Das Leben ist eine schräge Veranstaltung

Schlingensief in Afrika; Foto: Michael Bogár
crescendo: Vor zwei Jahren erkrankten Sie an Krebs. Wie steht es jetzt um Ihre Gesundheit?
Christoph Schlingensief: Es geht immer auf und ab. Das lässt sich leider nicht mehr abstellen, weil die Krankheit chronisch ist. Die letzte Untersuchung war zwar gut, aber psychisch bin ich nicht mehr der Alte. Ich ziehe mich eher zurück, bin nicht mehr so ein Gesellschaftstier.
crescendo: Arbeiten Sie jetzt anders als früher?
Schlingensief: Mein Blick auf menschliche Regungen geht mehr in die Tiefe. Außerdem kann ich mich länger mit Tönen und Sprache beschäftigen, habe das Gefühl, langsamer vorgehen zu können. Was mir hilft, sind extrem gute Mitarbeiter. Jeder macht seinen Job und ich kann kommentieren, lernen. Das Afrika-Projekt zum Beispiel steckt zu 80% in den Händen des Architekten Francis Keré.
crescendo: Apropos Afrika-Projekt: Wie weit ist Ihr Operndorf?
Schlingensief: Alle denken, ich habe da schon ein Theater und übe. Dabei stehen gerade die Grundfundamente für die Schule und 16 Häuser. Das große Loch fürs Theater ist ausgehoben. Nächstes Jahr wird das Krankenhaus gebaut. Momentan jedoch ist die Einschulung das Wichtigste. Und dass Familien hinziehen, damit das Operndorf anfängt, aus sich heraus zu leben. Was wir da mal aufführen wollen, steht weit hinten in der Schlange. Das Projekt hat sich ein paar Mal geändert und wird das weiter tun.
crescendo: Haben Sie damit gerechnet?
Schlingensief: Ich fahre seit 1993 nach Afrika, habe da Filme gedreht, viele Dinge erlebt. Jedes Mal dachte ich, dass ich weiß, was mich erwartet. Aber jedes Mal war ich wieder überrascht. Momentan gibt es noch Steigerungen, weil ich jede Woche etwas lerne.
crescendo: Sie haben auf den ersten KunstFestSpielen in den Herrenhäuser Gärten von Hannover eine Installation. Geben Sie dort auch einen Einblick in diese Arbeit?
Schlingensief: Da informieren wir über unser Operndorf. Außerdem werde ich wohl einen Vortrag halten.
crescendo: Hat sich Ihr nächstes Projekt „Via Intolleranza II“, also Ihre Version der „Intolleranza“, aus dem Operndorf entwickelt?
Schlingensief: Ich hatte eine Anfrage von Adam Fischer, Nonos „Intolleranza“ in Budapest zu machen. Aber ich fand es uninteressant, Opernsänger einzusetzen, selbst wenn das schön klingt. Außerdem kann ich mit Nonos sozialem Impetus heute wenig anfangen. Dann kam mir die Idee: Was wäre, wenn das Leute vortragen, die zwar nicht singen können, aber selbst mit Themen wie Landflucht zu tun haben? Zusätzlich interessiert es mich als Grundlagenforschung, warum unser Verhältnis zum afrikanischen Kontinent so gestört ist. 95 Prozent aller Bilder und Fotos von Afrika stammen von Weißen. Der objektive Blick auf den Kontinent und seine sehr unterschiedlichen Länder aber findet nicht statt.
crescendo: Es gibt aber bestimmt noch ein weiteres Thema in Ihrer „Via Intolleranza II“-Inszenierung …
Schlingensief: Nonos „Intolleranza“ werden Sie nicht hören. Vielmehr geht es um Fragen an Nono und uns, die wir glauben, etwas kapiert zu haben. Nonos Texte lassen wir übersetzen und geben sie den Afrikanern zum Lesen. Für die ist das zum Teil völlig unverständlicher Blödsinn. Wenn wir sie ihnen erklären, ändert sich das aber – auch weil ich sehr musikalisch vorgehe. Auf atonaler Musik von Nono, Stockhausen oder Ligeti lasse ich mit einer Spezialtechnik Afrikanisches laufen, was glänzend funktioniert. Außerdem gibt es eine französische Sängerin, zwei Tänzer, Schauspieler, ein spezielles Bühnenbild und sehr tolles Filmmaterial, was eine musikalische Installation ergibt.
crescendo: Ist das Thema Afrika für Sie mit der „Remdoogo“-Installation in Hannover, „Via Intolleranza“ und dem Operndorf, das ja weiter wächst, ausgeschöpft?
