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“Die persönlichste, intimste Art zu spielen”

17. März 2010
Fauré Quartett; (c) Mat Hennek

Fauré Quartett; Foto: Mat Hennek

Das Fauré Quartett gehört zu den besten Kammermusik-Ensembles. Wir haben die vier Musiker im Rahmen eines Konzertabends in Stuttgart begleitet.

Von Antoinette Schmelter de Escobar

Donnerstag, 16 Uhr, Schwabenländle. Noch herrscht gähnende Leere in der Stuttgarter Liederhalle, einem verwinkelten 50er Jahre Kultur-Komplex im Herzen der Schwaben-Metropole. Auf dem Weg zum Mozart-Saal treffe ich zufällig zwei Neuankömmlinge mit kleinen Rollkoffern. Sie entpuppen sich als eine Hälfte des Fauré Quartetts. Dirk Mommertz und Konstantin Heidrich.
Die andere Hälfte, Erika Geldsetzer und Sascha Frömbling, ist bereits im Saal. Mommertz und Heidrich nehmen mich in ihre Mitte. Was für ein Entrée.

Als wir die anderen beiden treffen, plaudern wir ein Viertelstündchen, wo und wie das Quartett den Vormittag getrennt voneinander verbracht hat. Sie stimmen ihre Instrumente, positionieren Hocker und Notenständer im Scheinwerferlicht, checken den SMS-Eingang auf ihren Handys. Dann konzentrieren sich alle akribisch auf’s Einspielen: Erika Geldsetzer, die Violinistin mit hochgesteckten, langen Haaren trägt Jeans, weiße Bluse und lila Stiefel. Und an Flügel, Viola und Cello üben die Herren. Drei ähnlich große, schlanke Männer mit graumelierter Kurzhaarfrisur sowie Brille, die zu schwarzen T-Shirts und Schuhen ebenfalls Jeans tragen.

Keiner der vier hat eine Führungsrolle in diesem Team. Jeder ist gleichberechtigter Partner des Ensembles. Egal ob es bei Brahms’ Klavierquartett op. 26 um Tempo, Betonung oder Technik geht, geben alle abwechselnd ihre Meinung kund und setzen sich nacheinander auf einen der 752 Plätze im Saal, um die akustischen Verhältnisse zu testen. Gibt es bei diesem gruppendynamischen Feintuning etwas auszusetzen, fällt das immer präzise-anschaulich mit vorgesungenen Passagen oder Lautmalerei und oft witzig-frotzelnd aus – Zeichen für die über 15 Jahre hinweg gewachsene Vertrautheit der vielfach preisgekrönten Kammermusiker, die sie dann auch im Interview kurz vor dem Konzert zum Ausdruck bringen.

crescendo: Wenn man Ihre Biographien liest, fragt man sich, wie Sie bei all Ihren Verpflichtungen als Solisten, mit Orchestern oder als Lehrer überhaupt Zeit füreinander finden.

Konstantin Heidrich: Der Eindruck trügt. Das Fauré Quartett ist schon die Hauptsache.

Erika Geldsetzer: 70 Prozent, mindestens.

Sascha Frömbling: Früher war das vielleicht anders. Aber der Fokus kam immer mehr aufs Quartett. Damit sind wir wahrscheinlich das einzige Ensemble dieser Gattung, das so ausschließlich arbeitet.

Dirk Mommertz: Was aber nicht heißt, dass nicht auch Raum für solistische Tätigkeiten oder Unterricht frei geräumt wird, damit die Arbeit nicht zu eingleisig wird.

crescendo: Haben Sie sich eigentlich gesucht? Oder zufällig gefunden?

Dirk Mommertz: Bis auf Erika haben wir uns alle ungefähr im gleichen Semester im Studium in Karlsruhe aus der Lust auf Kammermusik gefunden …

Konstantin Heidrich: … und weil es gleich in der ersten Probe zwischen uns gefunkt und so viel Spaß gemacht hat.

Sascha Frömbling: Dann hat es aber noch ungefähr fünf Jahre gedauert, bis wir die Entscheidung getroffen haben, das professionell zu machen.

