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Die Quadratur des Kreises

13. September 2009

Pascal Morché; (c) privatOder: Warum Neue Musik niemals in die Gesellschaft finden wird!

Von Pascal Morché

Soviel Musik wie heute war nie. Folge: Nie hörten die Menschen soviel Musik wie heute. Ob das nun für beide Seiten von Vorteil ist, wäre durchaus mehr als eine Überlegung wert – aber hier soll es ja um ein bestimmtes Thema der Musikinflation und musikalischen Strömungen gehen; ein Thema, bei dessen Behandlung einem Nesseln grundsätzlich näher sind als Lorbeer; ein Begriff, der die Musikliebhaber spaltet: “Neue Musik”.

Oh Gott, dieser Begriff: “Neue Musik”! Er ist fragwürdig in jeder Weise, denn das Adjektiv “neu” impliziert ja bereits das Verfallsdatum des Substantivs. So stammt der Begriff “Neue Musik” denn auch nicht von einem Komponisten oder Musiker, sondern ist dem Hirn eines (Musik!)Journalisten entsprungen. Paul Bekker hieß der Mann, der 1919 einen Vortrag “neue Musik” hielt, dessen Schwerpunkt Gustav Mahler, Franz Schreker, Ferruccio Busoni und Arnold Schönberg galt. Seither gibt es also moderne Literatur und moderne Kunst, moderne Architektur und moderne Malerei. Moderne Musik aber gibt es nicht, sondern eben neue, oder auch zeitgenössische. Wobei man aber niemals neue Klänge von Rammstein, Madonna oder Lloyd-Webber als neue Musik bezeichnen würde – obwohl sie allesamt wesentlich bedeutender für das Musikverständnis einer globalisierten Menschheit sind, als jene Kompositionen, die sich unter “Neue Musik” subsumieren.

Fortschritt und Modernität, diesen Fetischismen meint der notorische Grenzüberschreiter Homo sapiens grundsätzlich huldigen zu müssen. Überwindet Tradition und Konvention! Zerschlagt Harmonik, Melodik und Tonalität! Zwölf Töne sind mehr als acht! Es muss ja schließlich weitergehen mit der Musik.
Muss es das wirklich?

Der Schriftsteller Michael Klonovsky beantwortet diese Frage in seinem Buch Der Schmerz der Schönheit – über Giacomo Puccini: “Im Grunde ist gegen den sympathisch elitären Aus- und Aufbruch so wenig einzuwenden wie gegen die zugleich stattfindende ‚Emanzipation der Dissonanz‘ (Schönberg), wäre dieser Trend nicht von intellektuellen Lautsprechern mit einer Verunglimpfung der Tonalität begleitet worden.” Dem Publikum sind die Dissonanzen, mit denen die “Neue Musik” prinzipiell meint, einhergehen zu müssen, aber eigentlich unerträglich. Das verbliebene Publikum möchte sich wissend geben und lauscht “interessiert” – wie in “Hurz”, dieser grandiosen Parodie auf Neue Musik von Hape Kerkeling. Wer sie nicht kennt: Sofort auf YouTube “hurz” anklicken! Dort sieht man sie, die “intellektuellen” Hörer.

“Neue Musik” ist ein Feigenblatt jedes Musik-Repertoire-Betriebs. Besonders chic ist es, sich einen “composer in residence” zu leisten und Uraufführungen zu stemmen. Zwar bleibt das Haus dann nach der Premiere meist halbleer, aber der Intendant kommt mit einer Uraufführung “Neuer Musik” genau dorthin, wo er hin will: Ins Feuilleton. Hurra, wir lieben Dich, schreit da der Kritiker und das Zusammenspiel funktioniert wie ein ineinander verzahntes Uhrwerk. Auch der Dirigent springt da gerne auf. Es hat nämlich durchaus PR-Effekt, wenn man “Neue Musik” dirigiert! Und es ist nun einmal viel, viel schicker über Peter Ruzickas Hölderlin-Oper im Feuilleton zu dichten, oder über Unsuk Chins “Alice in Wonderland”-Kakophonie zu lamentieren, als sich liebend einem Werk des klassisch-romantischen Repertoires zu nähern.