Schlingensief: Da wäre noch „S.M.A.S.H. – in Hilfe ersticken“, eine Koproduktion der RuhrTriennale mit dem Deutschen Theater Berlin. Dabei geht es um die Fehler, die ich selber mache oder bei der Entwicklungshilfe anderer sehe. Ein hoffentlich lustiger Abend, der von selbstkritischer Bereitschaft geprägt ist. Denn ich bin nicht wirklich ein Gutmensch, weil ich auch in Burkina Faso ein gutes Bett will oder ärztliche Topversorgung mit Tabletten, von denen die in Afrika träumen können. „S.M.A.S.H.“ ist nach „Kirche der Angst“ und „Mea Culpa“ auch der dritte Teil und Untergang meines Krankheitsprojekts. Ich kann ja nicht ewig der Regisseur mit Krebsabo bleiben.
crescendo: Und dann folgt „Metanoia“ an der Berliner Staatsoper …
Schlingensief: Eine Uraufführung, die sich darauf bezieht, was Avantgarde bedeutet und in ihrem Wahn übersieht. Neben der Musik von Jens Joneleit gibt es Sequenzen mit Martin Wuttke und Sophie Rois, die Texte von mir und René Pollesch sprechen und spielen.
crescendo: Man könnte annehmen, dass Sie jetzt ein durch seinen Krebs geläuterter, eher milder als wilder Christoph Schlingensief sind. Was Sie erzählen, klingt aber nicht so.
Schlingensief: Das Leben ist eine so schräge Veranstaltung, eine Anordnung von im Kern gescheiterten Wesen, die das wissen, aber unglaubliche Methoden erlernt haben, um das zu verdrängen oder zu übertünchen. Das noch betrachten zu dürfen, empfinde ich als unglaubliches Glück. Meine Arbeiten werden vielleicht ein bisschen ruhiger oder musikalischer, aber nicht nur leise und bedächtig.
crescendo: Ihr Interesse an der Oper hat in Bayreuth angefangen. Jetzt bauen Sie ein Operndorf, inszenieren im Herbst „Metanoia“. Ist Musik Ihr neuer, roter Faden?
Schlingensief: Die gehört jetzt fest zu meiner Arbeit. Opern-Angebote habe ich bis 2013. Trotzdem bin ich zum Glück weder reiner Film- noch Opernregisseur. Schizophrenie war für meine Arbeit schon immer typisch. Wenn ich nur bei einer Sache wäre, würde ich mich langweilen, käme mein Kopf nicht in Fahrt. Ich muss zwischen der Musik und dem Bild, den Menschen und der Sprache, dem Gesunden und Kranken, dem Lustigen und Traurigen immer die Chance zu haben, auch das Gegenteil zu behaupten. An die Eindeutigkeit der Welt glaube ich nicht.
Das Gespräch führte Antoinette Schmelter de Escobar
Termine:
15.-18.5.: “Via Intolleranza II”, Kunstenfestival Brüssel, www.kfda.be
23.-26.5.: Kampnagel Hamburg, www.kampnagel.de
24., 26., 27.6.: Bayerische Staatsoper München, www.bayerische.staatsoper.de
4.-26.6.: “Remdoogo”, KunstFestSpiele Herrenhausen, http://kunstfestspiele.hannover.de
21.-29.8.: “S.M.A.S.H.”, Ruhrtriennale, www.ruhrtriennale.de
ab 29.10.: Deutsches Theater Berlin, www.deutschestheater.de
ab 3.10.: “Metanoia”, Staatsoper Berlin, www.staatsoper-berlin.org
Christoph Schlingensief wird außerdem den deutschen Pavillon auf der Biennale 2011 in Venedig gestalten.
Weitere Informationen finden Sie unter www.schlingensief.com











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