Kolumne: Als sich Karajan aus dem Flügeltürer schwang
Über die Absurdität der modernen Selbstdarstellung
Von Pascal Morché
Der Mensch schaut bis zur psychischen Genickstarre gerne hinauf. Und was sieht er dort? Sterne! Seine Sehnsucht nach Halt und Führung; nach Vorbild und Unerreichbarkeit lässt ihn jemanden verehren, anhimmeln, anbeten gar. Alt ist der englische Begriff “Star” nicht, gute hundert Jahre gibt es ihn. Die Filmindustrie schuf in Hollywood den “Filmstar”. Aber natürlich gab es Stars viel früher als Filme, man nannte sie nur nicht Stars. Und ebenso natürlich gab es sie auch schon immer in der klassischen Musik. Kastraten wie Farinelli dürften (in ihrer Zeit) größere Stars gewesen sein, als es heute eine Anna Netrebko auch nur ansatzweise sein kann. Im Starkult um eine Maria Malibran könnte die Callas noch nachträglich verblassen und neben Paganini, einem Stern am Geigenhimmel würde ein David Garrett sofort als Sternschnuppe verglühen.
Doch fort von Farinelli, Malibran oder Paganini. Der Klassikstar, wie wir ihn heute kennen, ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts und der Massenmedien. Ja, er ist nur denkbar, wenn er es versteht eben auch jene Massen anzusprechen, die mit klassischer Musik nichts im Sinn haben. Für viele Menschen, die nie Klassik hören, wurde ein Herbert von Karajan zum Synonym für klassische Musik; und eine Callas kennen auch heute sehr viele, für die Bellini nur ein Drink ist. Zweifellos laufen beim Thema “Klassikstar” zwei Brüche durch das 20. Jahrhundert: Zunächst ist auch für die Geschichte der Stars in der klassischen Musik das Jahr 1968 von Bedeutung. Es ist jedenfalls auffällig, dass “vor” 1968 ausschließlich nur jene zu populären Klassik-Stars wurden, die kraft ihrer Eskapaden, ihres Lebenswandels oder ihres Modestils nicht dem damals tradierten Bild des Klassikkünstlers entsprachen; dass sie eben “anders” waren, als jene, die sich adäquat zur ernsten, hehren, ins Korsett einer (Bildungs)-Bürgerlichkeit gezwängten klassischen Musik verhielten. Nicht und niemals allein durch Arbeit und ihre Kunst, sondern einzig durch Äußerlichkeiten bekamen Künstler – gewollt oder ungewollt – jene Medienpräsenz und Aufmerksamkeit, die sie zu Stars werden liess. Als sich Karajan in Salzburg 1957 aus seinem 300 SL Mercedes Flügeltürer oder seinen Porsche schwang, klickten die Kameras – beim biederen Auftreten eines Eugen Jochum klickten sie nicht; als Böhm noch mit Krawatte eng korsettiert auf Proben erschien, da spielte Solti Wagners “Ring” 1958 schon im Polohemd ein. Wenn Anja Silja Anfang der 60er-Jahre in Overknees und Lederminirock auf dem Grünen Hügel in Bayreuth herum lief, trugen ihre Kolleginnen hübsch spießig die Kleider ihrer Hausschneiderinnen. Bei allen populären Prä-1968er-Klassikstars (Karajan, Bernstein, Glenn Gould, Friedrich Gulda, Maria Callas, Georg Solti) werden wir feststellen, dass sie dem Muff und Mief ihrer Zeit habituell widersprachen; dass sie nicht (nur) durch ihr Können zu Stars mutierten, sondern gerade auch durch unkonventionelle Selbstdarstellung.