Allerdings sind die glühenden Anwälte “Neuer Musik” selten wirklich “große” Dirigenten: Das gilt für Pierre Boulez wie für Michael Gielen, für Ingo Metzmacher ebenso wie für Kent Nagano. Man wird in unserer öffentlichkeitswirksamen Zeit den unangenehmen Beigeschmack nie los, dass sich manch einer von ihnen hinter “neuer” Musik versteckt, dass er sich als Kapellmeister lieber metrisch durch eine “Alice in Wonderland”-Partitur oder ein, mit singender Säge und Didgeridoo angereichertes Sinfonie-Orchester schlägt, als heute “Carmen”, morgen “Figaro” und übermorgen “Tristan” zu dirigieren. Und warum? Weil es ihm dafür ganz einfach erstens an handwerklichem Können und zweitens (schlimmer noch!) an musikantischer Lust mangelt. Es gilt nämlich als Faustregel: Wer sich mit Meuer Musik beschäftigt, der ist klug und wer sich für die noch so elaborierteste Ohrenkrebsmusik “einsetzt”, der gilt als intellektuell.

Doch bevor die Nesseln nun peitschen und es Unterlassungserklärungen hagelt – denn Sektierer verstehen keinen Spaß -, blicken wir lieber in die Geschichte der “Neuen Musik” und belegen ein paar Thesen.
Die Geschichte zeigt tatsächlich eine lange Sackgasse eines verkopften Sektierertums. Und ich spreche hier nicht nur über das wichtigste Festival für “Neue Musik” in Deutschland, die Donaueschinger Musiktage. Arnold Schönberg, der mit seinen “Fünf Orchesterstücken opus 16″ eines der ersten atonalen Stücke schuf, bekannte sich mit seinem “Verein für musikalische Privataufführungen” (1918) bereits zur künstlerischen Nische.
Man wollte eben unter sich bleiben in der Welt der “Neuen Musik”. Das ist gelungen: Der Elfenbeinturm als Künstlerdomizil, die perfekte atonale Wohnstätte. Und dafür, dass der Herr Komponist nicht friert, sorgten Staat und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten als treu fürsorgende Subventionsgeber.

Ist Schönbergs opus 16 der Beginn neuer Musik, so kann man sie freilich schon viel früher hören. Beweis: Man unterlege ein noch so banales Bild mit Wagnerscher Musik und bekommt Filmmusik. Die Musik im 20. Jahrhundert ist von der fortschreitenden Technisierung, Intellektualisierung und Entseelung des Menschen geprägt. Der ästhetische und theoretische Unterbau der Musik wurde wichtiger als das zu hörende Ergebnis. Die Musik wurde buchstäblich “verkopft”, oder eleganter gesagt: “intellektualisiert”. Busonis “Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst” (1906) war von großem Einfluss auf die Entwickung der Neuen Musik. Nur hat man dieses theoretisch verquaste Gequirrle nie in Frage gestellt, wie man es bei dem, aus selbem Geist geborenen Schwachsinn des “Manifests zum Futurismus” von Filippo Tommaso Marinetti (1909) immerhin tat: “Ein Rennwagen, ein aufheulendes Auto, ist schöner als die Nike von Samothrake.” Ein kluger Komponist wie Richard Strauss zog nach der “Elektra” die kompositorische Handbremse und walzerte den “Rosenkavalier” zu seinem Bestseller. Für eine Nische wie “Neue Musik” war Strauss zu publikumssüchtig und – pardon – auch zu geldgeil.

Doch machen wir unsere Untersuchungen am Begriff “Neue Musik” an zwei Komponisten fest, die sich noch kennenlernen konnten: Puccini und Schönberg. Puccini: naiv, tonal emotional, der Vergangenheit, der Harmonie verpflichtet. Schönberg: nicht naiv, atonal, intellektuell, der Mann der Zukunft, der Disharmonie. 1924 reiste Puccini nach Florenz, um im Palazzo Pitti, in Anwesenheit jenes Mannes, der die Zwölftonmusik erfunden hatte, dessen atonales Melodram “Pierrot lunaire” zu hören. Der Schöpfer von “Tosca” und “Bohème”, damals der bekannteste Komponist der Erde, bedankte sich nach der Aufführung bei Schönberg und nannte das Stück “interessant”. Interessant – das “schrecklichste Lob”, das die Musikkritik zu vergeben habe, spottete der Publizist Sebastian Haffner einmal. Puccini äußerte sich auf jeden Fall zwiespältig über die musikalische Avantgarde. 1922 schrieb er: “Ekel machen mir die Ausgetüfteltheiten der Musik von heute.”

