Andris Nelsons: Nordischer Feuervogel im Anflug auf Bayreuth

Andris Nelsons; Foto: Marco Borggreve
Der Lette Andris Nelsons (31) will bei den Festspielen das Publikum euphorisieren – wahrscheinlich schafft er das auch.
Von Christa Hasselhorst
„Weißt Du, wie das wird?“ – Die berühmte Nornenfrage aus der ‚Götterdämmerung‘ beantwortet Andris Nelsons mit vielsagend grinsendem Schweigen. Klar weiß er es. Aber sagen darf er nichts. Nur soviel: Mittelmaß gibt es mit dem Skandal-Garanten Hans Neuenfels nicht! Wenn sich am 25. Juli auf dem Grünen Hügel der Vorhang öffnet für die Eröffnungs-Premiere von „Lohengrin“, wird das reizvolle Doppel Neuenfels-Nelsons für noch mehr Aufmerksamkeit sorgen als Bayreuth ohnehin schon auf sich zieht. Der alte Regie-Hase und notorische Agent Provocateur Neuenfels und der junge Shooting-Star sind beides Debütanten in Bayreuth.
Hat Nelsons keine Angst vor dem Bilderstürmer und Bühnen-Berserker aus Berlin? „Neuenfels ist sooo ein Held! Ich sah seine ‚Fledermaus‘ in Salzburg, oh mein Gott, das war grandios! Eines ist sicher: es wird kein Schwan auf der Bühne sein“, sagt Nelsons und lacht verschmitzt. Und die Musik? Wird sie nicht zu sehr dominiert vom visuellen Geschehen auf der Bühne? „Unser beider Held in dieser Nacht ist Wagner“, versichert Nelsons, „wir sind seine Partner. Wagner wollte keine Illustrationen, sondern Ideen – da erlaubt uns seine Musik, sehr erfinderisch zu sein.“ Obendrein spüre das Publikum sehr genau, ob ein Regisseur nur sein Ego auf die Bühne bringen wolle. „Wagner war sehr jung, als er ‚Lohengrin‘ komponierte, ich bin sehr jung – da bin ich froh, dass Neuenfels als ‚old guy‘ dabei ist“, grinst er.
Bayreuth ist der nächste Achttausender des Gipfelstürmers Andris Nelsons. Der 31-jährige Lette wird als eines der vielversprechendsten Talente der jungen Dirigenten-Generation gehandelt. Er ist Europas Antwort auf den glutvollen Südamerikaner Gustavo Dudamel. Beileibe kein Kühler aus dem Norden. Mit Esprit, Temperament, glühender Leidenschaft und sinnlicher Intensität reißt er nicht nur jedes Orchester mit, sondern euphorisiert auch stets das Publikum. Ob letztes Jahr in Salzburg mit Schostakowitsch oder im April beim Debüt mit der Berliner Staatskapelle. Da wurde selbst ein überstrapazierter Repertoire-Klassiker so frisch und neu definiert, als hörte man ihn zum ersten Mal. Der Strauss’sche Fetzer „Also sprach Zarathustra“ (dessen Beginn auch Nicht-Klassik-Fans durch den Stanley-Kubrik-Film „2001:Odyssee im Weltraum“ im Ohr sitzt) wurde von Nelsons in seiner ganzen Zerrissenheit kongenial, mal derb laut, dann süffig-schwelgerisch, aber stets präzis, dirigiert. Jubel für Nelsons und die Staatskapelle.

