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Der literarische Pianist

1. Februar 2010

Alfred Brendel; (c) Bob CoatZu Besuch bei Alfred Brendel in seinem Londoner Haus, dessen riesige Bibliothek dieser Tage um ein weiteres Buch bereichert wird - sein eigenes.

Von Robert Kittel

London im Januar. Das Tief Daisy war über Nacht in der englischen Hauptstadt zu Besuch. Es ist eisig kalt. Alfred Brendel wohnt im Norden, Stadtteil Hampstead. Ein idyllisches, leicht hügeliges Nest in dessen schmale Gassen und historische Läden sich schon Sigmund Freud und Peter Ustinov verliebt hatten. Kurz vor dem zweitgrößten Park Londons, Hampstead Heath, liegt Brendels Anwesen. Alfred Hitchcock hätte daran seine Freude gehabt.

Der Pianist gibt selten Interviews. Er ist jetzt 79, vor gut einem Jahr hat er sich vom aktiven Konzertleben zurückgezogen. Er führt freundlich in den Salon, unter seinen ledernen Hausschuhen knarzt der Boden wie auf einer alten Berghütte. Als DIE ZEIT ihn kurz vor seinem Abschiedskonzert zuhause in London besucht hatte, hatte Brendel über “das Leben ohne Publikum und Applaus” nur Vermutungen anstellen können und behauptet, er sehe das Ende klar und tränenlos. Heute, ein Jahr danach, bestätigt er noch einmal das Gesagte. Er habe einen guten Zeitpunkt gewählt, keine Träne vergossen, aber sich natürlich über die zahlreichen Briefe und E-Mails gefreut, die ihm noch einmal dankten. Es gibt Musikkritiker, unter ihnen Joachim Kaiser, die behaupten, Brendel sei einer der bedeutendsten Schubert-Interpreten der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. In der Tat: eine Aufnahme von Schuberts B-Dur-Sonate zeigt Brendel als musikalischen Verführer, der das Piano mit geschlossenen Augen streichelt als wäre es ein schnurrender Kater. Man würde am liebsten direkt mit ihm ins Nachbarzimmer gehen, dort, wo zwei schwarze Konzertflügel stehen, seinen Klängen lauschen, und zusehen, wie der dunkle Abend draußen den melancholischen Londoner Nachmittag vertreibt.

Wir bleiben im Salon.
Brendels Haus ist ein Konzerthaus des Lebens. Ein sehr stilvolles, natürlich. An allen Wänden hängen Kunstwerke, auf den Sekretären und Schränkchen liegen fein übereinander gestapelt Bücher. Dicke Bücher. Über 1000 Kilogramm Kunst und Information, die Brendel auch in seinem Gehirn lagert wie ein menschliches Wikipedia-Archiv.

Er möchte direkt mit dem Interview beginnen, er ist - anders als Prinz Charles etwa - kein Freund des Smalltalks. Als wir die erste Frage erörtern wollen, klingelt es noch einmal an der Haustür. Ein Klavierstimmer. “Nunja, das wird uns wohl etwas stören, hier unten, dann gehen wir am besten hinauf”, sagt Brendel und nimmt das Tablett in seine vom Klavierspiel leicht gezeichneten Hände. Sein Deutsch ist ein gesungenes Österreichisch. Nicht das aus Wien, aber eines mit lang gezogenen Vokalen, die einem Menschen sofort etwas Philosophisches verleihen.

Apropos Wien: verfolgt er noch die Nachrichten aus seiner Heimat Österreich? Brendel spaziert langsam nach oben und sagt, er lese natürlich das Übliche, und klar, er sei interessiert, an Österreich und der Welt, aber er möchte jetzt nicht über so etwas Herkömmliches wie Städte oder Länder plaudern. Er fühle sich einfach als Mitteleuropäer, grinst und setzt sich in der Mitte seines Arbeitszimmers auf einen Stuhl. Und wenn man ihn dort so sitzen sieht, dann bekommt man eine Ahnung, wie sich die Liebe des Alfred Brendel hin zur Schriftstellerei ausgebreitet hat. Der Raum enthält nicht ein Regal mit Büchern, sondern umgekehrt: die Bücher und Regale haben zufällig noch ein wenig Platz für den Raum gelassen. Überall, an jeder Wand, stehen und liegen Bücher, eine Literatursammlung mit Brendels gern zitierter Chaos-Theorie von Novalis: “Das Chaos muss durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern”. Nun gut.

crescendo: Herr Brendel, wie und wann haben Sie bemerkt, dass auch ein Poet in Ihnen schlummert ?