Der harmonisch-tonale Klang der Welt, er zerbarst in zwei Weltkriegen. Hier wurde alle musikalische Tradition unterbrochen. Gerade jene, die es geschafft hätten, die Musik einer klassisch-romantischen Tradition, gleichsam in einer Art deutschem Puccini-Verismus weiter zu entwickeln, diese Komponisten wie Korngold, Schreker, Zemlinsky, Krenek – sie waren jüdisch, deshalb per se “entartet” und wurden in die Emigration getrieben. In Amerika komponierten sie Unterhaltungs-, Revue-, und auch Filmmusik – dies aber galt den Hohepriestern der “Neuen Musik” “nach” dem Krieg nicht als wirklich “ernst” – weshalb einige der Emigranten nun nach 1945 quasi ein zweites Mal als entartet galten. Die grauenvolle (deutsche) Trennung von U- und E-Musik, sie lässt sich an der Entwicklung der “Neuen Musik” bestens belegen. Ein Leonard Bernstein oder Cole Porter hätte nie die strengen, intellektuellen Aufnahmekriterien erfüllt, wie sie nach 1945 von Foren der Neuen Musik wie den Donaueschinger Musiktagen oder dem Frankfurter Ensemble Modern gepflegt werden.

Immerhin: Vielfältig waren sie, die Musikrichtungen und Kompositionstechniken, die ab den 1950er Jahren zu hören waren. Alles wurde möglich. Aber viel davon wurde auch nur als neumusikalische Mode möglich. Aber von diesem Stil repertoiretauglich? Eher nicht. Man hört Ligetis Klangzauber “Atmosphères” und denkt: Nun, der “Rheingold”-Anfang lässt grüßen; man hört minimal music von John Adams und meint zu recht‚ da sei Bach mit seinem Praeludium 846 auch schon drauf gekommen.

Durchschnittlich 1,7 Uraufführungen Neuer Musik gab es in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren. Täglich! Nur stellt sich hier die “Neue Musik” blöderweise selbst ein Bein. Diese – der Eitelkeit von Ensembles, Dirigenten, Orchestern und Intendanten geschuldeten – Gier nach Uraufführungen führt logischerweise dazu, dass sich kein Repertoire “Neuer Musik” bildet. Hauptsache also: Eine Uraufführung!

Nein, die “Neue Musik” ist nicht angekommen in der Mitte der Gesellschaft und sie wird dort auch nicht mehr hinfinden. “Moderne Kunst hängt heute auf Vorstandsetagen großer Konzerne, Aufgeschlossenheit für Experimente gehört zum guten Ton. Geht es hingegen um (neue) Musik, dann ist sogar den an Kultur interessierten Kreisen ein eklatanter Konservatismus eigen”, beklagt Rainer Pöllmann in dem Artikel “Angekommen in der Gesellschaft? Die neue Musik in Deutschland (Magazin Nr. 8 Kulturstiftung des Bundes). “Intellektuelle, die keinerlei Berührungsängste mit provokativem Theater oder avanciertesten Werken der Bildenden Kunst haben, nehmen für sich besten Gewissens in Anspruch, “moderner Musik” nichts abgewinnen zu können”. “Wer sich”, so Pöllmann weiter “über Gerhard Richter auch nur halb so verständnislos äußerte wie es selbst bei Karlheinz Stockhausen bis heute täglich geschieht, verabschiedete sich als ernst zu nehmender Gesprächspartner aus dem kulturellen Diskurs.”
Das stimmt! Nur verkennt der Autor dabei, dass jemand, der sich heute für Anselm Kiefer oder Gerhard Richter interessiert, oft sehr gute moderne Musik auf seinen iPod geladen hat; dass er aber Bach oder Beethoven, Mozart oder Wagner absolut nicht mehr für sich und für sein Leben braucht.

