Angekommen in der NormalitÀt
Thomas Quasthoff erhÀlt im Festspielhaus Baden-Baden den Herbert von Karajan Musikpreis
Von Georg Rudiger
“Er ist angekommen. Statt 90 Konzerte im Jahr gibt er nur noch 40, statt in London oder New York ist er lieber daheim, in seiner neuen Wohnung im groĂbĂŒrgerlich-noblen Berliner Stadtteil Zehlendorf”, lautete vor zwei Wochen die dpa-Meldung zu Thomas Quasthoffs 50. Geburtstag. Auch im Festspielhaus Baden-Baden, wo der Bassbariton vom Stiftungsvorstand Horst Weitzmann den jĂ€hrlich vergebenen, mit 50.000 Euro dotierten Herbert von Karajan Musikpreis verliehen bekam, bestĂ€tigt sich der Eindruck. NormalitĂ€t liegt ĂŒber dem Abend. Quasthoffs Conterganbehinderung wird in keiner der Reden erwĂ€hnt. Auch fĂ€llt das Anderssein des SĂ€ngers nur so lange auf, bis er neben seinen Kollegen auf dem Podest Platz genommen hat und somit auch optisch auf Augenhöhe agieren kann. Musikalisch bewegt sich Quasthoff schon lange auf Augenhöhe mit den Besten. Nur wollte das in Deutschland in den 90-er Jahren kaum jemand wissen. Seine Behinderung machte Konzertveranstalter und Fernsehsender unsicher; selbst ĂŒber seinen ersten Grammy im Jahr 2000 (mittlerweile sind zwei weitere dazugekommen) wurde in Deutschland kaum berichtet.
Seine internationale Karriere startete Quasthoff 1995 in den USA mit einem Auftritt beim von Helmuth Rilling geleiteten Oregon Festival. Der Stuttgarter Dirigent war einer der ganz frĂŒhen prominenten Persönlichkeiten, die das Potential des SĂ€ngers entdeckten. Der Kreis schlieĂt sich, wenn Rilling in Baden-Baden am Rednerpult steht, um mit einer anekdotenreichen, inhaltlich allerdings recht flachen Laudatio seinen Freund zu wĂŒrdigen. Der Chordirigent erinnert sich an das erste gemeinsame Konzert 1991 in der Stuttgarter Stiftskirche, an den Genuss eines Strammen Max’ in Leverkusen und an eine skurrile Liftfahrt mit riesigen amerikanischen Basketballspielern. Musikalisch schĂ€tzt Rilling Quasthoffs “hohe Identifikation mit den Liedern, die er singt”, seine mal lyrische, mal krĂ€ftige Höhe und die enorme Tiefe seines Baritons – die Quasthoff mit dem zum groĂen D abstĂŒrzenden “GewĂŒrm” aus Haydns Oratorium “Die Schöpfung” unter Beweis stellen muss. Der Bariton zeigt sich “geehrt und gerĂŒhrt” durch die Auszeichnung und dankt zu stehenden Ovationen des Publikums neben Andreas Mölich-Zebhauser besonders seinen Eltern, die ihm seine musikalische Karriere erst ermöglicht haben. Seine im Sommer verstorbene Mutter schaue von oben aus zu, bemerkte der SĂ€nger sichtlich bewegt. SchlieĂlich galt Quasthoffs Dank seiner Frau Claudia, die ihn und alles, was der Beruf mit sich bringe, ertrage.
Das Konzertprogramm an diesem Abend mit vier Schumann-Duetten und Brahms’ Liebesliederwalzern op. 52 und 65 verwundert etwas, weil es den Geehrten nur im Ensemble prĂ€sentiert. Die Pressemeldung klĂ€rt darĂŒber auf, dass die StĂŒcke gerade auf CD eingespielt werden – eine willkommene Generalprobe also. Der Abend hat wenig Spannung, hĂ€ufig werden die Lieder von Applaus unterbrochen. Mit Justus Zeyen, seinem eigenen Klavierbegleiter, und Malcolm Martineau stehen den vier SĂ€ngern zwei erstklassige Pianisten zur VerfĂŒgung, die die Walzer nie roh werden lassen, sondern verfeinern und mit Farben anreichern. Unter den Solisten ĂŒberzeugt vor allem Michael Schade mit seinem ganz weich gefĂŒhrten, lyrischen Tenor, der ausgezeichnet mit Quasthoffs virilem, farbenreichen, intonatorisch allerdings nicht immer perfekten Bassbariton harmoniert. Die Frauenstimmen mischen sich dagegen nicht optimal. Sylvia Schwartzs etwas kurzatmiger, leicht kehliger Sopran sticht aus dem Ensembleklang etwas heraus, zumal Bernada Fink mit ihrem volltönenden Alt ebenfalls eine ganz eigene, dominante Farbe zeigt. Sylvia Schwartz, die in der nĂ€chsten Spielzeit Ensemblemitglieder der Wiener Staatsoper wird, war Quasthoffs Studentin an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Auch die 50 000 Euro Preisgeld dienen der Förderung des musikalischen Nachwuchses. Neben dem von Quasthoff 2009 erstmals ausgetragenen, zweijĂ€hrlich stattfindenden internationalen Liedwettbewerb möchte der Bariton eine Akademie grĂŒnden, die junge Talente mit renommierten Gesangslehrern und Liedbegleitern zusammenfĂŒhrt. Damit auch die Jugend sehen kann, welchen Reichtum es fĂŒr einen SĂ€nger in der Liedinterpretation zu entdecken gibt.









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