Deutsche Geschichte in Musik
Zwei Neue Bücher über die Berliner Philharmoniker erzählen von Bismarck, Hitler und Angela Merkel.
Pünktlich zum 125. Jubiläum kümmern sich die Berliner Philharmoniker um ihre Historie. Und dabei verschließen sie die Augen auch nicht mehr vor der dunklen Vergangenheit – besonders ihrer eigenen Stellung im Nationalsozialismus.
Ein Rückblick von Valery Voigt.
Laut schallt der Jubel, von Sternstunden unter legendären Dirigenten wie Hans von Bülow, Arthur Nikisch, Herbert von Karajan und von aktuellen musikalischen Höhenflügen des Orchesters unter dem amtierenden Chefdirigenten Sir Simon Rattle – aber zum 125. Jubiläum wird auch die dunkle Geschichte thematisiert.
Ein Befreiungsschlag hatte zur Gründung des Orchesters geführt. 1882 kündigten 54 Musiker ihrem Orchesterchef Benjamin Bilse. Sie hatten es satt, schlecht bezahlt in seiner Kapelle zu spielen, im Konzerthaus in der Leipziger Straße, wo zur “Musike” Weißbier ausgeschenkt wurde, die Frauen ihre Strickstrümpfe hervorkramten und in den Pausen auch schon mal Ehen arrangiert wurden. Während das Berliner Musikleben spätbiedermeierlich vor sich hinwelkte und die Berliner gern bei Gassenhauern entspannten, bot Bilses Band Qualität: einen erfolgreichen Mix aus Volkskonzert, Biergartenseligkeit und seriösem Abonnement-Konzert: “Die Banalität hörte auf, sobald der Meister den Taktstock erhob. Durch den befrackten Kapellmeister, der sogar den Bogenstrich seiner Geiger exakt regelte, haben wir Haydn, Mozart, Gluck, Beethoven, Schubert, Wagner und Brahms kennengelernt”, schwärmte Gerhart Hauptmann, in seiner Jugend oft zu Gast bei Bilse. Doch als der seinen Leuten, anlässlich einer Warschau-Tournee, nur Bahntickets vierter Klasse spendierte, stiegen 54 Musiker wütend aus und machten sich als “Vormals Bilse’sche Kapelle” selbständig.
Sie wählten einen dreiköpfigen Orchestervorstand, verwalteten sich selbst und hielten sich nur mit Müh und Not über Wasser. Während gleichzeitig Star-Dirigent Hans von Bülow mit seiner Meininger Hofkapelle bei Gastkonzerten die müde Berliner Musikszene auf Trab brachte. Unter seiner Leitung spielte Johannes Brahms sein zweites Klavierkonzert, tauschte anschließend fürs Erste mit von Bülow den Platz. 7000 Menschen jubelten dem Maestro zu. Sensationserfolg für ein Provinz-Orchester. Und Schluss mit Biedermeier-Lethargie in Berlin. Von solchem Triumph träumte Bilses abtrünnige Truppe nur – bis der umtriebige Konzertagent Hermann Wolff die Organisation übernahm. Er taufte das Ensemble “Berliner Philharmonisches Orchester” und verschaffte den Musikern einen Spielplatz: die umgebaute Rollschuhbahn in der Bernburger Straße wurde die erste “Philharmonie”. Wolff organisierte Abonnementkonzerte und holte die berühmtesten Dirigenten.
Endlich, 1887, kam von Bülow als Chef. Gründerboom und der auf Hochtouren laufende Kapitalismus hatten Berlin in eine pulsierende Metropole verwandelt. Bei den Abonnenten war große Musik gefragt: Beethoven, Wagner. Und der Maestro legte los, verband Gefühl mit Verstand, romantisches Sentiment mit preußischer Disziplin. Er formte die Berliner Philharmoniker mit eiserner Disziplin zum Eliteorchester. Zwar war sein Auftreten gewöhnungsbedürftig: “Solche excentrischen Gesten, solch’ ein in sich Versinken und mit gehobenen Händen Emporschnellen, solch ein dramatische Mienenspiel”, nörgelte ein Journalist. Das Publikum aber vergötterte den kleinen Mann, der elegant gekleidet, in weißen Glacéhandschuhen sein Orchester zu Höchstleistungen trieb. Nietzsche bewunderte ihn, Franz Liszt wurde sein Freund, Richard Wagner hatte ihn zu seinem Kapellmeister erkoren – und verraten: Der Komponist spannte dem Maestro seine Frau Cosima aus. Eine Niederlage, die von Bülow nie verwunden hat. Außerdem kämpfte er gegen Neuralgie-Anfälle und Kopfschmerzen. Er war genial, herrisch, nervös, outete sich mal lautstark als Nationalist, mal als Antisemit, obwohl er mit vielen Juden befreundet war. Er titulierte Anton Bruckner als “Halbgenie und Trottel”, brüskierte Gustav Mahler und hielt Bismarck die Treue. Als der 1890 vom Kaiser entlassen wurde, verkündete der Dirigent vom Pult: “Wir widmen die “Eroica” dem Bruder Beethovens, dem Beethoven der deutschen Politik, dem Fürsten Bismarck! Fürst Bismarck – hoch”. Zum letzten Mal dirigierte von Bülow die Berliner Philharmoniker am 10. April 1893: Noch einmal Beethoven. Wenige Monate später starb er in Kairo.