Dass dies ganz einfach unendlich viel trauriger und bedenklicher ist, als das selbstverschuldete (!) Unvermögen der “Neuen Musik”, in der “Mitte der Gesellschaft” anzukommen, das wollen die Elfenbeinturmbewohner natürlich nicht wahrhaben. “Neue Musik”, so Pöllmann, “kann ungeheures Vergnügen bereiten – Unterhaltungsmusik ist sie, in der Regel, nicht. Wer diese Unterschiede verwischt, wird keinen dauerhaften Erfolg haben.”
Genau!
Und deshalb wird “Neue Musik” längst wo anders gespielt als im Konzertsaal oder auf der Opernbühne. Und man ist versucht zu sagen: Das ist richtig so und auch gerecht!

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8 Kommentare zu “Die Quadratur des Kreises”

Berthold Warnecke

13. September 2009 um 17:49 Uhr

Wie soll man einen seriösen Kommentar zu einem Text abgeben, der jeglicher seriösen Auseinandersetzung mit der “Neuen Musik” entbehrt? Ohne mit einem ausführlichen Gegenentwurf zu antworten, sollten wenigstens die übelsten Fehler korrigiert werden: Der Begriff “Neue Musik” stammt keineswegs als “quasi Erfindung” von Paul Bekker aus dem Jahr 1919! Als Bekker diesen Begriff für die Avantgarde seiner Zeit prägte, konnte der Terminus selbst schon auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken: Im Umfeld der – auch wenn’s Herrn Morché schwerfällt – Pariser Intellektuellen des 14. Jahrhunderts bildete sich bereits die hoch artifizielle Mehrstimmigkeit aus; theoretisch untermauert wurde diese von Philippe de Vitrys Traktat mit dem Titel “Ars nova” (um 1320). Im Jahr 1602 publizierte Giulio Caccini dann in Florenz seine Sammlung der “Nuove musiche” – als Geburtsstunde der Monodie, aus der in genau jener Zeit die “neue” Form Oper entstehen sollte. Die “Neue” oder “Zweite” Wiener Schule, auf deren Kontext sich Bekkers Ausführungen beziehen, sind also allenfalls als dritter Versuch innerhalb einer langen musikhistorischen Entwicklungslinie zu werten, der “Neuen” Musik ein bestimmtes Profil zu verleihen.
Auch die Frage von der “Vergänglichkeit” der Neuen Musik ließe sich sehr leicht auf zurückliegende Epochen übertragen: Wer kennt denn heute tatsächlich noch die Hundertschaften(!!!) von Komponisten, die im Schaffen Vivaldis, Händels, Bachs, Mozarts und anderer für den täglichen Bedarf an Konzert- und Opernmusik sorgten? Vergessen wurden ihre Schöpfungen meist ebenfalls nach der Uraufführung bzw. einer gewissen Anzahl von Folgeaufführungen! Kein Komponist bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts (Beethoven war vielleicht die erste Ausnahme von der Regel) schrieb bewusst Musik für die Ewigkeit, sondern fürs Tagesgeschäft!! Nicht einmal Meisterwerke wie “Figaro” oder “Don Giovanni” gingen gleich nach der Uraufführung ins Repertoire über!!
Wie gesagt, vieles ließe sich zum Thema anführen, aber dann müsste die Vorlage wenigstens halbwegs ernst zu nehmende Thesen und Inhalte vermitteln. So aber muss man den Text wohl als populistisches und anbiederndes Geschreibsel abtun – schade! Gerade die vielfältigen Bemühungen um Aufführungen “Neuer Musik” durch Ensembles, Orchester und Opernbetriebe werden damit in unangemessener, zynischer und leider vollkommen unzulänglicher Weise diffamiert. Merkwürdig genug, dass zahlreiche Uraufführungsproduktionen – anders als Pascal Morché behauptet! – mit großem Erfolg und begeistertem Publikumszuspruch gefeiert werden. Dem tatsächlich tiefer liegenden Problem, weshalb unsere Zeit nur nach Ur- und nicht mehr nach Folgeaufführungen verlangt, geht er leider mit keiner Silbe nach! Das würde halt doch eine etwas intensivere Beschäftigung mit dem Thema und den tatsächlichen Verhältnissen der Konzert- und Musiktheaterlandschaft unserer Tage erfordern.

