Arvo Pärt: Das Glück, das kommen musste
Arvo Pärt ist einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart. Er hat die klassische Musik auf Diät gesetzt, denn manchmal kann ein einzelner Ton alles bedeuten. Unser Autor Andreas Dietrich hat ihn während Musikaufnahmen in Estland besucht. Protokoll einer Begegnung, die Augen und Ohren öffnete.
Von Andreas Dietrich
Es war das Wiegenlied, das mich nicht schlafen liess. Wie eine altmodische Luftmatratze mit blau-rotem Baumwollüberzug schaukelte es mich lieblich, aber unerbittlich durch die verbleibenden Stunden der Nacht. Die vermeintlich kinderleichte Melodie liessmich nicht absinken. Zwei Nächte ging das so. Als ich am Morgen des Pfingstsamstags 2007 dem Komponisten Arvo Pärt und seiner Frau Nora gegenüber sass, war ich ermattet und zugleich seltsam beschwingt.
Die beiden waren in ähnlich widersprüchlicher Verfassung. «Wir sind müde. Wir sind an unsere Grenzen gegangen», sagte Nora Pärt. «Aber wir haben diesen absoluten Klang gehört.» Die vergangenen Abende hatten sie bis weit in die Nacht in der Nikolaikirche in Tallinn zugebracht. Mit dem Estnischen Philharmonischen Kammerchor und dem Kammerorchester Tallinn unter der Leitung des Dirigenten Tönu Kaljuste spielten sie Werke für Arvo Pärts neues Album «In Principio» ein; es ist soeben, fast zwei Jahre später, erschienen. Es ist das elfte bei Pärts Hausverlag ECM, und die weltumspannende Anhängerschaft wird ihm im Regal einen Ehrenplatz zuweisen. In der Kirche hatte ich zum ersten Mal das Wiegenlied gehört. «Kuus kuus kallike», aus dem Estnischen am ehesten als «eiapopeia» übersetzt, ist sein ganzer Text. Aber die Melodie! Eingängig wie ein Volkslied, magisch wie eine Beschwörung. «Die Aufnahmen waren Schweissarbeit. Eine Qual voller Verzweiflungen», sagte Nora Pärt. «Bis wir hatten, was wir wollten, sind wir durch die Hölle gegangen.»
Für einen Dokumentarfilm sollte ich ein Interview mit ihrem Mann führen. «Das wird nicht gehen», warnte sie mich. Er spreche nur widerwillig über sich. Ausserdem werde er darauf bestehen, dass sie beim Gespräch dabei sei. Für mich war das kein Problem. «Doch, es ist ein Problem», lachte sie. «Dann rede dauernd ich statt er.»
Arvo Pärt ist der vermutlich meistgespielte lebende Komponist klassischer Musik. Jeden Tag werden irgendwo auf der Welt Werke von ihm aufgeführt, abendfüllende Konzerte zwischen New York und Tokio oder Kleinigkeiten wie das «Sei gelobt, Du Baum», das Ende Februar in Willisau uraufgeführt wurde. Ein Stück, das er eigens für zwei einzigartige Instrumente komponierte – eine Barockvioline und eine lautenähnliche Quinterne, die aus 2500 Jahre altem Holz gefertigt sind. Der Stamm der Weisstanne war in einem Rebberg im Basellandschaftlichen gefunden und zum Bau der beiden Instrumente verwendet worden. Die verrückte Entstehungsgeschichte, von der er auf verschlungenen Pfaden erfahren hatte, berührte Arvo Pärt derart, dass er dem uralten Holzstück eine Komposition widmete. Doch nicht nur von Zeitlosem, auch von Zeitgeschichtlichem lässt er sich bewegen. Zwei Tage nach den Bombenanschlägen von Madrid im März 2004 begann er, «Da Pacem Domine» zu schreiben, das seither an jedem Jahrestag aufgeführt wird. Seine CDs und Schallplatten sind Best- und Longseller, und jährlich wird der Gefeierte mit Kulturpreisen ausgezeichnet.
