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Betreff: Bild Dir Deine Meinung!

17. Mai 2010

Titel der crescendo-Ausgabe 4/2010

Titel der crescendo-Ausgabe 4/2010; (c) Port Media GmbH

Liebe Leser,
dieser Tage feiert einer der ältesten Bilder-Lieferanten der Republik 60. Geburtstag: Die ARD. Herzliche Gratu-lation von meiner Seite.
Aber nicht alle gratulieren: Mit Hilfe seiner BILD-Zeitung drischt der Axel Springer Verlag dieser Tage aus relativ plump kaschierten Lobbyinteressen auf „das Erste“ ein und verliert dabei völlig aus den Augen, was wir an ihr haben.

Denn: Ich mag das öffentlich-rechtliche Fernsehen.
Obwohl es manchmal wirklich schwerfällt. Zum Beispiel bei den reichlich bemühten Versuchen, das Privatfernsehen zu imitieren, um jugendliche Zuschauer zurückzugewinnen und „Quote zu machen“. Allein schon der Name „Landesrundfunkanstalt“. Während andere Staatsbetriebe wie Post, Telekom und Bahn bereits in der Neuzeit angekommen sind, bürokratisieren die Anstalten weiter vor sich hin.
Da muss man ran. Das ist klar.

Der selbst auferlegte Quotendruck muss weg. Die Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Medien ist letztlich einfach: Das machen, was privatwirtschaftlich nicht finanzierbar wäre. Zum Beispiel Arnold Schönbergs Gurrelieder aufführen. Dafür braucht man eine gewaltige Orchesterbesetzung. Dazu drei Chöre und das Ganze in höchster Qualität. Das ist bestimmt nur als echte Gemeinschaftsleistung von zwei, drei Rundfunkanstalten mit Ihren Klangkörpern zu stemmen. Und dafür zahle ich gerne meine Rundfunkgebühr.

Sinnvollerweise sollte es ein derart außerordentliches Werk in dieser außerordentlichen Besetzung auch auf CD zu kaufen geben. Wär doch sonst wirklich schade um den ganzen Aufwand. So wie es der Bayerische Rundfunk mit „BR Klassik“ bereits macht: Das hauseigene Label bringt handverlesene Einspielungen in kompromissloser Qualität, wie sie selbst die großen Plattenfirmen nicht mehr zustande bringen. Für diese Qualität bezahle ich gern, heute und in Zukunft. Denn Einzigartiges ist durch nichts zu ersetzen, weder in Ton noch in Bild.

Apropos Bild: Wieviel Bild braucht denn nun der gute Ton? Das ist das Schwerpunktthema dieser Ausgabe, die vor allem auch den Festspielsommer thematisiert.

Vielleicht sitzen Sie ja gerade in Salzburg oder in Bayreuth und fiebern dem Festspielabend entgegen. Die Erwartungen sind hoch. Oder – wie es unser geschätzter Kolumnist Pascal Morché ausdrückt: „Das Auge hört mit.“

Bayreuth eröffnet in diesem Jahr übrigens mit der Lohengrin-Premiere in der Inszenierung von Walter Neuenfels. Auf geteilte Meinungen, viel Buhs und Bravos können wir uns bei ihm in jedem Fall einstellen. Und am Pult steht der erst 31-jährige Andris Nelsons, der uns im crescendo-Gespräch verriet: „Eins ist sicher: es wird kein Schwan auf der Bühne sein. Wagner war sehr jung, als er Lohengrin komponierte, ich bin sehr jung – da bin ich froh, dass Neuenfels als old guy dabei ist.“ Karten gibt es natürlich keine mehr, aber voraussichtlich wieder ein Public Viewing und eine Übertragung im Internet.

In Salzburg dagegen bin ich gespannt auf Patricia Petibon als „Lulu“. Wir haben die Französin schon mal vorab für Sie getroffen und sie sagt: „Diese Rolle zu singen gleicht … einer Ausgrabung der eigenen Weiblichkeit.“ Man darf sehr gespannt sein.

