Auch Mussorgsky war ein Jazzer!

CD: Chopin, Klavierkonzerte Nr. 1 & 2;NIFC

CD: Mahler, Sinfonie Nr. 2; LPO

CD: Dvorak, Sinfonien Nr, 7 & 8; Signum Classics

CD: Haydn, 12 Londoner Sinfonien; Naive

CD: Mussorgsky Dis-Coverd; Preiser Records
Die großen Jubilare des Jahres bestimmen noch immer die Programmpolitik der Klassikproduzenten: Bei Chopin und Mahler scheint die Schmerzgrenze- noch nicht erreicht. Und doch finden sich Juwelen im Ozean des (musikalischen) Mittelmaßes:
So hat das Warschauer Chopin-Institut, das auf seinem eigenen Label NIFC bislang vornehmlich illustre Chopin-Interpreten auf historischen Fortepiani vorstellte, die beiden Klavierkonzerte Chopins einem kanadischen Teenager überlassen, der das Werk aufwertet.
Von Attila Csampai
Der 1995 in Calgary geborene Jan Lisiecki war gerade mal 13, als er das f-Moll-Konzert in Warschau vorstellte, ein Jahr später, 2009, spielte er, wiederum unter Howard Shelleys kluger Leitung, das e-Moll-Konzert – und begeisterte erneut das Chopin-kundige polnische Publikum!
Die jetzt erschienenen Mitschnitte dieser Live-Acts zählen auf alle Fälle zu den Highlights des Chopin-Jahres. Ich kenne kaum Aufnahmen dieser beiden Schlachtrösser, die einen schon vom ersten Klaviereinsatz so gefangen nehmen. Souverän, klar, prägnant. So widerruft ausgerechnet ein unbekanntes „Wunderkind“ hier das Klischee von den schwärmerischen, windelweichen Jugendwerken und lässt mit energischem Stolz den späteren Chopin durchschimmern, den rebellischen Chopin der Polonaisen und Etüden.
Einen ähnlichen Begeisterungstaumel löste vor mehr als 20 Jahren der von schwerer Krankheit gezeichnete deutsche Mahler-Fanatiker Klaus Tennstedt aus, als er in der Londoner Royal Festival Hall eine zum Zerbersten gespannte Aufführung von Mahlers apokalyptischer „Auferstehungssinfonie“ zelebrierte. Der jahrelang unter Verschluss gehaltene Mitschnitt dieser Mahler-Sternstunde ist jetzt auf dem Eigenlabel des London Philharmonic veröffentlicht worden und wurde sogleich mit dem „Toblacher Komponierhäuschen“ für die beste „historische“ Mahler-Aufnahme des Jahres ausgezeichnet. Vor allem in den beiden Ecksätzen entfacht Tennstedt eine emotionale Glut und zieht unendliche Spannungsbögen. Sie fesseln und lassen einen die wirklichen seelischen und metaphyischen Dimensionen dieser Erlösungssinfonie erleben.
Auch der im Juli verstorbene australische Weltbürger Sir Charles Mackerras genoss auf der britischen Insel Kultstatus. Bis zum Schluss blieb er einer der größten Interpreten der Wiener Klassik und der tschechischen Musik: Seine späten Aufnahmen mit den Sinfonien Beethovens und Mozarts künden von jenem höheren Grad göttlicher Heiterkeit und pulsierender Grazie und seine zuletzt erschienenen Londoner Mitschnitte der Siebten und Achten Dvoráks mit dem Philharmonia Orchestra aus dem Jahr 2008 unterstreichen sein Gespür für die dunkle Leidenschaft und dramatische Glut des späten Dvorák.
Eine Serie von intelligenten „Lehrstunden“ veranstaltete Barock-Ikone Marc Minkowski ausgerechnet im Wiener Konzerhaus mit Haydns späten Londoner Sinfonien. Seine Musiciens du Louvre propagieren eine französische Leichtigkeit des Seins, die sich weigert, auch nur einen Moment lang Bedeutsamkeit, Pathos oder deutsche Strenge zu verbreiten. Stattdessen vertraut er mit flotten Tempi und einem ans Ironische grenzenden Understatement darauf, dass sich die spirituellen Kräfte und die reine Seele von Haydns Musik auch so, ganz ohne Nachdruck, durchsetzen: Ein derart spielerisch-entkrampfter, luftiger Haydn wirkt unglaublich modern und charmant.
Eine solche unkonventionelle Art musikalischer „Aufklärung“ betreiben auch vier ausgekochte Wiener Jazz-Grenzgänger, die sich mit der grandiosen Mezzo-Sirene Elisabeth Kulman zusammengetan haben, um die musikalischen Wurzeln und Seelengründe des russischen Eigenbrötlers Modest Mussorgsky freizulegen. Mit entfesselter Virtuosität befreien Tscho Theissing (Geige), Arkady Shilkloper (Horn), Miki Skuta (Piano) und Georg Breinschmid (Bass) auf ihrem Album „Mussorgsky Dis-Covered“ seine Lieder vom Mief bürgerlicher „Verkleidung“ und beschwören den wilden, jazzartigen Groove und den Blues seiner Arme-Leute-Musik. Und die Kulman gibt mit perfektem Russisch und versengender Mezzo-Glut die charismatische Wirtshaus-Primadonna, den lachenden Weibsteufel, gefährlich und unwiderstehlich. Jetzt wissen wir es: Auch Mussorgsky war ein Jazzer.









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