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Betreff: Wir sind Kultur!

1. Februar 2010

Liebe Leser,

zum Beginn des Jahres hätte ich mir von einer großen Zeitung eine schöne Titelzeile gewünscht. In Großbuchstaben hätte ich gerne gelesen: “WIR SIND KULTUR!” Zumindest im Ruhrgebiet, das seit dem 1. Januar das anspruchsvolle Siegel “Europäische Kulturhauptstadt 2010″ tragen darf.

Stattdessen stand da: Die Londoner Tate Gallery, eine der angesehensten kulturellen Institutionen Großbritanniens habe sich im vergangenen Jahr kräftig verspekuliert. Peng. Ich hatte immer gedacht, die Tate sei ein Museum, eine gemeinnützige Stiftung, deren Aufgabe darin besteht, die Kunst des 21. Jahrhunderts zu unterstützen (und zu zeigen)! Aber das Museum hatte 23 Prozent seines Kapitals in hoch spekulative Fonds investiert und dabei über eine Million Pfund in den Sand gesetzt. Und der Tate-Treuhänder Lord Myners, immerhin der für London zuständige Minister für Finanzen, ließ das auch noch zu!

Frage: Was bitte hat die Tate Gallery am Finanzmarkt verloren? Oder: Was haben Fehlspekulationen in London mit Kultur zu tun?
Der Zusammenhang ist so grotesk wie traurig: Viele Kommunen hierzulande waren bereits vor der Krise knapp bei Kasse, sollen aber jetzt das von der Bundesregierung verordnete “Wachstumsbeschleunigungsgesetz” real bezahlen – und müssen daher DRASTISCH sparen. Die ersten Opfer kommen aus der Kultur: Die Ausstellung “Stradivari – Mythos und Musik” im Köllner Wallraf-Museum entfällt wegen Finanz- und Wirtschaftskrise. Schade, denn wir hatten sogar vor, über diese Veranstaltung in der aktuellen Ausgabe zu berichten.

Dann erreichte uns Post aus Essen, immerhin Hauptkommune der besagten Europäischen Kulturregion Ruhr: Stefan Soltesz, Intendant und Generalmusikdirektor des Aalto-Theaters, wandte sich in einem offenen Brief an seine Dienstherren aus der Politik: Er bemängelt, dass ausgerechnet die Kultur zu einem Hauptverantwortlichen für die finanzielle Malaise der Kommunen gestempelt wird – obwohl sie gerade mal 0,8% aller öffentlichen Haushalte ausmacht. Der gebürtige Ungar betont: Strukturen, die jetzt kaputt gespart werden, sind für mindestens drei Generationen tot. Ich muss ihm da in allen Punkten Recht geben.

Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat prognostizierte in der ZDF-Sendung “Aspekte” kürzlich zahlreichen Institutionen das Aus im zweiten Halbjahr 2010. Das Theater Wuppertal sei baufällig und kann nicht mehr benutzt werden. Mittel für die Sanierung würden fehlen. Die Schauspieler treten jetzt im Foyer auf und fordern das Publikum offen zum “Kulturkampf”.
Ich kann nur hoffen, dass dieser Kampf, der in Kulturkreisen meist sehr anständig – also kultiviert – geführt wird, weit oben ankommt.

Dort oben zum Beispiel, wo an einem Tag (es war im Juni des Jahres 2008) 442 Milliarden Euro zur Rettung der Banken “ausgeschüttet” wurden. Das Geld kam damals von der Europäischen Zentralbank. Den Banken ging es schlecht, Geld sollte die Krise retten – also die Wirtschaft ankurbeln, Arbeitsplätze erhalten, den Konsum anregen, schlicht: die Dinge wieder auf Kurs bringen.

Frage: Wenn es eine Zentralbank, also eine Rettungsstelle für (schlecht und unverantwortlich wirtschaftende) Banken gibt, gibt es dann auch eine für unsere Theater, Opernhäuser und Sinfonieorchester?
Die Banken, so viel wissen wir heute, erholten sich erstaunlich schnell. Die aktuellen Bilanzen, vor allem die Bilanzen der sogenannten “Investmentbanken”, haben für mich eine komplett aberwitzige Dimension angenommen. Die US-Bank Goldman-Sachs gab dieser Tage für das Jahr 2009 einen Gewinn von 13,39 Milliarden Dollar (in Worten: dreizehn Milliarden) bekannt. Die Deutsche Bank rechnet mit einem Gewinn von über zehn Milliarden Euro! Die britische Bank Barclays verkündete im November 2009, ihr Gewinn im dritten Quartal 2009 habe sich im Vergleich zum Vorjahr auf 4,4 Millionen Pfund verdoppelt!

Frage: Was produziert eine Bank? Ich würde mir an dieser Stelle wünschen, Christoph Schlingensief hätte die Kraft, nach dem Bau seines Opernhauses in Afrika, eine Inszenierung dieses kapitalistischen Wahnsinns zu kreieren. Es wäre ein Fest und wir brauchen dringend Leute, die – wie Schlingensief – etwas bewegen, die sich nicht der “Gier” (Dank an Dieter Wedel) des Geldes und Wohlstands ausliefern, sondern mit erfolgreichen Projekten die Kultur aus der Nische der “Verschwendung von öffentlichen Mitteln” herausholen.

Es war eine Wohltat, zu lesen, dass die Aufführung von George Bizets “Carmen” in der New Yorker Metropolitan Opera weltweit von über 240.000 Menschen, so vielen wie noch nie zuvor, verfolgt wurde (diese Aufführung wurde weltweit live in große Kinos übertragen, in Deutschland und Österreich waren es insgesamt 54). Es ist ein Zeichen, dass – wenn die Rahmenbedingungen und Fördergelder stimmen – das Interesse der Gesellschaft vorhanden ist. Ein Lob an dieser Stelle an die Veranstalter, die ein solches Kulturgut in die Gesellschaft tragen und für Aufmerksamkeit sorgen, die wir in diesen Tagen dringend benötigen!

Denn Kultur ist für das Funktionieren unseres Zusammenlebens essentiell. Die Primatenforscherin Barbara Fruth ließ sich einmal mit dem Satz zitieren: “Die kulturelle Evolution hat für uns heutzutage eine so große Bedeutung, dass sie die biologische Evolution ziemlich in den Schatten stellt.” Anders ausgedrückt: Der Mensch ist die einzige Spezies auf diesem Planeten, die Dank ihrer “Kultur” in der Lage ist, gemeinsam friedlich in einem Flugzeug zu fliegen. In einem Flugzeug voller Affen gäbe es schon vor dem Start Mord und Totschlag – sogar ganz ohne Investmentbanken.

Herzlichst,

Ihr
Winfried Hanuschik

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