Alfred Brendel: Glauben Sie es oder nicht: das Schreiben von Gedichten kam von selber. Ohne, dass ich es geplant oder geahnt hatte.

crescendo: Aber Dichten tut man doch nicht von selbst ?

Brendel: Sie irren sich! (Alfred Brendel rollt das “r” wie Marcel Reich-Ranicki). Es kam mir auf einem Flug nach Japan. Es war dunkel, die Passagiere im Flieger schliefen friedlich, ich nahm mir einen Zettel und machte ein paar Notizen. Als ich es noch einmal ansah, war ich überrascht. Ich kann sogar sagen, dass ich mich noch heute von meinen Gedichten überraschen lasse!

crescendo: Sie schreiben noch immer mit der Hand?

Alfred Brendel daheim; (c) Bob CoatBrendel: Jaja. Gedichte schreibe ich mit der Hand, ich habe aber auch noch eine sehr alte Schreibmaschine, auf der ich etwas zu Papier bringe.

crescendo: Es ist nicht leicht, mit der Hand zu schreiben, man muss beim Korrigieren viel durchstreichen und drübermalen …

Brendel: Ja, aber das macht es doch erst interessant!

crescendo: Darf man Ihnen während des Schreibens über die Schulter schauen? Schriftsteller sind da ja sehr eigen …

Brendel: Naja, während etwas entsteht, natürlich nicht.

crescendo: Und danach?

Brendel: Wann?

crescendo: Wenn es fertig ist, das Manuskript, zeigen Sie es jemandem zum Gegenlesen?

Brendel: Es gibt nicht sehr viele Menschen, die meine Manuskripte zu Gesicht bekommen.

crescendo: Und? Wie viel davon landet im Papierkorb?

Brendel: (lacht) Eine ganze Menge.

crescendo: Sie wohnen seit 1978 bereits in England. In welcher Sprache schreiben Sie bevorzugt? Welche Sprache liegt Ihnen mehr beim Schreiben?

Brendel: Meine Muttersprache ist natürlich deutsch. Deshalb schreibe ich eher auf deutsch und übersetze dann ins Englische. Aber die englische Sprache hat sicher ihre Vorteile, vor allem, wenn es humoristisch wird.

crescendo: Sie haben ja bereits ein paar Bücher mit Essays und Gesprächen herausgegeben. Was erwartet den Leser in Ihrem neuen literarischen Werk?

Brendel: Zum Beispiel sind im Buch ein paar Interviews, die ich gegeben habe und die ich inzwischen zu meiner eigenen Literatursammlung zähle. Dazu gibt es noch ein Interview mit mir selbst, ein Gespräch mit Martin Meyer (dem Feuilleton-Chef der NZZ), es geht um meine Bibliothek und auch über Isaiah Berlin.

Brendel wendet seinen Körper zur Rechten, zeigt hinein in das organisierte Chaos des überfüllten Bücherschranks. Wenn man sich Mühe gibt, sieht man ein Foto von Isaiah Berlin, dem angesehenen britisch-russischen Philosophen. Brendel und Berlin waren gute Freunde, luden sich gegenseitig in ihre Häuser und bereisten die Welt. Als Berlin im Jahr 1997 verstarb, veröffentlichte Brendel in der Neuen Züricher Zeitung einen sehr intimen und elegant geschriebenen Rückblick auf das Leben Berlins und ihre gemeinsamen Erlebnisse. Auch dieser Text ist in Brendels Buch “Nach dem Schlussakkord” enthalten.

Brendel: Am Ende gibt es noch einen Aufsatz von Peter Hamm. Im ganzen gewinnt man durch das Buch einen Eindruck über mich und meine Person. Das ist insofern nützlich, da ich ja nie eine Autobiographie schreiben werde.

crescendo: Biographien sind manchmal gefährlich, weil die Menschen immer Zusammenhänge und Gründe für das Schaffen des Künstlers herzustellen versuchen. Ihnen lag aber doch immer am Herzen, zwischen Person und künstlerischem Schaffen zu unterscheiden?

