Das Leben ist ein Containerbahnhof
Stephan Kimmigs ungewöhnliche „Don Giovanni”-Inszenierung eröffnet die neue Opernsaison an der Bayerischen Staatsoper München – und erntet Buhs wie Bravos
Von Barbara Angerer-Winterstetter
Wer ist Don Giovanni eigentlich heute? Der Porschefahrer, der seinem Konkurrenten die Frau ausspannt und sich doch nur für die Zahlen auf seinem Konto interessiert? Der Möchtegern-Macho, der in Supermarkt-Manier Frauen shoppt und doch nur sein mieses Selbstbewusstsein aufpoliert? In einer Zeit, in der Freiheit schon lange möglich ist, in der alle Extreme und Exzesse bereits bis zur Übersättigung gelebt wurden, in der auch die Frauen schon lange aufgeholt haben und sich eben nicht mehr so leicht beeindrucken lassen, wird es zugegebenermaßen schwierig, Mozarts und da Pontes schillernde Figur aus dem 18. Jahrhundert in die Jetztzeit zu verpflanzen.
Der Schauspielregisseur Stephan Kimmig hat sich für seine erste Opern-Regie, die Neuinszenierung von „Don Giovanni” an der Bayerischen Staatsoper München, für eine neue Sichtweise entscheiden, die durchaus glaubwürdig ist: Don Giovanni nicht als der glamouröse Freiheits-Fetischist, sondern als abgewrackter Outcast, dem nichts mehr Befriedigung geben kann, der seine eigene Lebensangst mit Aktionismus überspielt. Zu den ersten Takten der Musik gibt der Vorhang den Blick frei auf die Drehbühne (Katja Haß), auf der sich ein hässlicher Containerbahnhof befindet. Ein ganzes Leben, abgeschoben in Container. Davor der abgetakelte Giovanni als Penner mit Bierflasche und sein alter Ego, ein nackter Alter, der im Takt der Musik schlottert. Ein Verfolgter, Getriebener, panisch von Angst Geschüttelter. Leider hört man, während die Genitalien schlottern, Mozarts Musik einfach nicht mehr. Was auch am uninspirierten Dirigat Kent Naganos liegen mag: Seltsam belanglos, ohne wirkliche Konturenschärfe, klingt diese doch so großartig abgründige Musik. Immer wieder blitzt ein interessantes Detail auf, doch der Rest bleibt unscharf und verschwommen, im Kontakt mit den Sängern streckenweise sogar ungenau dirigiert.
Im Verlauf des Stücks öffnet der Containerbahnhof seine Stationen, die immer bunter und provokativer werden. Um das Leben noch zu empfinden, irgendetwas zu spüren in dieser Welt aus Eiseskälte und Schnee – wie beim Fest Don Giovannis, zu dem man mit Pinguin und Schioverall kommt – flüchtet sich der Titelheld in dieser Inszenierung in die Brutalität. Von Anja Rabes stets in wechselnde Kostümen gewandet, begegnen wir ihm etwa im Goldanzug: ein trotziges kleines Kind, das bei seiner Puppe Liebesersatz sucht, dann aber zur „Champagnerarie” das Hackebeilchen auspackt. Überhaupt wird hier viel mit Pistolen und Messern hantiert – Bühnenblut fließt reichlich. Kein Wunder, dass diese Inszenierung letztlich im Schlachthaus landet: In der Friedhofsszene hängen Schweinehälften von der Decke herab.
Die darauf folgende letzte Steigerung ist pure Ironie. Denn wenn die Übersättigung durch die Welt zu groß wird, retten wir uns eben in Fernseh-Welten. Etwa in eines der vielen Kochstudios. Hier muss das Hackebeilchen Petersilie zerkleinern, wenn Giovanni und Leporello gemeinsam das Mahl bereitet. Das Radio spielt derweil Hits und die Übertitel zeigen mit einer genialen Neu-Übersetzung des Librettos, wie pointiert und dennoch genau diese Szene an der Musik entlang inszeniert ist. Und das Ende des Ganzen? Der Komtur kommt als Kardinal, gefolgt von Polizisten wie Staatsmacht und lehrt dem Kochstar das (letzte) Schlottern, dazu gibt es Projektionen von Folterungen. Das System hat den Outcast endlich gekriegt. „So endet der, der Böses tut!”, singen Elvira und Leporello, Anna und Ottavio, Zerlina und Masetto mit hämischer Freude – und deuten auf uns im Publikum. Doch die Belehrung währt nicht lange. Denn der Polizeistaat entlässt auch die Überlebenden der Tragödie nicht in die Freiheit: Wer einmal mit einem Outcast Kontakt hatte, ist potenziell verdächtig.
