur aus?
Bitte hören Sie mir auf mit der “neuen Ernsthaftigkeit”, mit der “Ernsten Musik” haben die Musikwissenschaftler schon genĂŒgend Schwere in die Musik gebracht.
Wollen wir uns darauf verstĂ€ndigen, daĂ es eine neue (?) Sehnsucht nach Tiefe gibt? Eine Offenheit fĂŒr all das, was ĂŒber das Dingliche hinausgeht? Wenn ich mich im Freundeskreis so umhöre: Jeder kann sich an sein “Erweckungserlebnis” in der Begegnung mit klassischer Musik rege erinnern, da beginnen die Augen zu leuchten. Attribute wie “Freude”, “GĂ€nsehaut”, “ganz da sein”, “in der Musik samt allen Höhen und Tiefen komplett versinken” und “Katharsis” habe ich schon gehört – aber “Ernsthaftigkeit” scheint mir viel zu verkopft.
axel
Lieber Herr Reischl,
ich finde das einen guten Vorschlag. Zumal Ernsthaftigkeit tatsĂ€chlich an Dinglichkeit denken lĂ€sst — “ganz da sein” finde ich Gut. Ich empfehle Ihnen zu diesem Thema auch das Interview mit Peter Mussbach, das sie unter “Aktuelle Ausgabe” finden.
Liebe GrĂŒĂe
Axel BrĂŒggemann
Jan Renner
Ich finde es richtig und wichtig, was die beiden Herren zu sagen haben. So ist es in der Tat so, dass es zur Zeit mit den drei Programmen einfacher war, eine qualitativ interessante Sendung zu finden, als es heute bei 30 Programmen der Fall ist. Dabei muss man allerdings einschrÀnkend sagen, dass wir ja de facto auch heute wieder bei drei Programmen angelangt sind (arte, phoenix und 3sat), da man den Rest grösstenteils vergessen kann.
QualitĂ€t – und nur die ist das entscheidende Kriterium – ist nie altbacken, nie zu ernst, höchstens zu wenig und viel zu selten!
HĂ€tte ich die Möglichkeit, wĂŒrde ich mir ein kleines altes Kino suchen und dort wĂŒrde nur beste Ware aus
Jan Renner
…den vergangenen Jahrzehnten Fernsehproduktion zeigen: Opernproduktionen, KonzertĂŒbertragungen, Auslandsjournale und von mir aus die Muppet Show !
Fan
An dem obigen Interview ist wohl einige Wahrheit dran, aber in welchem Seifenprogramm/Werbesender/Fahrstuhl mit Monitor sollte denn dann Herr Brönners oberlĂ€ssiges und megacooles “White Christmas” Video gesendet werden? Im gleichen Sender wie Herr Pahud mit barocken Outfit? Die Kunst des Entertainments in allen Ehren, aber Herr Brönner sollte sich doch mal erst an die eigene Nase packen, die Trompete ansetzen oder den Mund nicht so voll nehmen…
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