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“Fernsehen ist total unlässig”

14. Mai 2007

Quasthoff & BrönnerKlassik trifft Jazz – und beide wollen nur das Eine: unterhalten. Ein Gespräch über Lässigkeit mit dem Bariton Thomas Quasthoff und dem Jazz-Produzenten Til Brönner, die gerade ein gemeinsames Album aufgenommen haben.

Herr Quasthoff, Herr Brönner, ihre neue Jazz-CD “Watch what happens” klingt erstaunlich lässig und selbstverständlich. Ist es nicht schwer, in einer Zeit der Logik und der Rationalität den Swing neu zu beleben?

Brönner: Lässig – mit diesem Wort ist man heute schnell dabei. Es wird so oft benutzt, dass es davon ablenkt, wie unlässig wir nicht selten bereits geworden sind. Wenn man sich alte TV-Musikshows ansieht staunt man, was Sammy Davis Jr., Andy Williams, Nana Mouskouri, Wencke Myhre oder auch Hildegard Knef so hingelegt haben.

Quasthoff: Absolut, und Du darfst Catherina Valente nicht vergessen! Sie ist eine wunderbare Gitarristin, hochmusikalisch, und eine tolle Tänzerin – jedem, der sie Schlagersängerin nennt, sollte die Zunge abfallen.

Meine Herrn, das meinen Sie doch nicht ernst.

Brönner: Bierernst. Die Amerikaner haben Valente 1968 gebeten in Heidelberg eine Revue zusammenzustellen. Diese Show ist ungefähr das lässigste was ich je gesehen habe. Heute scheint mir die so genannte Lässigkeit eher eine oberflächliche Pose zu sein.

Quasthoff: So richtig schlimm sind diese armen und bemitleidenswerten Girlies aus den Castingsendungen dran. Bedauernswerte Opfer, die gar nicht wissen, was sie tun. Und plötzlich sagen die in “Bild” auch noch: “Es ist geil, berĂĽhmt zu sein.” Mädels, wacht auf!

Brönner: Ich habe den Eindruck, dass man Menschen heute am besten vor dem Fernseher hält, wenn man sie “abholt” – wie Redakteure sehr gerne formulieren. Wenn man jemanden abholt, muss sich aber mindestens einer seine Strassenschuhe wieder anziehen, das Licht ausknipsen und die Tür von außen zumachen. Ein fatales Missverständnis. Was sie tatsächlich meinen, ist das glatte Gegenteil. Der Befehl lautet eher: ” Bleib ruhig auf Deinem Hintern sitzen – es ist alles okay da draußen und wir sind auch nicht besser als Du.”

Quasthoff: Wir lachen da jetzt drĂĽber, aber wahr ist, dass es immer schwieriger wird, sich eine Meinung zu bilden, den Geschmack zu schulen.

Woran liegt das?

Brönner: Es ist doch so, dass Geschmacksbildung Vielfalt braucht. Ich habe den Eindruck, dass das Fernsehen mit drei Programmen abwechslungsreicher war als heute mit 30. Und wenn man ehrlich ist, liegt die Verantwortung für Qualität letztlich bei den Medienmachern.

Quasthoff: Neulich habe ich die Chefin der Klassik im ZDF getroffen. Sie hat mir ganz stolz erzählt, dass sie zwei neue Jugendsendungen im Jahr hat. Ich habe sie gefragt, ob sie die um 23.30 Uhr sendet. Die klassischen Konzerte, die live im Fernsehen gezeigt werden, kann ich an meinen sieben Fingern abzählen. Man sieht für seine GEZ-Gebühren kein Programm mehr, das subventioniert werden müsste, sondern in dem es um Quote und Kohle geht. Am Ende ist der Unterschied zwischen den Öffentlich Rechtlichen Sendern und den Privaten letztlich nur die Entscheidung zwischen zwei Übeln: Florian Silbereisen oder Stefan Raab.

Brönner: Klasse war immer schon extrem unterhaltend. Wo ist das Problem? Wenn man Fernsehsendungen von früher anschaut, mit großer Showtreppe, mit Sängern, die nicht nur gesungen, sondern auch noch getanzt und gesteppt haben, wird man nostalgisch. Neulich habe ich bislang unveröffentliche Sinatra-Shows gesehen: Da stand er mit Gene Kelly auf der Bühne, hinter den beiden war eine Leinwand, auf der Ausschnitte aus alten Filmen wie zum Beispiel “Anchors Aweigh” gezeigt wurden, in denen sie miteinander getanzt und gesungen haben. Sie standen davor und stellten kopfschüttelnd und kokettierend fest, dass sie viel zu alt und klapprig seien, um so etwas heute, 30Jahre später, noch zu machen – währenddessen waren sie natürlich schon mittendrin und verblüfften das Publikum.