Selbst wem bei klassischer Musik nach Mozart/Beethoven/Bach nichts mehr in den Sinn kommt, der hat mit grosser Wahrscheinlichkeit schon Musik von ihm gehört, als Filmsoundtrack. Pärt komponiert zwar nicht mehr fürs Kino, aber auf seine Musik greifen die Regisseure gern zurück. Am liebsten, wenn es darum geht, eine Stimmung von existenzieller Melancholie zu erzeugen. «There Will Be Blood» ist mit «Fratres» unterlegt, «Litany» kommt in «The Insider» vor, «Silouans Song» in «The Good Shepard»; der Schweizer Dokumentarfilmer Christian Frei verwendete Pärt im preisgekrönten «War Photographer», Teile des «Cantus in Memory of Benjamin Britten» sind in Michael Moores «9/11» zu hören, dem Film zu den Anschlägen vom 11. September; es ist auch das Datum von Arvo Pärts Geburtstag, dieses Jahr wird er 74. Gleich mehrmals zum Einsatz kamen das wunderbare Klavierstück «Für Alina» sowie «Spiegel im Spiegel», Pärts Kinohit. Dies geschah in letzter Zeit derart exzessiv, dass die englische Zeitung «Guardian» bei den Filmemachern unlängst ein Arvo-Pärt-Moratorium anregte. Eine bedenkenswerte Idee.
Die präzise Kargheit, die viele seiner Werke prägt, eignet sich vordergründig zwar bestens zur dezenten Untermalung oder Verstärkung von Bildern. Bloss wird damit eine Musik zugeschüttet, die gerade dadurch in ihren Bann zieht, dass sie fein gezeichnete innere Bilder hervorzurufen vermag. Man könnte den Stil, wie es bisweilen getan wird, eine Minimal Music der Klassik nennen. Das trifft ihre reichhaltige Wenigkeit, das zwingende Schlichte, die kompositorische Strenge. Doch es vernachlässigt die Ergriffenheit, die sie bei unzynischen Hörern erzeugt, und die seelische Tiefe, die sie erreicht. Eine schöne Umschreibung machte ein Blogger in einem Arvo-Pärt-Forum im Internet: «Die Moderne ist wie der peinliche Moment, wenn zwei Menschen sich gegenüberstehen und kein gemeinsames Gesprächsthema finden. Wir müssen die stille Umarmung wiederfinden, die wortlos erfüllt.» Arvo Pärts Musik wäre demnach das kaum wahrnehmbare Atmen der sich Umarmenden.
Er selber sagt: «Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird.»
Zuhören reicht
Konsequenterweise wattiert Pärt sein Schaffen, wie von seiner Frau vorausgesagt, nicht in viele Worte. Wir sassen auf der Veranda ihres Blockhauses, eine Autostunde von Tallinn entfernt an einer Meeresbucht. Um uns herum lichter Wald, wo in respektvollem Abstand weitere Blockhütten standen; die nächstgelegene gehörte seinem einstigen Musiklehrer. Dann und wann heulte eine Motorsäge auf, die aus einem Baum Brennholz machte. Nach einem langen Schluck Tee und der Frage, weshalb er sich nur ungern erkläre, sagte Arvo Pärt: «Wenn ich spreche, dann kann ich keine Musik schreiben. Dann habe ich alles schon gesagt. Und wenn ich Musik schreibe, dann habe ich nichts zu sagen.»
Pause.
«Aber meine Frau und ich», fuhr er fort, «wir sprechen jeden Tag miteinander. Es ist alles normal bei uns.» Beide lachten. Er schaute zu ihr: «Was denkst du?»
«In der modernen Musiktradition wird jede Musik von Tausenden von Kommentaren begleitet», sagte Nora Pärt. «Es gibt mehr Kommentar als Musik. Aber Arvo hat kein Bedürfnis, seine Musik zu erklären. Er vertraut auf die Antenne von Ohr zu Ohr, von Mensch zu Mensch. Er will mit seiner Musik die Aufmerksamkeit auf den Moment lenken, auf den Klang, auf die Substanz von Musik. Tritt man aber an die Musik heran mit den Gedanken: Was ist das? Welcher Stil? Nach welcher Art ist es geschrieben? – nähert man sich also der Musik intellektuell statt mit seinem ganzen Wesen, dann ist Schluss mit dem Hören. Deshalb wird auch so viel Unsinn über ihn verbreitet.»