Barbara S.

16. September 2009 um 07:47 Uhr

Auch wenn ich inhaltlich den Ausführungen Herrn Morchés nicht in vollem Umfang zustimme, so schätze ich den Beitrag aus journalistischer Sicht. Es wäre zu langweilig, würden wir uns ständig in den Armen liegen und uns zu den gleichen Meinungen bekräftigend auf den Rücken klopfen.

Teibenbacher Johann

18. September 2009 um 13:38 Uhr

Leonard Bernstein hat einmal gesagt: “Dass es nur gute und schlechte Musik gibt, das ist mir zu wenig. Vielmehr denke ich, dass es nur gutgemachte und schlechtgemachte Musik gibt…” Dies trifft sicher und gerade auch für die zeitgenössische, so genannte “neue” Musik zu. Als Komponist von solcher “neuer Musik” darf ich sagen, dass es im Musikland Österreich bei meinen Werken schon bis zu zehn Jahre dauern konnte, bis ein solch “neues Werk” von mir zur Uraufführung gelangte. Man sitzt in solch spezifischem Falle dann als Urheber im Publikum und staunt schon sehr über die Klänge, die einem dann selber sehr fern und etwas fremd erscheinen…
Nach der Uraufführung dann noch zu Folgeaufführungen zu kommen, scheitert tatsächlich oft am Mut der Konzertveranstalter, neugierige Musiker gibt es genug, und auch an neugierigem Publikum mangelt es heute nicht mehr. Durch Festivals, wie in Österreich “Wien modern” oder “Steirischer Herbst” mag sich die zeitgenössische Musik etwas selbst in die Nische gestellt haben, aber dass die neue Musik heute längst wo anders gespielt wird als im Konzertsaal oder auf der Opernbühne ist falsch. Dass die Herren Boulez, Gielen, Metzmacher und Nagano keine “großen Dirigenten” sind, erscheint mir mehr dem persönlichen Geschmack des Autors als einer gerechten Beurteilung zu entsprechen. Der als Komponist im Artikel kurz und einseitig erwähnte Leonard Bernstein hat zahlreiche Uraufführungen und Aufführungen von zeitgenössischer Musik dirigiert und auch viele Aufnahmen von dieser Musik gemacht, und selbst Herbert von Karajan hat Henzes “Antifone” mit den Berliner Philharmonikern uraufgeführt, kein leichter Brocken für ein Abonnementpublikum. Hat das die dirigentischen Fähigkeiten von Bernstein und Karajan gemindert? Das glaube ich kaum. Denn die Auseinandersetzung mit “moderner” Musik lässt einen auch viele neue Dinge in “älteren Werken” erkennen. Und dies gilt für die Dirigenten, die Musiker UND das Publikum.
Boulez sagte einmal, dass zeitgenössische Musik sich nur dann wirklich entfalten kann, wenn sie erstklassig aufgeführt wird. Damit hat Boulez recht und trifft sich mit Leonard Bernstein mit dem er ansonsten nicht allzuviel gemein zu haben scheint.
Nach Wagner, Debussy, Strawinsky, Schönberg und die zweite Wiener Schule und dem Schock des ersten und der Völkervernichtung des zweiten Weltkrieges waren viele Komponisten mehr oder weniger gezwungen eine neue, eine andere Sprache zu finden, weil sie sich selbst suchen und selbst wiederfinden mussten. Heute ist Konzert- und Opernmusik oft auch wieder konsonanter und emotionaler, vielleicht “nachvollziehbarer” für das Publikum als vor fünfzig, sechzig Jahren. Interessanterweise wird dies von der Musikkritik eher misstrauisch beäugt. Wer eine Musik, wie der im Artikel genannte John Adams komponiert, gerät da schnell in den Verdacht sich zu verkaufen und sich anzubiedern. Faszinierend ist in diesem Zusammenhang auch die kompositorische Entwicklung von Penderecki, der eher schrill und experimentell begonnen hat, heute aber für die Ohren der Kritiker eher “banal, melodiös und bombastisch” schreibt, eben “Filmmusik” (Warum gilt dies immer noch als Schimpfwort in diesen Kreisen?)…
Als Komponist möchte ich folgendes mitteilen: eine Entwicklung als Komponist passiert, wie eine Entwicklung als Mensch passiert. Wie ich vor zehn Jahren komponiert habe, das wundert mich heute im Rückblick, und wie ich in zehn Jahren komponieren werde, das will ich bei bestem Willen nicht wissen, weil selbst die Möglichkeit in die Zukunft zu blicken meine Entwicklung beeinflussen und wahrscheinlich sogar hemmen würde.
Wichtig ist für den Konzertgeher, den Opernbesucher, den Konserven-Hörer eigentlich nur eines, nämlich Konzerte zu besuchen, wo neue Musik aufgeführt wird und sich dadurch EINE EIGENE MEINUNG zu bilden.
Was dem einem missfällt, gefällt dem anderen ungemein.
Die Musikkritik ist sehr oft falschgelegen. Als erfrischende Lektüre empfehle ichin diesem Zusammenhang: “Lexicon of Musical Invective: Critical Assaults on Composers since Beethoven`s Time” von Nicolas Slonimsky.
Ich wünsche allen viel Freude mit und an der Musik!

