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Bayreuth hat wieder einen Siegfried!

1. August 2010

Lance Ryan überzeugt als Siegfried im Bayreuther „Ring“/Musikalische und Regie-Sternstunde dritter Akt

Von Barbara Angerer-Winterstetter

Diese Partie ist vertrackt schwierig: Leicht und locker muss Siegfried deklamieren können, dann aber wieder große, gebundene Phrasen singen, lyrisch soll er klingen, aber auch heldisch auftrumpfend sein Schwert schmieden und Brünnhilde erwecken. Neben Stephen Gould gab es in den letzten Jahren in Bayreuth keinen guten Siegfried mehr, denn Siegfriede vom Stimmtypus eines Wolfgang Schmidt und Christian Franz verlegten sich mehr aufs Kraftmeiern und vergaßen stemmend, dass man diese Partie auch singen kann.

Die Siegfried-Erlösung kommt – wie die hervorragende Sieglinde Edith Haller – wieder einmal aus dem badischen Staatstheater in Karlsruhe: Hier konnte sich Lance Ryan das deutsche Repertoire erarbeiten und glänzte jüngst schon bei den Salzburger Osterfestspielen als Siegfried. Dass er jetzt auch in Bayreuth die Siegfried-Lücke schließen kann, hat Stimmexpertin und Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier rechtzeitig erkannt. Ryan singt, ganz Schüler von Carlo Bergonzi, die Töne lyrisch an und legt dann erst Kraft in die Stimme. Erstaunlich, wie gut der Kanadier den schwierigen deutschen Text ausspricht, hörbar versteht, was er da singt und es auch klug musikalisch ausdeutet. Sein Stimmtypus ist heldisch, er versteht es aber dennoch, schön zu phrasieren und die Spitzentöne locker anzusingen, ohne dabei stemmen zu müssen. Zudem unterstützt seine angenehm helle und frische Stimmfärbung noch seine schlanke, jugendliche Erscheinung. Nicht mal die rote Pumuckel-Wuselperücke kann ihn verunstalten, die der für mancherlei eigenartige „Ring“-Kostüme verantwortliche Bernd Ernst Skodzig zu verantworten hat. Was also will man mehr fürs Bayreuther „Siegfried“-Glück?

Ein paar Vorschläge gibt es da schon noch: Ideal etwa wäre eine Besetzung des Mime mit Arnold Bezuyen, der den Loge hervorragend singt und etwa in Lübeck auch schon als Mime glänzte. Er weiß ebenso wie Ryan, dass man Wagner auch in der leichtesten Deklamation noch aussingen kann. Wolfgang Schmidt, Bayreuths Ex-Siegfried, gleicht dagegen mit Sprechgesang oder bloßer Lautstärke aus, was die Stimme nicht mehr hergibt, setzt ab und an zu einem stählernen Zwischenton an und singt unbekümmert über jegliche Textverständlichkeit hinweg. Mit Verlaub: Das ist kein idealer Mime wie es Bezuyen ist – und wie es einst etwa Heinz Zednik in Bayreuth war! Schwierigkeiten in den Höhen und mit der Kraft hatte an diesem Abend auch Andrew Shore als Alberich, dafür gewann Wotan alias Albert Dohmen seine markig-große Form wieder.

Hatte man nach der „Walküre“ noch gewünscht, Eva Wagner-Pasquier hätte fürs letzte „Ring“-Jahr vor 2013 noch die aktuell beste Brünnhilde – nämlich Nina Stemme – unter Vertrag gebracht, war man im dritten „Siegfried“-Aufzug vollends überrascht über die Wandlung Linda Watsons. Nach bösem Vibrato-Flackern und schlechter Intonation fand sie hier noch einmal zu ihrer einstigen Größe zurück, sang füllig und warm und mit viel Feingefühl. Kein Wunder, wenn man von so einem Siegfried erweckt wird! Wohl ein Wunder aber, dass hier erstmals nach vier Jahren szenischen Stillstands Bewegung in die Personenführung kam, die das Ergebnis der Zusammenarbeit von Tankred Dorst und Lance Ryan sein mag. Kurzum: Plötzlich fesselten hier nicht nur die Sänger und Dirigent Christian Thielemann, der im dritten Aufzug zu Höchstform auflief, sondern es bewegte, wie Siegfried da um Brünnhilde warb. Schüchtern ist er anfangs und kindisch unbeholfen, ahmt fasziniert jede Bewegung Brünnhildes nach, um Zugang zu dieser ihm neuen Welt zu gewinnen.