Erika Geldsetzer: Es gibt durchaus Leute, die schon auf der Schule oder im Studium beschließen, ein Streichquartett zu gründen. Doch so etwas ist meist nicht von Dauer. Für uns war es ein Luxus, fünf Jahre zwanglos an einem Ort proben und so eine wunderbare Basis schaffen zu können. Dass sich das gelohnt hat, haben die ersten Wettbewerbe gezeigt.

Dirk Mommertz: Nach fünf Jahren kam interessanterweise die erste Hürde, weil wir uns an verschiedene Studienorte zerstreut hatten – London, Paris, Berlin und Köln. Nachdem wir das ein Jahr durchgehalten haben, war ein wichtiger Prüfstein überwunden.

crescendo: Wo wohnen Sie jetzt?

Sascha Frömbling: Drei von uns in Berlin, Dirk in Essen.

crescendo: Gehen Sie vor neuen Projekten zusammen in Klausur?

Sascha Frömbling: Jein. Es gibt reine Arbeitstreffen, aber wir proben auch konstant vor den Konzerten.

Konstantin Heidrich: Im Konzert nehmen wir uns immer selbst auf, um ein Feedback zu haben. Das hört jeder ab, um später darüber zu diskutieren und so Verbesserungen zu erreichen.

crescendo: Worin besteht denn nun wirklich der Reiz an einem so kleinen Ensemble?

Dirk Mommertz: Das ist die persönlichste, intimste und direkteste Art, zu spielen. Diesen Kontakt zum musikalischen Partner gibt es weder zwischen Solist und Orchester noch unter Orchestermusikern.

crescendo: Hört sich spannend, aber auch anstrengend an.

Sascha Frömbling: Das ist es! Wir proben sehr demokratisch, das heißt jeder greift den anderen an, mischt sich ein. Das muss man erst Mal wegstecken. Andererseits kann man persönlich mehr umsetzen als im Orchester.

Dirk Mommertz: Die Belastung ist auch aus anderen Gründen sehr groß, denn wir sind ständig unterwegs.

crescendo: Wie oft reisen Sie?

Sascha Frömbling: Im Jahr geben wir rund 70 Konzerte.

Konstantin Heidrich: Dazu kommen die Reisetage, Proben, CD-Aufnahmen und Meisterkurse.

crescendo: Bei so viel gemeinsam verbrachter Zeit – da fühlen Sie sich nach 15 Jahren bestimmt schon wie in altes Ehepaar …

Sascha Frömbling: Es geht auf und ab, wie in jeder Beziehung. Wir wissen alle, was wir an uns haben und riskieren, wenn das Quartett außer Kontrolle geraten würde.

Erika Geldsetzer: Letzten Endes hat man ein gemeinsames Ziel: die Musik. Auf die als oberstes Gebot sollte alles abzielen.

Konstantin Heidrich: Ich finde diesen Celibidache-Spruch so schön: “In der Probe darf man ganz viel Nein sagen. Aber das Konzert ist ein einziges Ja!”

Fauré Quartett; (c) Mat Hennek

Fauré Quartett; Foto: Mat Hennek

crescendo: Sie haben mehrfach Ihre demokratische Arbeitsweise betont. Haben Sie dafür Spielregeln festgelegt?

Sascha Frömbling: Das nicht, aber pragmatische Verhaltensmuster haben sich schon ausgeprägt. Wenn wir nicht weiterkommen, wird beispielsweise abgestimmt.

Erika Geldsetzer: Oder wir schlafen über Dinge und vertagen sie, was uns das Alban Berg Quartett beigebracht hat.

crescendo: Und wie wählen Sie aus, was gespielt wird?

Erika Geldsetzer: Auch das besprechen wir zwei Jahre im Voraus gemeinsam und basteln dann verschiedene Programmvorschläge, aus denen die Veranstalter aussuchen.

Sascha Frömbling: Mit circa 500 Stücken gibt es einen enormen Fundus, gerade weil selbst die Klavierquartette der großen Komponisten nicht so bekannt sind – egal ob Brahms, Richard Strauss oder Mendelssohn.