Moritz Eggert

22. September 2009 um 12:06 Uhr

Lieber Pascal Morché,
Ich kann Ihre Unzufriedenheit mit Neuer Musik sehr wohl verstehen – ich bin auch sehr oft unzufrieden mit ihr (und ich bin selber Komponist und Pianist zeitgenössischer Musik). Dass man mit etwas unzufrieden ist, zeigt aber auch, dass einem daran etwas liegt, das etwas lebendig ist und Reibungsflächen erzeugt, daher hätte ich mir gewünscht, dass Ihr Artikel etwas weniger oberflächlich aburteilt und ins Horn der selbstzufriedenen Spiesserchen stösst. Sie listen öde Anekdötchen auf und bilden sich daraus ein Konstrukt, das Ihnen für eine schnelle Abfertigung genügt. Zeitgenössische Musik ist aber ein wesentlich vielschichtigeres Thema, als Sie ahnen. Sie machen genau denselben Fehler wie ehemals manche übereifrigen Jünger der “Neuen” Musik und reduzieren alles auf die Reizthemen Konsonanz und Dissonanz – dabei ist das so ziemlich der älteste Hut, denn diese Diskussion ist eigentlich schon seit langer Zeit kein Thema mehr, gibt es doch heute genügend Komponisten, denen weder das eine noch das andere heilig ist, und die durchaus auch in der Lage sind das zu schreiben, was Sie wahrscheinlich als “schöne” Musik empfinden würden.
Aber mit “konsonant” oder “dissonant” ist eben gute Musik allein noch nicht beschrieben – die Qualität von Musik hängt von solchen Äußerlichkeiten überhaupt nicht ab, auf die Inhalte kommt es an. Es gibt ebenso öde und höchst dröge konsonante Stücke wie mitreissende dissonante, und umgekehrt. Das als Kriterium anzusetzen ist ungefähr so fruchtbar wie in der Bildenden Kunst zwei Künstler gegeneinander auszuspielen, weil der eine mit Acrylfarben und der andere mit Ölfarben malt (was absolut gar nichts über deren Qualität aussagt). Die sogenannte Dissonanz (die es ohnehin physikalisch nicht gibt und allein mit kultureller Prägung zu tun hat) ist schon längst (und nicht erst seit Bernard Herrmans hervorragender Musik zu “Psycho”) in der Popularkultur angekommen, da können Sie sie auch nicht mehr herausargumentieren.

