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Das Lübecker Wagner-Wunder

8. September 2009

Sensationelle „Siegfried”-Neuproduktion am Theater Lübeck ist ein Geheimtipp für alle Wagner-Freunde

Von Barbara Angerer-Winterstetter

Ist es jetzt traurig oder einfach nur schön, dass im hohen Norden, im kleinen Jugendstil-Theater von Lübeck eine der derzeit spannendsten Wagner-Produktionen des Jahres 2009 läuft? Was dort seit der umjubelten Premiere am Sonntagabend mit „Siegfried” auf der Bühne zu erleben ist, erweist sich in seiner mitreißenden Regie, aber auch im Gesamtdurchschnitt der Gesangsleistungen dem aktuellen Bayreuther „Ring” überlegen. Dabei zahlt auch Lübeck seinen Gastkünstlern kleine Gagen – doch GMD und Intendant Roman Brogli-Sacher hat ein gutes Händchen dafür, hervorragenden internationalen Künstlern deren Wunschpartien anzutragen und sie mit eigenem Engagement fürs „Ring”-Projekt und einem hoch motivierten Orchester mitzureißen.

Wer sich also nicht mit Mittelmaß abspeisen lassen will, sollte den Weg in die hübsche Hansestadt nicht scheuen. Hier zieht in der Inszenierung von Anthony Pilavachi Dr. Mime seinen Helden Siegfried im Altersheim auf. In dieser auf den ersten Blick ungewöhnlichen Szenerie (Bühne: Momme Röhrbein) ergeben sich interessante Begegnungen: Hier sitzt Alberich im Rollstuhl und spielt mit Wotan Schach, bevor er von Bruder Mime mittels Beruhigungs- (oder gar Todes-)spritze ausgeschaltet wird. Hier thront auch, verfettet vom Reichtum, Fafner, der sich ein Drachen-Hündchen hält. Wohl um nicht zu vereinsamen wie die uralte Erda im Rollstuhl, die wiederum Wotans Attacke erliegt, der sich die Mithilfe einer attraktiven Pflegerin erkauft. Auch eine Art, den Waldvogel auf die Bühne zu bringen – und nicht die schlechteste. Dr. Mime selbst ist diesmal nicht ein zittriger, alberner Zwerg, sondern ein beängstigender Doktor mit kriminellen Plänen. Und wer’s bislang noch nicht gewusst hat, warum Mime sich verplappert, als er Siegfried nach dem Drachenmord um die Ecke bringen will, hat’s jetzt erlebt: Der gute Doktor hat mal wieder ein Gläschen Champagner zu viel getrunken – und als er dann seinem Zögling an einer unglaublich schicken Bar im eigenen Haus einen Cocktail mixt, vernebelt der Alkohol seine Sinne. Das schöne: Die Mischung aus aktueller Kritik am Gesundheitssystem und explosiver Spielfreunde, die zwar gezielt auf Pointen setzt, billigen Klamauk aber vermeidet, geht im Werk erstaunlich präzise auf.

Durch die Regie zur Hautfigur gemacht, gerät Arnold Bezuyens Mime in den Focus der Neuproduktion. Der seit Jahren umjubelte Bayreuther Loge qualifiziert sich hier für eine neue Partie – respektive: setzt schon jetzt mit ihr Maßstäbe. Endlich ein Mime, der nicht nur keift, sondern mit schönem Tenor betören kann, der schlanke Linien, aber auch strahlend-heldische Spitzentöne singt, dabei Text wie Musik in all ihren Schattierungen und Farben auslotet und auch noch jeden Handgriff im Takt der Musik tut. Heia wie fliegen die Eiswürfel ins Glas und das Hämmerchen aufs Schwert! Schauspielerisch wie sängerisch eine Höchstleistung. An Mimes Seite hat die Produktion sogar zwei hervorragende Siegfriede: Jürgen Müller, der in der Hauptprobe alle Qualitäten zeigte, die ein Siegfried haben muss – die Fähigkeit zur lockeren Deklamation, den lyrischen, aber auch den schweren Heldentenor. In der Premiere erkrankt, spielte Müller nur und Kollege Alfons Eberz lieferte aus der Loge des Helden (beachtlichen) Gesang dazu.

Ja, und dann gibt es da noch Sänger wie Stefan Heidemann alias Wander-Wotan und Antonio Yang als Alberich, die stimmlich auftrumpfen, als gehöre ihnen schon jetzt die Zukunft der Wagner-Stimmen. Auch Brünnhilde Rebecca Teem musste ihr Stimmvolumen im kleinen Lübecker Haus fast bremsen. Und nicht zu vergessen: Andrea Stadels Waldvogel von selten gehörter Güte, mit purstem Silber auf den Stimmbändern. Man sagt, Eva Wagner-Pasquier hätte diese Produktion schon im Terminkalender vermerkt. Damit nicht nur Arnold Bezuyen weiterhin Festspiel-Triumphe feiern kann, sondern auch wieder neue, gesunde Wagner-Stimmen die Festspiele bereichern. Entdeckungen sind in Lübeck garantiert! Der „Siegfried” steht noch bis Februar 2010, im Anschluss daran gibt es dann „Rheingold” und „Walküre” als Wiederaufnahmen.

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Ein Kommentar zu “Das Lübecker Wagner-Wunder”

Claus Brandt

9. September 2009 um 11:00 Uhr

Liebe Frau Angerer-Winterstetter,
warum sollte es traurig sein,so ein Wagner-Erlebnis im bezaubernden Lübeck zu haben?Als Fan vom Theater Lübeck(hier laufen nur wunderschöne Produktionen,ein toller “Andrea Chenier”, eine Weltklasse “Salome”,die “Walküre mit Ammann/Sritheran zum Dahinschmelzen)hat mich ihre Kritik am “Siegfried” wahnsinnig gefreut und ich finde es bewundernswert,wie genau Sie diesen Abend der Premiere wiedergeben, großes Kompliment!
Schon mit “Rheingold” und der “Walküre” hat Lübeck die Staatsoper Hamburg meilenweit abgehängt, aber mit dem “Siegfried” ist wahrlich ein großer Wurf gelungen.
Liebe Grüße aus dem hohen Norden,
Claus Brandt

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