Death-Metal aus dem Barock
Annette Dasch ist einer der erfolgreichsten deutschen Soprane. In ihrem alten Leben war sie Gruppenleiterin bei den Pfadfindern. Nun singt sie “Armida” in Salzburg und veröffentlicht ihr erstes Arienalbum.
crescendo: Frau Dasch, es ist merkwürdig aber besonders Sängerinnen aus Deutschland scheinen sich dem Trend der Hochglanz-Klassik ein wenig zu entziehen. Das machen Sie auf ihrem neuen Arienalbum auch – Innigkeit statt Schöngesang …
Dasch: Es ist schon richtig, dass ich nicht auf die Welt gekommen bin, um schön zu singen. Ich glaube, allein mit technischer Perfektion und Schönheit wird man der Musik einfach nicht gerecht. Wie viel Hässlichkeit steckt in den Opern, wie viel Trauer und Wahrhaftigkeit – nein, es geht immer um das Leben. Und das muss man auch mit seiner Stimme darstellen.
Ist das noch immer ein deutscher Sonderweg?
Dasch: Tatsächlich glaube ich, dass das ein Phänomen des deutschen Sprachraumes ist. In Italien oder den USA wird man noch immer als Exot angesehen. Ich habe neulich in Mailand gearbeitet, dort haben Sänger “Aida” geprobt, die gesagt haben, dass sie in Deutschland gar keine Engagements mehr annehmen. Das Regietheater und die musikalischen Schwerpunkte sind einfach nicht das, was sie machen wollen. Einer hat gesagt: “Bei euch geht es um so andere Dinge als die, für die ich singe. Ich habe keine Lust mehr, in Deutschland zu arbeiten.” Ich finde es gerade spannend, dass Publikum und Künstler in Deutschland anscheinend tatsächlich etwas Anderes und Neues suchen, dass sie die Klassik als gegenwärtige Kunst verstehen.
Sie kommen aus der Barockmusik, sie singen Barock in Salzburg, und Barock ist auch auf ihrer neuen CD zu hören. Alles ist erstaunlich frisch. Haben sich die Zeiten geändert, in denen die historische Aufführungspraxis ein Dogma war?
Dasch: Ich glaube schon. Es setzt sich wieder durch, dass man Musik, egal aus welcher Epoche, aus dem Hier und Jetzt und aus seiner eigenen Zuneigung interpretieren darf. Das lässt sie uns so nahe werden. Ich glaube aber auch, dass Musiker wie Harnoncourt oder René Jacobs das von Anfang an so gesehen haben. Ich habe ja viel mit Jacobs zusammen gearbeitet, und er hat mir nie gesagt, dass ich jetzt bitte ohne Vibrato singen sollte. Das war gar nicht nötig – es ging ihm nur um die Musikalität, um den Ausdruck, darum, den Werken gerecht zu werden. Harnoncourt und Jacobs sind keine Dogmatiker, sondern – wie soll ich das sagen? – Ausdrucks-Leidenschaftler.
Überhaupt scheint uns das Barock gerade näher zu stehen als die Romantik – das hat kürzlich auch die Krimi-Autorin Donna Leon in crescendo behauptet.
Dasch: Ich habe das Gefühl, dass wir in unserer Zeit gerade nicht so sehr auf das Abgehobene stehen – Armut und Krieg waren in den 80er und 90er Jahren ein ausgeblendetes Thema. Inzwischen kommt man gar nicht mehr daran vorbei. Wir wenden uns ja auch auf anderen Feldern wieder dem zu, was uns wahrhaftig vorkommt, statt uns in der Musik den Luxus einer kleinen Schwäche für das Schwelgerische, das kleine Fieber und das kleine Fernweh zu gönnen.
Kürzlich haben sie ein Album mit deutschen Barock-Liedern aufgenommen: Da schien es nur um Lust und das volle Leben zu gehen.
Dasch: Als ich die Texte zum ersten Mal gelesen habe, zum Beispiel “Ich armer Madensack”, habe ich gedacht, “Wie cool ist das denn bitte!” Death-Metall-Texte aus der barocken Zeit. Das ist so anders als das Deutsche Lied von Schubert, Schumann und Brahms – da geht es eigentlich immer um Luxusprobleme. Bei diesen Liedern geht es um das nackte Überleben, um lebensnahe Themen wie Liebe, Krieg und Frieden.
Es scheint nichts zwischen der Stimme, der Musik und der Lebenswirklichkeit zu stehen.
Dasch: Als ich die Noten zum ersten Mal in der Staatsbibliothek gesehen habe, war mir klar, wie nahe am Leben sie sind: Das sind runde Kugeln, die aussehen wie aus dem Kartoffeldruck. Musik war damals eine Führung durch das Leben – und das nicht nur auf geistlicher Ebene, sondern auch ganz weltlich. Ein Liedbuch war ein “Vademecum”.
Sie waren Gruppenleiterin bei den Pfadfindern. Steht Ihnen diese Musik vielleicht auch deshalb nahe?
Dasch: Hört sich merkwürdig an, aber es ist schon ein bisschen wahr. Ich habe ein schier unerschöpfliches Repertoire an Liedern bei den Pfadfindern gelernt.
Sie sind eine der wenigen Sängerinnen die ihr gesamtes Studium in Deutschland verbracht haben. Dabei haben die Musikhochschulen gerade einen nicht sonderlich guten Ruf.
Dasch: Ich glaube, das hängt hauptsächlich vom Hauptfachlehrer ab. Das viel größere Problem finde ich derzeit die Arbeit der Stadt- und Repertoiretheater. Viele Intendanten und Musikdirektoren haben nicht mehr die Gabe, einen Künstler nach seinen Möglichkeiten zu fördern.
Das Gespräch führte Axel Brüggemann.
CD: “Armida!”, Annette Dasch (SonyBMG)









Gerhard Obermaier
Wirklich wahr: Eine außergewöhnliche Sängerin – und Darstellerin! Hab sie heute Abend im (intim-kleinen) Wiener Saal des Salzburger Mozarteums bei einem Liederabend mit Mozart-, Beethoven-, Schubert- und Korngold (!)-Lieder hören dürfen. Ein umwerfender, den Raum sprengender Abend. Ich bedauere nur, dass ich die ‘Armida’-Aufführung versäumt habe. Sie wird sich hoffentlich nicht auf die Netrebko-Schiene verirren!
peterarie
Habe in meinem sechs Jahrzenten Lebenszeit immer mitten in der Pop und Klassik gelebt. Während 2011 es viele, viele perfekte Musiker gibt. sind die Gesanges-Künstler leider nicht so viele.
Umsomehr müssen wir diese Talente pflegen und hegen.
Haben diese Menschen doch etwas, was uns Normalos scheinbar in der Atomzeit abhanden gekommen ist.
Musik ist die Sprache der Welt, welche mittels Liebe lebt.
Und der Gesang ist die Energie um zu überleben….
Bravo Anette Dash… und danke…
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