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Als SĂ€ngerin bin ich nackt

17. Mai 2010

Patricia Petibon

Patricia Petibon; Foto: Felix Broede/DG

Die Sopranistin Patricia Petibon wird diesen Som-mer die Lulu in Salzburg singen. Wir trafen sie in MĂŒnchen und entlockten ihr gleich zwei Geheim-nisse.

Von Tobias Haberl

crescendo: Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Singen sei gefÀhrlich. Wie haben Sie das denn gemeint?

Patricia Petibon: Naja, nicht lebensgefÀhrlich, aber als SÀnger muss man aufpassen. Eine Stimme ist fragil und sensibel. An einem Tag singt man ganz herrlich, am nÀchsten ist man erkÀltet und singt schrecklich. Wenn ich traurig bin, kann man es in meiner Stimme hören.

crescendo: Singen ist also nicht gefÀhrlich, sondern eine Art Seelenspiegel, der sich nicht austricksen lÀsst.

Petibon: Ehrlich gesagt weiß ich den Kontext nicht mehr, in dem ich das gesagt haben soll. Aber im Leben ist vieles unsicher, man kann nicht jedes Detail planen, alles kann immer auch ganz anders kommen. Und die Arbeit an der Stimme kann einem dabei helfen, dass man sich dessen bewusst wird und besser damit umgehen kann. Meine Stimme ist wie ein Thermometer meiner Seele und meiner Stimmung, sie hilft mir in vielen Situationen des Lebens.

crescendo: Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Petibon: Manchmal denke ich an Maria Callas. In den letzten Jahren ihrer Karriere verlor sie ihre einzigartige Stimme, weil sie ihr Leben verlor. Sie war immer noch genial, vor allem durch ihre PrĂ€senz auf der BĂŒhne, aber nicht mehr so magisch wie frĂŒher. Die Stimme reagiert sofort, wenn einem etwas Schlechtes widerfĂ€hrt.

crescendo: Gerade haben Sie ein Album mit Barockarien von HĂ€ndel, Scarlatti und Porpora aufgenommen, gleichzeitig singen Sie Alban Bergs Lulu, erst in Genf, dann bei den Salzburger Festspielen. Wo fĂŒhlen Sie sich mehr zu Hause, im 18. Jahrhundert oder in der Rolle der Lulu?

Petibon: Die meisten Kritiker denken, ich identifiziere mich vor allem mit dem 18. Jahrhundert, weil ich so hĂ€ufig französische Barockarien gesungen habe, aber ich fĂŒhle mich auch als Lulu sehr wohl. Als Lulu kann man sĂ€mtliche Aspekte der Frau erforschen. Diese Rolle zu singen gleicht einer Erforschung, einer Ausgrabung der eigenen Weiblichkeit.

crescendo: Das klingt jetzt interessant. Mehr Details, bitte …

Petibon: Die Rolle ist eine Reise in Lulus Wesen. Man startet als junge Frau und am Ende ist sie tot. Sie stirbt aber nicht nur, weil Jack sie ermordet. Streng genommen ist sie vorher schon tot. Das ist ganz wichtig und als SĂ€ngerin kann man die Stimme wie ein Material verwenden, um das auszudrĂŒcken. Um auf Ihre vorherige Frage zurĂŒckzukommen: Ich fĂŒhle mich dann zu Hause, wenn ich meine Stimme wie ein Maler verwenden kann, hier ein bisschen dunkler, da ein Tick heller, so kann ich meine GefĂŒhle ausdrĂŒcken.

crescendo: Sie denken in Bildern?

Petibon: Ich bin schon immer sehr fasziniert von Malerei, ich habe als Kind viel gemalt und viel in KunstbĂŒchern geblĂ€ttert. Am Ende habe ich mich fĂŒr die Musik entschieden. Aber ich liebe noch heute Malerei, gehe oft ins Museum, schwĂ€rme fĂŒr Turner, Munch, Picasso und erkenne erst jetzt, wie wichtig die Bildende Kunst auch fĂŒr die BĂŒhne, fĂŒr das Theater ist.

crescendo: Wie schwierig ist es, von einem Liederabend auf die OpernbĂŒhne umzuschalten?

Patricia Petibon im GesprÀch mit Tobias Haberl

Patricia Petibon im GesprÀch mit Tobias Haberl; Foto: zeegaro

Petibon: Lulu braucht viel Raum. Nach meiner ersten Lulu in Genf habe ich vier Wochen lang nichts anderes gesungen. Ich habe meinen Agenten angerufen und ihm gesagt: Bitte nichts annehmen, ich brauche einen Monat, um mich zu erholen und einfach nur zu leben. Direkt nach einer Lulu kann ich keinen Liederabend geben, da muss man gewisse Grenzen respektieren.

crescendo: Was ist so erschöpfend an der Lulu?