Berühmte Komponisten haben mit den Berliner Philharmonikern gearbeitet: Brahms und Tschaikowsky, Richard Strauss und Edvard Grieg, Camille Saint-Saëns, Gustav Mahler, Hans Pfitzner und Igor Strawinsky, Pierre Boulez und Hans Werner Henze. Seit dem Tod von Hans von Bülow aber hatte das berühmte Orchester nur sechs Chefdirigenten.
Der Ungar Arthur Nikisch war ein Poet am Pult. Er spielte leidenschaftlich Poker, verzockte manchen Abend und führte die Berliner Philharmoniker zu europäischem Ruhm: “Geradezu unheimlich waren seine gewaltigen Crescendi; wo andere mit beiden Armen turnen mussten, hob Nikisch die linke Hand langsam hoch, und das Orchester brauste wie ein Meer auf”, schwärmte Kollege Erich Kleiber. Unter Nikisch nahmen die Philharmoniker 1913 ihre erste Schallplatte auf. Unter Wilhelm Furtwängler, der Interpretation als einen Akt der musikalischen Neuschöpfung begriff, erlangte das Orchester Weltgeltung. Mit dem Rumänen Sergiu Celibidache schlossen die Musiker eine Notgemeinschaft. Als Global Player etablierten sie sich in der Ära Herbert von Karajans, dem “Genius des Wirtschaftswunders” (Adorno), der gern mit geschlossenen Augen dirigierte. Der Technikfreak pflegte seidigen Schönklang, Superlegato und makellose Perfektion. Er holte die Berliner zu den Salzburger Osterfestspielen, machte sie zu Plattenstars, feilte manisch an seiner eigenen Legende und versuchte – ohne Erfolg – die Selbstverwaltung des Orchesters auszuhebeln, als er 1982 die Klarinettistin Sabine Meyer gegen den Willen der Musiker durchsetzen wollte. Missklänge zum Abschied. Nach 34 Jahren Karajan stand Claudio Abbado für Neuordnung: “Ich bin Claudio”, begrüßte er die Musiker, verzichtete auf Glamour und Omnipotenz, verjüngte das Orchester und führte Themenzyklen ein – von Prometheus über Hölderlin, Faust und Shakespeare bis zu Liebe und Tod. Seit 2002 führt Sir Simon Rattle – gerade mit dem “Echo Klassik” für das Brahms-”Requiem” ausgezeichnet – die Berliner Philharmoniker und versucht, mit seinem “Education”-Projekt ein junges Publikum an das Orchester zu binden.
Stolz sind die Berliner Philharmoniker auf ihre Unabhängigkeit und Selbstverwaltung. Was sie nie daran hinderte, auch staatstragende Ereignisse musikalisch zu schmücken. Ehrensache, dass das renommierte Orchester bei Kaisers Geburtstagen und Tod (1888) oder anlässlich von Moltkes Tod (1891) spielte. Oder zugunsten der durch den Aufstand in Südwest-Afrika Geschädigten (1904). Oder seit 1914 bei vaterländischen Konzerten. An die Nazis aber verkauften die Berliner Philharmoniker ihre Unabhängigkeit, wie der kanadische Historiker Misha Aster in seinem Buch “Das Reichsorchester” nach akribischem Quellenstudium nachweist. Die engen Beziehungen zwischen Musik und Politik begannen als finan-zielle Rettungsaktion. 1933 stand das Orchester kurz vor dem Bankrott. Chefdirigent Wilhelm Furtwängler bat Reichspropagandaminister Joseph Goebbels um Hilfe. Der stellte sofort Überbrückungsgelder zur Verfügung. Zwei Wochen später dirigierte Furtwängler zur Eröffnung der Reichskulturkammer Beethovens Egmont-Ouvertüre.
Der Bund zwischen Kunst und Macht war besiegelt. 1934 wurde die Reichsmusikkammer gegründet, mit Richard Strauss als Präsident und Furtwängler, dem “begnadeten Sinngeber”, als Stellvertreter. Doch Furtwängler blieb eigensinnig. Als die Nazis im selben Jahr die Uraufführung von Paul Hindemiths “entarteter” Oper “Mathis der Maler” verboten, rebellierte er gegen den Eingriff in die künstlerische Freiheit und musste seine Ämter abgeben. Knapp fünf Monate später aber stand er schon wieder, wenn auch offiziell amtlos, vor seinem Orchester. Und Goebbels konnte 1936 in seinem Tagebuch vermerken: “Vernünftig und klug. Er hat viel gelernt und ist ganz bei uns”.
Während die vier jüdischen Kollegen bis 1935 Orchester und Deutschland verliessen, spielten ihre “arischen” Kollegen bei Reichsparteitagen in Nürnberg, bei den Olympischen Spielen und zu Hitlers Geburtstagen. Dabei waren vermutlich nur 20 der rund 100 Musiker in der Partei. Bei den Wiener Philharmonikern waren es 40 Prozent. Die Kooperation mit den Nazis trug dem Dirigenten von Kriegsende bis 1947 ein Auftrittsverbot der Alliierten ein. Die Berliner Philharmoniker aber spielten direkt nach Kriegsende wieder – Felix Mendelssohn-Bartholdys “Sommernachtstraum”, den die Nazis verboten hatten.
Neue Bücher über die Philharmoniker:
“Variationen mit Orchester. 125 Jahre Berliner Philharmoniker”, Hrsg. Stiftung Berliner Philharmoniker, ist im Henschel Verlag erschienen (39,90 Euro) und beim Siedler Verlag “Das Reichsorchester. Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus” von Misha Aster (21,95 Euro).









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