Neulich gab es um 20.15 Uhr “Wetten dass”, danach war ich in der Kneipe und habe im Bett noch eine Wiederholung von “EWG” mit Joachim Kulenkampff gesehen. Da wurden klassische Werke geraten, eine Big-Band hat “Tea for Two” nach Mozart und Chopin variiert, und Hermann Prey sang den “Barbier von Sevilla” gesungen…

Quasthoff: Mein Lieber, im Bett Fernsehen ist übrigens absolut unlässig!

Brönner: Ja, aber Kulenkampff war lässig. Die haben damals für eine Showeinlage zwei Wochen geprobt wie im Zirkus Krone.

Quasthoff: Richtig unlässig wurde es, als die ARD zu Ehren von Rudi
Carrell “Am Laufenden Band” wieder aufgenommen hat – moderiert von Florian Silbereisen. Man glaubt, dass jemand, der in ist und von den alten Damen geliebt wird, das schmeiĂźen kann. Aber er kann nicht einmal singen. Am Ende wurde ein StĂĽck eingeblendet, das Carrell in seiner Show gesungen hat. Der war noch richtig lässig.

Gleichzeitig werden doch auch gute Programme ausgestrahlt und gesehen: Die Live-Ăśbertragung der “La Traviata” von den Salzburger Festspielen hatte in Ă–sterreich eine Einschaltquote von ĂĽber 30 Prozent. Davon wĂĽrde der “Klassik Echo” träumen.

Quasthoff: Die Leute sehnen sich doch nach ernsthaftigkeit, das beweisen die Einschaltquoten bei Opernabenden. Und gute Konzerte sind auch gut gefĂĽllt. Aber der “Echo” könnte besser präsentiert werden. Warum nimmt man die Musik nicht als das, was sie ist: ernst.

Brönner: Ich glaube auch, dass die Ernsthaftigkeit der Musik heute unterschätzt bzw. gefürchtet wird. Es ist egal, ob Sie ein Jazz-Album präsentieren wie wir oder eine lupenreine Klassik-CD: Plötzlich steht da ein erstklassiger Flötist und Adonis wie Emmanuel Pahud im ZDF und muss ein Barock-Kostümchen überstreifen, was ihn albern und merklich unsicher aussehen lässt. Wahrscheinlich ist wohl, dass er ohne diese “Einlage” nicht stattgefunden hätte.

Die Klassik scheint mit Anna Netrebko, Rolando Villazón und Ihnen, Herr Quasthoff, wieder so etwas wie Lässigkeit gewonnen zu haben. Im Jazz scheint es dagegen eh strenger zuzugehen.

Brönner: Der Jazz hat die Lässigkeit schon lange verloren und wer die Szene in ihrer eigentlich authentischen Vielfalt belebt, gilt in den Augen des Establishments nicht mehr als Jazzer.

Dagegen wird Ihnen eine Anbiederung an das Publikum vorgeworfen.

Brönner: Weil meine Musik in Teilen kompatibler klingt, das ist richtig. Aber ich kalkuliere das nicht, ich bin so. Ich mache in den verkrusteten Strukturen nicht mit. Also bleibt dem “inner circle” nichts anderes, als ĂĽber den “Kuscheljazzer” herzuziehen, den “Trompetenpopper”. Ich glaube, dass der Jazz trotz seiner kulturellen Herkunft wie jede andere Musik auch unterhalten und inspirieren wollte – wir sind Entertainer. Aber das Wort “Entertainment” ist inzwischen problematisch geworden, weil es immer mit Kommerz in Zusammenhang gebracht wird.

Sie haben mit “Watch what happens” kein Crossover, sondern ein reines Jazzalbum aufgenommen…

Brönner: … weil wir beide in einigen Punkten sehr ähnlich sind. Mir wird in meinem Fach oft unterstellt, dass ich die Pfade der Tugenden verlassen habe – aber eigentlich mache ich das aus meiner Natur heraus. Und ich glaube, das macht Thomas auch. Als Produzent war fĂĽr mich der Umstand, dass wir eine Jazz-Platte machen wollen, die eigentliche Herausforderung. Wir wollten nicht das Wandeln zwischen den Welten, durch das ja schon immer so eine Art Entschuldigung mit eingereicht wird.

Aber was muss man denn bei so einer GrenzĂĽberschreitung hinter sich lassen?

Quasthoff: Ich mag dieses Bild der GrenzĂĽberschreitung nicht, weil ich die Grenzen gar nicht sehe. Mir geht es darum, etwas zu machen, das ich nie gemacht habe. Gleichzeitig ist es wunderbar, die eigene Stimme anders zu gebrauchen als in der Klassik. Ich wollte ein Songbook machen, das auf hohem Niveau eingespielt wird. Ich habe noch die gleiche Stimme wie auch in der Klassik, ich benutze sie nur anders.

Sie haben eben das Können als Grundlage der Lässigkeit definiert. Aber leben wir nicht in einer Zeit des Perfektionismus? Könner gibt es heute doch überall.