Einen Text wie “Ästhetik der Tonkunst” von Busoni, der in vielerlei Hinsicht komplett unterschiedliche musikalische Wege aufweist wie sie die Wiener Schule und später Adorno einforderten, “intellektuell verquastes Gequirle” zu nennen, ist schon ein ziemlicher Hammer, und zeigt vor allem, dass Sie diesen poetischen, wunderbaren und jedermann sofort verständlichen Text überhaupt nicht kennen, in dem sich Busoni mit großer Neugier eine musikalische Zukunft ausmalt, in der vor allem der emotionale Gehalt von Musik (und deren stets einzufordernde Freiheit) eine große Rolle spielt. Eigentlich müsste Ihnen dieser Text gefallen – hätten Sie ihn denn gelesen…

Ebenso naiv ist Ihr Vergleich “Rheingold” und “Atmosphères” – das letzter mag zwar unter anderem auch aus dem ersteren gewachsen sein, ist aber dennoch etwas so eindeutig anderes und neues, dass man darüber eigentlich gar nicht diskutieren muss. Auch fügen Sie en passant noch eine argumentatorische Möbiusschleife ein, die Ihren Text ins Nichts führen lässt – einerseits werfen Sie Ligeti und Adams vor, sich teilweise auf vergangene Musik zu beziehen (was bei absolut ALLER Kunst in der Geschichte der Menschheit so war, aber das nur nebenbei) und fragen “so what?”, dann regen Sie sich aber darüber auf, dass Schönberg und co. versuchten, komplett neue Wege zu gehen, auch harmonisch – ja was denn nun, wie soll man es Ihnen recht machen? Schreibt man neue, gewagte Musik (wie es bei jeder guten Musik aus der Klassik immer der Fall war) ist es Ihnen zu “schräg”, schreibt man wie früher, finden Sie das frühere besser.

Ich finde Sie haben zwei Möglichkeiten. Entweder Sie laden sich auf Ihren ipod ihre Lieblingsstücke von Wagner, Beethoven und co. und hören sich diese bis zum Rest Ihres Lebens an, immer wieder dasselbe, immer wieder die Bestätigung von dem was Sie kennen.

Oder Sie haben sich noch einen Rest von Neugier, von Lebendigkeit bewahrt. Wenn letzteres der Fall ist, können Sie zwar gerne weiterschimpfen wie in Ihrem Artikel, aber dann kommen Sie auch in die Konzerte und interessieren sich, diskutieren Sie mit Komponisten, stellen Sie sich auch anderer Argumentation. Das könnte für beide Seiten ein Gewinn sein.

Oder besuchen Sie zum Beispiel den “Bad Blog of Musick” und diskutieren dort mit Musikhörern- und machern aller Genres. Das könnte doch interessant werden:
http://blogs.nmz.de/badblog/

Aber ich fürchte ein bißchen, ersteres reicht Ihnen völlig aus.
Schade.

Dennis Kuhn

3. Oktober 2009 um 20:41 Uhr

Ich habe mich auch sehr aufgeregt über Herrn Morchés Artikel und dass ein Medium wie “Crescendo – das Klassikmagazin” so was kritiklos veröffentlicht.
Schande, kann ich nur sagen!
Dieser Herr sollte bei seinen 365 Tage Fashion bleiben, wenn es denn derselbe ist.
Vielen Dank an Moritz Eggert. Sein Beitrag spricht mir aus der Seele. Dem habe ich eigentlich nichts mehr anzufügen außer, Gielen und Boulez als keine großen Dirigenten zu bezeichnen – ich habe selbst mit beiden viele Male zusammengearbeitet – ist eine riesige Unverschämtheit und zeigt den absoluten Dilettantismus in Sachen neuer Musik des Herrn Morché. Und so jemand lässt man darüber schreiben, ich finde keine Worte. Der Tadel gilt also auch der Redaktion hier!

