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Barocke Pracht

23. November 2009
Simone Kermes; (c) Andreas Dommenz

Simone Kermes; Foto: Andreas Dommenz

Der Sopranistin Simone Kermes gelang mit ihrer CD “Lava” der Überraschungs-Erfolg des Jahres. Wir haben sie zuhause besucht und trafen eine selbstbewusste Frau, die auch mit Karel Gott die Biene Maja singen würde.

Von Theresa Pieschacón Raphael

Ein kleiner Ort, nahe Koblenz im Herbst: Wie aus einer anderen Welt wirkt sie: Flammende tizianrote Mähne, dramatisches Make-up, Ledermini und wild gemusterte Strümpfe; ein “Satansweib” wie einst die berühmte Francesca Cuzzoni, die Georg Friedrich Händel so in Rage brachte, dass er sie fast aus dem Fenster geworfen hätte. Auch von der Sopranistin Simone Kermes heißt es, dass ein Dirigent ihr “aus Spaß” einmal den Mund zugehalten habe, weil sie ihm zu vorlaut war. Seit 1996 wohnt die “Crazy Queen of Baroque” mit ihrem Mann und Manager Andreas Dommenz in der 9.000-Einwohner Siedlung. Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Draußen, vor dem Fenster, vertreibt der Wind die kühle Morgenluft. Kermes gestikuliert mit weiträumigen Bewegungen. Ihr Blick: klar und unbestechlich. Ihr Lachen: scheppernd. Ihre Haltung: selbstbewusst.

crescendo: Ihre Haarfarbe steht für Mut, Leidenschaft; für Hexen, Sufragetten …

Simone Kermes: Vielleicht bin ich ja auch eine Hexe? Oh ja, viele haben Angst vor mir! Weil ich ehrlich bin und die Dinge sage, wie sie sind. Ich bin nicht diplomatisch. Ich verstelle mich nicht.

crescendo: Fast alle Figuren Tschechows oder Dostojewskis haben feuerrotes Haar; sogar die Kühe haben ein rotes Fell.

Kermes: (lacht) Ich werde auf jeden Fall selten für eine Deutsche gehalten. Vielleicht traut man den Deutschen nicht soviel Temperament zu.

crescendo: Dabei sind Sie eine waschechte Leipzigerin. Angeblich trugen Sie als junge Frau eine blonde (!) Punkfrisur.

Kermes: Ja, ganz furchtbar, ich wollte wie Brigitte Nielsen aussehen. Kurz oben, platinblond, das war schwierig im Osten, da gab es diese Silberspülung. Wenn man davon zuviel nimmt, dann wird das Lila. Und es gab kein Gel, wir haben das mit Eiweiß und Zuckerwasser gemacht.

crescendo: Auch der Clown hat rote Haare. Sie können urkomisch sein, wie sich in einer NDR-Talk-Show vor kurzem zeigte …

Kermes: Ja. Ich bin komisch. Ich lache gern über mich und andere und liebe den englischen, schwarzen Humor. In der NDR Talkshow war es für mich ein riesiger Spaß, neben dem leibhaftigen Karel Gott die Karaoke Version von ‚Biene Maja’ zu singen. Übrigens eine neue Leidenschaft von mir. Karel war erstaunt und begeistert und im nächsten Jahr werden wir Biene Maja endlich zusammen singen. Ich finde, alle Menschen sollten sich durch’s Singen befreien, sei es in der Karaoke Bar, beim Schunkeln und Mitsingen im Musikantenstadl oder unter der Dusche zu Hause.

Wir trinken den zweiten Cappuccino. Die Wohnung ist hübsch. Eine Wendeltreppe führt zu einer Galerie hinauf, wo ihr digitaler “Roland Flügel” steht. Hier arbeitet sie. Ein echter Flügel hätte nicht hineingepasst. An den Wänden viele Bilder und Grafiken. Manche hat ihr Mann gemalt, die Franz Marc-Reproduktion mit den Pferden stammt von ihrer Tochter, die sie alleine großgezogen hat.

crescendo: Ihre Jugend in Leipzig war nicht einfach …

Kermes: Mein Vater starb, als ich zwölf Jahre alt war und ich musste meine Ausbildung selbst finanzieren. Erst lernte ich Sekretärin, aber so richtig passte ich nicht in einen sozialistischen Betrieb. Und eigentlich passte ich mit meinem Haarschnitt auch nicht in die klassische Musik.

crescendo: Warum?