«Einverstanden?» fragte ich Arvo Pärt.
«Ja, ja» sagte er. «Aber hören Sie den Hund?» Aus der Ferne drang ein Bellen herüber. «Das ist schöne Musik. Der Hund heisst Sursu.»
Bei manchen Musikkritikern löst Pärt hysterisches Unwohlsein aus. Sie reihen ihn statt unter «Klassik» unter «New Age» ein. Banales, esoterisches Zeugs. Es bediene bloss den Zeitgeist, der angesichts der unübersichtlichen Gegenwart nach Einfachheit, Wiederholung und Spiritualität giere. Eine Scharlatanerie also, weder von Bedeutung noch von bleibendem Wert. Dass Pärt damit bei einem Kreis ankommt, der weit über die Gemeinde der Klassikfreunde hinausreicht, bestätigt dieses Urteil nur. Geige streichende Models und im Rudel heulende Tenöre füllen schliesslich auch die Konzertsäle. Da passt ein komponierender Schrat bestens dazu, der aus den tiefen Wäldern Estlands kam und aus seiner Musik ein Geheimnis macht wie Rumpelstilzchen um seinen Namen.
Man sollte sich seine Leidenschaften von niemandem wegschreiben lassen. Und doch prägte die Kritik meine Vorstellung vom Menschen Arvo Pärt als Eigenbrötler und Schamanen. Dieses Bild aber zersprang wie trübes Fensterglas, als ich ihm zum ersten Mal begegnete.
Ratlos stand ich im Vorraum der Nikolaikirche. Ich wusste nicht, ob und wohin ich mich bewegen konnte. Aus der Kirche erklang Chorgesang, die Musikaufnahmen hatten bereits begonnen. Plötzlich tauchte aus dem Halbdunkel Arvo Pärt auf. Er eilte vom Kirchenraum Richtung Sakristei, wo die Tontechnik eingerichtet war. Abrupt blieb er stehen, drehte sich überrascht zu mir. Beeindruckend die Glatze und der Bart, eindringlich der Blick. Die Arme hingen nach unten, die Innenfläche der linken Hand war vom Körper abgewandt wie zum Zeichen der Schutzlosigkeit – so stand Pärt da, deckungsgleich mit dem Bild der biblischen Figur, die sich im Jahrtausend verirrt hat. Aber dann lächelte er aufmunternd und winkte mich heran. Er legte den Finger zu einem «Pssst» auf die Lippen. Seine Stimme war von zärtlicher Freundlichkeit. Da sah ich, was er in der rechten Hand hielt. Es war eine Schale, gefüllt mit Schokokugeln. Ich fand ihn wunderbar.
Im Verlauf der Aufnahmen ass er fortwährend von diesen Schokoladekugeln, sie heissen Kalev und haben eine weiche Mokkafüllung; dazu kamen Pralinés, weisse Raffaello sowie Biskuits der einheimischen Marke Olümpia Küpsis. Alles, was an Süssem greifbar war. Jedes Stück verschlang er mit Wonne, stets bot er den Umstehenden auch davon an. Der zutraulichste Eremit auf Erden. Die Aufnahmen in der Kirche dauerten lange und verlangten von ihm kompromisslose Präsenz. Sie liessen viel Zeit, ihn zu beobachten. Ich lernte von ihm in diesen Stunden, wie fröhlich Demut sein kann, wie heiter Würde; dass künstlerische Besessenheit nicht rücksichtslos sein muss und ein Maestro keine Untertanen braucht, um Grösse zu zeigen. In tiefster Hingabe zur Musik blieb er zuvorkommend zu den Menschen, in höchster Konzentration war er immer wieder zu einem Spass aufgelegt.
