Deutscher Klang? Eine Ideologie!
Ingo Metzmacher über die aktuelle Debatte
Furtwängler und Karajan wird nachgesagt, besonders deutsch dirigiert zu haben. Das ist aber nur zum Teil wahr. Die wirkliche deutsche Musiktradition wurde in den 20er Jahren unterbrochen. Auf sie sollten wir uns besinnen.
Von Ingo Metzmacher
Als ich ungefähr 20 Jahre alt war, habe ich Deutschland das erste Mal für längere Zeit verlassen, um in Salzburg zu studieren. Natürlich habe ich mich in den Cafés und Kneipen mit anderen Studenten getroffen, und wenn wir zusammen saßen, haben wir über Gott und die Welt geredet, aber merkwürdiger Weise immer auch über Deutschland.
Ein Land, das für viele hauptsächlich negativ besetzt war: mit der nationalsozialistischen Diktatur und mit dem Krieg. Damals habe ich zum ersten Mal das Bedürfnis gespürt, dieses Land, aus dem ich komme, zu verteidigen. Ich wollte über Deutschland reden wie es meine Kommilitonen über Österreich, Frankreich oder England taten. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, schließlich bin ich als Nachkriegskind in einer Bundesrepublik aufgewachsen, die nicht einmal eine richtige Hauptstadt hatte, auf die ich verweisen konnte, kein Wien, kein Paris, kein London, keine Stadt, in die man reisen konnte, um sich ein Bild von der kulturellen Tradition der Nation zu machen.
Über Deutschland zu sprechen, bedeutete damals hauptsächlich, über die “Oder-Neiße-Linie” zu reden oder über die Verbrechen des “Dritten Reichs”. Und ich habe mich gefragt, was dieses Gefühl in mir geweckt hat, das Deutsche verteidigen zu wollen. Ich wusste, dass etwas Undenkbares geschehen war und trotzdem gehörte ich doch zu diesem Land, wurde in ihm geboren und bin mit seiner Vergangenheit aufgewachsen – meine Eltern haben den Krieg miterlebt, auch wenn sie nicht viel darüber geredet haben. Ich habe nach positiven Vorbildern gesucht, was mich sofort zum deutschen Widerstand geführt hat oder zu Komponisten wie Karl Amadeus Hartmann, der es geschafft hat, seine Ideale auch in der Diktatur zu bewahren, und der nach Kriegsende die Reihe “Musica Viva” gegründet hat.
Künstler wie Hartmann haben mir gezeigt, dass eine Verbindung aus Vergangenem und Zukunft durchaus möglich war und später habe ich zahlreiche Gespräche mit dem Regisseur Peter Konwitschny geführt, der ja in einem anderen Deutschland groß geworden ist als ich. Langsam entwickelte sich also ein ganz anderes, persönliches Bild von dem, was man vielleicht eine “Deutsche Seele” nennen könnte, eine kulturelle Tradition, die mich faszinierte, und, ja, auf die ich mich auch stolz berufen konnte.
Als in den letzten Monaten immer wieder über den “Deutschen Klang” geredet wurde, habe ich mich an diese Erfahrungen erinnert. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei diesem Topos höchstens um einen ideologischen Begriff handelt. Was wird denn eigentlich gemeint, wenn über diesen ominösen “Deutschen Klang” geredet wird? Man bekommt schnell Worte wie “erdenschwer” zu hören, oder “schwelgerisch”. Aber ist Bachs Musik erdenschwer? Oder die von Mendelssohn? Selbst Webers “Oberon” ist licht und leicht, und auch das “Lohengrin”-Vorspiel würde diesen ominösen dunklen “Deutschen Klang” nicht fordern.