S. Kermes; (c) Andreas Dommenz

Simone Kermes; Foto: Andreas Dommenz

Kermes: Man wollte mich zunächst nicht an der Leipziger Musikhochschule. Nach zwei Jahren Magdeburg schaffte ich es doch. Meiner Lehrerin Helga Forner verdanke ich alles. Ich bekam eine Ausbildung, die ganz auf meine Stimme zugeschnitten war, kann heute technisch mit meiner Stimme umgehen, ohne dass es mir wehtut. Es war eine harte Schule. Auch heute kämpfe ich noch. Auf der Bühne muss man gute Nerven haben. Man stirbt tausende Tode. Man will etwas geben, man kämpft und spürt zum Schluss, wie beglückt die Menschen sind.

crescendo: Das “100.000 Volt Weib”?

Kermes: Ja! Die Post muss abgehen. Ich brenne für die Musik. Ich war nie ein Shootingstar, ich habe immer gekämpft. Ich hasse es, wenn man mich als “den neuen Opernstar” ankündigt, das macht mich schüchtern und bescheiden.

“Das Weib hat ein Nest von Nachtigallen im Bauch!” schrie einst ein Fan über den Gesang der Cuzzoni. Simone Kermes lacht; von Lob hält sie nicht viel. Sie weiß: oft genug lässt sich das Publikum von Glamour und Show beeindrucken, ohne dass der Künstler wirklich etwas geleistet hätte. Apropos Bauch. “Haben Sie Hunger?” fragt sie nach einer Weile. Sie hat Kartoffelsuppe und Thaisuppe gekocht; Wir spazieren in ihre Küche. Sie sei eine gute Hausfrau, sagt sie. In ihrem Haushalt gibt es keine Putzfrau. Als sie beginnt, die Petersilie mit einem Messer zu hacken, fällt das nächste Stichwort:

crescendo: ‚Eviva il coltellino’ – “Es lebe das Messerchen”, der Spruch auf Cecilia Bartolis neuer CD mit Arien von Kastraten. Lebt das Messer auch für Simone Kermes?

Kermes: Ich hoffe nicht! (lacht) Gut dass diese Zeiten vorbei sind. Aber die Musik hat überlebt. Die Kastraten sind tot, aber die phantastische Musik der neapolitanischen Schule bleibt uns. Das ist das wirklich Wichtige. Wir haben schon vor zwei Jahren diese neapolitanische Musik in Konzerten gespielt und für Arte und SWR produziert. Der große Erfolg bestärkte uns, diese Musik endlich auf eine CD zu bannen.

crescendo: Die FAZ spricht inzwischen sogar von einem Sängerinnenduell Bartoli-Kermes.

Kermes: Bartoli hat eine ganz andere Stimme, ist ein ganz anderer Typ. Wir waren mit unserer Aufnahme “Lava” schon wesentlich früher da und waren bei der Werbung weitgehend auf uns selbst gestellt. Hilfe und großes Engagement bekamen wir lediglich von Martin Korn bei Sony Schweiz, der von Anfang an für die CD “Lava” entflammt war und der sie auch unter Vertrag genommen hat. Nach Erscheinen der “Lava”-CD landeten wir sofort auf Platz drei in den Klassik Charts. Ohne Riesen Event in Neapel.

crescendo: Sie und Bartoli singen nicht das gleiche Repertoire. Ist das wirklich Zufall? Schließlich enthält Ihre Aufnahme viele Filetstücke, die sich die Bartoli bestimmt nicht hätte entgehen lassen wollen.

Kermes: Wir haben aus unserem Repertoire und den Arien nie ein Geheimnis gemacht und hatten es, wie gesagt, schon vor zwei Jahren für das Radio und Fernsehen produziert. Vielleicht scheute man den Vergleich und hat deshalb nicht die gleichen Arien aufgenommen? Dann wäre es wirklich ein Sängerinnenduell gewesen! Eigentlich schade, mich hätte ihre Interpretation schon interessiert. Witzig wäre doch mal ein Duett, wie es auch schon Popstars vorgemacht haben in “We are the world”.

crescendo: Viele Künstler verkaufen für den Beifall sogar ihre Seele. Wird Ihre Ehrlichkeit eigentlich belohnt?

Kermes: Letztendlich ja. Oft frage ich mich, was wird sein am Ende des Lebens? Was hat man alles in Kauf genommen? Wie ist man den Weg gegangen? Doch jetzt geht alles plötzlich auf, jetzt habe ich das Gefühl, dass ich verstanden werde. Ich habe mich nie arrangiert, um in meiner Karriere weiterzukommen. Da wird man oft als kompliziert bezeichnet. Die Kritiker erheben mich auf eine Stufe von berühmten Sängern, mit denen ich mich nie vergleichen würde. Aber ich werde auch weiterhin frei heraus sagen, was ich denke und fühle. Als Künstlerin muss man tief aus der Seele schöpfen können. Wenn da nichts ist, hat man ein Problem.

Simone Kermes singt auf “Lava” Opernarien aus dem Neapel des 18. Jahrhunderts (deutsche harmonia mundi).

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