«Sie dachten, Arvo sei in sich versunken und immer ernst?”, wunderte sich Nora Pärt. Sie kennt ihn gut. Seit 37 Jahren ist sie mit ihm verheiratet. Sie sagte es, als wir auf dem Weg von Tallinn hinaus zum Blockhaus bei einem Aussichtspunkt Halt machten. Vor uns glitzerte das Meer, das auf der andern Seite gegen Finnland schlägt. Es nieselte. Arvo Pärt horchte in die Regenwolken. “Von da drüben kommt der Druck, da ist der Ton dumpf. Hier aber, wo der Himmel sich ein bisschen aufhellt, wird der Ton offen. Hören Sie den Unterschied? »
Ein Meteorit im Ohr
Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Plötzlich wurde Pärt unruhig, er hüpfte herum wie ein aufgeregtes Vogelküken. Denn er hörte ein Brummen, das ich erst Sekunden später wahrnahm, als es schon ein Grollen war. Das Grollen schwoll zu einem Knattern und Donnern an, es rottete sich zu einem Höllenlärm zusammen, der immer näher kam und mit ihm beträchtlicher Gestank. Als es wieder still war, hatte sich eine rund zwanzigköpfige Motorradgruppe auf dem Rastplatz niedergelassen. Arvo Pärt, soeben noch ein Lauscher der Natur, war begeistert. Rannte, denn Arvo Pärt liegt, sitzt, steht oder rennt; Gehen als Fortbewegungsart scheint ihm fremd zu sein -, er plauderte mit den Fremdlingen, scherzte mit ihnen und fragte sie aus. Es waren Finnen auf unbeschwerter Pfingstfahrt. Pärt wollte mehr über die Motoren wissen, die Route, das Gefühl von Tempo, und am Ende war er kurz davor, seine Schirmmütze gegen einen Motorradhelm zu tauschen.
Die Ausflügler wussten nicht, dass der fidele Alte am Strassenrand jener Mann war, der laut ECM-Chef Manfred Eicher «in den letzten dreissig Jahren die Musik verändert hat wie kein anderer».
Ohne Eicher wäre dies vielleicht nie passiert. Der Gründer und Chef des Musikverlags ECM, eine Instanz in der Branche, hörte in den späten Siebzigerjahren im Autoradio den staatlichen Sender von Armenien. Der spielte eine Musik, wie Eicher sie noch nie gehört hatte. Er fuhr den Wagen zur Seite und hörte hin. «Es war wie ein Meteorit, der einschlug», erinnert er sich. Es war, wie sich nach langwierigen Nachforschungen herausstellte, «Tabula Rasa», eine Komposition eines Esten namens Arvo Pärt.
Estland war zu diesem Zeitpunkt eine Sowjetrepublik und Pärt darin ein Störenfried. Für die einen Werke erhielt er Auszeichnungen, andere wurden auf den Index gesetzt. «Nekrolog», weil es in Zwölftontechnik geschrieben war, die im Sozialismus der Sechzigerjahre noch als ähnlich dekadent galt wie der Jazz. «Credo», weil der religiöse Pärt hier einen geistlichen Text vertonte. Zwischenzeitlich war er vom Regime gar offiziell für verrückt erklärt worden. Selbstredend ist er noch heute nicht gut zu sprechen auf alles, was an sozialistische Diktatur erinnert. Putin ist da mitgemeint. Als Zeichen des Protests widmete Pärt die Aufführungen der Konzertsaison 2006/2007 der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja.
Pärt hatte, am Anfang der lebenslangen Suche nach dem ihm eigenen musikalischen Ausdruck, allerlei ausprobiert. Neoklassizistik, Zwölfton, Serielles, Collage-Technik – und lange Jahre komponierte er fast nichts. Das Fortschreiben von Bekanntem erschien ihm sinnlos. In der Ruhe seiner Frömmigkeit und in der Auseinandersetzung mit dem gregorianischen Gesang fand er allmählich zu seinem unverwechselbaren Stil. Pärt bleibt Pärt, selbst wenn er sich heute auch in andere Richtungen bewegt. Den Stil nannte er «Tintinnabuli», Glöckchenstil, weil er auf schlichter Melodik und Dreiklängen beruht, was eine dem Glockenklang ähnliche Wirkung entfaltet. Es war, nebenbei, ein stimmiger Zufall, dass während der Aufnahmepausen in der Tallinner Nikolaikirche eine Ausstellung aufgebaut wurde, die Glocken aus allen Regionen Estlands zeigte.