B.Schmidtberger

6. Oktober 2009 um 16:56 Uhr

Liebe Crescendo-Redaktion,
ich versteh die Aufregung meiner Vorschreiber gar nicht. Der Artikel von Herrn Morché spricht mir aus vollstem Herzen! Endlich sagt mal jemand die Wahrheit über diese verkopfte “neue” Musik, die dem Herzen und der Seele so fern ist, dass nur wenige Spezialisten und Sektierer sie hören wollen. Besonders gut gefällt mir Morchés Bemerkung “der Elfenbeinturm als Künstlerdomizil…und damit der Komponist dort nicht friert, sorgen für ihn Staat und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten als treu fürsorgende Subventionsgeber.” Gott sei es gedankt, das es Madonna, Rammstein und Lloyd-Webber gibt – in jeder “Fluch der Karibik”-, oder “Herr der Ringe”-Filmmusik steckt mehr Emotion als in den Gesamtmachwerken von Rihm, Lachenmann & Co! Nicht umsonst schrieb Beethoven über seine Missa Solemnis
“Von Herzen möge es wieder zu Herzen gehen”. Aber das Herz, das Gefühl interessiert die Komponisten neuer Musik heute leider viel zu wenig. Auch hat Morché vollkommen recht mit dem Uraufführungswahnsinn von neuer Musik. Kaum eines dieser Werke wird repertoiretauglich und nachgespielt – seltsam, dass auch das den Komponisten so gar nicht zu denken gibt.
Herzliche Grüsse und weiter so mutige und ehrliche Texte!

Dennis Kuhn

9. Oktober 2009 um 20:52 Uhr

@B.Schmidtberger (wie ist eigentlich Ihr werter Vorname, oder haben Sie etwas zu verbergen?)

Zitat:
“Kaum eines dieser Werke wird repertoiretauglich und nachgespielt.”

Darf ich Sie an eine Liste verweisen von Komponisten, die sehr wahrscheinlich für Ihre Ohren komponiert haben, aber heute kaum mehr, wenn überhaupt noch gespielt werden, warum nur? Die Liste ist nicht wissenschaftlich belegt, gibt aber einen ungefähren Überblick:

http://www.fuer-die-ohren.at/sitemap-chronologisch.shtml

Und z.B fand Wilhelm II. dass Richard Strauss sich durch seine Salome, die damals sehr modern klang – sogar heute gibt es noch Leute die diese Musik als verkopfte neue Musik empfinden – dass also dieser Richard Strauss sich mit dieser Oper Schaden zugefügt hätte. Es kam genau anders: erstens hat er sich damit seine Villa in Garmisch bauen können und zweitens gehört sie zu den meistgespielten Opern bis heute. Dass Strauss dann nach seiner phänomenalen Elektra die Handbremse gezogen hat, wissen wir ja schon von Herrn Morché, – ich zitiere Morché: “(für) eine Nische wie “Neue Musik” war Strauss zu publikumssüchtig und – pardon – auch zu geldgeil.” Und das sind die “verkopften” Komponisten neuer Musik heute bestimmt nicht, sonst würde das den Komponisten doch nach Ihrer Meinung zu denken geben, seltsam, oder? Die Firma Lloyd-Webber übrigens, so habe ich heute gehört, wird 2010 die Fortsetzung ihres Musicals “Phantom der Oper” herausbringen mit dem Titel: Love never dies” (Liebe stirbt nie) oder sollte man das Wort Liebe eher mit einem Namen austauschen, aber das wäre wahrscheinlich zu zynisch…

Schönen Abend noch und weiterhin so mutige und ehrliche Texte!

Markus Bruderreck

11. Oktober 2009 um 19:45 Uhr

Eigentlich habe ich den Herren Kuhn und Eggert wenig hinzuzufügen an Kritik zu diesem unsäglichen Artikel von Herrn Morché. Ich frage mich mittlerweile, ob dieses Machwerk überhaupt ernst gemeint ist oder ob man von Seiten der Redaktion nur einen Aufreger brauchte, damit wir hier schön brav eine Diskussion führen, die sowieso längst obsolet ist.
Dass man gewöhnliche, kulturinteressierte Menschen, die Grundkenntisse klassicher Musik besitzen, heute ohne Probleme in Werke zeitgenössischer Musik schicken kann, habe ich erst letztens hier in Bochum erlebt. Der fulminante Erfolg von Schönbergs “Moses und Aaron”, der die Besucher der RuhrTriennale hier tief beeindruckt hat, spricht Bände, in wieweit sich die Konzertlandschaft in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Das Publikum von Heute ist weiter als Sie, Herr Morché!
Dieser Artikel, sollte er nicht kalkuliert sein, ist eine wahre Schande für die Crescendo-Redaktion. In meinem Ansehen ist dieses Blättchen jetzt auf den Nullpunkt gesunken.

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