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29. Mai 2010
Die Audi Jugendchorakademie bei der Aufführung von "Die Schöpfung"

Die Audi Jugendchorakademie bei der Aufführung von "Die Schöpfung"; Foto: AUDI AG

Die Audi Jugendchorakademie sucht und fördert junge Talente. In diesem Sommer darf der Chor sogar zusammen mit Stardirigent Kent Nagano auftreten.

Von Robert Kittel

Casting – eigentlich ein seriöses englisches Wort für das Auswählen von Schauspielern, Tänzern oder Sängern, ist in den vergangenen Jahren etwas in Verruf geraten. Das liegt an Menschen wie Dieter Bohlen oder Heidi Klum, die das Casting als Plattform für quotenwirksame Zur-Schau-Stellung naiver Jugendlicher im Fernsehen missbrauchen. Dass sich dennoch Menschen finden, die sich zu einem Casting trauen, spricht für den Mut unseres Nachwuchses. Castings sind – gerade im Musikbetrieb – eine große Notwendigkeit.

In den vergangenen Monaten haben Musik-Experten wieder neue Talente für die im Jahr 2007 gegründete Audi Jugendchorakademie gecastet. Bei den Terminen in Ingolstadt und Berlin saßen wichtige Entscheider am Pult: Martin Steidler, Professor an der Hochschule für Musik und Theater in München, Christian Schmidt, Professor für Gesang an der Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik in Regensburg, Kammersänger Sibrand Basa, Dozent an der Musikhochschule Nürnberg und Mitglied im Vorstand des Bundes deutscher Gesangspädagogen und schließlich Sebastian Wieser, der Projektleiter der Audi Jugendchorakademie. Die Herren mussten in etwa 20 Talente auswählen, die zu den bestehenden Mitgliedern der Jugendchorakademie hinzukommen. Jedes Jahr werden aufgrund von Alter, Umzug oder veränderten Interessen ein paar der begehrten Plätze frei. Vor allem in diesem Sommer lohnt es sich, dem Chor anzugehören: Das Ensemble darf im Rahmen der Audi Sommerkonzerte zusammen mit dem Bayerischen Staatsorchester unter der Leitung von Kent Nagano auftreten. Der Maestro ist inzwischen selbst ein Fan der jungen Talentförderung: „Die Zusammenarbeit des Bayerischen Staatsorchesters mit der Audi Jugendchorakademie sehe ich als ein vorzügliches Beispiel für gelungene musikalische Nachwuchsförderung“, so Nagano (ausführliches Interview siehe Kasten).

Die Akademie feierte ihr Debüt im Sommer 2008 mit der Aufführung von Haydns „Schöpfung“. Wer es in den Chor schafft, verbringt zahlreiche Wochenenden bei den Proben für die Auftritte. Audi-Mitarbeiter Sebastian Wieser, der den Chor organisatorisch leitet, ist jedes Jahr beeindruckt vom Engagement der jungen Sänger: „An unseren Wochenenden proben wir zum Teil bis zu sieben Stunden pro Tag, und am Abend fangen die Jugendlichen dann an, ihre eigenen Instrumente auszupacken, um weiter Musik zu machen.“ Man müsse sie eher bremsen, so Wieser. Ist ein Teilnehmer an Bord, wird er von Audi eingeladen, an den Proben in einem Bildungshaus bei Deggendorf teilzunehmen. Die Kosten werden von der Firma übernommen. Das Engagement liegt immerhin im sechsstelligen Bereich.

Bewerber beim Casting der Audi Jugendchorakademie

Bewerber beim Casting der Audi Jugendchorakademie; Foto: AUDI AG

Für die Teilnehmer des Jugendchors ist die Begegnung mit den Profis eine große Chance: „Hier geht es um Musik, darum, das Potenzial und die Facetten einer Stimme zu erfassen, Farbe, Klang, Persönlichkeit, Auffassungsgabe und Interpretationsvermögen„, sagt Professor Martin Steidler, der den Chor musikalisch leitet. Aber natürlich gehe es auch darum, Stimmen zu finden, die dem Chor etwas bringen, Fülle, Dynamik, Intonationssicherheit und Charakterkraft. Das musikalische Niveau der Castings sei überraschend hoch gewesen, findet Steidler. „Es ist schön, dass so viele talentierte Kandidaten teilnehmen möchten, auch wenn uns dadurch die Auswahl natürlich nicht leicht gemacht wird.“

