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Das Prinzip: Klassik-Star

20. Oktober 2009

Maria Callas; (c) AFP/Getty ImagesDer Star der klassischen Musik im 20. Jahrhundert, das war immer Maria Callas.

Von Tobias Haberl

Sie war die Ausnahme, das Besondere, die Verkörperung der Kunst. “Mariiiia….Diviiiina”, riefen die Zuschauer, noch bevor sie einen Ton gesungen hatte, bei ihrer letzten Norma-Aufführung in Paris 1965 – ganz verzückt wirkten sie, berauscht, fast wahnsinnig.Maria Callas, das war kein Mensch mehr, das war Frau gewordene Musik, Melodie und Tragik, “Diva aller Divas”, nannte sie Yves Saint Laurent, “Kaiserin, Königin, Göttin, Zauberin, hart arbeitende Magierin, mit einem Wort: göttlich.” Als die Sopranistin 1977 starb, verschwand nicht nur eine Jahrhundertsängerin, es verschwand auch ein besonderer Typus des Stars, der göttlich und entrückt zu sein schien.

Das Talent schien der Callas von den Musen höchstpersönlich zwischen die Stimmbänder geklemmt worden zu sein.Am 7. Juli 1990 wurde eine neue Art des klassischen Musikstars geboren. Es war der Tag, an dem Luciano Pavarotti, José Carreras und Plácido Domingo anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft zum ersten Mal als “Die drei Tenöre” auftraten. 6000 Menschen waren live in den Caracalla-Thermen in Rom dabei, 1 Milliarde Menschen sahen das Spektakel im Fernsehen. “Die drei Tenöre” – das war keine Kunstdarbietung mehr, sondern ein Event; die drei Sänger auf einer Bühne vereint, das war ein Markenartikel, eine Geschäftsidee, eine Gelddruckmaschine. Der Star war endgültig aus den himmlischen Sphären herab ins Fußballstadion gestiegen.

Im Jahr 2009 ist Singen definitiv keine göttliche Gabe mehr, es ist ein Job. Stars der klassischen Musik, das sind heute: Anna Netrebko und Rolando Villazón, Lang Lang und David Garrett, Elīna Garanča und Jonas Kaufmann – die Liste ließe sich zeilenlang fortsetzen – auf jeden Fall alles Künstler, die attraktiv, präsent und eloquent, aber nicht weniger talentiert oder fleißig sind – trotzdem erinnern sie eher an Arbeitnehmer des Musikbetriebs als an Engel oder Götter. Sie reisen, singen, reisen weiter. Funktionieren wie globale Mikro-Unternehmen, wie Unternehmensberater ihrer selbst. Der Quotendruck ist so immens, Rolando Villazón fiel 2007 einem Burn-out-Syndrom zum Opfer, im Sommer dieses Jahres sagte er alle Termine für 2009 ab: eine Stimmbandzyste hatte sich in seinem Kehlkopf eingenistet. Das klingt menschlich, nach Erschöpfung und Überforderung. “Der Sklave, die Hure des Betriebs”, schrieb die Zeit zynisch, “hat es mal wieder fehlen lassen an der nötigen Sorgfalt und Disziplin.

“Und weil wir in einer Medien- und Bilderwelt leben, hat es Vorteile, wenn Künstler nicht nur schön singen, sondern auch schön aussehen. Ohne Zweifel treibt diese Gier nach Schönheit im Moment besonders bizarre Blüten: Das Zauberwort heißt Unverwechselbarkeit. Dafür machen die Künstler (fast) alles: Die Großen lassen sich von bekannten Designern ausstatten, Netrebko von Escada, Kaufmann von Strenesse, der Rest sucht nach einem passenden Image, zeigt auf Plattencovern Dekolletés oder präsentiert Schmuck in Illustrierten. Im Jahr 2009 muss der Künstler zu einer Marke werden, die sich abhebt, die wiedererkannt wird. Die Weltklasse-Geigerin Julia Fischer konnte gerade noch ein Angebot vom Playboy parieren, dem Cellisten Johannes Moser, einem der Besten seines Fachs, wurde jüngst erklärt, er wäre noch einen Tick erfolgreicher, wenn er bei jedem Auftritt rote Strümpfe anzöge. Er hat abgelehnt. “Sopranistin der Stunde”, “Vokaler Stern”, “Heldin des Abends”, die Zeitungen heben fast jeden, der unwiderstehlich dreinschauen kann, in den Himmel. “Denen gehen bald die Superlative aus”, sagt der Musikkritiker Joachim Kaiser, “jeder ist atemberaubend, jeder superb, jeder gehört zu den Besten. Weiß denn keiner mehr, dass das Wesen des Superlativs darin besteht, dass er sich nur auf einen beziehen kann?” Kein Zweifel, man muss schon lachen oder sich schämen angesichts moderner Marketingmethoden. Wer aber glaubt, es ginge ohne, macht sich selbst lächerlich.

Wir leben in einer durchökonomisierten Welt. Ideen und Investitionen müssen sich rechnen. Das gilt auch für die Musik, oder sagen wir: für den Klassikmarkt. Die Musikbranche steckt in der Krise, CD-Verkäufe stagnieren oder sinken, da braucht es Stars als Zugpferde, die den Laden am Laufen halten und – ja das eben auch – Labels und Veranstaltern die Möglichkeit geben, jüngeren, unentdeckten Talenten eine Chance zu geben. Mit Millionen verkaufter CDs und DVDs kann eine Netrebko ein paar Kolleginnen mitfinanzieren. Eine weitere “Aida” macht eine Uraufführung erst möglich, der Star garantiert das Weiterleben, auch das Weiterentwickeln nicht nur einer Branche, sondern von Musik schlechthin. Und wer die Heiligkeit der Kunst in Gefahr sieht, soll sich fragen, ob er bereit wäre, für eine Opernkarte nicht 100, sondern 400 Euro zu zahlen. Sagen wir es so: Nur weil eine Sache darauf angewiesen ist, Geld zu verdienen, heißt das nicht, dass sie nicht auch gleichzeitig gut sein kann. Netrebko, Lang Lang, Kaufmann, das sind alles hervorragende Musiker, zu Recht berühmt, umjubelt, erfolgreich, und ohne Zweifel Stars dieses noch jungen 21. Jahrhunderts. Ob man auch in 20 oder 30 Jahren noch von ihnen spricht, wird sich zeigen. Eine wie die Callas lebt weiter, so oder so. Sie ist jetzt kein Star mehr, sondern eine Legende. Eine Legende, die uns beschäftigt wie ein Geheimnis. Und genau darin liegt der große Unterschied.

Tobias Haberl ist Redakteur beim Süddeutsche Zeitung Magazin.

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