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Der Auftakt oder Die Defloration der Stille

4. September 2008

Star birth in extreme; (c) NASA, ESA, N. Smith (University of California, Berkeley), and The Hubble Heritage Team (STScI/AURA)Denken wir beim Auftakt an einen Aufbruch zu etwas Neuem, so liegt in diesem Wort weniger die Poesie des Beginns, als die des Beginnens. Gemeint ist dann jener „Anfang”, dem bekanntlich „ein Zauber inne wohnt”, der zwar zu erfühlen, nicht unbedingt aber zu erklären ist.

Von Pascal Morché 


Bevor wir uns nun hier jedoch im Nebulösen oder vielleicht sogar Esoterischen verlieren, erreichen wir lieber sicheres, nämlich musikalisches Terrain. Denn musikalisch ist der Auftakt genau erklärt – quasi als die Defloration der Stille: „A one, a two; a one, two, three”… Bei Dirigenten, bandleadern und dem Solisten einer Swing-Band oder eines Jazz-Ensembles kann man einen Auftakt noch so richtig schön und in seiner vollendeten Theatralik erleben: Manchmal dreht sich der dirigierende Mann (z.B. Duke Ellington oder James Last) vor der Kapelle dann sogar zum Publikum, während er den Auftakt dabei mit den Fingern schnippt: „a one, a two; a one, two, three”; dann erst setzt das Orchester, die Band, die Combo ein. Was aber hat es zu bedeuten, dieses schnippische tonlose Zählen „bevor” die Musik erklingt?

Nun, der Auftakt markiert jenen unvollständigen Takt „vor” dem ersten ganzen Takt eines Musikstückes. Der Auftakt ist also gewissermaßen ein „auf die Plätze” und „fertig”, bevor es auf „los” dann auch wirklich losgeht. (Das Abfeuern von Kanonenschüssen erfolgte im Krieg schließlich auch erst nach einem gebrüllten „Achtung”.) Eigentlich stammt der Auftakt aus der Barockzeit: Zu Beginn jeder französischen Theateraufführung gab es damals einen „Auftakt” durch dreimaliges festliches Klopfen eines langen Stabes auf den Boden. Im siebzehnten Jahrhundert begann der Komponist und Dirigent Jean-Baptist Lully seine Konzerte in Paris, eben analog zu den damaligen Theateraufführungen, ebenfalls mit dem Klopfen dieses langen Stabes auf den Boden. Dies geschah natürlich im Rhythmus der dann folgenden Musik. Bekanntlich traf Lully, dieser „le batteur de mesure” („Taktschläger”) mit dem meterlangen Stecken einmal unglücklicherweise seinen eigenen Fuß, bekam daraufhin eine Blutvergiftung und starb – ein Heldentoter des Auftakts. Ein Dirigent, zu Tode gekommen bei Ausübung seiner Arbeit.

Der Auftakt ist nun natürlich im Rythmus der folgenden Takte zu spielen, also in ihrem Zeitmass, doch wo bitte sind die Noten dann geblieben, die der Auftakt buchstäblich verschweigt? Zum Beispiel beginnt Richard Strauss „Salome” im 4/4tel-Takt, der erste Takt des Werks besteht aber nur aus 2/4tel-Noten, die auf acht 32stel, jenen berühmten Solo–Klarinettenlauf aufgeteilt sind. Wo also bleiben hier die anderen 2/4tel-Noten, die der Komponist unter- und der Dirigent ins Leere schlägt? Nach dem Gesetz der reinen Musiklehre müssten sie im letzten Takt eines Musikstücks wieder angefügt werden – aber wer vermisst schon nach zwei Stunden „Salome” noch diese fehlenden 2/4tel-Noten im Auftakt? Es ist also eine komplizierte Sache mit diesem, bewusst verstümmelten, unvollständigen ersten Takt „auf” den dann der zweite Takt des Stücks beginnt. Dieser Auftakt, der ganz besonders humorvoll von Haydn und Mahler beherzigt wird.

Der wunderbare ungarische Dirigent Zoltán Peskó (*1937) hat sich einmal eingehend mit dem musikalischen Phänomen Auftakt beschäftigt: „Der Siegeszug der Auftakt-Theoretiker in der europäischen Musik schien nach 1800 unaufhaltsam”, schreibt Peskó und erinnert an Riemanns lexikalische Erklärung, dass „das auftaktige Motiv nicht nur eine -mögliche Form, sondern die Urform jeder lebendigen Musik sei.

Das heißt, es gebe eigentlich keine Musik ohne Auftakt”. Dieser Theorie des 19. Jahrhunderts wurde letztlich auch nicht widersprochen, „bis Béla Bartók bei der Zusammenfassung seiner ethnomusikologischen Recherchen darauf hingewiesen hat, dass es auch in Europa Völker gebe, deren Volksmusik ohne Auftakt beginne”. Man stelle sich das einmal vor: Werke ohne Auftakt! Ja, sie scheinen ähnlich jenen Menschen, die – mit was auch immer – gleich beginnen; die anfangen – ohne zuvor Luft zu holen. Kein ready und kein steady – nur und einzig, ein unmittelbares GO!

„Was die Komponisten in der europäischen Musikgeschichte mit und aus dem Auftakt gemacht haben, ist wahrlich eine große Kunst”, schwärmt Zoltán Peskó: „Jeder Laie versteht das, wenn er nur einmal den ersten Satz der ‚Fünften‘ von Beethoven oder die Coda von Mahlers ‚Neunter‘ Symphonie hört. Wie auf so vielen Gebieten bleibt aber auch hier Johann Sebastian Bach das größte Genie, unerschöpflich ist seine Phantasie bei der Behandlung des Auftakts, seinen Transformationen und musikalischen Deutungen.” Wenn nun auch inzwischen der Auftakt in den Kompositionen zeitgenössischer Musik seine einst bedeutende Rolle verloren hat, so bedeutet er für Dirigenten noch immer: Ein Abend, der mit einem verpatzten Auftakt beginnt, steht unter keinem guten Stern. Es ist eben mit dem Auftakt wie bei der Begegnung mit einem neuen Menschen: Der allererste Eindruck entscheidet! Und er gibt den Rhythmus vor, wie es weitergeht.

Dass wir heute ziemlich fahrlässig mit Worten umgehen, ist nun nicht gerade die allerneueste Botschaft. Dieser Fahrlässigkeit schulden wir denn auch die Tatsache, dass wir den „Auftakt” synonym nehmen für Beginn, Anfang, Ouvertüre, Eröffnung, Vorspiel und Start. Oder, wie wäre es vielleicht einmal mit dem schönen Wort „Aufgalopp”? Dies bedeutet im Pferderennsport das Galoppieren an den Schiedsrichtern vorbei zum Start. In diesem Sinne wäre der Saisonbeginn der Opernhäuser natürlich ein „Aufgalopp” vor Publikum und Kritikern – bei dem wir sehr bald sehen werden, „wie” die Intendanten und Opernchefs welche Pferdchen in Stellung gebracht haben. Und stellen wir uns doch zum Beginn der neuen Opernsaison auch ruhig einmal vor, wie sie da vor ihren Musentempeln stehen und mit den Fingern schnippen: „a one, a two; a one, two, three”. Für das, was dann danach, was nach dem Auftakt kommt, gilt ohnehin der Satz des Dirigenten Hans Knappertsbusch (1888-1965): „Mit Weltuntergang anfangen und dann langsam steigern.” Wir können also auf die neue Saison gespannt sein. Auftakte hat sie viele – mögen wenig verpatzte dabei sein.

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