Dass Stars inflationär wurden, begann mit der Popularisierung der Klassik. Mit der Demokratisierung der ach so hehren E-Musik; mit ihrer Krise Ende der 80er-Jahre. Im geistigen und wirtschaftlichen Verfall der Plattenfirmen stellte die Industrie schon mal Pressedamen ein, die zuvor bei RTL gewesen waren. Ihr Job: Den Klassikkünstler “in den Medien als Star zu kommunizieren.” Doch die Hoffnung war trügerisch, man könne einen Nikolaus Harnoncourt mit Biolek ins Kochstudio stecken und nach der Sendung dessen Mozart-CDs palettenweise in die Media-Märkte transportieren. Im Zuge von Crossover und erweitertem Kulturbegriff etablierte sich um die Klassikszene herum eine Spezies, die bislang unbekannt war: Der clevere Schöngeist. Er nahm sich der Künstler an und feilte an ihrem Bekanntheitsgrad jenseits der Konzertpodien und Opernbühnen. Von nun an bekam der Künstler Pressemappen und Image-Broschüren verpasst. Das Vorbild: die Popkultur. Es müsse doch möglich sein, Klassikkünstler genau wie Popstars zu vermarkten: Als “Pogo”-boy wurde ein gut aussehener junger Pianist bei Cosmopolitan interviewt, oder Nigel Kennedy als nonkonformer Punk-Geiger im Playboy “aufgebaut” und noch die blödeste Frauenzeitschrift wurde angefragt, ob sie sich nicht für die Wölfe einer Pianistin interessiere. Die Image-Arbeit, die nötig ist, um einen Künstler zum Star zu klonen, sollte sich aber in immer kürzeren Abständen amortisieren. Wer als Künstler nicht mehr mitspielte wie Ivo Pogorelich, Nigel Kennedy oder Tzimon Barto, wurde fallengelassen und rappelte sich erst Jahrzehnte später wieder auf. Die ökonomische Messlatte für den Verkauf von Klassikplatten war einfach benannt: “Die drei Tenöre”. Die darbende Klassikindustrie merkte: Ein Star ist machbar. Und der Klassikkünstler merkte das auch, niemandem kann man schließlich verübeln, ein Star werden zu wollen.
Vor nahezu zwanzig Jahren taten dann viele reizende Damen genau das, was andere reizende Damen schon länger für Füllfederhalter-, Sonnenbrillenhersteller oder Modedesigner taten: Sie gründeten eine PR-Agentur. Ihre Ziele: Klassikkünstler in die Medien zu bringen. Um dort wahrgenommen zu werden und zum Star zu mutieren, braucht man (neben dem handelsüblichen Können) entweder eine Macke, oder exzellentes Aussehen. Der Künstler wurde von nun an mediengerecht aufgebaut, inszeniert, gestylt. Resultat: Der Klassikstar wird heute mit völlig anderen, nämlich visuelleren Kriterien gemessen als vor 50/60 Jahren. Der Schriftsteller Michael Klonovsky: “Früher hat die Salome grandios gesungen und man hatte einen heiden Schiss davor, dass sie sich in der Tanzszene auszog. Heute ist es umgekehrt!” Tatsächlich: Die Aufmerksamkeitsschlachten, die heute geschlagen werden, sie sind zumeist von PR-, Werbe- und Promotionfirmen lanciert. Die Werbung für Klassikkünstler macht eigentlich das Plattenlabel, die PR-Agentur baut den Künstler auf und jubelt ihn gegen Kohle zum Star. So wird inflationär immer wieder “der beste lebende Geiger, oder der neue Star-Tenor” beschworen. Wo es doch so viele andere beste lebende Geigerinnen gibt, aber nur eine ist wirklich ein Star: Anne-Sophie Mutter, weil sie die Klaviatur der PR perfekt zu bedienen versteht.