Für mich persönlich heißen die großen deutschen Kapellmeister Otto Klemperer, Erich Kleiber und Fritz Busch. Es ist nicht schwer, eine Parallele zwischen diesen Musikern und den Idolen herzustellen, die ich damals in Salzburg gesucht habe. Die drei Dirigenten haben Deutschland in der Diktatur verlassen, ohne dazu gezwungen worden zu sein. Sie taten es in der Überzeugung, unter der Naziherrschaft nicht mehr arbeiten zu können. Und sie sind nie wirklich zurückgekehrt. Mit ihnen ist eine Tradition verloren gegangen, die ich tatsächlich auch als eine deutsche Tradition verstehen würde, eine Auffassung, in der schlicht das musikalische Werk im Vordergrund steht, in der es kein Klangideal gibt, das allen Werken übergestülpt wird: ein sachliches, aber dennoch leidenschaftliches Spiel, das keiner Ideologie, sondern allein der Musik verpflichtet ist. Der deutsche Klang wurde von nun an von denen geprägt, die geblieben sind: Furtwängler, Knappertsbusch, Karl Böhm und Karajan. Sie musizierten unter ganz anderen gesellschaftlichen und ästhetischen Vorzeichen. Es ist höchste Zeit, mit dem gegenwärtigen Verständnis aufzuräumen, dass der sogenannte “Deutsche Klang” allein eine Sache der medial führenden Nachkriegsdirigenten war. Wir sollten die Generation der emigrierten Dirigenten mindestens gleichberechtigt in diese Diskussion einbeziehen.
Mein Vater war 50 Jahre älter als ich. Er hat in den 20er Jahren in Leipzig bei Julius Klengel Cello studiert. Wenn es eine deutsche Tradi-tion gibt, dann kommt sie aus Leipzig. Hier waren Schumann und Mendelssohn zu Hause, hier wirkte Bach, hier lehrte Max Reger. Ich glaube, dass ich von meinem Vater ein Bild des “Deutschen Klanges” mitbekommen habe. Ich habe gehört, wie er gespielt und unterrichtet hat.
Bei ihm ging es immer um eine Haltung gegenüber der Musik. Er hat stets gesagt, dass es eine Gnade sei, musikalisch begabt zu sein, er suchte die Vermittlung und hasste die Eitelkeit. Mein Vater stand in einer Tradition der Demut gegenüber den Komponisten, nahm sich nie wichtiger als die Musik. Obwohl mir das sehr imponiert hat, musste ich mich absetzen, um meinen eigenen Weg zu finden. Natürlich spielte bei meiner Suche nach einer musikalischen Heimat auch ein politisches Misstrauen mit. Furtwängler und Karajan waren mir suspekt, ich wollte gar nicht von ihnen lernen, habe mich lange nicht mit ihnen beschäftigt. Damals habe ich mich besonders mit der modernen Musik auseinandergesetzt – und ich habe den Dirigenten Michael Gielen getroffen.
Gielen hat in den 30er Jahren in Buenos Aires Erich Kleiber erlebt und von ihm gelernt. Dadurch wurde eine Klangtradition weitergegeben, die heute kaum jemand unter dem Topos “Deutscher Klang” einordnen würde – zu Unrecht, wie ich finde. Es ist die Tradition der “Clarté”, der Klarheit und des Lichtes, zu der auch ich mich hingezogen fühle.
Die Orientierung eines Dirigenten ist mehr als die Orientierung an musikalischen Idealen, denn letztlich ist eine Interpretation immer auch ein Ausdruck von Haltungen, die ein Musiker einnimmt. Jeder Dirigent kommt irgendwann an einen Punkt, an dem er sich entscheiden muss. Zum Beispiel im vierten Satz der 9. Sinfonie von Beethoven.
Dort steht in der Partitur “Selon le caractère d’un recitative, mais in tempo” (“Nach Art eines Rezitativs, aber im Tempo”). Was aber bedeutet das? Das angegebene Tempo ist ein “Presto”. Ich muss mich also entscheiden, ob ich das wörtlich nehme oder das Tempo so stark verlangsame, dass die Celli und die Bässe in aller Ruhe “rezitieren” können. Es kann hier nur eine Entscheidung für das Eine oder Andere geben, ein Mittelweg wäre ein billiger Kompromiss. An dieser Stelle der Partitur entscheidet sich also, ob ein Dirigent Charakter hat oder nicht. Wenn ich einen Dirigenten nicht kenne, höre ich mir seinen Beethoven an, danach weiß ich, ob er für etwas steht oder nicht. Mit anderen Worten: In jeder musikalischen Interpretation sind Haltungen zu hören.
Ich schreibe das, weil die Auseinandersetzung mit dem sogenannten “Deutschen Klang” es unausweichlich macht, die musikalische Interpretation nach Haltungen zu hinterfragen. Kürzlich habe ich mir eine CD-Box gekauft, auf der Furtwänglers Konzerte zwischen 1942 und 1944 dokumentiert sind. Wir fragen uns heute oft, wie man Beethovens 9. Sinfonie in die Gegenwart holt.