Brendel: Davon bin ich noch immer überzeugt. In den meisten Fällen geht man in die Irre, wenn man aus biographischen Details schließen will, was im Werk des Künstlers passiert. Schauen Sie sich Beethoven an, mit seiner unglaublichen Unordnung, in der er lebte und dann schauen Sie sich die Ordnung und die architektonische Festigkeit seiner Kompositionen an - das genaue Gegenteil. Für mich ist Shakespeare der Idealfall, abgesehen davon, dass Shakespeare für mich auch der größte literarische Idealfall ist. Über Shakespeare weiß man - Gott sei Dank - sehr wenig, man mischt also nicht immer das Biographische in die Stücke hinein, man versucht sogar - umgekehrt - aus den Stücken etwas Biographisches herauszulesen.

crescendo: Wieviel Tiefe ist Ihnen wichtig in Ihrem Buch? Welches Ziel wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Brendel: Ich hoffe auf Leser, die einen Sinn für das Komische und das Absurde haben. Ich hoffe auf Verständnis von Leuten, die ich schätze.

crescendo: Sie haben Großartiges geleistet, im vergangenen Jahr erhielten Sie den Praemium Imperiale, eine Art Nobelpreis der Künste. Worin liegt die Motivation, noch ein Buch zu schreiben …

Brendel: Es ist einfach das große Vergnügen, mit der Sprache umzugehen. Die Liebe zum Buch und zur Schriftstellerei ist schon irgendwo in mir gewesen. Wissen Sie, in meiner Jugend hatte man kein Fernsehen, kein Radio, aber es gab eine Leihbücherei und dort hat man sich Bücher ausgeliehen. Ich habe sehr viel gelesen, in meiner Jugend.

Alfred Brendel ist die große Ausnahme unter den lebenden Pianisten. Er genoss keine herkömmliche, an Konservatorien geschmiedete Ausbildung am Klavier. Er bekam ein paar Stunden Privatunterricht, aber während des Krieges war seine Familie ständig an anderen Orten zu Hause. Im Alter von 17 Jahren gibt er schließlich sein erstes Recital in Graz. Er sagt von sich, er habe große Geduld in seiner Karriere gehabt. Als er 20 war, wollte er nicht schon im Alter von 25 Jahren, sondern mit 50 ein guter Pianist sein.

Apropos Pianisten: Neben seinen literarischen Ausflügen kümmert sich Brendel um ein paar junge Pianisten, denen er in Zukunft sehr viel zutraut. Einer seiner Lieblingsschüler ist Kit Armstrong, der bereits als “Wunderkind” Interviews geben musste. Auch Brendel hatte den heute 17-Jährigen beim Musikfestival in Bozen 2008 als “die vielleicht größte musikalische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin” bezeichnet. Er steht noch heute dazu, ist fasziniert von den mathematischen Fähigkeiten des Amerikaners.

Brendel hatte die Fragen zum Interview vorab per E-Mail erbeten. Als die Liste fertig und abgearbeitet ist, sieht er einen mit dem unvergleichlich verschmitzten Brendel-Lächeln an und möchte nun an seinem Buch weiterarbeiten. Halt, eines ist ihm noch wichtig: er ist ein Mensch des Gehörs, als Pianist verzauberte er sein Publikum in erster Linie über das Ohr. Das sei nun auch bei seinen Gedichten wünschenswert, er liest sie schließlich auch selbst vor, sei es bei Lesungen oder Vorträgen oder - ganz modern - in Form eines Hörbuchs. Es gebe inzwischen sämtliche Gedichte auf CD. Dass diese Aufnahmen wahrgenommen würden, sei ihm wichtig.

Wir spazieren wieder hinunter, machen noch ein paar Fotos im Salon, verlieren ein paar Worte über das ein oder andere Kunstwerk an der Wand und dann ist es auch schon wieder vorbei. Zurück bleibt ein Besuch bei einem Mann, dessen Wissen größer ist als der vor dem Haus im Nebel verschwindende Park. Man denkt: Hampstead bei Nacht, was für eine Pracht. (Nicht in jedem steckt ein großer Dichter).

Buch-Cover: “Nach dem Schlußakkord”, (c) Hanser VerlagBrendels Buch “Nach dem Schlußakkord” erscheint im März 2010 im Carl Hanser Verlag, München.

Hörprobe: Alfred Brendel liest aus seinem Buch “Spiegelbild und schwarzer Spuk” Volume 2 die hörenswerte Geschichte Selbstheirat 

(erschienen bei MDG 801 1596-2 (Bestellnr. für den CD-Handel) ISBN 978-3-941311-65-7 (Bestellnr. für den Buchhandel) )

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