Auch beim Castings kam es zu schnellen Entscheidungen: Manche waren eindeutig „dabei“, andere ebenso eindeutig nicht. Bei etlichen wurde überlegt, hin und her gewogen, austariert, gefragt, was der Chor braucht in puncto Ausgewogenheit, Farbigkeit und Balance. Schließlich geht es um den Gesamtklang des Flaggschiffs der kulturellen Jugendförderung von Audi in einem Projekt, das die jungen Stimmen mit einem der weltweit renommiertesten Orchester zusammenbringt.

Audi Jugendchorakademie – live
Die Audi Jugendchorakademie und das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Kent Nagano spielen am 30. Mai in der Münchner Kirche St. Michael. Zu hören sind „Die erste Walpurgisnacht“ von Mendelssohn Bartholdy, Brahms‘ „Nänie“ sowie die selten gespielte Chorballade „Der Königssohn“ von Schumann. Die Einnahmen des Konzertes kommen der neuen Orgel der Kirche zu Gute. Eine zweite Chance dieses Konzert zu erleben, bietet sich am 11. Juli bei den Audi Sommerkonzerten in Ingolstadt.

Kent Nagano

Kent Nagano; Foto: Wilfried Hösl

„Die Qualität ist hochbeachtlich“

Kent Nagano (59), Generalmusikdirektor des Bayeri-schen Staatsorchesters über seine Zusammenarbeit mit der Audi Jugendchorakademie:

crescendo: Sie konzertieren am 30. Mai zum ersten Mal mit der Jugendchorakademie. Sie scheinen keine Berührungsängste mit einem Amateur- und Jugendchor zu haben?

Nagano: Die bürgerliche Musikkultur wurde seit dem 19. Jahrhundert ganz maßgeblich von Chorvereinigungen mit geprägt, deren Sänger vorwiegend Amateure waren und bis heute sind. Die richtige Mischung und die Qualität der chorischen Erziehungsarbeit machen am Ende die Qualität des Chores aus und die ist bei vielen dieser sogenannten Amateurchöre hochbeachtlich! Hinzu kommt, dass bei Jugendchören ein vitales Engagement mitklingt, das sich charakterlich im musikalischen Ergebnis unbedingt positiv niederschlägt.

crescendo: Sie spielen aber dennoch in einer anderen musikalischen Liga. Was motiviert Sie, sich um die Vermittlung von Musik an die Jugend zu kümmern?

Nagano: Es gehört zu den wichtigsten Praktiken der Aufrechterhaltung von musikalischen Traditionen, die erworbenen Fähigkeiten, Kenntnisse und Erfahrungen aus dem Musizieren weiterzugeben an die nachfolgenden Generationen.

crescendo: Beim Konzert in der Münchner Kirche St. Michael, das ja auch aufgezeichnet wird, stehen selten gespielte romantische Chorwerke auf dem Programm. Warum kein Standardrepertoire?

Nagano: Die musikalische Romantik hat sich nicht nur in der Oper, in großer Orchestermusik, in der Kammermusik, im klaviersolistischen Genrestück oder im Lied herausgebildet, sondern vor allem auch in der Chormusik. Ist es nicht sinnvoll, ein Erinnerungsjahr für Robert Schumann dazu zu nutzen, sein Werk, das ja generell nicht zu den Bekanntesten gehört, auf unbekannte Kompositionen zu durchleuchten und diese auch aufzuführen?

crescendo: Die CD wird also eine Ersteinspielung von Schumann enthalten. Wie kommt es, dass es immer noch solche Lücken im Repertoire gibt?

Nagano: Wo Werke wiederholt uraufgeführt werden, weil ihre Qualität stark ist und auf breite Zustimmung stößt, da bildet sich Repertoire. Was aber nicht regelmäßig oder nicht immer wieder aufgeführt wird, fällt schnell dem Vergessen anheim und so bilden sich Repertoirelücken.

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