Eine Entertainisierung der Klassikszene hat stattgefunden, die Imagemaschinerie der Medienindustrie wirft in immer kürzeren Abständen Stars “auf den Markt.” Die Zeiten sind exhibitionistisch. Ein Selbstdarsteller ist nicht länger eitel-peinlich, sondern liefert eine “Performance” und wer geschwätzig ist, der gilt als “eloquent”. Auch in der Klassik stimmt Andy Warhols Diktion: “Jeder kann für fünfzehn Minuten ein Star sein.” Nur kommt damit auch das Verfallsdatum auch eines Klassikstars immer schneller: Manch geigendes Girlie ist im Medienfeuerwerk längst verglüht. Denn: Styling ist viel – aber auf Dauer nicht alles. Können muß der Künstler schon auch noch was. “Effekt ist Wirkung ohne Ursache”, schrieb Richard Wagner. Und wenn die Ursache nicht da ist, verpufft auch schnell der PR-Effekt.
“Ich habe anfangs nicht gewußt, dass Medien- und Bühnenkarriere auch in der Klassikbranche zwei völlig verschiedene Dinge sind”, sagt die Sopranistin Anja Harteros – und wurde ohne PR-Agentur und Website ein Star. Nun kann man auch ein Star werden durch konsequente Verweigerung der Imagemaschinerie; Glenn Gould oder Carlos Kleiber sind hierfür beste Beispiele. In unserer Mediengesellschaft jedoch wird derjenige zum Star, der sich geschickt zu einem aufbauen lässt. Ich selbst erinnere mich noch gut, wie mir die Redakteurin vom Lufthansa-Magazin auf den Weg gab: “Wenn Sie Kent Nagano treffen, dann reden Sie mit ihm über das Surfen. Er stammt doch aus Kalifornien.” Im Jahr 2001 war das und Nagano, der gerade das DSO in Berlin übernommen hatte, sollte “dem deutschen Markt näher gebracht werden”, wie seine PR-Frau dem Lufthansa-Magazin zuvor mitgeteilt hatte. Hat auch wunderbar geklappt. Nun gibt es in München zwei bedeutende Dirigenten und einen Star. Vor einiger Zeit lief auf Arte ein Nagano-Porträt: In den ersten zwei Sendeminuten stand der Mann schon auf dem Surfbrett und (im Gegensatz zu Thielemann oder Mariss Jansons) hat er natürlich auch eine großartige Website, die braucht ein Star sowieso.
Steter PR-Tropfen höhlt den Stein und das Bewusstsein – und formt den Star. Dadurch findet allerdings auch eine eklatante Verschiebung in der Wahrnehmung derer statt, die kulturpolitisch das Sagen haben und nur mehr schwer unterscheiden können, welcher Künstler durch seine Arbeit bedeutend ist und wer durch gezielte PR-Arbeit bedeutend gemacht wurde. Kulturdezernenten, -referenten, -senatoren, Kunst- und Kultusminister sowie deren Berater sind nicht immun gegen das PR-Bombardement. Sie fliegen mehr Lufthansa und lesen mehr Peoplemagazine, als dass sie Opernvorstellungen oder Konzerte besuchen. Es ist ihnen nicht einmal anzulasten, dass sie vielleicht nicht mehr unterscheiden können zwischen großen Künstlern und gemachten Stars. Manchmal ist das ja identisch.
Aber nicht immer. Lang Lang kennen alle, Grigory Sokolov nicht. Dabei ist Sokolov der wahrscheinlich beste Pianist der Welt! Aber im Gegensatz zu Sokolov kann Lang Lang nicht nur Klavierspielen, sondern dabei auch noch Grimassen schneiden. Er ist eine Inszenierung seiner selbst. Die Möglichkeit, dass sich Lang Lang in Zukunft ebenfalls für die Paparazzi aus dem Flügeltürer schwingt, ist da. Es scheitert bisher nur an seinem Sponsor. Audi baut derzeit nur Autos mit normalem Ausstieg.













B.Schmidtberger
Bravo für diesen klugen Artikel! Er schafft es, den Leser schmunzeln zu lassen über die wahrhaftig ärgerlichen PR-Mechanismen der Klassikszene. Wunderbar!
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