Ebenfalls ein wunderbarer Gesprächspartner zum Thema Bilder der Musik war Sir Peter Jonas. Er verriet uns, dass er keine Lust habe, in Salzburg „im Smoking zu schwitzen“, wenn er die gleiche Inszenierung im Winter in Basel sehen kann. Ha! Da ist was dran, Sir Peter. Beim Frühstück verriet uns der ehemalige Intendant der Bayerischen Staatsoper, der mit seinen bunten Britpop-Inszenierungen für Aufregung sorgte, zudem weise: „Ich merke gerade, dass ich mit Mitte 60 wieder zurück zu kleineren Formen finde, zu Kammermusik, Streichquartetten, Klaviersonaten.“

Solch entschleunigende Worte darf man von „Bild-Ton-Bild“-Experte Christoph Schlingensief natürlich nicht erwarten. Der Nimmermüde erzählte uns ganz aktuell von seinem Operndorf und seinen bevorstehenden Premieren. Seine Meinung zum Thema Bild und Ton: „Schizophrenie war für meine Arbeit schon immer typisch. Ich muss zwischen der Musik und dem Bild, dem Lustigen und dem Traurigen immer die Chance haben, das Gegenteil zu behaupten.“ An die Eindeutigkeit der Welt glaube er schließlich nicht. Wir wünschen ihm viel Gesundheit und die nötige Kraft, seine spannenden Visionen umzusetzen.

Zu guter Letzt möchte ich ganz dringend auf zwei neue Kolumnen hinweisen, die ich mir persönlich immer für dieses Magazin gewünscht hatte: CD-Fetischist Attila Csampai, Redakteur des Bayerischen Rundfunks, wird von dieser Ausgabe an exklusiv in crescendo eine Liste seiner CD-Favoriten für Sie erstellen. Und unser Autor Tobias Haberl wird von nun an Deutschlands Musikkritiker Nummer 1, Joachim Kaiser, zu Hause besuchen und mit ihm die Welt der klassischen Musik erforschen. In Anlehnung an die (frühere) letzte Seite des geschätzten ZEIT Magazins haben wir – zugegeben – eine schöne Rubrik übernommen. Aus „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ wurde „Auf eine CD mit Joachim Kaiser“.

Damit verabschieden wir uns in den Festspielsommer und freuen uns auf ein Wiederlesen am 7. September.

Herzlichst,
Ihr Winfried Hanuschik

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Ein Kommentar zu “Betreff: Bild Dir Deine Meinung!”

Manfred Görgen

17. Mai 2010 um 12:56 Uhr

Lieber Herr Hanuschik,

natürlich zahle auch ich gerne meine Rundfunkgebühren, wenn es dafür ein Programm gibt, dass nicht mit den privaten Sendeanstalten um Einschaltquoten wetteifert.

Wenn die Rundfunkanstalten allerdings ein von den Gebühren finanziertes CD-Programm veröffentlichen oder im Download anbieten, führt dies zu einer Wettbewerbsverzerrung gegenüber den Unternehmen, die einen solchen finanziellen Aufwand nicht leisten können.

Eine schwierige Situation, wenn die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten dazu übergehen, eine Marketing-GmbH zu gründen, die ihre Archive einschließlich Neuproduktionen auf Ton- und Bildträger unter eigenem Label vermarkten. Diese arbeiten auf jeden Fall mit Gewinn, da die Produktionskosten ja bereits über die Rundfunkgebühren bezahlt worden sind.
Darüber hinaus gibt es zunehmend die Anweisungen, dass das Rundfunk- und Fernsehprogramm wo möglich über das eigene Label bestritten wird, so dass die zu zahlenden Senderechtlizenzen durch Ausstrahlung des eigenen Labels wieder ans Haus zurückfließen.
Ganz zu schweigen von den vielen angestellten Toningenieuren und Tonmeistern der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die die hauseigene Technik für private Nebenverdienste nutzen, in dem sie fertige Masterbänder zu “Schwarzarbeiterkonditionen” den Künstlern anbieten.

Sicherlich gut gemeint Ihre Begeisterung, aber leider ein sehr problematisches und äußerst ungeliebtes Thema in der Branche.

Herzliche Grüße
Manfred Görgen

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