Petibon: Die Rolle ist nicht nur lang, sondern auch sehr anstrengend. Die eigene BestialitĂ€t hervorzukehren, das treibt eine SĂ€ngerin an ihre Grenze. Berg hat da wirklich etwas Ungeheuerliches geschrieben. Ich merke, wie ich mit jeder AuffĂŒhrung, jeder Probe meinen Körper besser kennen lerne. FĂŒr die Lulu muss man gut in Form sein, körperlich, aber auch mental. Man kann sie nur ĂŒberzeugend singen und spielen, wenn man die TĂŒr zu sich selbst öffnet und absolut wahrhaftig ist. Manchmal muss man so schreien, dass die Stimme bricht. Lulu ist eine gebrochene Frau.

crescendo: UrsprĂŒnglich sollte Nikolaus Harnoncourt die „Lulu“ in Salzburg dirigieren. Warum wollte er unbedingt Sie in der Hauptrolle haben?

Petibon: Er ist jemand, der eine Stimme hört, und sofort erkennt, wozu sie fĂ€hig ist. Ich habe unter ihm schon 2005 und 2006 die Giunia in Mozarts „Lucio Silla“ gesungen. Schon damals war ich ĂŒberrascht, dass er mich in dieser Rolle besetzt hat. Er muss irgendetwas in meiner Stimme gehört haben.

crescendo: Haben Sie im wahren Leben Gemeinsamkeiten mit Lulu?

Petibon: Ich bin ganz sicher anders. Aber Lulu ist eine Mischung aus allen Frauen. Sie ist das weibliche Prinzip schlechthin, das Objekt, eine ProjektionsflĂ€che, auf der MĂ€nner all ihre Fantasien und SehnsĂŒchte abladen können. Alle begaffen Lulu, aber keiner sieht sie wirklich. Nein, ich bin nicht Lulu, aber ich bin eine Frau. Und deshalb kann ich sie verstehen.

crescendo: Ein Opernabend erschafft große EindrĂŒcke und Bilder, ein Liederabend ist ganz streng und pur. Was genießen Sie mehr?

Petibon: Auf der OpernbĂŒhne zu stehen, das ist intensive Arbeit fĂŒr mich. Dort kann ich experimentieren, die OpernbĂŒhne ist der Ort, an dem ich meine Stimme trainieren kann, das ist wie Sport. Ich bin nicht allein, die anderen SĂ€nger, das Orchester, die Inszenierung, das BĂŒhnenbild sind ja auch noch da. Und der Liederabend … ist in gewisser Art das Kind dieser Arbeit, das Ergebnis. Ein Recital ist ganz anders, auch schwierig, vor allem intimer. Als SĂ€ngerin bin ich vollkommen nackt.

crescendo: Sie waren auch schon mal auf der OpernbĂŒhne nackt.

Petibon: Das stimmt, als Olympia in „Hoffmanns ErzĂ€hlungen“, der Regisseur wollte es so. Aber bei einem Liederabend bin ich im ĂŒbertragenen Sinne nackt, das kann viel extremer sein. Außerdem ist der Zuschauerraum bei der Oper abgedunkelt, bei einem Recital nicht. Das heißt, ich sehe die Zuschauer in der ersten Reihe, das kann mein Singen beeinflussen, die Augen sind wichtig.

crescendo: Letztes Jahr haben Sie in Salzburg einen inszenierten Liederabend gegeben. Sie haben als Cowgirl verkleidet getanzt und Hundegejaule imitiert. Ist Ihnen bloßes Singen inzwischen zu langweilig?

Petibon: Überhaupt nicht, aber ich wollte es mal ausprobieren und habe meinen Körper dem Rhythmus ausgeliefert. Die Zuschauer waren zuerst verdutzt, am Ende waren sie begeistert. Ich muss aber nicht jedes Repertoire körperlich gestalten. Es kommt aufs Programm an. Wenn ich etwas Trauriges singe, zum Beispiel Schubert, dann tanze ich ganz sicher nicht durch die Gegend.

CD "Rosso", PetibonRosso. Patricia Petibons Album mit italienischen Barockarien ist bei der Deutschen Grammophon erschienen.

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Ein Kommentar zu “Als SĂ€ngerin bin ich nackt”

Monika Strehl

19. Mai 2010 um 21:04 Uhr

Marc Albrecht dirigiert!

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