Dirk Mommertz: Das aktuelle Mendelssohn-Projekt ist ein bisschen anders, weil wir das mit Literatur verbinden und Sascha dafür einen sehr detaillierten Text geschrieben hat, den ein Schauspieler auf der Bühne liest und der auch Bestandteil des Booklets der neuen CD ist. In dem geht es darum, dass das Wunderkind Mendelssohn zwischen 12 und 15 Jahren vier Klavierquartette geschrieben und Goethe vorgestellt hat. Dass er dazu in diesem Alter fähig war, ist unvorstellbar.

crescendo: Sie haben aber auch schon “Popsongs” eingespielt. Waren die eine Spielerei?

Sascha Frömbling: Damit haben wir uns über zwei Jahre hinweg genauso intensiv beschäftigt wie mit anderen Projekten, hatten sechs Komponisten und einen Produzenten, haben im Vorfeld 200 Songs auf ihre Arrangierbarkeit hin getestet, von denen es 15 geschafft haben.

crescendo: Denken Sie an eine Fortsetzung?

Dirk Mommertz: Das wird nicht unser letzter Exkurs sein, in welche Richtung auch immer.

Wie breit das Repertoire des Fauré Quartetts gefächert ist, macht beim Stuttgarter Konzert zwar nur eine “Popsong”-Kostprobe als Zugabe nach Brahms und Schumann klar. Bei der Fortsetzung des Interviews in einem italienischen Restaurant bringen die vier aber auch zum Ausdruck, dass sie zusätzlich genauso viel Spaß an Neuer Musik wie an Nachwuchsförderung haben, wenn sie für “Rhapsody in School” vor Kindern spielen, die zu ihrer Freude “Keinerlei Berührungsängste haben, absolut offen und begeistert sind”. Obwohl die Stimmung bei Salat, Pasta und Prosecco deutlich lockerer wird, bleibt eines bis zum Schluss spürbar: eine Kombination aus absoluter Hingabe an die Musik und “gesunder Hartnäckigkeit”, mit der das Quartett unbeirrbar seinen Weg gegangen ist. Und mit der Deutschen Grammophon vor fünf Jahren ein großes Label für sich gewinnen konnte – obwohl es bei einem so “speziellen Segment” wie der Kammermusik dafür “wirtschaftlich gesehen überhaupt keinen Grund gibt und keiner daran geglaubt hat”, wie Sascha Frömbling anmerkt.

Entsprechend optimistisch blickt das Quartett in eine gemeinsame Zukunft, bei der es laut Erika Geldsetzer aber nicht um “Berühmtheit” geht, sondern “um der Musik Willen”, weiterhin an einem Strang zu ziehen. Nachdem Dirk Mommertz hinzufügt, dass “das Schöne an Kammermusik ist, dass alles zäher, dadurch aber auch zuverlässiger und langfristiger ist,” löst sich die Runde langsam auf: Erika Geldsetzer geht als erste nach ihrem letzten, inbrünstigen Statement “Für mich könnte es immer so weiter gehen!” Konstantin Heidrich tritt kurz darauf “ein bisschen müde, aber auch glücklich” mit Rucksack und seinem ein wenig abgestoßenen, weißen Cello-Kasten den Weg ins Hotel an. Sascha Frömbling und Dirk Mommertz reden noch bis nach Mitternacht mit Freunden sowie ehemaligen Schülern, die extra zum Konzert gekommen sind. Dann verabschieden auch sie sich – für heute zwar mit sich im Reinen, aus Prinzip aber “nie ganz zufrieden. Denn wenn man denkt, man sei fertig, dann ist es aus.”

CD Fauré Quartett: Mendelssohn Klavierquartette Nr. 2 und 3; (c) DG

CD Fauré Quartett: "Mendelssohn Klavierquartette Nr. 2 und 3"; (c) DG

Gerade sind die Mendelssohn Klavierquartette Nr. 2 und 3 bei der DG erschienen.

Live ist das Fauré Quartett im April/Mai in Bremen (16.4.), Bamberg (22.4.), Herdorf (23.4.), Baden-Baden (25.4.), Mannheim (28.4.), Brühl (15./16.5.) und Berlin (17.5.) zu hören. Weitere Informationen und Termine unter www.faurequartett.de

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