Musikalisch war die Premiere der Abend der Männer. Mariusz Kwiecien singt seine Paraderolle Don Giovanni zuverlässig, wenngleich nicht schillernd-bravourös, was auch mit der Sichtweise Kimmigs zusammen hängen mag, auf die sich Kwiecien bedingungslos einlässt. Die Stars des Abends heißen: Alex Esposito als schauspielerisch glänzender, stimmlich auftrumpfender Leporello und Pavol Breslik als Don Ottavio. Wer dieser undankbaren Partie derart innige Tenor-Töne abgewinnen kann und dabei so bühnenpräsent ist wie Breslik, wird zurecht gefeiert. Schwächer dagegen die weibliche Riege: Ellie Dehn singt eine achtbare Donna Anna mit mancher Schärfe in der Stimme und zu wenig Koloraturen-Leuchtkraft; Laura Tatulescu ist als Zerlina stimmlich zu wenig jugendlich-frisch. Einzig Maija Kovalevska schmettert als Donna Elvira ihre Arien – eine Powerfrau durch und durch, die von der Regie im Traveller-Outfit präsentiert wird. Eine Dauerreisende auf der Suche nach Liebe.
Gerade diesen kleinen Neben-Geschichten widmet sich Regisseur Stephan Kimmig deutlicher und interessanter als das manch andere Inszenierung tut. Das gilt auch für die Liebe Annas und Ottavios, in der es um unterdrückte Triebe und das schwierige Zueinander-Finden geht. Spannende Ansätze, intensiv erzählt am Rande eines ungewöhnlichen Gesamtkonzepts. Muss man es mögen wie die Bravo-Rufer? Soll man es hassen wie die erbitterten Buh-Schreier? Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Denn gerade vor der Pause gibt es viel Leerlauf in der Personenführung, was anfangs sehr den Einstieg in Kimmigs Denk-Strukturen erschwert. Dennoch steckt in dieser nur vordergründig provokativen Arbeit auch viel interessanter Stoff zum Nachdenken und der Mut zu einem kompletten Neu-Ansatz. Und das ist letztlich besser als Opern-Routine.













Petra
“Leider hört man, …, Mozarts Musik einfach nicht mehr.”
)))
Genau das ist m.E das “Problem” dieser Inszenierung. Ich war in der Generalprobe, es war mein 29. Giovanni und mein langweiligster. Hr Kimmig traut, glaube ich, der Musik nicht – er kreiert einen (Über)Aktionismus auf der Bühne, incl Video-Projektionen, die einfach nur von der Musik ablenken.
In einer Kritik stand so schön, er macht nicht Musiktheater, sondern Theater mit Musik – ich würde verschärfen und sagen “Hintergrundmusik” ….. Dauerberieselung wie im Kaufhaus, da achtete man auch nicht darauf, was da gerade läuft.
“Ungewöhnlichen Gesamtkonzepts”, sorry ich habe, genau wie etliche andere Besucher, ÜBERHAUPT kein Konzept erkennen können, für mich sind das aneinander gereihte Bilder, mal mehr, mal weniger einleuchtend, aber Konzept im Sinne von “rotem Faden” habe ich keins gefunden.
Zu den Sängern möchte ich bewußt nichts sagen, da ich NUR Generalprobenbesucher war …..ob ich mir allerdings noch eine Vorstellung antue, weiß ich noch nicht …. – wenn dann nur Hörerplatz – aber Karten gibt es ja wieder zu Hauf, wen wunderts
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