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Die Entdeckung der Langsamkeit

5. August 2009

Eine Frau geht freiwillig mit ihrem verurteilten Geliebten in den Tod – da denkt der Opernfreund an Verdis “Aida”.

Von Georg Rudiger 

Das letzte Duett der Sterbenden kann man dabei so spektakulär inszenieren wie bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen, wenn ihre Barke, von einem Kran gezogen, in den Nachthimmel schwebt. Auch bei Händels Oratorium “Theodora”, mit dem die 89. Salzburger Festspiele eröffneten, entscheidet sich die eigentlich schon gerettete Frau aus Liebe für den gemeinsamen Tod. In Christof Loys Inszenierung drehen Christine Schäfer und Bejun Mehta für ihre letzten, ergreifend gesungenen Worte die Stühle und sitzen mit dem Rücken zum Publikum. So einfach kann Sterben sein. Und so berührend.

Wer aus dem Blitzlichtgewitter vor dem großen Festspielhaus in diese “Theodora” gelangt, der muss sich erst orientierten. Keine Farben, kein Tempo, kein Glamour, sondern schwarze Anzüge, Standbilder und szenische Andeutungen statt Reizüberflutung. Der Regisseur möchte sich “einer szenischen Erzählform weitgehend verweigern”, wie er im Programmheft erklärt. Die Legende um die christliche Märtyrerin Theodora, die sich im 4. Jahrhundert im von den Römern besetzten Antiochien (Syrien) dem heidnischen Götzendienst widersetzte und dafür mit dem Leben bezahlte, wird von Loy als inneres Drama erzählt. Eine riesige Orgel, die vor der Gerichtsszene des dritten Aktes mit Händels eingeschobenem Konzert op. 7 Nr. 5 auch musikalisch legitimiert wird (Orgelpositiv: James McVinnie), deutet einen Kirchenraum an, ein Leuchter hängt von der Decke, einige Stühle stehen verstreut herum – konkreter wird das Regieteam (Bühne: Annette Kurz, Kostüme: Ursula Renzenbrink) nicht. In die vielen szenischen Freiräume tritt Händels Musik. Wie bei einer konzertanten Aufführung bleibt das Saallicht lange gedimmt, der Orchestergraben ist relativ weit hochgefahren. Hier sitzt das Freiburger Barockorchester, das am Ende vom Publikum mit Fußgetrampel gefeiert wird, und nimmt den Zuhörer bei der Hand. Dirigent Ivor Bolton schielt nicht nach dem Effekt. Den vielen innigen Momenten lässt Bolton die Ruhe, seine Tempi sind bis auf wenige, höchst dramatische Ausnahmen gemäßigt bis langsam. Aber gerade im Lyrischen entfaltet diese “Theodora” ihre berückende musikalische Ausstrahlung. Wenn die von Anne Katharina Schreiber angeführten Streicher dem überragenden Countertenor Bejun Mehta in der Rolle des zum Christen gewordenen römischen Offiziers Didymus jedes Pianissimo ermöglichen, wenn das Ensemble bei Theodoras Arie “Angels, ever bright and fair” im ersten Akt die von Christine Schäfer zerbrechlich gesungenen Vorhalte nachklingen lässt, dann bleibt die Zeit stehen im großen Festspielhaus.

Auch Regisseur Christof Loy entdeckt die Langsamkeit. Die Akteure bewegen sich häufig in Zeitlupe über die Bühne. Immer wieder werden einzelne Bilder eingefroren. Im langen ersten Akt ist seine Inszenierung dabei zu spannungsarm. Zu wenig unterscheidet Loy die unterschiedlichen Welten der Heiden und Christen, zu häufig wiederholen sich Gesten, zu willkürlich erscheinen die bewusst stilisierten Bewegungen der Choristen. Aber es entstehen auch dichtere Momente, wenn der römische Choleriker Valens (immer bedrohlich: Johannes Martin Kränzle) plötzlich seine souveräne Haltung verliert oder Didymus vom Volk gemobbt wird. Je länger der Abend andauert, je intimer die Szenen werden, desto mehr verdichtet sich auch die Regie. Schamhaft stehen Didymus und Theodora im Gefängnis Rücken an Rücken, wenn sie die Kleider tauschen. Am Ende lässt die Christin im Gerichtsaal mehr Nähe zu. Ein vorsichtiger, inniger Kuss – mehr braucht der Regisseur nicht, um diese zarte, starke Liebe zu zeigen.

Es liegt auch an den Solisten, dass der Abend immer intensiver wird. Bejun Mehta beweist in Salzburg erneut, dass er zu den besten Countertenören gehört. Sinnlich, farbig und ungemein modulationsfähig ist seine Stimme. Auch wenn er am Ende im roten Kleid Theodoras erscheint, wirkt nichts lächerlich. Dafür ist die Ausstrahlung des Amerikaners zu groß, dafür ist seine Darstellung zu anrührend. Christine Schäfer überzeugt mit ihrer aufwühlenden Interpretation der Theodora einmal mehr als Sängerschauspielerin, wobei ihr vielschichtiger Sopran wie bei der Arie ” With Darkness, deep” gelegentlich zu matt erscheint. Bernada Fink ist eine würdevolle, tiefgründige Irene, Joseph Kaiser singt die anspruchsvolle Partie des Septimius mit zwar leuchtkräftigem, aber zu wenig geschmeidigem Tenor. Beim vom Freiburger Barockorchester mit sanften Streicherwellen eingeleiteten Schlusschor “O Lord Divine” berührt der großartige Salzburger Bachchor (Leitung: Alois Glaßner) ein letztes Mal mit seinem warmen, gut ausbalanciertem Klang. Der umjubelte Abend endet im Gebet.

Weitere Vorstellungen: 6., 9., 16., 21. und 28. August, jeweils 18.30 Uhr. Karten unter www.salzburgerfestspiele.at oder tel. unter 0043 662 8045 500.

Ein Kommentar zu “Die Entdeckung der Langsamkeit”

grazi

9. August 2009 um 18:07 Uhr

toll verfasste Kritik, alles sehr nachvollziehbar! Danke!

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