Brönner: Sicher, aber präsentiert werden sie in unserer Branche nur sehr – sagen wir selektiv. Wenn es öffentlich wird, ist Geld und Macht im Spiel, leider auch in der Kunst. In der Politik geht es doch nur noch darum, das Können zu suggerieren. Personalpolitik statt Inhalt. Wir sind doch gerade erst dabei unseren tatsächlichen Korruptionssumpf zu erahnen.

Quasthoff: 80 Prozent der Welt wusste, dass der Einmarsch in den Irak
falsch gewesen ist. Und was haben alle gemacht? Dagestanden und
zugeschaut.

Waren Schröder und Fischer also wirklich die letzten Rock’n Roller der
Politik?

Qusthoff: Schröder war zwar nicht lässig, aber mutig von Schröder, nicht in den Irak zu ziehen. Wenn ich sehe, wie sich Frau Merkel heute in eine Sendung setzt, und anfängt sehr allgemein über die Probleme im Irak zu reden, um dann über ihren Garten zu palavern, ist das eher uncool. Jeden Tag sterben dort 20 oder 30 Menschen. Und damals ist sie in die USA gefahren und hat sich mit Herrn Bush solidarisch erklärt. Das ist definitiv unlässig.

(Das Gespräch führte Axel Brüggemann, eine gekürzte Version wurde in der HÖRZU abgedruckt)

6 Kommentare zu ““Fernsehen ist total unlässig””

franziska merstein

8. Mai 2007 um 11:45 Uhr

Mutig, was die beiden sagen – und längst ĂĽberfällig. Ich verstehe nicht, warum das Deutsche Fernsehen die Klassik so sehr vernachlässigt. Ich bin sicher, dass Opern-Live-Ăśbertragungen einer Quote nicht im Wege stehen. Und wenn nicht: wem schadet es. DafĂĽr werden schlieĂźlich GEZ-GebĂĽren erhoben!

Sebastian Reischl

14. Mai 2007 um 17:18 Uhr

Hm, war ewiges Proben bei EWG oder minutiös einstudierte Pointen bei Carrell wirklich so lässig? Oder sah es nur aus?

Bitte hören Sie mir auf mit der “neuen Ernsthaftigkeit”, mit der “Ernsten Musik” haben die Musikwissenschaftler schon genĂĽgend Schwere in die Musik gebracht.

Wollen wir uns darauf verständigen, daĂź es eine neue (?) Sehnsucht nach Tiefe gibt? Eine Offenheit fĂĽr all das, was ĂĽber das Dingliche hinausgeht? Wenn ich mich im Freundeskreis so umhöre: Jeder kann sich an sein “Erweckungserlebnis” in der Begegnung mit klassischer Musik rege erinnern, da beginnen die Augen zu leuchten. Attribute wie “Freude”, “Gänsehaut”, “ganz da sein”, “in der Musik samt allen Höhen und Tiefen komplett versinken” und “Katharsis” habe ich schon gehört – aber “Ernsthaftigkeit” scheint mir viel zu verkopft.

axel

15. Mai 2007 um 10:03 Uhr

Lieber Herr Reischl,
ich finde das einen guten Vorschlag. Zumal Ernsthaftigkeit tatsächlich an Dinglichkeit denken lässt — “ganz da sein” finde ich Gut. Ich empfehle Ihnen zu diesem Thema auch das Interview mit Peter Mussbach, das sie unter “Aktuelle Ausgabe” finden.
Liebe GrĂĽĂźe
Axel BrĂĽggemann

Jan Renner

15. Mai 2007 um 19:20 Uhr

Ich finde es richtig und wichtig, was die beiden Herren zu sagen haben. So ist es in der Tat so, dass es zur Zeit mit den drei Programmen einfacher war, eine qualitativ interessante Sendung zu finden, als es heute bei 30 Programmen der Fall ist. Dabei muss man allerdings einschränkend sagen, dass wir ja de facto auch heute wieder bei drei Programmen angelangt sind (arte, phoenix und 3sat), da man den Rest grösstenteils vergessen kann.
Qualität – und nur die ist das entscheidende Kriterium – ist nie altbacken, nie zu ernst, höchstens zu wenig und viel zu selten!

Hätte ich die Möglichkeit, würde ich mir ein kleines altes Kino suchen und dort würde nur beste Ware aus

Jan Renner

15. Mai 2007 um 19:23 Uhr

…den vergangenen Jahrzehnten Fernsehproduktion zeigen: Opernproduktionen, KonzertĂĽbertragungen, Auslandsjournale und von mir aus die Muppet Show !

Fan

24. Mai 2008 um 07:06 Uhr

An dem obigen Interview ist wohl einige Wahrheit dran, aber in welchem Seifenprogramm/Werbesender/Fahrstuhl mit Monitor sollte denn dann Herr Brönners oberlässiges und megacooles “White Christmas” Video gesendet werden? Im gleichen Sender wie Herr Pahud mit barocken Outfit? Die Kunst des Entertainments in allen Ehren, aber Herr Brönner sollte sich doch mal erst an die eigene Nase packen, die Trompete ansetzen oder den Mund nicht so voll nehmen…

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