Das epochale «Tabula Rasa» bedeutete das, was es heisst. Pärt machte reinen Tisch. Er räumte auf mit der Unentschlossenheit seiner musikalischen Anfänge. Er setzte die üppige Welt der Noten und Instrumente auf Diät, um sich der Essenz zu widmen. Und er entkam dem System, das seine Familie jahrelang schikaniert und ihm die künstlerische Existenz schwer gemacht hatte. 1980 emigrierten Pärts nach Wien, kurz darauf liessen sie sich in Berlin nieder. Erst seit der zurückerlangten Unabhängigkeit ihrer Heimat, die 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam, leben sie wieder teils in Tallinn, teils in Berlin. «Tabula Rasa» erschien 1984 bei ECM. Der Meteorit schlug nun überall ein. «Ich wäre nicht am Leben geblieben, wenn Manfred Eicher mich nicht entdeckt hätte», sagte Arvo Pärt. «Es war ein Glück, das so kommen musste.»
Nur ein Stück Heimat
Zwischen den Wohnungen in Tallinn und Berlin und all den Hotelzimmern verbringen Pärts viel Zeit in dem Blockhaus am Meer. Während der Emigration hatten sie sich oft nach diesen Wäldern gesehnt, nach dem Meer in dieser Bucht, nach dem Geruch von Moos, Kiefern und Wacholder. Es ist ein Stück Heimat, aber doch nur ein Stück. «Wir wissen nicht, wo unser Nest ist», sagte Arvo Pärt. «Und wir wissen auch nicht, wo wir in ein paar Jahren leben werden.» Er sagte es gelassen, denn im Grunde gehe es allen Menschen so, auch den Sesshaften und Verschonten. «Wir sind, wie wir sind. Und was wir werden, wissen wir nicht.»
In einem hinteren Zimmer des Blockhauses begann ein Säugling zu schreien. Pärts sechster Enkel, der einwöchige Matheus, war aufgewacht. «Ich glaube, Musik ist deswegen eine grosse Sache, weil man keine Übersetzungen braucht», sagte Arvo Pärt. «Musik ist wie Muttermilch. Sie bereitet für die Verdauung keine Probleme.» Wir hörten dem Baby zu, bis es still wurde. «Und Sie konnten wegen des Wiegenlieds tatsächlich nicht schlafen?», fragte Arvo Pärt belustigt.
Das Wiegenlied war während der Aufnahmen in der Nikolaikirche das Sorgenkind unter den Musikstücken. Als kürzestes brauchte es am längsten Zeit. Nachdem es der Chor zum ersten Mal gesungen hatte, herrschte eine ungute Stille im Aufnahmeraum. Pärt brach sie, als er sich übers Mikrofon beugte: «Ich habe ein paar Bemerkungen.» Es war klar, dass er unzufrieden war. «Er ist schockiert», flüsterte mir Nora Pärt zu. Er fuhr fort, an Chor und Dirigent gerichtet: «Es ist ein Wiegenlied. Zum Wiegen. Es ist keine Polka!» Der Chor nahm einen neuen Anlauf. Pärt entdeckte in der Partitur eine zu kurz gesetzte Note, was sogleich korrigiert werden musste. Dann intervenierte Eicher, ihm war das Ganze «too flowing». Pärt war mal im Aufnahmeraum, mal beim Chor, und zwischen den Polen Kontemplation und Dringlichkeit immer im Sauseschritt. Er machte den Sängern vor, wie das «Kuus kuus kallike» zu intonieren war, nicht düster-klebrig – hell, zuversichtlich. Ein weiterer Versuch begeisterte Pärt derart, dass er mit Eicher ein Tänzchen hinlegte. Trotzdem nochmals. Und nun bitte nur noch ab Takt 18. Bei einem weiteren Anlauf störte das Schreien von Möwen, und als es gegen Mitternacht ging, grölten besoffene Touristen vor der Kirche. Pärt und Eicher eilten nach draussen, um sie zu verscheuchen. Sie hatten mit ihrem Gejohle die bisher beste Version versaut. Der Chor hob von Neuem an. Es klang herzergreifend, es schien perfekt – nicht aber für all die Perfektionisten, die hier versammelt waren.