Furtwängler hat das für seine Gegenwart kompromisslos getan, spielt mit einer unvergleichlichen Intensität und scheint an den Allmachtsanspruch der Kunst zu glauben.
Einer meiner Lieblingsfilme ist “Taking Sides”, in dem der Fall Furtwängler aufgerollt wird. Hat er mit den Nationalsozialisten kollaboriert oder nicht? Gegenüber den amerikanischen GIs gibt Furtwängler zu Protokoll, woran er wahrscheinlich tatsächlich glaubt, dass er nämlich versucht hat, die große humane Tradition der deutschen Musik für sein Land auch in schwierigen Zeiten zu bewahren. Gleichzeitig wurde er aber mit eben diesem hehren Anliegen von den Machthabern gezielt für ihre Zwecke missbraucht. Für jeden Musiker ist die Erkenntnis unglaublich erschreckend, dass es selbst mit einem Komponisten wie Beethoven möglich ist, Propaganda zu betreiben. Mir ist dieser Film sehr nahe gegangen. Der Kampf eines großen Musikers gegen politische Umstände, denen er nicht gewachsen sein konnte, denen er sich aber im festen Glauben an seine Kunst gestellt hat. Selten ist mir die “deutsche Seele” so deutlich geworden.
Wenn es so etwas wie einen “Deutschen Klang” gibt, müssen wir auch über die deutsche Musik an sich sprechen. Als ihr Kennzeichen, zumal im 20. Jahrhundert, wird gelten, dass sie sich in großen Extremen geäußert hat. Pfitzner und Eisler, Strauss und Weill, größere Gegensätze sind kaum denkbar. Schliesslich der große Symphoniker Karl Amadeus Hartmann, dem es gelang, eine lang gewachsene Tradition über die Nazizeit hinüber zu retten. Für mich ist er so etwas wie das “musikalische Gewissen” seiner Generation. Schwer sich vorzustellen, wie Hans Werner Henze und Wolfgang Rihm komponieren würden, hätte es ihn nicht gegeben.
Es ist bezeichnend, dass die Entwicklung der Musik nach dem Krieg in Deutschland stattfand, genauer gesagt in Darmstadt. Die jungen Komponisten aus ganz Europa kamen hier zusammen, um eine ganz neue Musik zu erfinden. Sie wollten sich ihre Musik nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Tonhöhe, Lautstärke, Dauer, Klangfarbe wurden vorherbestimmt anhand von Zahlenreihen. Die sogenannte serielle Musik war geboren.
Diese Gedanken zeigen, dass die deutsche Musikgeschichte, besonders in den letzten 70 Jahren, immer wieder eine Geschichte der musikalischen Extreme war. Extreme, die nicht immer schlecht sind, denn schließlich ist es das Extrem, das wir in der Kunst grundsätzlich suchen und bewundern, die Grenzgänge, die allerdings stets Gefahr laufen, umzuschlagen.
Ich bin in diesem Jahr in jener Stadt angekommen, die ich mir in meiner Salzburger Studienzeit als Hauptstadt gewünscht hatte, in Berlin. Und gemeinsam mit dem Deutschen Symphonie-Orchester geht es mir darum, zu fragen, was das denn nun ist, das “Deutsche in der Musik”. Zum Auftakt werden wir am 3. Oktober Hans Pfitzners romantische Kantate “Von deutscher Seele” nach Texten von Joseph von Eichendorff spielen. Am 15. Dezember dann das Gegenstück: “Der Silbersee” von Kurt Weill, der 1933 in Leipzig uraufgeführt und danach sofort verboten wurde, während der Komponist sich bereits auf der Flucht über Paris nach New York befand.
Das Besondere am Deutschen Symphonie-Orchester ist, dass es nach dem Krieg von den Amerikanern gegründet wurde. Es ist also so alt wie die Bundesrepublik Deutschland. Das ermöglicht uns, den Klang eines neuen Deutschlands zu suchen. Und das ist für mich ein Klang der Offenheit, der nicht etwas wiederbeleben will, was vergangen ist, sondern ein Klang, der eine Chance hat, modern zu sein, der im Jetzt steht, in der deutschen Gegenwart.











juerg stenzl
metzmacher
Einen Kommentar schreiben