Andris Nelsons; Foto: Marco Borggreve
Das Orchester war dem längst nicht mehr als Geheimtipp geltenden Letten schon bei der ersten Probe willig gefolgt. Da bezirzte er durch eine Melange aus Profession, geistreichem Charme und Originalität. „Denken Sie bei dieser Stelle an ein wohliges Schaumbad! Mein Leben ist Konzert, Flughafen und Hotel. Dort versinke ich dann in einer warmen Wanne“, sagt er, gestikuliert und zeigt seligstes Grinsen, im Orchester wird gekichert. Er spricht gutes Deutsch – schließlich war er etliche Jahre Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford – sagt sehr viel „Bitteschön, Dankeschön, könnten wir versuchen …?“ Kein Pult-Tyrann, keine Maestro-Attitüde. In der Pause meint ein junger Bassist: „Bei ihm ist kein Gefälle zwischen Probe und Konzert, beides hat gleich hohes Niveau – das ist nicht immer so!“ Nelsons gesteht später auf die Frage, ob er beim Debüt mit einem neuen Orchester nervös sei: „Immer, vor allem bei den Proben! Die sind das Wichtigste; da wird das Fundament gebaut, da zeigt sich, ob die Chemie stimmt. Später beim Konzert ist das Lampenfieber einfach weg. Stress transformiert sich in pure Freude!“
Diese Freude an der Musik fesselt Orchester und Publikum auf Anhieb. Nelsons Leidenschaft überträgt sich wie ein glutvoller Funke. Ein Feuervogel, ein quecksilbriger Luftgeist Ariel mit Sprüngen à la Lenny Bernstein – und doch ganz präsent. Wie Simon Rattle, dessen Nach-Nachfolger des City of Birmingham Symphony Orchestra er seit 2008 mit viel Fortune ist, übersetzt er ekstatisch grimassierend Freude und Schmerz der Musik. Aber das ist niemals Show, sondern gelebte Emotion. Elegante Bein-Arbeit, federnde Gummi-Knie, die Hände Luft-Pirouetten drehend, erinnert er auch an seinen Mentor Mariss Jansons. „Mein größter Lehrer“, sagt der Lette über seinen Landsmann. Weil Jansons krankheitshalber die Premiere von „Carmen“ an der Wiener Staatsoper absagen musste – dank dem Traum-Paar Netrebko & Garanča seit Monaten ausverkauft – gab Nelsons statt des geplanten Debüts mit der Sächsischen Staatskapelle den Einspringer in Wien. Das Echo: „Nelsons hinterließ mit der Neuausrichtung dieser Oper eine Visitenkarte in Wien, die man schnell wieder hervorkramen sollte“ (Kleine Zeitung).
Der steile Höhenflug Nelsons, Kind aus einer Musikerfamilie in Riga, wo er von 2003 bis 2007 Musikdirektor der Lettischen Nationaloper war, geht weiter. Im Oktober debütiert er bei den Berliner Philharmonikern, dirigiert diese Saison erneut am Royal Opera House Covent Garden London („Madame Butterfly“) und an der New Yorker Met („Pique Dame“). Für seine Einspielungen der „Feuervogel“ Ballettmusik erhielt er überschwengliches Kritiker-Lob, ebenso für die „Rosenkavalier-Suite“. Und wann dirigiert er seinen ersten Rosenkavalier? „Dafür muss mein Deutsch noch besser sein“, sagt er. „Der Text ist wichtig, um die erotische Parodie auf das Leben in der Musik zu verstehen. Ich werde in den nächsten Jahren viel in Wien sein und ich freue mich sehr darauf. Man muss den Charme der Stadt und die spezielle Atmosphäre inhalieren, die im ‚Rosenkavalier‘ so präsent ist.“
Dann erstmal Mozart? „Ich habe Respekt vor Mozart“, gesteht er glaubwürdig, „habe etliche Angebote abgelehnt! Mozart ist so kompliziert, so großartig!“ Da klingt keine falsche Bescheidenheit mit, dafür wirkt Nelsons viel zu locker, authentisch und ungemein sympathisch. Mozart oder nicht – dieser Dirigent wird, wie auch immer Bayreuth ausgehen wird, seinen Weg weiter nach oben machen.

CD "Igor Stravinsky - The Firebirds, Symphony of Psalms", Nelsons; Orfeo
Andris Nelsons neue CD mit Werken von Strawinsky ist vor kurzem bei Orfeo erschienen. Live ist er am 1.7. beim Klavier-Festival Ruhr, ab 25.7. in Bayreuth und am 14.8. auf der Berliner Waldbühne zu erleben.











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