Mütterlich wuselt Brünnhilde des Helden Haar – wird dann aber doch durch seine Gefühle überrannt. Das passiert allerdings nicht grob, sondern anrührend sanft: Da will Siegfried Brünnhildes Gunst durch Geschenke erringen und bietet ihr dabei, was er in seinem Leben so an Kostbarkeiten gesammelt hat – einen toten Vogel, einen Apfel, eine Steinschleuder. Als sie schließlich sein Horn akzeptiert (eine weitreichende Geste), hüpft der Kindskopf vor Freude einmal quer über die Bühne. Das alles ist wunderschön gemacht und zeigt gemeinsam mit dem die Nornen-Szene der „Götterdämmerung“ vorwegnehmenden dunklen, sternüberspannten Schlussbild die Unmöglichkeit und das spätere Scheitern der Beziehung zwischen der klugen Wotans-Tochter und dem zurückgebliebenen Naturkind. Beifallsjubel vor allem für diesen außergewöhnlichen dritten Aufzug!

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2 Kommentare zu “Bayreuth hat wieder einen Siegfried!”

Susanna von Dewall

10. August 2010 um 22:26 Uhr

JA, dieser Siegfried (Lance Ryan) ist wirklich gut! Während ich diesen Kommentar schreibe, höre ich die Aufzeichnung aus Bayreuth im Radio. Dennoch möchte ich anmerken, dass er noch an der Intonation und an der rhythmischen Genauigkeit (1. Akt!!!) arbeiten kann. Aber das Potential, das in den Griff zu kriegen hat er. Es wäre außerdem wünschenswert, wenn Herr Thielemann seine offensichtliche (und verständliche) Begeisterung für sein brilliant spielendes Festspielorchester etwas zurück schrauben würde – und etwas mehr Rücksicht auf seinen neuen Siegfried nehmen würde (z. B. “Schmiedelieder” zu laut und zu schnell / 3. Akt Brünnhildes Erweckung und Duett mit Siegfried stellenweise auch viel zu laut) Ich favorisiere stilistisch eher den Weg eines Pierre Boulez, der den Ring fast kammermusikalisch angelegt hatte. In Bezug auf Wolfgang Schmidt als Mime muss ich Ihnen LEIDER recht geben, obwohl ich diesen Sänger zu seinen besten Heldentenorzeiten sehr mochte. Als Mime gefällt er mir so wenig wie Ihnen. Aber dürfte bei der Wahl des Nachfolgers einen Wunsch äußern, fiele meine Wahl auf einen anderen Sänger, den hier in Deutschland offenbar noch niemand für diese Partie auf der Rechnung hat, obwohl er 2009 mit Riesenerfolg an der Washington National Opera sein Mime-Debut gab: Andreas Conrad. (Das habe ich miterlebt und war sehr beeindruckt, weil er die Besten Eigenschaften eines Heinz Zednik, eines Graham Clark und anderer großer Sänger in sich vereint und etwas ganz eigenes daraus macht). Ansonsten würde ich mir für Bayreuth etwas zurück wünschen, was es in früheren Zeiten gab und das ich von Jahr zu Jahr mehr vermisse: Anstelle von Stimmgewalt GESTALTUNG und AUSDRUCK. SINGEN UND DARSTELLEN sollten wieder eins sein, so wie es die große Geangspädagogin Marianne Fischer Kupfer einst lehrte. Dazu gehört auch, dass man Sängern Raum gibt, sich zu entwickeln und dass wieder eine ernshaftere Auseinandersetzung mit dem Werk Wagners in Bayreuth stattfindet. Hier ging mit die Tendenz der vergangenen Jahre zu sehr in Richtung eines oberflächlichen Spektakels und zu wenig um INHALTE.
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Nur, um eventuellen Mißverständnissen vorzubeugen, die meine Mailadresse hervor rufen könnte,noch eine Anmerkung: “artistservice” ist KEINE Künstler -oder Presseagentur! Ich schreibe hier als Privatperson, die seit frühester Kindheit mit dem Werk Richard Wagners aufgewachsen ist und das große Glück hatte in Sachen “Ring” viele herausragende Inszenierungen erleben zu dürfen (Chéreau, Kupfer. Berghaus…..)

gerhard rohne

14. August 2010 um 22:04 Uhr

sehr geehrte frau angerer-winterstetter,
dieses mitregieren und disponieren will nicht berichten – sondern unter dem mantel von kritik – eine verhinderte intendantin empfehlen.
viel glück!

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