«Das war harte Arbeit, wie immer, wenn ich mit Manfred Eicher aufnehme», sagte Arvo Pärt danach. «Uns reicht es nicht, wenn ein Stück bloss fehlerfrei gespielt wird. Wir suchen stets das Besondere, diesen ganz bestimmten Klang. Für andere ist das Geheimnis des Klangs nicht wichtig, für mich ist es zentral. Erinnern Sie sich, wie wir auf der Fahrt hierher über dem Meer den Nebel gesehen haben? Diese Farben am Horizont? Das kann man nicht auf Papier fixieren. Es ist etwas Ungreifbares, das vor unseren Augen steht. Und auf solches sind unsere Ohren fokussiert, wenn wir eine Aufnahme machen.»
Nora Pärt: «Manche seiner Partituren sehen aus wie fast ein Nichts. Umso mehr kommt es beim Spielen auf jeden Ton an. Ein Strich auf der Geige, der nicht in einem Zug gespielt wird, kann schon eine Katastrophe sein.»
Arvo Pärt: «Eine Aufnahme ist keine Tretmühle. Es muss dabei etwas Neues entstehen, das in Interpretation, Nuancierung und Klang einmalig ist für dieses Stück. Dirigent, Musiker, Produzent, Tonmeister, die Instrumente, der Raum – alles muss zusammenfinden und zu einem Organismus werden.»
Es muss, profan gesagt, ein von Menschen geschaffenes Wunder geschehen. «Und, ist dieses Besondere bei den Aufnahmen des Wiegenlieds passiert?», fragte ich.
“Ja, ja” sagte Arvo Pärt. Aber in Gedanken war er schon weiter. Er hatte Hunger. Wir fuhren in ein Restaurant an der Küste, hüllten unsere Körper in karierte Wolldecken und genossen starken, estnischen Kaffee. “Wenn ein Mensch nach dem Hören meines Wiegenliedes keinen Schlaf findet, dann habe ich etwas falsch gemacht”, sagte Arvo Pärt. Seine Stirn faltete sich zu einer Gebirgskette. Er zwinkerte mir zu und bot von den Pralinés an, die zum Kaffee serviert wurden. Pärt, der zutraulichste Eremit auf Erden.













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Lustig, ich hätte garnicht gedacht das das *wirklich* so funktioniert. Komische Welt.
Peter Wieczorek
Ohne ihn zu kennen, bestätigen Sie meine Vorstellungen von Arvo Pärt. Genau weiß ich nicht mehr, wie ich auf ihn gekommen bin. 1989 suchte ich Musik zu meinem Froschkonzert und 1990 zur Installation “Singende Steine”. Dazu bevorzugte ich Ligetis Werke, um das schroffe Gestein zur Kommunikation zu bewegen. Im Hintergrund und Hinterkopf regte sich bereits Arvo Pärt.
Mit der Installation “Fruchtbare Tage Mutter Erde” zum Thema der Metropolregion Hamburg mit dem Titel “Klangwelten, Strömungswelten, Musealer Strom”, spätestens da brauchte ich die Musik von Arvo Pärt. Musik, die weit in die Landschaft geht, sich ausbreitet, über dem Wasser steht, fließt, bedrohlich anschwillt und sich immer wieder ebnet. Die Installation und Inszenierung fand am Elbhang (Höhe ca. 40 mtr) bei Hitzacker statt. Dazu diente ein schmaler Waldschnitt, der die Weite der Elblandschaft wie durch einen Sehschlitz freigibt. In 2007 wurde der Schlitz mit einer roten Folie ausgestattet, in 2009 wurde eine weiße Leinenstoffbahn mit verschiedenen Rottönen beflossen. Nachts beschienen lief die Veranstaltung von 21.00 bis 24.00 Uhr 2007 wiederkehrend mit Lamentate. 2008 verstärkt museal, mit Arbos, An den Wassern zu Babel, Pari Intervallo, De Profundis, Es sang vor langen Jahren und Stabat Mater. 2009 wieder Lamentate, Fratres und Tabula Rasa. Die Zuhörer und -seher saßen in den Elbwiesen und waren von dem Gesamtwerk tief beeindruckt.
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